Tag 13: 16.05.22

Der Tag fängt gut an: In Elassona komme ich an einer unscheinbaren Apotheke vorbei. Ohne große Hoffnung gehe ich rein und frage, ob sie „meine“ Sonnencreme haben – In Litochoro hatte ich Nachschub erworben, die tut meinen Augen aber garnicht gut. Sie erzeugt, wenn ich schwitze einen schmerzenden Druck im Auge. Ich denke, sie ist zu zäh von ihrer Viskosität – Tatsächlich hat der freundliche Apotheker meine Lieblingscreme, zwar mit der Aufmachung, die vor zwei Jahren bereits geändert wurde, das stört mich aber gar nicht. Der Tag kann nur gut werden.

Ich habe mir in einem Dorf in den Bergen ein Zimmer gebucht. Das einzig auf dem Weg nach Kalambaka. Das bedeutet dreißig km. Zwanzig davon in der Ebene; so auf 150 Höhenmeter, mal auf Feldwegen mal auf einer nicht viel befahrenen Straße. Ich komme gut vorwärts, nachdem ich gestern einen ruhigeren Tag eingelegt hatte. Die letzten zwanzig Kilometer sind allerdings echt tough. Es geht wieder hoch auf ungefähr 900 Höhenmeter. Die Sonne ist heute unerbittlich und es wird 29 Grad warm. Was das in der Sonne bedeutet weiß ich nicht so recht. Ich schwitze als säße ich in der Sauna.

Ich mache daher zweimal Pause. Das erste Mal nach gut zehn Kilometern. In dem einzigen Dorf unterwegs gibt es eine Bar. Auf deren Terrasse eine Vielzahl älterer Männer sitzen und mich anglotzen als ich meinen Rucksack stöhnend absetze und mich auf einen Stuhl fallen lasse. Vom Dach, wo gearbeitet wird, schaut jemand runter und fragt, ob ich Deutscher sei. Erneute Begrüßung auf Deutsch. Die alten Männer, helfen mir die eigentliche Bar zu finden. Die Terasse gehört nicht dazu, was ich so nicht verstanden haben. Keiner von uns versteht ein Wort. Mir ist aber durch Gesten klar, wo ich hin muss. Ich bestelle einen Kaffee und eine Limo. Als der Kaffee fertig ist kommt der Mann vom Dach in die Bar. Er war als Kind Anfang der 70er in Tübingen und spricht dafür, dass er schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr in Deutschland war hervorragend Deutsch. Wie immer werde ich interviewt, was ich zu Fuß mit einem Rucksack mitten in Griechenland mache. Ich muss ausführlich erzählen. Es wird übersetzt und es gibt nur Ungläubigkeit. Das hat mehrere Gründe: So weit freiwillig zu laufen versteht keiner. Radfahrern wäre noch in Ordnung Laufen ist es nicht. Wie kann man so lange alleine unterwegs sein. Wie so ich das alleine mache, ist noch unverständlicher als Wandern. Zum letzten ist ihrer Meinung nach das viel zu gefährlich. Wenn was passiert in den Bergen, mit den wilden Tieren und den freilaufenden Hunden, habe ich keine Hilfe; so was macht man einfach nicht.

Nach fast einer Stunde Palaver gehe ich weiter. Auf den restlichen Kilometern hält jedes vorbeikommende Fahrzeug, unabhängig aus welcher Richtung, an und fragt, ob ich der Deutsche bin der freiwilliges nach Kalambaka wandert. Erstaunlich mit welcher Geschwindigkeit die Geschichte verbreitet hat. Bisher habe ich häufig angeboten bekommen, mich in die nächste Stadt mitzunehmen. Heute bekomme ich stattdessen Daumen hoch und freundliche Worte, die ich nicht verstehe, mit auf den weiteren Weg.

Das zweite mal pausiere ich nach gut zwanzig Kilometer an einem Flüssichen, in dem ich zu aller erst mal meine Füße abkühle und damit Schuhe und Strümpfe zum Trocknen in die Sonne lege kann.

Kurz nach dem ich den Flusslauf hinter mir liegen habe, fängt es an zu Gewittern und erst zu tröpfeln und danach immer wieder stark an zu regnen. Der Regen kommt in Wellen. Nach Kurzem bin ich durch und durch Naß. Das Wasser läuft durch meine Schuhe. Zunächst ist das erfrischend, später fange ich an zu frieren. Als Konsequenz laufe ich immer schneller und komme somit schneller voran als gedacht. Unangenehm finde ich, das entlang meines Weges mal kreuzend, mal parallel, mal näher und mal weiter entfernt Hochleitungskabel verlaufen, in die Blitze mehr als einmal einschlagen.

Kurz vor meinem Ziel beruhigt sich das Wetter wieder. Eine Schildkröte liegt auf dem Weg auf den einige Sonnenstrahlen fallen, krabbelt aber schnell weg als ich näher komme.

In dem Dorf habe ich meine Schwierigkeiten, die Pension zu finden. Ich habe die Geo-Koordinaten eingegeben aber es gibt keinenHinweis, ob ich richtig bin. Ein Nachbar kommt heraus, ich versuche, zu fragen, ob ich richtig bin. Ein Wortschwall geht auf mich wieder und wieder nieder. Ich verstehe lediglich Germania und glaube, der Besitzer, des Hauses sei in Deutschland. Den Namen der Pension selbst in Griechisch kennt er nicht. Ich ruf die Nummer an, die auf Booking.com angegeben ist. Tatsächlich spreche ich mit dem Besitzer. Nach einigen Verwirrungsbeiträgen ist klar, ich bin am richtigen Haus und die Schlüssel liegen bereit. Ich gehe rein: das Ganze ist eine Katastrophe. Das Zimmer ist ein Loch. Ich brauche eine Weile, um das „Badezimmer“ zu finden. Es ist außerhalb in einem Kellerverlies. Im Zimmer gibt es eine Küchenzeile. Dort lasse ich das Wasser laufen, damit ich meine nassen Klamotten gleich in der Spüle waschen kann. Es kommt nur kein Wasser. Es fängt kurz an zu tröpfeln, dann kommt schwarzer Sand und dann nichts mehr. Im Bad das selbe. Hier fehlt der schwarze Sand. Das Abwasserrohr ist mit Klebeband fixiert. Fenster können nicht geschlossen werden, da sie ebenfalls mit Klebeband in offenen Zustand fixiert sind. Der Fußboden ist aufgequollen. Na hier fühle ich mich aber super wohl. Erzürnt, nackt mit Badetuch bekleidet rufe ich wieder den Besitzer an, der so tut als könne das gar nicht sein. Er verrät mir zwar nicht wo er ist aber so weit weg, dass er nicht selbst kommen kann. Aber seine Großmutter wohne im Dorf und würde das Wasserproblem lösen. Was teilweise nach mehr als einer Stunde gelingt. Ich immer noch mit meinem Badetuch umschlungen. Während ich dann dusche, kommt Großmutter immer wieder vorbei, um verschiedene Probleme zu lösen. Es ist ihr völlig egal, dass ich, da sich die Tür nicht schließen lässt, unter der Dusche stehe und geht im Zimmer umher.

Versöhnlich stimmt mich, dass der Ortskern ausgesprochen hübsch hergerichtet ist und ein aktives Leben statt findet. Es gibt sogar einen Supermarkt. Dort kaufe ich ein, was ich für ein Frühstück brauche. Es kann nichts mehr schief gehen. Hoffen wir mal, das die Betten sauber sind und mich keine Tierchen plagen werden.

Tag 12: 15.05.22

 

Ohne Frühstück darf ich nicht weg. Die Frau des Hoteliers – zumindest nehme ich das an – sitzt rauchend auf der Veranda und will mich nicht ohne Frühstück ziehen lassen. Dann kommt der alte Mann, der mir gestern mit dem Telefonieren geholfen hat, um sich zu verabschieden und als ich tatsächlich den Rucksack schultere kommt auch der Hotelier angefahren, um auf wiedersehen zu sagen. Sehr nett!

Obwohl alles sehr einfach gehalten ist, so habe ich mich dennoch im Hotel wohlgefühlt. Jetzt geht es aber nach Kalambaka bzw. zu den Meteora Klöstern. Heute habe ich mir nur einen kurzen Weg ausgesucht, da ich etwas Kraft tanken muss und zum anderen, da es vermutlich nur in Elassona ein Hotel gibt auf dem Weg nach Kalambaka. Ich fürchte, wenn ich nicht große Umwege gehe, dann werde ich wohl zweimal im Zelt kampieren müssen.

Vom Hotel geht es auf einem Feldweg aus dem Ort. Ich muss eine Hügelkette überqueren, um an mein heutiges Ziel, einer Pension am Fluß etwas außerhalb von Elassona zu gelangen. Bis auf 900 Meter muss ich hoch.

Der Weg ist, trotz der gut 500 Höhenmeter, ein Vergnügen. Es geht über Wiesen, durch Wälder vorbei an allen möglichen Getier. Auch eine Schlange kreuzt den Weg.

Da es zur Pension noch einmal tüchtig nach oben geht, komme ich verschwitzt dort an. Es ist richtig hübsch hier: sowohl von der Lage am Fluss als auch vom Haus her selbst. Ich habe ein Zimmer im EG mit einer Terrasse davor, so dass ich den Nachmittag dort verbringen kann. Wifi mit hinreichend Speed gibt es auch. Nur zum Abendessen muss ich zurück in die Stadt.

So jetzt plane ich mal die nächsten Tage bis nach Kalambaka.

Tag 11: 14.05.22

 

Heureka – was für ein Tag!

 Ein Blick zurück auf die Hütte

Nach einer kalten, unruhigen Nacht – Shared Bedrooms und ich, wir werden keine Freunde mehr werden – und einem sehr einfachen Frühstück auf der Hütte, interviewe ich die Hüttenwirtin noch einmal, wie sie die Situation einschätzt. Heute Morgen ist sie deutlich zugänglicher. Sie hält eine Überquerung des Olymp Massivs für möglich aber schwierig. Sie zeigt mir auf der Karte, wo ich im Notfall eine Schutzhütte finde, und bleust mir ein, dass das Wetter schlecht wird. Ich muss mich auf Nebel einstellen und brauche deshalb unbedingt ein GPS und ich soll spätestens um 15:00 Uhr runter vom Berg sein, da zu dieser Uhrzeit heftige Gewitter angekündigt sein.

So mache ich mich auf den Weg: ab der Hütte geht es steil bergan, zunächst überhole ich ein Pärchen, das mir aufgefallen ist, da die beiden voll equipt sind für eine solche Bergtour. Dieses muss natürlich auch genutzt werden: Sie legen bereits ihre Spikes an. Nach einer weiteren halben Stunde schließe ich auf eine 6er Gruppe Polnischer Männer auf, die gestern Abend erzählt haben, dass sie alle 4 Gipfel erklimmen wollen. Ich wünsche ihnen noch viel Spaß und ziehe davon. Kurz darauf trennen sich die Wege. Es scheint bisher niemand in dieser Saison eine Überquerung angegangen zu sein, denn es gibt keine Spuren im Schnee und ich muss mir selbst einen Weg und eine Spur suchen. Der Schnee ist zum Teil sehr tief. Schnell wird mir klar, folge ich dem Weg gemäß meines GPS dann wird mich der Schnee in Kürze fertig gemacht haben. Ich muss mir eine Alternative überlegen. Ich schaue mir den Schnee genau an, wo er gefroren ist, wo sich in Senken der Schnee gesammelt hat etc. Ich beschließe dann einen etwas abgelegeneren Gipfel etwa zu drei viertel zu erklimmen, da es dort immer wieder Geröllfelder gibt. So kann ich einen großen Teil eines etwa drei Kilometerlangen Schneefelds, das sehr tief wirkt, weitgehend umgehen. Etwa hundert Meter muss ich Spuren. Als ich auf dem Kamm ankomme bin ich völlig fertig. Ausruhen kommt aber aufgrund der Wetterlage nicht in Frage. Ich laufe, wie vorhergesagt, oft durch dichten Nebel und dann wird die Gewittervorhersage auch nicht falsch sein.

 Der Weg über das Olymp-Massiv ist kein Zuckerschlecken

 Bis auf über 2.700 Meter muss ich hoch – so angestrengt sehe ich dann aus

Während ich mich durch den Schnee kämpfe und immer wieder auf dem Geröll ausrutsche, geht mir durch den Kopf, dass sich Zeus und Athene nicht gerade einen wirtlichen Ort ausgesucht haben. Ab der Baumgrenze feinstes Geröll und natürlich Schnee, der teils den ganzen Sommer über liegen bleibt. kein Wunder, dass sich die Götter immer wieder in schöneren Gegenden mit Sterblichen vergnügt haben, um all die Halbgötter zu zeugen. Auch wenn ich keinen der Götter gesehen habe, scheinen sie nicht gerne gestört zu werden. Denn es gibt weder auf der einen noch auf der anderen Seite ein Datensignal. Aber so ganz zur Ruhe kommen sie bestimmt nicht, denn es gibt doch eine Reihe Bergsteiger, die die Gipfel erklimmen, was in der Antike wohl nicht der Fall war. Wie gesagt Götter habe ich nicht gesehen aber sie waren am Ende doch sehr wohlwollend mit mir.

Nach drei Stunden Aufstieg bin ich oben auf dem Kamm, den ich überschreiten muss. Auf der Westseite hat es noch mehr Schnee als auf der Ostseite des Massivs. Ich gleite auf meinen Schuhen den Berg hinunter. Das geht prima; hier ist der Schnee meist an der Oberfläche fest gefroren. Ich breche zwar gelegentlich ein, das tut der Freude an der „Abfahrt“ keinen Abbruch.

Kurz unterhalb der Schneegrenze – zumindest ab dem Bereich in dem das Geröll überhand nimmt, komme ich an der Schutzhütte vorbei. Eine Gruppe Jugendlicher Griechen, die das Wochenende in den Bergen verbringen wollen, haben ordentlich Spaß. Sie laden mich ein mit ihnen zu trinken. Das lehne ich dankend ab. Sie wollen hoch auf eine der geschlossenen Hütten. Sie haben Zugang dazu. Allerdings bezweifele ich, dass sie in dem Zustand und bei dem Weg, der noch vor ihnen liegt, in der Hütte ankommen werden. Ich vermute, das Wochenende wird in der Schutzhütte verbracht.

Jetzt geht es steil an einem Lift nach unten. Späte stoße ich auf eine Straße. Es gibt keine Alternative. Fast 20 km muss ich eine Passstraße nach unten. gelegentlich Kürze ich über Almwiesen ab. Die sehe so aus wie in den Alpen auch. müde liegen Kühe auf der Weide und auch immer wieder komme ich an freilaufenden Esel und Pferden vorbei.

Ein Hotel ist heute eigentlich ein Muss. Auf Booking.com finde ich in annehmbarerem Umkreis nichts. Google Maps zeigt ein einzelnes Hotel in einem kleinen Dorf an. Bisher habe ich mich auf die Google Maps Eintragungen in Griechenland nicht verlassen können. Heute baue ich sehr darauf, dass dieses Hotel tatsächlich existiert. Als ich es nach 27 km erreiche, sieht das Hotel zwar bewohnt aus, ist ist nur niemand da. Ich laufe trotzdem auf das Gelände, vielleicht sitzt jemand im Schatten und genießt den Samstag Nachmittag. Aber tatsächlich hier ist niemand, die Türen hängen schief in den Angeln, Plastikfolie schützt einen Restaurantbereich. Ich mache mich auf eine Nacht im Zelt bereit. Ich suche das Restaurant, das in Google Maps eingetragen ist. Das existiert nicht. Ich gehe die Hauptstraße weiter. Ich komme an einem Haus mit einer Kühltruhe und zwei Frauen, die sich an einem windschiefen Tisch sitzend unterhalten vorbei. Die Kühltruhe lässt mich fragen, ob ich Wasser kaufen kann, denn das brauche ich dringend, wenn ich im Zelt schlafen muss. Eigentlich auch Strom und Essen. Ich frage, ob ich eine Chance auf ein Restaurant habe. Das wird bejaht. Drei Kilometer außerhalb des Ortes. Da bin ich tatsächlich vorbeigekommen. Das sah für mich eher nach einem Grillplatz aus. Ich frage, nach dem Hotel und warum das geschlossen ist – btw. die Unterläuft auf Griechisch Deutsch: d. h. DeepL als Übersetzer – ich bekomme die Empfehlung um 18:00 Uhr es noch einmal zu versuchen. Dann sei der Besitzer sicher da. Ich mache mich schon mal auf den Weg. Das Wasser und die Fantas, die ich gekauft habe, kann ich im Garten des Hotels schon mal trinken. Als ich wieder zurück bin, sehe ich einen alten Mann mit Gartenpflege beschäftigt. Ich versuche ihn anzusprechen, er ist allerdings schwer hörig. So muss ich schon antippen damit er mich wahrnimmt. Er macht klar wir sollen uns auf die Mauer setzen und dann versucht er mit meinem Handy, das ihn völlig überfordert einen Anruf zu tätigen. Das bekommt Slapstick Charakter, da er immer und immer wieder die selbe Nummer anruft, aber die Ansage lautet, „die Nummer ist nicht vergeben“. Das kann er natürlich nicht verstehen. Ich muss ihm das Handy regelrecht entreißen, um ihm mit DeepL mitzuteilen, was die Dame sagt. Denn versucht immer wieder auch mit ihr zu sprechen. Letztlich funktioniert es, als ich die Landesvorwahl eingeben darf. Fünf Minuten später kommt der Besitzer, der behauptet er spreche Deutsch, d er Tübingen, Stuttgart und Wuppertal gearbeitet habe. Deutsch ist das jedenfalls nicht. Anyway ich bekomme  ein Zimmer. Sehr einfach aber mit warmen Wasser, so dass ich Wäsche waschen kann, was nach der letzten Nacht, in der ich alles was ich mit habe, anhatte, unbedingt notwendig ist und Strom gibt es auch, so dass ich alle Geräte und Powerbanks wieder laden kann. Wifi gibt es auch. Das ist die nächste Herausforderung: wie schreibt man das Passwort in lateinischen Buchstaben. Ist belanglos, das Wifi ist genauso langsam wie die Handy Verbindung und damit ist an Bilder hochladen garnicht zu denken. Die Götter wollen wohl nicht, dass im umliegenden Land sich die Menschen ablenken lassen von den modernen Medien.

 Das Hotel von der Straße

 Der Innenhof des Hotels

Der Wirt bietet auch Abendessen ab 20:00 Uhr an. Sensationell!

So und Morgen gibt es tatsächlich mal einen ganz einfachen Wandertag, der mich näher an Kalabaka (Meteora Klöster) bringt. Aber so weit will ich noch gar nicht denken.

Tag 10: 13.05.22


Wie geplant mache ich mich um kurz nach sieben an den Aufstieg. Ich brauche über vier Stunden bis zu meinem Zwischenziel auf 1.100 Meter. Das Restaurant dort hat heute zum erstgenannten in dieser Saison offen. Mein Glück, so bekomme ich eine Bohnensuppe und auch hinreichend zu trinken.

 Ein Blick zurück: das Meer

 Ein Blick nach vorn: der Olymp

Es schwirren viele Touristen rum, da man mit dem Auto bis hier hoch fahren kann. Interessant was ich alles so beobachten kann: eine Familie ich gehe von drei Generationen aus wollen offensichtlich eine Wanderung unternehmen. Bis zum Aufbruch dauert es allerdings. Erst wird ein Kleinkind in den Kinderwagen gesetzt und der Vater trägt zwei Rucksäcke und schiebt den Kinderwagen. Nach nicht einmal fünf Minuten kommen alle wieder zurück und der Kinderwagen wird ins Auto gebracht. Das Kleinkind wird vor dem Bauch getragen. Die Mutter – im übrigen – trägt Plateauschuhe und hat ein Shirt mit einem schon fast obszönen Ausschnitt an. Jetzt geht es aber wirklich los. Nicht lange kommen Mutter und Oma zurück. Oma wird ins Restaurant verfrachtet: nächster Aufbruch. In der Zwischenzeit läuft eine Frau in Flipflops an meinem Tisch vorbei und macht sich an den Aufstieg. Super: einmal Plateauschuhe und einmal Flipflops. Ungefähr zwanzig Minuten später breche ich auf. Die Familie hole ich nach knapp zehn Minuten ein. Mutter hat keine Lust mehr und keift Mann und zweites Kind an. Ich grüße freundlich und bin sicher, es wäre für alle besser sie gingen zurück. Nach weiteren zehn Minuten kommt mir Frau Flipflop entgegen. Ich bin überrascht, wie weit sie mit diesen „Schuhen“ gekommen ist.

 Mein Weg entlang eines Flusses. Mal wild …

 … mal ganz langsam

 … und mal muss er überquert werden

Erstaunlich viele Leute aus vielen Europäischen Ländern kommen mir entgegen. Ich werde auf Italienisch, Französisch, Englisch und natürlich auf Deutsch gegrüßt. Auch ein Grieche ist dabei, er reitet auf einem Esel und vier weitere Tiere im Schlepptau. Wie später erfahre wird die Hütte über diesen Weg versorgt. Man kann auch einen Esel auf der Zwischenstation in der Saison mieten, damit er das Gepäck nach oben auf die Hütte trägt. Ich muss meinen schweren Rucksack, da keine Saison ist, selber tragen.

 Die Supply Chain zur Hütte funktioniert

Nach weiteren drei Stunden bin ich oben auf 2.100 Meter. Hier hängen erstaunlich viele Leute rum. Zu meiner Überraschung bleiben die meisten für die Nacht und , während ich mich im Aufenthaltsraum versuche aufzuwärmen, kommen weitere Übernachtungsgäste an.

Die Hütte ist ziemlich primitiv und kalt. Sie hat zwei Aufenthaltsräume. In beiden brennt ein Kaminfeuer, trotzdem bleiben die Räume kalt. In meinen Fingern habe ich kaum Gefühl.

Die Hüttenmannschaft spricht fließend eine Reihe der wichtigen Europäischen Sprachen. Ich werde sofort auf Deutsch angesprochen. Man ist freundlich aber es ist klar, hier handelt es sich um eine Massenabfertigungseinrichtung und alles ist ausgesprochen unpersönlich. Ich muss immer wieder feststellen, das können die Österreicher und Südtiroler einfach besser.

Es gibt zwar Wifi, das System scheint so überlastet zu sein, dass ich keinen stabilen Zugang aufbauen kann. Meine Geräte zeigen zwar 4G mit einem Balken Signalstärke an. Trotzdem habe ich dem Grunde nach keinen Internetzugang, nichtmal Google-Maps baut eine Karte auf, weshalb ich keine Planung für Morgen machen kann.

Mit der Hüttenwirtin habe ich kurz gesprochen, ob ich den E4 weiter gehen kann. Außer dass viel Schnee liege, erfahre nicht wirklich etwas Neues. Dass viel Schnee liegt, weiß ich natürlich selbst: ich brauche nur nach draußen zu gehen und schon stehe ich mitten im Schnee. Auf dem Weg zur Hütte ging der Weg die letzten ca. 150 Höhenmeter fast ausschließlich durch den Schnee.

Ich habe also keine Ahnung, was ich Morgen mache: riskiere ich eine Überquerung des Olymp-Massivs oder kehre ich um und umlaufe das Bergmassiv.

Tag 9: 12.05.22

 

Das Ehepaar, das das Hotel, on dem ich übernachtet habe, betreibt, bereitet mir ein tolles Frühstück mit dem hier typischen Toast: mit Schinken und Käse dazu Spiegelei und gebratenem Speck. Frisches Obst mit Griechischem Joghurt bekomme ich auch noch. So gestärkt ist meine Stimmung gut.

Ich bin noch nicht richtig aus dem Strandbad raus treffe ich auf einen älteren Mann, der seine beiden Hunde spazieren führt. Ich grüße höflich. Das führt dazu, dass mich der Mann in ein Gespräch verwickelt und mir erzählt, dass er 40 Jahre in Hamburg gelebt hat und froh ist jetzt wieder zurück in Seiner Heimat zu sein. Ihm war in Deutschland alles zu geordnet und reguliert. Böse ist er auch, dass zu Beginn seiner Zeit in Deutschland, er deutlich schlechter bezahlt wurde als die Deutschen Kollegen. Später hat er sich selbständig gemacht und gibt zu, es war eine gute Zeit. Auf die Griechischen Politiker ist noch verärgerter als über die Deutschen. Was er beklagt, klingt als hätte ein Deutscher gesprochen. Vierzig Jahre hinterlassen halt doch ihre Spuren, auch wenn er das nicht gerne zuzugeben scheint.

 Der Olymp kommt immer näher

 Zwischen Autobahn und Strand: Flüsse

Heute laufe ich zwischen Autobahn und Strand – mal näher an der Autobahn, mal näher am Strand. Außer dem einen oder anderen Bauernhof ist hier nichts. Ich rieche schon von Ferne, ob auch Tiere gehalten werden. Es scheint mir, dass es hier reichlich Augias Ställe gibt, die Herkules ausmisten müsste.

Nach 20 km komme ich wieder an einen breiten Strand, an dem ein toll in die Landschaft eingebundenes Hotel liegt. Der weiblich Teil der Familie ist am Putzen und Streichen. Ich frage, ob ich etwas zu trinken bekommen kann. Es scheint man freut sich einen Gast bedienen und die Streicharbeiten unterbrechen zu können. Ich mache es mir auf der Terrasse gemütlich und trinke neben einer Limo einen Griechischen Kaffee.

 Auf dem Weg nach Litochoro …

 … eine Herde Ziegen – ein Selfie mögen sie nicht …

Danach überquere ich die Autobahn und es geht stetig bergauf zurück in die Berge. Mein Ziel ist Litochoro. Von hier aus geht es in das Olymp Massiv. Eine Hütte, die einzige, die bisher offen hat, liegt auf etwas über 2.000 Meter. Dort habe ich schon mal ein Bett gebucht. Den Weg hoch überlege ich mir wie ich den Olymp angehe:

Variante 1: ich gehe in einem Zug von Litochoro auf die Hütte, ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich das schaffe

Variante 2: ich gehe zu dem Restaurant, das auf 1.100 Meter liegt und der typische Ausgangspunkt ist, da man bis dorthinauf mit dem Auto fahren kann. Dort könnte ich sicher kampieren und dann am nächsten Tag die restlichen 1.000 Meter angehen. Als Konsequenz müsste ich meine Übernachtung auf der Hütte verschieben, was sicher möglich ist

Variante 3: ich fahre mit dem Taxi bis zum Parkplatz/Restaurant auf 1.100 Meter und gehe von dort den restlichen Weg

Variant 2 und 3 gefallen mir nicht, sind aber kräftetechnisch die sichere Lösung. Ich schwanke hin und her. Im Hotel in Litochoro wird mir quasi die Entscheidung abgerungen. Es gibt Frühstück erst ab 08:00 Uhr. Mit Frühstück kann ich erst um 08:30 Uhr starten und dann gibt es nur noch V2/V3. D. h. V1 würde nicht mehr in Frage kommen. Entsprechend entscheide ich mich, auf das Frühstück zu verzichten und um 07:00 Uhr aufzubrechen. Dann sollte ich um 11:00 Uhr am Restaurant sein. D. h. Dort kann ich ein verspätetes Frühstück einnehmen und bekomme dadurch hinreichend Pause für den zweiten Abschnitt. Das bedeutet, damit meine Stimmung am Morgen gut wird, muss ich mir ein paar Kleinigkeiten besorgen, die ich vor dem Start essen kann. So soll es sein.

 … Litochoro in den Berg gegen das gleitende Licht

Im Ort gehe ich in ein Bergsportgeschäft, um mal zu hören, ob der Olymp überquert werden kann. Dabei erfahre ich, dass die Hütte gestern erst aufgemacht hat und die Wirt informiert hat, dass es noch viel Schnee hat – es habe außergewöhnlich viel Schnee im Winter gegeben und das hätte bis heute Auswirkungen. Weiter höre ich, dass die Weg bereits vom Bruchholz, so viel gab es wohl auch noch nie, geräumt sei und man einen Weg durch den Schnee zur Hütte bereitet habe. Nachdem ich erzählt habe, dass ich das Massiv auf dem E4 überqueren möchte, wird mir eine Aufbesserung meines Equipments strengstens nahegelegt. Da ich keine wasserfesten  Schuhe habe bekomme ich Gorotexstrümpfe – so etwas habe ich bisher noch nicht gesehen, wirken eher wie weiche Schuhe als Strümpfe – und Spikes. Die hasse ich schon jetzt, da die bestimmt ein Kilo wiegen. Entweder verstehen die Inhaber des Geschäftes wie man verkauft oder die Überquerung des Olymp wird nicht nur Freude bereiten.

 … der zentrale Platz 

 … im Ort: endlich ein Ort, de sich adrett präsentiert 

Jetzt schaue ich mir das Städtchen noch ein bisschen an, während ich auch meine Einkäufe erledige. Es sieht deutlich adretter aus als die bisherigen Orte durch die ich gekommen bin. Die Lage ist natürlich sensationell~ kaum 5 km vom Meer entfernt und am Fuße eines 3000er auf etwa 300Meter gelegen. Der Blick in welche Richtung auch immer ist sensationell.

 Vom Hotelzimmer-Balkon im Abendlicht ein Blick aufs Meer

Tag 8: 11.05.22

 

Um einen Wandertag einzusparen, hatte ich mir gestern eine Strecke von etwas mehr als 40 Kilometern geplant. Schon beim Aufstehen weiß ich, das ist viel zu optimistisch nach den langen Strecken der letzten beide Tage. Aber vielleicht läuft es nach dem Frühstück besser als erwartet.

So starte ich, im Glauben an der Promenade, wo ich gestern zu Abend gegessen habe, wird eins der Restaurants auch Frühstück anbieten: Pustekuchen. Also weiter in etwa 5 km kommt ein Ort. Dieser ist nur eine Schlafstelle: null Infrastruktur. Na gut, dann halt ohne Frühstück in den nächsten Ort. Hier gibt es zwar einen Supermarkt aber keine Bar oder ähnliches.

Jetzt werde ich aber grantig. Verärgert denke ich mir, dann mach ich halt nur 20 km – das habt ihr nun davon. Wer eigentlich. Nun das hab‘ ich davon. Grummel, grummel, …

Oh, dahinten ist eine Strandbar und ein Auto steht auch davor. Als ich ankomme, sehe ich niemand. Dann kommt doch ein Mann heraus und fragt, was ich hier mache. Als ich nach einem Frühstück frage, grinst er breit: hier machen alle erst Ende Mai auf und er bereitet seine Bar dafür vor. Er hat überhaupt nichts da, er könne noch nicht mal einen Kaffee bereiten.

Aber der nächste Ort habe einige Bars und Restaurants. Nur das sind noch 10 km. Hilft also nichts. Dann geht es eben mit flauem Gefühl im Bauch weiter. Ich denke mir, das ist doch gar nicht so schlecht, da verbrennen die Fettpölsterchen am besten.

Zu meinem Unglück muss ich durch ein stehendes, ungesund grünes Wasser mit sehr schlammigen Untergrund waten. In dem Matsch bleibt mein linker Schuh fast stecken. Mir spritzt der Schlamm am linken Bein hoch und meine Schuhe sind jetzt ganz grün. Schlimmer als die neue Farbe der Schuhe. Ich stinke nach Kloake: ekelig.

Ich entschädige mich mit dem Blick auf das Olymp-Massiv im Süd-Westen und auf die Ägäis im Osten.


Auf dem Weg wird eine Ausgrabung einer antiken Stätte beworben. Ich mache einen kleinen Umweg mit großen Erwartungen. Wenn ich schon heute nicht weit kommen werde, mache ich halt in Kultur. Die Ausgrabung ist einen Entäuschung. Es gibt eine sehr kleine Zahl an nichtssagenden Mauern und ein paar Säulenresten. Wie man daraus ableiten, kann wie das mal aussah und was es einmal war, erklärt sich mir nicht.

Nach 15 km, immer noch unterversorgt, lege ich mich mitten auf dem Weg in den Schatten und schlafe etwas mit Schuhen aus. Das ist sehr erholsam. Mit deutlich besserer Stimmung ziehe ich weiter. Nach gut 20 km komme ich in den Ort, den der Barmann mir empfohlen hatte. Tatsächlich gibt es hier eine Auswahl an offenen Tavernen. Ich suche nicht lange und falle auf den ersten Stuhl, den ich finde. Es gibt zwar nur ein in Käse gebackenen Teig. Das ist mir völlig egal. Keinen Meter gehe ich weiter. Ich ziehe nicht nur den Rucksack ab auch die Schuhe stelle ich weit weg auf die Straße, da ich fürchte, dass mich der Wirt wegschickt bei dem Gestank, der mich umgibt.

So nun habe ich die Muse und mache mir nun Gedanken, wo es heute letztlich hingeht. Ich entscheide mich für ein einfaches Hotel in einem Strandbad: Olymbiaki Akti. Das sind zwar noch gut 10 km, etwas Ehrgeiz hat mich halt doch noch gepackt.

Der nächste Ort – auch am Strand gelegen – mit vielen Hotels und tatsächlich so etwas wie Strandatmosphäre, komme ich doch tatsächlich an einem Lidl vorbei: sieht richtig gut aus.

So jetzt sind es nur noch knapp 5 km und diese gehen entlang einer Promenade mit herrlich breitem Strand, auf dem nur hier und jemand zu sehen ist. Der Sand scheint zur Vorbereitung auf die beginnende Saison hergerichtet worden zu sein. Vor einem Strandhotel hat doch tatsächlich bereits jemand Sonnenschirme aufgestellt. Wird das so schlimm wie an Italienischen Stränden? Ich fürchte ja.

Dann bin ich da und fühle mich gar nicht so schlecht: hätte doch noch den einen oder anderen Kilometer wandern können. Jetzt muss ich schnell meine Wäsche waschen und vor allem meine Schuhe, die wirklich erbärmlich riechen, damit sie in der Abendsonne noch Gelegenheit haben zu trocknen.

Tag 7: 10.05.22

Ich starte heute Morgen mit einem Foto von meinem Hotel runter auf den Stausee und zurück auf den Weg, den ich gestern gekommen bin. Nach 38 Kilometern gestern, nehme ich mir heute einen Weg von 35 Kilometern vor. Dann werde ich heute Abend am Meer ankommen.

Heute führt mein Weg durch hügelige Landschaft. Am Wegesrand blühen in üppigen Farben Blumen. Der Flieder, der oft den Weg zieht, riecht betörend.

Die Landschaftsaufnahmen könnten auch in den Deutschen Mittelgebirgen aufgenommen worden sein: Sanfte Hügel mit saftig grünen Wiesen. Die Flächen sind weniger landwirtschaftlich intensiv genutzt wie in der Ebene, die ich gestern durch wandert habe. Landwirtschaftlich genutzte Flächen mit im wesentlichen Obstbäumen wechseln mit natürlichen Flächen ab.


Hin und wieder gibt es auch Viehzucht. Immer wieder treffe ich Schäfer mit Ziegen- oder Schafherden. Leider werden dies nicht nur von den Schäfern bewacht sondern auch von Hunden. Auf meinem Weg treffe ich erst auf eine Schafherde und ich kann den Schäfer nicht sehen, so dass die ungefähr zehn Hunde, die mich sofort stellen, mir doch einen gehörigen Respekt einflössen. Hier treffe ich oft auf große, ungepflegte Hunde, die bellen, was das Zeug hält. Aber alle sind – unabhängig ihrer Größe – ängstlich. Nie kommen sie von vorne sondern immer laufen sie an mir bellend vorbei und kommen dann von hinten. Drehe ich mich um, suchen sie sofort das Weite unabhängig davon, wie viel Spektakel sie veranstaltet haben, ob sie sich durch einen Zaun gezwängt haben, um zu demonstrieren, dass sie hier der Herr sind.

Zurück zur Schafherde: kaum haben mich die Hunde umringt sehe ich den Schäfer. Ein Kurz Gruß reicht und die Hunde trollen sich. Kaum 500 Meter weiter treffe ich auf eine Ziegenherde. Den Schäfer sehe ich von Weitem und ich grüße, um zu verhindern, dass mich seine bereits kläffenden Köter, wieder in die Zange nehmen. Hilft aber nicht, er hat offensichtlich mit seinen Hunden so seine Probleme. Vor allem zwei sind so aufgebracht und bauen sich vor mir in beeindruckender Weise auf, so dass ich stehen bleibe, in der Hoffnung der Schäfer ruft seine Bewacher zur Ordnung. Das versucht er, nur die beiden lassen sich von ihrem Herren überhaupt nicht beeindrucken. Er muss die Hunde handgreiflich zur Ordnung rufen, damit sie mich durch lassen.

Aber nicht nur Ziegen und Schafe werden gezüchtet auch Hühner. Bienenstöcke stehen auch überall in großer Zahl in den Wiesen.


Am späten Mittag etwa nach 25 Kilometern komme ich in ein auf einem Hügel exponiert liegenden Ort. Ich habe nicht nur Durst sondern auch Hunger. Am höchsten Punkt im Zentrum gibt es eine Taverne. Bis auf einen Tisch sind alle mit Einheimischen – alles Männer – belegt. Kaum stelle ich meinen Rucksack ab und falle auf einen freien Stuhl werde ich von allen Seiten angesprochen. Es braucht nicht langend alle haben verstanden, ich spreche kein Griechisch, ich bin aus Deutschland und der größte Teil der Männer spricht Deutsch, da sie in Deutschland viele Jahre gearbeitet haben. Ich muss mich zu den anderen setzen, damit ich ordentlich interviewt werden kann. Was ich hier mache ist für keinen verständlich: wandern und das über mehrere Tag ist ihnen völlig unverständlich und finden das außerordentlich strange. Nach dem sie wissen, was mein Tagesziel ist, bekomme ich Wegbeschreibungen und nicht zum ersten Mal angeboten, mich in die nächste Stadt zu fahren. Heute ist ein Traktorfahrer  dran: ich muss ihm klar machen, dass Laufen für mich zwar anstrengend aber doch ein Vergnügen ist und daher Fahren gar nicht in Betracht kommt. man amüsiert sich ganz offensichtlich über mich. Aber überall wo ich hin komme, schlägt mir eine überbordende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegen.

Nach 30 km muss ich zwei Kilometer an einer Autobahn entlang laufen, hierbei hält sich das Vergnügen in Grenzen, bevor ich sie unterqueren kann. Dann ist es nicht mehr weit. Ich komme in ein Strandbad, das mal bessere Zeiten erlebt hat. Ruinen säumen den Weg. Bars sind heruntergekommen und geschlossen. Mir wird schon bange, was mich als Apartment erwartet. Nebenzweck Ruinen kann ich etwas zurückversetzt einen gepflegtes Haus erkennen und hoffe, das dies meine Unterkunft ist.

Da mir niemand öffnet, habe ich schon Sorge, dass die Pension nicht mehr existiert und die Buchungsbestätigung eine Art Fake ist. Ich rufe die angegebenen Telefonnummern an. Niemand nimmt ab. So was machen. Ich will gerade schon mit Booking.com Kontakt aufnehmen, da kommt eine Frau auf mich entschuldigend zu, sie habe mich zwar gesehen aber eine Weile gebraucht von ihrem Balkon im 2. OG herunter zu kommen.

So kann ich mich entspannen und keine 100 Meter entfernt gibt es sogar eine Auswahl an Restaurants: Mikrowellen ist heute Abend angesagt. Ich werde wieder mit Freundlichkeit überschüttet, das ändert allerdings nichts an der miesen Qualität des Essens.

Tag 6: 09.05.22

 

Heute wird ein langer Tag. 38 km stehen auf dem Plan. Da ich bereits das Zimmer für heute Nacht gebucht habe. Ist dies ein Muss. Ich fühle mich nach der Nacht mit einem richtigen Bett und gut gewärmten Zimmer so wohl, das ich kaum Sorge habe, das Ziel nicht zu erreichen.

Zunächst geht es steil runter in die Stadt. Im Zentrum gibt es eine hübsche Kirche, die auch offen ist, so dass ich sie mir auch von innen anschauen kann. Es ist mir natürlich nicht klar, ob sie repräsentativ für Griechenland ist. Mir fällt auf, dass nach den prächtig oder eher pompös ausstaffierten Kirchen und Kathedralen in Spanien und den eher künstlerisch ausgestalteten Domen in Italien, diese Kirche sich wieder eher wie in Spanien, mit einer üppigsten, prahlerischen Innendekoration zeigt – vielleicht etwas dunkler drückender.

Die Außenansichten, wie sich später beim weiterwandern zeigt, oft mit einem Anstrich von Moscheen.

Naousa selbst ist nach meinem Empfind eher hässlich wie schon Florina und Amyndeo. Ausnahme war Nympheo. Die Häuser haben alle unterschiedliche Baustile. Viele Häuser sind im wieder und wieder erweitert worden ohne ein optisch attraktives Gesamtbild erzeugen zu wollen. Ich habe den Eindruck, es geht entweder darum möglichst einfach mehr Raum zu erhalten oder dem jeweiligen Zeitgeist zu folgen: Architektur und Stadtplanung haben scheinbar keinen hohen Stellenwert. Die Hochzeit der Griechischen Architektur scheint mit dem Dorischen und Ionischen Baustilen zu enden und das ist verdammt lang her.

Da ich heute weitgehend in der Ebene auf ca. 100 Höhenmeter bewege. Wird es frühsommerlich warm. Den ganzen Tag scheint die Sonne. Mein Flüssigkeitsbedarf ist entsprechend hoch.

Aber nicht so hoch, dass ich den Bach vor mir leer trinken könnte:  Schuhe aus Socken aus und durchwaten – das Bergwasser ist ganz schön frisch.

Die Vegetation ist üppig und ich laufe durch Wälder und großflächige Obstplantagen: viele Aprikosen und Pflaumenarten, Oliven und Kirschen, die bereits reif werden. Hin und wieder pflücke ich mir eine, sie sind sehr lecker.

Mein Weg führt mich kurz vor meinem Ziel noch über eine Brücke, die einen Stausee teilt. Danach geht es hoch in die Berge zu meinem Hotel. Ich bin nach den 38 Kilometern vollkommen erschöpft. Das Waschen meine Wäsche fällt mir besonders schwer. Nach dem Zähneputzen, dem Rasieren und einer schön heißen Dusche geht es mir besser.

Mir bleibt nicht viel Zeit, d ich für 20:00 Uhr zum Essen angemeldet habe. Nach Hotelauskunft – Fine Dining. Da ich der einzige Gast bin, bin ich mal gespannt. Als Vorspeise bestelle ich eine Gemüseplatte und als Hauptgericht Souvlaki mit Pommes. Tatsächlich ist alles frisch zubereitet.

Während ich auf den ersten Gang warte mache ich von der Hotelterasse noch ein Foto runter auf den Stausee und in Richtung meines heutigen Startpunkts: ich bin zufrieden mit meiner heutigen Leistung.

nervig: ständig fällt das Wifi aus – da gibt es Verbesserungspotenzial.

Tag 5: 08.05.22


Die Nacht war doch wieder sehr kalt. Trotz des warmen Schlafsacks und einer gut isolierenden Luftmatratze war es unangenehm. Ich habe 3-Lagen Wäsche angehabt. Trotzdem hat das nichts genützt.

Ich wandere den kompletten Tag bergauf, bergab durch den Wald. Nach etwa 25 km komme ich nach Naousa einer etwas größeren Stadt, die im wesentlichen vom Weinbau lebt. Ich bleibe oberhalb der Stadt in den Bergen. Meine Unterkunft – Guesthouse Militsa liegt idyllisch am Berg und eine viertel Stunde Fußmarsch von den nächsten Häusern entfernt. Bis dorthin sind es am Ende 29 Kilometer und ich bin aufgrund des Aufstiegs hoch zum Guesthouse völlig erschöpft.

Ich werde von einer Griechin auf Deutsch empfangen. Im Appartement ist alles vorbereitet: Kaffee und selbst gebackener Kuchen stehen bereit. Ich bekomme auch eine Empfehlung für eine „nahegelegenen“ Taverne. Bevor ich los gehe checkt meine Wirtin, ob sie auch wirklich offen hat, da ich von meinen weniger guten Erfahrungen von vorgestern berichte. Tatsächlich Sonntags Ruhetag. Sie bestellt mir aber sofort ein perfektes Griechisches Essen – natürlich viel zu üppig – zusammen mit einer Flasche Rotwein. Bevor das Essen geliefert wird, bekomme ich noch eine weiße Tischdecke. Geschirr ist so wie so im Appartement.

So mache ich mir in dem großen Zimmer es für den Abend gemütlich. Ich muss nur noch schnell das Zelt und den Schlafsack wieder einrollen und wegpacken, die ich zum Trocknen im Zimmer ausgebreitet hatte.

Nun ist alles bereit für mein Abendmahl.

Tag 4: 07.05.22

 

Im Hotel bekomme ich ein karges Frühstück. Ich weiß gleich, unterwegs muss ich etwas essen, ich werde nicht bis zum Abendessen durchhalten. Ich hoffe, dass im etwa 17 km entfernten Pyrgoi eine Bar geöffnet hat, da ich dort auch noch Wasser kaufen muss. Ich will mir das Gewicht für zwei Tage Wasser so spät als möglich in den Rucksack packen.

Bis Pyrgoi wandere ich durch eine fruchtbare Ebene und der einzige „richtige“ Ort heute. Danach geht es in die Berge. Wie ich schon die beiden letzten Tage erfahren musste. Gibt es kaum bzw. eigentlich gar keine Restaurants. Bars gibt es in den größeren Dörfern aber es sind nicht alle offen oder überhaupt existent, die in Google Maps verzeichnet sind. Pyrgoi scheint eine Größe zu haben, bei der ich zuversichtlich bin, dass es eine geöffnete Bar gibt. Andernfalls hätte ich doch Bedenken hinsichtlich meines Wasservorrats.

Bis Pyrgoi geht es durch endlose Aprikosenplantagen, die mit Wein und anderen Obstbäumen durchsetzt sind. Die landwirtschaftlich genutzten Fahrwege sind zu meiner Überraschung alle asphaltiert: das war bis her nicht der Fall. Selbst Straßen durch die Berge sind zumeist nicht befestigt.

Während ich über die Wege marschiere fängt meiner rechter Fuß, unter dem Gewicht meines Rucksacks an zu schmerzen. Da ich die Muse habe, beschäftige ich mich damit, auszuprobieren, ob ich durch Änderung meines Ganges, den Schmerz zu beeinflussen. Dabei stelle ich fest, dass mein linker Fuß sich bei meinem gewohnten Gang am besten anfühlt: Fuß mit der Ferse kräftig aufsetzen, abrollen, Bein schwingt durch die Vorwärtsbewegung nach vorne. Mein rechter Fuß findet es besser, wenn ich das Bein aktiv nach vorne bewege. Dadurch setzt der Fuß deutlich flach auf, was mein rechter Fuß goutiert. Das übe ich nun. Dabei fällt mir auf, dass ich die ganze Zeit auf der linken Straßenseite laufe. Schließlich will ich dem Verkehr ins Auge schauen. Richtigerweise fallen Straßen immer nach außen ab. Das bedeutet, mein linker Fuß ist leicht nach außen und mein rechter Fuß nach innen gekippt. Hat das einen Einfluß auf das Wohlbefinden meiner Füße? Das muss ich natürlich sofort testen. Von jetzt an laufe ich auf der rechten Straßenseite und tatsächlich findet das mein linker Fuß nicht toll, dafür ist mein rechter Fuß deutlich glücklicher. Auf nicht befestigten Straßen ist der Effekt, stelle ich später fest, noch größer, da dort meist sich durch die Räder Fahrspuren gebildet haben und die Fußneigung eher so gar stärker ist. Was meinen Füßen am liebsten ist, wenn sie ständig wechselnd belastet werden bzw. sie  durch den Untergrund regelrecht beschäftigt werden. Wusste ich eigentlich schon immer, habe ich mir bis heute nicht bewußt gemacht und schon gar nicht durch Eigenversuch getestet.

In Pyrgoi gibt es mehrere offene Bars, so bekomme ich hinreichend Wasser. Zu Essen gibt es Toast – scheint eine Art Nationalgericht zu sein – und danach trinke ich – Entschuldigung an alle Griechen – einen Türkischen Kaffee, der hier natürlich Griechischer Kaffee heißt.

So gestärkt geht es jetzt in die Berge. Ich wandere weitere 12 km in Summe 29 km und mache in etwa 700 Höhenmeter. Damit habe ich die Hälfte des Weges bis zum morgigen Ziel Naousa geschafft. Auf etwa 1.100 Metern Höhe suche ich mir auf einer Kuppe zwischen großen Steinen einen Platz zum Zelten. Auf den Steinen kann ich gut sitzen und auf der Höhe habe ich sowohl heute Abend als auch gleich Morgen Sonne.

Tag 3: 06.05.22

 

Frühstück gibt es erst um 08:30 Uhr. Frühaufsteher sind die Einwohner von Nymphaio wohl nicht. Ich sehe, als ich gegen 09:15 Uhr durch den Ort laufe, niemanden. Alles wirkt ausgestorben. Der gesamte Ort hat etwas steriles oder besser museales an sich.

Die Straßen im Ort und selbst die Fußwege, die aus dem Ort entlang eines Bärengeheges führen, sind gepflastert und sauber: kein Bruchholz versperrt den Weg. Später wandere ich durch Wälder, die sich von unseren kaum unterscheiden. Immer wieder sehe ich Spuren auf den teilweise vom Regen und Schmelzwasser aufgeweichten Wegen. Ich glaube, zum einen stammen sie von Bären und die anderen von sehr großen Hunden oder Wölfen. Ich sehe allerdings überhaupt kein Wild. Weshalb sich meine Vermutungen nicht bestätigen lassen und meine Fähigkeiten im Fährten lesen sind doch arg begrenzt.

Nach etwa 17 km kann ich am Horizont bereits den Ort erkennen, wo ich heute und nach gut 25 km übernachten werde.

Im Hotel verbringe ich einige Stunden mit der Planung meiner nächsten Etappen. Da auf der Route des E4 in den kommenden Tage keine Unterkünfte zu finden sind: es geht wieder in die Berge für ca. 120 km, suche ich mir einen Weg, der den Bergzug direkt überquert und ich nach zwei Tagen zunächst in ein Skiresort und danach in die Ebene mit kleineren Städten kommen werde. So muss ich mich nur auf eine Nacht im Zelt einstellen.

Obwohl ich in einer Stadt übernachte finde ich kein offenes Restaurant. Es gibt Bars, die neben Drinks Toast servieren oder Gyros Imbiss Shops. So gibt es heute Abend ein Gyros mit allem.

Tag 2: 05.05.22

 

Um 06:30 Uhr geht die Sonne auf, schnell erwärmt sich die Luft und ich versuche noch etwas Schlaf in der Sonne zu bekommen. Ich stehe daher erst um 08:00 auf. So kann ich mich anziehen ohne das Gefühl zu haben, ich erfriere bei dem Vorgang. Ich baue das Zelt ab und packe meine Sachen zusammen. In der Sonne mache ich meine Morgentoilette und frühstücke eine Kleinigkeit. Dann geht‘s los.

Weitere 150 Meter muss ich hoch. Hier herrscht Winter

Dann geht es 800 Meter runter. Wegen der umgestürzten Bäume und der sich türmenden Äste, komme ich nur sehr langsam vorwärts. Mit jedem Meter den ich absteige komme ich dem Frühjahr näher.

Im Tal ist Frühjahr und ein fast 1.000 Meter Anstieg über einen Pass erwarten mich. Also wieder geht es vom Frühjahr in den Winter und später zurück in frühlingshafte Gegenden. Natürlich warten auch hier wieder Schneefelder und Bruchholz, das den Weg unpassierbar erscheinen lässt. Der Anstieg und das ständig überwinden der unpassierbaren Wege erschöpfen mich.

In Nymphaio, einem kleinen Bergdorf, in dem alle Häuser aus grauem Stein – Basalt? – gebaut sind, übernachte ich in einem Guesthouse. Nach dem ich meine Wäsche gewaschen habe und mich geduscht habe, schaue ich mich in dem Dorf um. Obwohl es viele Restaurants und Bars gibt, die Tische und Stühle draußen stehen, sind sie alle mangels an Gästen geschlossen. Ich esse in meiner Unterkunft eine Pizza – einzige Alternativen sind Hot Dogs. Klingt nicht gerade Griechisch.

Tag 1: 04.05.22


Ich starte meine Wanderung auf dem E4 in Nordgriechenland in dem Bergstädtchen Florina. Von dort ist es nicht weit zu den Grenzen von Nordmazedonien und Albanien. Es ist regnerisch und kalt als ich am Nachmittag des Vortages mit Zug von Thessaloniki ankomme. Heute Morgen ist es sonnig und es soll so den ganzen Tag bleiben. Die Wettervorhersage meldet Temperaturen im einstelligen Bereich – kälter als ich gehofft habe.

Im Wald ist die Vegetation soweit wie in Heidelberg auch. Die Natur zeigt sich mit frischem Grün und feuchten Wegen. Es geht ständig bergauf. Nach etwa einer Stunde erreiche ich eine verlassne Abtei. Ich vermute hier haben die Mönche ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ich mache auch eine kurze Pause, denn ich will hier nicht die ewige Ruhe finden.



Etwas später habe ich einen phantastischen Blick auf die Berge und ins Tal. An diesem wunderschönen Ort suche ich mir in der Sonne ein Plätzchen, um zu vespern. Ich hatte mir in Düsseldorf vom Carlsplatz eine gut durchgetrocknete Salami und einen Französischen Hartkäse mitgenommen. In Florina habe ich, bevor ich aufgebrochen bin, noch ein Weißbrot gekauft. Müsli habe ich ebenfalls, für den wahrscheinlichen Fall heute zu campieren, mitgenommen, weshalb zusammen mit 2,5 Liter Wasser einen äußerst schweren Rucksack den Berg hoch tragen muss.

Kurz nach meinem Mittagessen werde ich von Schnee auf meinem Weg überrascht. Ab etwa 1.300 Höhenmeter gibt es sowohl auf dem Weg als auch abseits des Neuen Tees und viele zum Teil sehr ausgiebige Schneefelder. Das Gehen wird durch umgestürzte Bäume und gebrochene Äste erschwert.


Auf 1.600 Höhenmeter bin ich so fertig, dass ich mir einen schönen Platz in der Abendsonne für mein Zelt suche. Das ist das erste mal, dass seit fast 40 Jahren. Ich lass es mir in der Sonne gut gehen und esse zu Abend.

 

Es ist wieder so weit …

… am kommenden Montag, 02.05.2022 werde ich nach Thessaloniki fliegen, um auf dem E4 von Florina – im Dreiländerecke Albanien, Nordmazedonien, Griechenland – über den Olymp, vorbei an den Meteora-Klöstern, nach Delphi zu wandern: ca. 750 km und durchschnittlich 1.000 Höhenmeter täglich.

Meine Ausrüstung wartet nur noch darauf gepackt zu werden. Da ich nicht weiß, ob ich in den Bergen jeden Abend ein Bett finden werde, werde ich diesmal auch eine Campingausrüstung mitnehmen. Trotzdem ist mein Rucksack ohne Essen und Trinken nur 8 kg schwer. 

Im nächsten Beitrag werde ich eine Liste meines Equipments inkl. des Gewichts posten.

Tag 19: 26.06.19

Castro —> Santa Maria Di Leuca (Santa Maria de Finibus Terrae)

Heute ist mein letzter Wandertag und es wird einer der schönsten, was den Weg und das Landschaftsbild angeht. Lange Zeit pilgere ich hoch über der Küste mit Blick aufs Meer. Hier gibt es Pflanzen, die ich bisher noch nie gesehen habe. Klar dominiert der Olivenbaum, viele Nussbäume gibt es und zum Ersten mal sehe ich, dass unterschiedlichste Gemüse wie Zucchini und Cherrytomaten angebaut werden. Die eine oder andere reife Tomate wandert in meinen Mund: lecker.

Auch wenn es das eine oder andere bunte Haus gibt, so sind die Gebäude eher alle weiß bzw. ein vom Wetter vergilbtes weiß. Die Gebäude sind kubisch – der rechte Winkel bestimmt das Bild. Die Fenster sind klein. Das Stadtbild ist so gar nicht mehr Italienisch.

Der dreirädrige Pickup als Lastentransportmittel mit Zweitaktmotor ist hier nicht tot zu kriegen, obwohl er stinkt, ungeheuerlich lärmt und sicher auch alles andere als komfortabel ist. Es scheint ein Fahrzeug ausschließlich für Männer zu sein. Nicht einmal sehe ich eine Frau ein solches Dreirad fahren.

 

Nach gut 30 Kilometer sehe ich vor mir den weißen Leuchtturm auf der linken und Leuca auf der rechten Seite. Zunächst gehe ich nach links auf den Leuchtturm zu, wo die Basilika Santuario Santa Maria hoch über dem Meer schwebt und das Ende der Welt markiert. Neben der Basilika steht eine Statue von „unserem“ Papst – Benedikt der XVI. Der Platz ist beeindruckend, warum er als das Ende der Welt bezeichnet wird, kann man verstehen, obwohl man schon in der Antike wußte, dass die Welt hier sicher nicht zu Ende ist und auf der anderen Seite des Mittelmeers zu erobernde Länder existieren.

Hier also endet meine Pilgerschaft. Ich bin ein Pilger, ein peregrinus im Sinne des Lateinischen Wortes Fremder bzw. jemand der sich in der Fremde befindet. So möchte ich den Begriff Pilger verstanden wissen und nicht im Sinne des Kirchenrechtes, jemand der Buße tut oder eine Reliquie verehrt. Auch wenn eine solche Pilgerschaft mit Entbehrungen, Schmerzen und einer gewissen Form der Selbstkasteiung zu tun hat, hat sie für mich nichts religiöses und schon gar nichts kirchliches. Für mich ist es eher eine Reinigung des Gehirns mit der Möglichkeit allen Unrat, der sich im Kopf gesammelt hat, raus zu waschen. Dem kann man selbstverständlich auch etwas religiöses zusprechen, das will ich nicht leugnen. Ich frage mich nicht zum ersten mal auf einer Tour durch die Natur, wer hat dafür die Spielregeln aufgestellt. Die Natur ist so wunderschön und doch auch so grausam. Uns ist oft nicht bewußt, wie fragil unsere Gesundheit und unser Leben ist, da wir keine natürlichen Feinde mehr haben und in dem Glauben leben, eine rundum Versicherung für unser Leben und alle Lebenslagen zu besitzen, in der es keine Risiken gibt bzw. tritt ein Risiko ein, so muss jemand anderes schuld sein.

Reist man, wie ich das gelegentlich tue, mit 5 km/h, setzt man sich der Natur aus und spürt, wie klein und verletzlich man doch ist im Vergleich zur Unendlichkeit der Natur. Das erdet und ich zumindest lerne wieder „to be humble“. Was nichts anderes bedeutet, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, sich mit dem Fremden auseinanderzusetzen und sich auf die Grundbedürfnisse wie essen, trinken, schlafen zu konzentrieren. Bei mir erzeugt das ein Reset und ein Reboot: der Cache wird gelöscht und alle Systeme funktionieren wieder.

Damit beantwortet sich die Frage, warum mache ich das und lege mich nicht z. B. auf Phuket am Strand in die Sonne, was ich natürlich auch gerne mache. So und nun geht es wieder nach Hause!

Tag 18: 25.06.19

Martano —> Castro

Heute ist der Weg durch kleine, meist nicht sehr gepflegte, mittelalterlich wirkende Ortschaften gekennzeichnet. Die Dörfer haben einen anderes Stadtbild wie bisher. Auf mich wirken sie wie Mexikanische Städte in einem Italo-Western.

Die Sträßlein sind fast alle asphaltiert; doch muss ich mir manchmal meinen Weg durch Oliven- und Feigenbäume suchen. Auffällig ist, dass im Süden Italiens alle Wege, auf denen ein Auto fahren könnte, asphaltiert sind. Das war vor zwei Jahren in der Toskana und im Lazio ganz anders. Dort sind die Nebenstraßen Staubpisten. Diese haben mir damals sehr zugesetzt, da die Autofahrer rücksichtslos an mir vorbei gerauscht sind und mich in dicke Staubwolken eingehüllt haben. Die Vermutung liegt nahe, dass der Struktur schwache Süden strak subventioniert wird und nicht unbedingt immer das Geld in die besten Projekte investiert wird.

Während meines Frühstücks buche ich endlich auch für Donnerstag einen Mietwagen in Lecce. Noch immer weiß ich nicht wie ich dort hin komme. Laut Google Maps gibt es eine Busverbindung. Google schreibt allerdings auch: „we don’t have the most recent timetables for this area“. Was auch immer das bedeutet. Ich kann sonst im Internet keine Verbindung nach Lecce finden. Ein Ticket kann ich also auch nicht erwerben. Also buche ich vorsichtshalber in Leuca ein „richtiges“ Hotel, das auf deren Homepage hinweist, dass sie Airport Shuttle Services anbieten. Ich hoffe, dass mir das Hotel entweder bei der Buchung eines Bustickets oder bei der Organisation eines Shuttle Services, zwar nicht zu einem Flughafen, behilflich sein kann. 

In der ländlichen Gegend sind scheinbar Einkaufsmärkte a la Kaufland ein Publikumsmagnet. Zu meiner Überraschung nimmt nämlich der Verkehr stark zu und ich kann mir das aufgrund der Straße nicht erklären – bis ich zu einem Einkaufszentrum komme. Sternförmig fahren für die Gegend ungewöhnlich viele Autos in Richtung des Einkaufszentrums. Ich muss beim Wandern höllisch aufpassen, dass ich nicht von Autos erfasst werde. Es wird schnell gefahren und überall, unabhängig, ob der Verkehr oder die Sicht es zu lassen, überholt. Da ich auf den schmalen Straßen damit ein Hindernis für die kaufwilligen Fahrer(innen) bin, werde ich permanent angehupt. 

Da mir das zu bunt wird, weiche ich wieder durch Olivenhaine aus. Das kostet mich zwar am Ende. Fast zwei Kilometer, macht das Pilgern aber deutlich angenehmer. Wie ich so zwischen den Olivenbäumen durch gehe, fällt mir erst jetzt auf, dass ich ich abends zum Essen erstaunlich wenige Oliven erhalte. Man müsste erwarten, dass es zu allem, passend oder nicht, Oliven gibt. Das ist aber nicht der Fall. Im besten Fall gibt es mal die eine oder andere als Deko. Auch das Olivenöl, das zum Salat gereicht wird, ist meistens ein Industrieprodukt. 

Castro ist ein schöner Ort, der etwas erhaben über dem Meer liegt, sehr touristisch aber eben deshalb auch sehr nett. Am Abend, als ich zum Essen gehe, wunderschön von der untergehenden Sonne angestrahlt mit einem ausnehmend fantastischen Blick auf die Adria.

Tag 17 – 24.06.19

Masseria Solicara-Gelsi —> Martano

Heute ist es windig. Nur selten setzt der Wind aus. Er bläst kräftig von Osten bzw. Süd-Osten. Das ist angenehm und macht es mir leicht mein Tagesziel Martano zu erreichen. Knapp 37 Kilometer mache ich heute. 

Erstes Zwischenziel ist Lecce. Auf die Stadt hatte ich mich gefreut, da es sich um eine sehr schöne mittelalterliche Stadt handelt und gut erhalten ist. Allerdings muss ich feststellen, dass die berühmte Basilika Di Santa Croce, vollständig mit einer bedruckten Folien eingehüllt ist, da sie renoviert wird. Hinein darf man auch nicht – schade. Dann gehe ich zur Kathedrale. Um diese zu dürfen, muss man erst noch eine Ticket irgendwo kaufen. Darauf habe ich nun wirklich keine Lust. Dann frühstücke ich lieber und esse ein leckeres Panino mit Pecorino und Prosiutto Cotto. Das gleiche will das Deutsche Paar am Nebentisch auch haben als sie mein Panino sehen. Er scheint Italiener und sie Deutsch – sehr hellhäutig mit zwei Kleinkindern ebenfalls hellhäutig. Den Dreien setzt sichtbar die Sonne zu und scheinen sich nicht wohl zu fühlen.

Nach Lecce geht es immer gerade aus durch Orte die eher Griechisch als Italienisch klingen wie zum Beispiel Calimera oder Greco nach Martano. Die Straße ist mal breiter und mal schmaler. Schmal würde völlig ausreichen. Hier fährt einfach niemand lang. kommt eine Auto, kommt garantier auch eins entgangen und treffen sich auf meiner Höhe, so dass ich auch noch ins Gras bzw. in den Müll, den die Straßen säumen, ausweichen.

Ich bekomme ein Zimmer in einem wunderschönen B&B, das von einem Pärchen geführt und wie er mir stolz berichtet, gerade selbst renoviert hat. Es ist tatsächlich ein Kleinod. Ich bekomme gleich auch per WhatsApp eine Besichtigungstour für den kleinen Ort, der einfach toll ist, zusammengestellt so wie Empfehlungen für Eis und das Abendessen.

Ich muss mich dringend um meine Rückreise kümmern, denn ich bin mir sicher, dass ich Übermorgen in Santa Maria Di Leuca ankommen werde und die Rückreise sich kompliziert darstellt, da es in Di Leuca weder Bahnhof noch Mietwagen gibt. Von einem Flughafen will ich erst gar nicht sprechen. Schau‘n wir mal, wie ich das organisiert bekomme.

Tag 16: 23.06.19

Brindisi —> Masseria Solicara-Gelsi

Als ich heute Morgen aufstehe kann ich es kaum glauben, es hat heute Nacht geregnet. Zumindest sind die Straßen naß und es sind dunkle Wolken am Himmel, die die Sonne aber bald vertreibt. Die Feuchtigkeit verdunstet schnell und erzeugt eine Dampfbad Atmosphäre.

Als ich eine Allee entlang wandere, werde ich zum Massenmörder: scheinbar ist so ein Dampfbad ideal für Mücken. Ich lauf durch Mückenschwärme, die auf meiner verschwitzten Haut und Klamotten kleben bleiben und sofort verenden. Ich bin bald schwarz von diesen Viechern und bekomme die vor allem ganz schlecht von der Haut runter. Sie ist durch Sonnencreme und Schweiß besonders klebrig.

Sobald ich raus bin aus den Ortschaften und runter von den Straßen wird die Natur erschreckend laut. Über all zirpt es, Käfer brummen, Vögel zwitschern, Echsen wuseln durch das Gras und alle möglichen Insekten geben Geräusche von sich – hier zumindest kann von Insektensterben nicht die Rede sein. Es gibt ein Insekt, das scheinbar nicht gut sehen kann, denn ich werde von diesem im Flug immer wieder getroffen und dieses Insekt heult dann regelrecht auf. Es sieht mir wie ein Käfer aus, bin mir aber nicht sicher. Das Geräusch, das es macht, wenn es mich trifft, habe ich vorher noch nie gehört und hat tatsächlich etwas von einem aufheulen und nicht nur von einem veränderten Brummen.

Obwohl ich heute nicht sehr motiviert aufgestanden bin und dachte ich mach mal etwas langsamer und vielleicht nur gut 25 Kilometer kann ich mich weder so richtig entscheiden, wo mein Ziel für ist und damit auch nicht so wirklich für den Weg. In einer Strandbar sitzend muss ich mich am frühen Nachmittag endlich entscheiden, bleibe ich an der Küste, dann ist übernachten kein Problem, oder, was eigentlich besser wäre, möglichst weit in Richtung Lecce pilgere, dann muss ich jetzt eine Übernachtung buchen, denn diese sind rar. Außerdem ist Sonntag und ich weiß nicht, ob die Leute ihre Buchungen lesen und ich Sie Vorort antreffe. Das ist mit den B&Bs immer so eine Sache. Schließlich entscheide ich mich für ein Agroturismo zwischen meiner Strandbar und Lecce.

Der Agroturismo, den ich nach 36 Kilometern erreiche, liegt im absoluten nichts. Um so mehr bin ich überrascht, was sich vor mir auftut, als ich durch das Tor trete. Hinter den hohen Mauern vor den Augen der Vorbeikommenden – fragt sich nur, wer hier vorbei kommt – liegt nicht ein Bauernhof mit Zimmern und Restaurant sondern eine Ferien- und Großveranstaltungsanlage mit Swimmingpool, Gästehaus, einer Reihe von Restaurants, Laubengänge mit Pavillons und und und.

Ich bin der einzige Gast heute. Ängstlich frage ich, ob ich hier auch Abendessen kann, da ich fürchte, dass für einen Gast niemand den Herd anwirft. Das ist aber kein Problem – Personal ist genug da und die müssen, wie mir versichert wird auch versorgt werden. Ich muss nur Vorlieb nehmen, mit dem was heute auf dem Speiseplan steht. Alleine in einem großen Restaurant bekomme ich ein viergängiges Menü serviert.

Tag 15 – 22.06.19

Torre Santa Sabina —> Brindisi 

Windig ist es heute und einige Wolken sind zu sehen. Das bedeutet aber nicht, dass das Pilgern weniger Schweiß treibend ist. Die Luftfeuchtigkeit scheint höher zu sein. 

Der Weg führt mich die ersten Kilometer durch Dünen und über Strände. Das ist zwar schön aber anstrengend. Meinen Füßen gefällt das ganz und gar nicht. Immer wieder habe ich Berge von Sand in den Schuhen. Das macht nicht nur die Füße schwer sondern reibt auf der eh schon gereizten Haut. Früh mache ich heute Pause, da ich später wieder an der Autobahn entlang wandern muss und dort es keine Bars gibt. 

Da habe ich mich getäuscht. Denn erst komme ich an einem Agriturismo vorbei. Als ich frage, bekomme ich selbst verständlich Café und auch Wasser. Einer der Herren setzt sich zu mir und fragt, warum ich mit Rucksack hier entlang laufe. Als ich ihm erkläre, dass ich nach Santa Maria di Leuca Pilger ist er ganz begeistert. Ich bekomme Kekse aufgefahren und muss mit ihm in seinen Garten, wo er eine Reihe von Obstbäumen stehen hat. Er fordert mich auf zu pflücken, was immer ich gerne hätte. Bescheiden nehme ich mir drei Aprikosen. Das geht für ihn gar nicht und er fängt an zu ernten und stopft mir anschließend das Obst in meinen Rucksack. 

Ich verabschiede mich und bedanke mich für die Gastfreundschaft. Ich werde mit bin einem Buon Camino auf die Reise geschickt. Es dauert keine fünf Kilometer und ich komme zu einer Autobahn Tankstelle mit Bar natürlich. Dort kehre ich erneut ein, trinke einen Café sowie einen Liter Wasser. Ein Einheimischer setzt sich zu mir an den Tisch mit einer Bierflasche in der Hand und redet auf mich ein, obwohl ich ihm gesagt habe, dass ich kein Italienisch kann nur „un poco“. Das stört ihn nicht, führt lediglich dazu, dass er jeden Satz dreimal sagt. Ich glaube zu verstehen, dass er arbeitslos ist und das Leben schwer ist. Er rückt ständig näher an mich heran und will nun auch noch wissen, ob ich Arbeit habe. Mir wird der Bursche zu aufdringlich und ich mache mich lieber davon, obwohl ich gerne noch einen Café getrunken hätte.

Von Brundisium, der Lateinische Name von Brindisi, bin ich enttäuscht. Viel ist nicht mehr von dem historischen Kern übrig. Ein Stadttor, die Kathedrale und die Säule, die das Ende der Via Appia markiert. Und die steht so versteckt zwischen Häusern, dass ich fast vorbeigelaufen wäre. Von hier ist nur die Sicht auf den größten natürlichen Hafen des Mittelmeers gut. Auch wenn man nicht mehr erkennen kann, dass es sich um eine natürliche Hafensituation handelt.

Auch wenn ich heute eine Reihe von Pausen gemacht habe und mehr als ausreichend zu trinken hatte, bin ich erschöpft und freue mich auf meine Unterkunft. Schnell schreibe ich meiner heutigen Vermieterin, dass ich bereits in Brindisi bin und in wenigen Minuten bei ihrem B&B sein kann. Wir verabreden uns in zwanzig Minuten. Wie sooft wirkt das Haus von außen heruntergekommen. Innen ist es toll hergerichtet mit einem großzügigen Eingang und einer sehr schön angelegten Treppe. Das Zimmer geht über zwei Etagen ist spartanisch aber mit einem gewissen Chic eingerichtet. Auf beiden Etagen habe ich einen Balkon und kann vom oberen hinunter zum Hafen schauen.

Tag 14: 21.06.19

Savelletri —> Torre Santa Sabina

Heute gilt es Kilometer zu machen. Um mich unter Druck zu setzen, habe ich gestern bereits ein Hotel für heute in Torre S. Sabina und für Morgen in Brindisi gebucht. Also suche ich mir den kürzesten Weg. Das bedeutet vermutlich aber keine Bärs und damit Versorgung. Knapp 35 Kilometer stehen an.

Nach dem ich Savelletri verlassen habe, kommt nach gut 5 Kilometer ein Campingplatz. Ich frage am Eingang, ob es eine Bar gibt. Sie macht gerade auf. Man ist noch nicht fertig und lässt mich erst einmal einige Minuten warten. Dann darf ich meine Bestellung aufgeben. Puh, freundlich geht anders. 

Aber gut, so bekomme ich wenigstens ein Frühstück und kann mir noch etwas Wasser mitnehmen. Danach pilgere ich – muss pilgern eigentlich mit Quälen verbunden sein? – schwitzend entlang der Autobahn unter sengender Sonne. Ich bin gerade mal zwölf Kilometer gelaufen und fix und fertig. Das Wasser muss ich rationieren. Da mein Körper sich mal wieder als artesischer Brunnen betätigt, kann ich die Wasserbilanz nicht in Waage halten.

Einen kleinen Umweg in Kauf nehmend komme ich wieder zu meinen bestaunten uralten Olivenbäumen. Heute nutze ich nur ihren Schatten, um unter einem großen Olivenbaum mich auszuruhen und ein Stündchen zu schlafen. Inspiration mag von ihnen ausgehen aber mein Körper ist zu gequält, um mir ernsthafte Gedanken zu machen. Mir imponiert, dass jeder einzelne Baum eine Nummer hat. Ich hoffe, sie sind auch registriert und es gibt regelmäßige Kontrollen, dass sie nicht „versehentlich“ gefällt wurden. Denn das Umweltbewusstsein ist nicht besonders ausgeprägt, was ich daran fest mache, dass überall Müllbeutel, leere Flaschen und sonstiger Unrat die Wege säumen. Wer an den Strand will, fährt trotz hinreichender Parkplätze in die Dünen oder auf den Strand, um ja keinen Meter zu viel laufen zu müssen. Wenn ich mir die Körperumfänge selbst der Kinder anschaue, bekomme ich oft das Gefühl, ich wäre in den USA.

Nach dem erquickenden Schlaf wird mal wieder, was selten genug vorkommt, angezeigt, dass ich auf der Via Traiana unterwegs bin. Das motiviert und ich komme wieder besser voran. Als ich endlich Torre S. Sabina erreiche, komme ich als erstes an einer Pasticcerina vorbei. Ich habe so Hunger und Durst, dass ich hier Halt machen muss, obwohl ich keine 800 Meter mehr zum Hotel habe.

Torre S. Sabina ist dem Grunde nach ein hübscher Ort mit einem kleinen Strand, einem alten Wehrturm und vielen Booten in der Bucht. Aber man so viele häßliche Gebäude errichtet, dass der Ort dadurch alles andere als schön wirkt. Trotzdem gibt es viele Touristen. Beim Abendessen bin ich umzingelt von Deutschen Touristen, die so bejahrt sind, dass ich den Altersdurchschnitt (deutlich) Senke.

An der Rezeption werde ich, nach dem ich meinen Führerschein als Ausweisdokument vorweise in Deutsch mit bayrischen Zügen von einer jungen Frau begrüßt. Sie erzählt mir später nach dem Abendessen, dass sie in München geboren wurde und erst als Jugendliche mit ihren Eltern zurück in die Heimat ihrer Vorfahren gezogen ist. Sie möchte Architektur studieren und weg aus dieser dörflichen Umgebung. Viel Erfolg kann ich ihr nur wünschen.

Tag 13: 20.06.19

San Vito —> Savelletri

Was für ein toller Wandertag! Kaum habe ich mein Hotel verlassen, komme ich an einer Trutzburg vorbei, die direkt am Meer steht. Davor ein malerischer Strand mit bunten Booten. Heute führt mich mein Weg direkt entlang des Meeres ruf auf die Klippen runter an den Strand und wieder hinauf – Schweiß treibend aber einfach eine fantastische Landschaft mit traumhaft gelegenen Dörfern.

Körperlich bringt mich der heutige Tag an meine Leistungsgrenzen. Es sind weniger die 33 km, sondern der Weg selbst. Es geht oft durch Sand am Strand, der die Beine schwer macht. Es ist das rauf und runter bei fast 35 Grad Celsius und ohne schattenspendende Bäume. Heute kehre ich daher gleich zweimal ein. Am frühen Nachmittag brauche ich dringend Zucker. Ich trinke also zwei Aranciata, was zu meinem Lieblingsgetränke geworden ist. Anschließend noch einen Café zum munter machen. Danach nehme ich die letzten Kilometer in Angriff.

Ich komme an einer Necropolis, einer antiken Begräbnisstätte und anschließend an einem Golfplatz vorbei. Gibt es da einen Zusammenhang? Was mich allerdings viel mehr fasziniert, sind die uralten Olivenbäume die rechts und links des Weges auf großzügig angelegten Feldern mal isoliert und mal zwischen Kartoffeln gepflegt werden.

Was haben diese Bäume alles schon „gesehen“? Wie alt mögen diese Bäume sein, die mal gerade und brächten gewachsen sind und mal sich dem Wetter gebeugt haben? Fragen die bei mir sofort eine Reihe unwiderstehlicher Gedanken los treten: was ist Geschichte und warum fasziniert mich Geschichte so sehr. darüber muss ich in den nächsten Tagen mal intensiver nachdenken. Ich hoffe, die Sonne lässt mein Gehirn dies durchdenken.

Ein anderer Gedanke, der mir beim Anblick dieser Olivenbäume durch den Kopf geht, ist, wie wird man alt. Was bedeutet altern für mich und wie gehe ich damit um, wie hat mich mein Leben gezeichnet. Stehe stolz wie viele der Olivenbäume da oder bin ich von den äußeren Umständen gebeutelt, bin knorrig, schief, gebeugt von den Unbilden des Lebens. 

Natürlich bin ich alt. Das ist mal klar. Ich bin Großvater. Gemäß der üblichen Definition im Seniorenalter. Fühle ich mich auch so? Eigentlich nicht. Ich fühle mich körperlich fit. Mir tut morgens beim Aufstehen nichts weh. Gut ich bekomme beim Wandern in dieser Hitze Blasen. Ich glaube das hat nichts mit Alter zu tun. Auch bin ich überzeugt, dass ich geistig fit bin, mich immer noch bestens motivieren kann und für eine Reihe von Aufgaben immer noch brenne wie früher auch. Ich kann mich noch immer daran begeistern, eine Benchmark setzende Fabrik zu planen und zu realisieren. Zu sehen wie eine solche Fabrik in Betrieb geht und tolle Arbeitsplätze schafft, die besser sind als sie in anderen Fabriken existieren. Ich kann mich daran begeistern, neue Wege in der IT bzw. der Digitalisierung der gesamten Value-Chain zu gehen. Ich kann nicht leugnen, wenn ich in den Spiegel schaue, dass ich mir mein Alter ansehe. Das sieht man den Olivenbäumen auch an, trotzdem stehen sie da wie eine Eins und tragen noch immer Oliven, wie ein junger Baum auch.

Ich bin zu verschwitzt, meine komplette Kleidung ist durch und durch naß, ich muss den Gedanken Morgen noch einmal aufnehmen.

In Savelletri Habe ich ein kleines Zimmer mit einer riesigen Dachterrasse mit Blick aufs Meer und das Dörfchen. Die Eigentümerin hat mir eine klare Anweisung gegeben, wo ich heute Abend essen muss. Hoffen mir, dass das Restaurant so gut ist, wie sie behauptet.

Tag 12: 19.09.19

Bari —> San Vito

So nun weiß ich, dass ich Santa Maria di Leuca aus Zeitgründen erreichen werde. Wenn ich so weiter laufe bin ich am Samstag in Brindisi und von dort habe ich noch gut 120 Kilometer. Also alles machbar. Mein Körper kommt nun mit der Hitze und der Sonne zu recht. Die Blasen an meinen Füßen heilen ab. Sie sehen zwar nicht wirklich gut aus und brauchen nach wie vor schützende Blasenpflaster aber ich bekomme keinen neuen Blasen mehr.

Heute habe ich 35 Kilometer entlang der Küste der Adria zurück gelegt. Mal auf Promenaden, mal entlang der Autobahn, mal auf Dorfstraßen. An jeder Ecke gibt es Fischgeschäfte und fischverarbeitende Betrieb, die wohl kaum den EU-Standards entsprechen. Oft sehe ich Angler, die einen Pulpo gefangen haben und diesen auf den Steinen, die das Meer säumen, weich klopfen.

Mal ist es der Weg schön und mit Oleanderbüschen gesäumt, mal häßlich. Am Nachmittag erreiche ich einen kleinen Ort, San Vito, wo ich ein Zimmer in einem Hotel, das direkt am Meer gelegen ist, dem Strand von San Giovanni. An der Bar oberhalb des Meeres lösche ich zunächst meinen Durst, um anschließend im Meer baden zu gehen.

Aufgrund der Hitze und der permanenten Sonneneinstrahlung ohne jeden Schatten wird die Denkleistung deutlich gesenkt. Ich konzentriere mich aufs Laufen, das Hirn schaltet ab. Versuche ich etwas zu durchdenken, lenkt mein Gehirn sofort von der Aufgabe ab und versetzt sich selbst in reinen Überlebensmodus. Der Nachteil: ich bringe kaum einen vernünftigen Gedanken zusammen; der Vorteil: die Zeit geht schnell um, da das Gehirn auch das Zeitgefühl abschaltet.

Tag 11: 18.06.19

Bitonto —> Bari

Kein wirklich schöner Weg führt aus Bitonto heraus. Kaum habe ich den Ort verlassen erreiche ich die Vorstädte von Bari, eine recht große Stadt mir viel Industrie. Bari hat etwa so viele Einwohner wie Mannheim. 

Nach knapp vier Stunden und zwanzig Kilometern bin ich an der Adria und habe Italien einmal von West nach Ost von einem Meer zum anderen durchquert. Die Adria empfängt mich stinkend. Trotzdem liegen die Menschen am Meer. Ich sehe zu, dass ich nach Bari in die Innenstadt komme, um dem Gestank schnellstens zu entkommen.

Die Innenstadt empfängt mich mit kleinen Gassen, herum wuselnden Menschen. Auch Deutsch höre ich hier und da. Da ich noch früh dran bin, besichtige ich zunächst die Stadt, bevor ich im Hotel einchecke.

Die Festung, gebaut von Friedrich II, ist meine erste Station. Danach geht es in den Dom, San Sabino. Von dort in die Basilika San Nicola und da natürlich zum Grab des heiligen Nikolaus. 

Der Rest des Tages ist der Körperpflege und hier vor allem der Pflege meiner Füße gewidmet: ich lasse es mir einfach gut gehen.

Tag 10: 17.06.19

Corato —> Bitonto

Meine erste Etappe führt mich nach Terlazzi, das knapp 15 km von Corato entfernt liegt. Am Landschaftsbild ändert sich nichts, Olivenbäume und noch mehr Olivenbäume. Eine Zypressenallee führt zu dem Friedhof von Ruvo di Puglia, das ich „rechts liegen lasse“. 

Immer wieder komme ich an niedrigen Kuppelbauten vorbei. Mal befinden sie sich am Rande eines Gartens und mal in Olivenhainen. Zunächst dachte ich es handelt sich um begehbare Pizzaöfen. Nachdem ich aber mal in einen hinein geschaut habe, kann ich mir das nicht vorstellen. Sie haben meist einen Eingang und keine Fenster. Manche sind nach oben entlüftet, die meisten sind allerdings geschlossen. 

In Terlazzi, das eine sehr schönen Innenstadt hat, nachdem ich durch hässliche Industrie- und Gewerbegebiete gelaufen bin, besichtige ich die Kirche und ruhe mich dort etwas aus. Die Kirche ist innen schön kühl. Anschließend nehme ich in einer Bar direkt auf dem Hauptplatz mein Frühstück ein. 

Nach Bitoni sind es nur noch gut zehn Kilometer. Mir begegnet auf dem Weg niemand. Der Weg führt durch sehr gepflegte Oliven- und Obstplantagen. Leider wird der einsame Weg auch als Müllablage benutzt. Ein fast blinder Spiegel steht auch am Wegesrand, den ein Scherzbold nicht einfach weggeworfen sondern aufgestellt hat. Unter einem Olivenbaum mache ich meine zur Gewohnheit gewordenen Siesta.

Während ich meinen Olivenbaum anschaue, frage ich mich, was hat Petrus eigentlich aus Jerusalem nach Rom getrieben. Ist er auf direktem Weg von Nazareth nach Santa Mari Di Leuca gereist oder hat er den Weg über Vorderasien und Griechenland genommen. Wenn letzteres, warum reiste er dann nicht nach Brindisi, dem damals größten Hafen und dem Tor nach Griechenland. Die Legende sagt, er kam in dem heutigen Santa Maria di Leuca von Bord eines Schiffes und ging von dort über die Via Appia Traiana nach Rom. Ich will das mal glauben und mir damit eine Rechtfertigung meiner Pilgerreise erhalten.

Das klärt aber noch nicht das warum. Hat Petrus tatsächlich geglaubt, wenn er in die größte Machtmetropole der damaligen Welt reist und dem Kaiser bzw. dem Senat von Rom von Jesus erzählt, sind die Römer so Feuer und Flamme für die neue Religion ihre Religion und wechseln zum Christentum? Selbst bei einem sendungsbewussten Mann, der Petrus sicher war, kann ich mir nicht vorstellen, dass er so vermessen war, an einen solchen Erfolg zu glauben. Trotzdem muss der Mann getrieben davon gewesen sein, die Botschaft für ein anderes menschlicheres Lebenskonzept zu verbreiten – muss das ein Charismatiker gewesen sein.

Was ich mich frage, ist so eine solche charismatische Persönlichkeit zu Fuß durch Apulien, Kampanien und durch das Lazio tausend Kilometer gelaufen? Hat er in den Orten, durch die er kam, Vorträge gehalten bzw. Geschichten erzählt und dabei seine Anhängerschaft vergrößert. Was haben die Menschen in diesen Gegenden über so eine Type gedacht?

Tag 9: 16.06.19

Canosa Di Puglia —> Corato

Der Tag fängt ja gut an. Wie vereinbart lege ich die Schlüssel auf den Schreibtisch und ziehe die Tür hinter mir zu. Soweit so gut. Dummerweise hat jemand die Etagentür abgeschlossen und es gibt keine Möglichkeit sie ohne Schlüssel zu öffnen. Ich bin gefangen in der Diele. Nun gut muss die arme Vermieterin heute am Sonntag halt mal um 07:00 Uhr aufstehen. Ich rufe sie an. Es dauert eine Weile bis sie ans Telefon geht, verspricht, als sie abnimmt, sich sofort auf den Weg zu machen.

Als sie eintrifft entschuldige ich nochmals dafür, dass ich sie aus dem Bett geworfen habe. Erst jetzt klärt sich auf, dass ich nicht wieder in mein Zimmer will sondern nicht aus dem Apartment konnte. Jetzt entschuldigt sie sich, dass sie den anderen Gästen nicht gesagt hat, die nicht abzuschließen. Das Ganze hat mich am Ende eine gute halbe Stunde gekostet. Was mir gerade heute arg ist, da ich weiß, dass mein heutiger Weg mich durch keinen Ort führen wird und ich damit nichts zu essen und zu trinken bekommen werde. Gerade Hunger und Durst sind eben auch eine Funktion der Zeit.

Zu trinken habe ich genug mitgenommen. Ich habe nicht nur meine beiden Trinkflaschen gefüllt sondern zusätzlich zwei weitere Flaschen Wasser eingepackt. Dort bleiben sie aber nicht lange. Nach knapp zehn Kilometer treffe ich Selena, die Pilgerin aus Venedig. Wie die schon bisher gekommen ist mit ihrem Schlendergang, ist mir ein Rätsel. Wir unterhalten uns ein bisschen. Dabei fällt mir auf, dass nicht Ihr Rucksack so riesig ist, sondern sie so klein. Darüber hinaus hat sie eine ganze Flaschenbatterie vor die Brust geschnallt. Allerdings sind sie schon alle leer. Sie fragt mich, ob ich ihr mit Wasser aushelfen kann. Nun gut, ich gebe ihr die beiden extra Flaschen und düse wieder los.

Es geht heute fast nur durch Olivenhaine. Gelegentlich gibt es auch ein Feld mit Weinreben. Zwischen den Olivenbäumen stehen immer wieder Feigenbäume, die voll mit Feigen hängen, leider noch unreif. Zweimal habe ich Glück und es gibt einen Baum mit Nektarinen und einmal stehen mehrere Aprikosen- und Pflaumenbäume zwischen den Oliven. Ich pflücke mir jeweils einige Früchte und bilden eine gute Ergänzung meines Wassers dar mit dem ich von nun an Haushalten muss. Der gute Liter Wasser muss meinen Weg halten und ich laufe heute gut 35 Kilometer.

Um kurz nach Vier bin ich dann endlich in Corato. Die Stadt ist tot. Nichts hat offen – erst nach längerem Suchen finde ich eine geöffnete Bar. Kamelartig trinke ich Wasser und eisgekühlte Aranciata. Nach zweimal Liter Flüssigkeit fühle ich wieder wie ein Mensch und ruf jetzt in dem Albergo an, das ich unterwegs gebucht hatte.

Wie mir der Inhaber nach dem Buchen des Zimmers bereits geschrieben hatte, ist die Rezeption Sonntags nicht geöffnet. Nach kurzer Zeit kommt ein junger Polizist mit Pistole im Holster und erledigt die Formalitäten. Er muss zweimal mit dem Inhaber telefonieren, da ich nicht mein letztes Dokument – meinen Führerschein – auch noch in einem Hotel an der Rezeption liegen lassen. Denn der Hotelier ist wenigsten heute so ehrlich und sagt dass er Morgen nicht um sieben im Hotel sein wird. Dem Polizisten ist es arg, dass er mir keine Rechnung mit gegeben kann. Mir ist das egal, nur weiß ich, dass in Italien das Pflicht ist und ohne Ricevuto man aus keiner Bar, keinem Restaurant und schon gar nicht aus einem Hotel gehen darf. Lässt man diese liegen, wird sie einem hinter her getragen.

Nach etwas Erholung und der obligatorischen Wäsche setze ich mich um halb sieben in eine Bar auf dem Hauptplatz und lasse es mir mit weiterer Flüssigkeitszufuhr gut gehen. Von hier beobachte ich wie die Stadt aus dem Nachmittagskoma allmählich erwacht. Um ist der Platz voll mit Menschen, die herumlaufen, auf Bänken sitzen und sich unterhalten. Mir fällt nicht zum ersten mal auf meiner Pilgerfahrt auf, dass hier das Smartphone eine deutlich geringere Rolle im Leben der Leute zu spielen scheint. Lediglich Kinder werden mit dem Gerät ruhig gehalten. Kinder in Elektroautos gibt es dafür öfter. 

Einen Plan für die nächsten beiden Tage habe ich auch schon. Übermorgen werde ich Bari erreichen und dort habe ich ein „richtiges“ Hotel gebucht. Ich brauche mal wieder ein bisschen Erholung und hoffe, dass ich mir mal alle meine Sachen richtig reinigen lassen kann.

Tag 8: 15.06.19

Stornara —> Canosa Di Puglia

Heute Morgen ist es bedeckt, trotzdem schwitze ich schon während des Packens. Es ist schon wieder am Morgen 27 Grad. Die Luftfeuchtigkeit ist deutlich höher als die vergangenen Tage. Es wird, obwohl die Sonne sich nie so richtig durchsetzen kann der heißeste Tag mit 39 Grad. Da oft ein leichter Wind weht fühlt es sich an als würde man ständig warm angepustet. 

Nach gut 15 Kilometer komme ich Cerigola, seit langem eine richtig Stadt, nicht besonders attraktiv – alles wirkt etwas heruntergekommen. Zunächst kaufe ich in einer Apotheke eine antibiotische Creme und leichtes Verbandsmaterial, da meine Problemzehe schrecklich aussieht: ich habe heute Morgen die alten Compeed Pflaster abgemacht und dabei feststellen müssen, dass sich der Nagel unter dem Pflaster aufgelöst hat und eine Blase aufgerissen ist. Ich kann sie mit einem neuen Blasenpflaster nicht gänzlich schließen, weshalb ich befürchte sie könnte sich entzünden. 

Danach nehme ich mein typisches Frühstück in einem Café auf dem zentralen Platz ein. Menschen wuselten um mich herum. Es tobt das Leben hier: Menschen und Autos überall um mich herum. 

Aus Cerigola führt mein Weg zunächst entlang einer stark frequentierten Straße Richtung meines Ziels Canosa Di Puglia. Hier gibt es keine Getreidefelder mehr sondern nur noch Wein, Oliven und neu Aprikosen. Gelegentlich klaue ich die eine oder ander Reife Aprikose.

Später kann ich auf einem Feldweg meinen Weg fortsetzen. Als ich einFlüsschen überqueren muss nehme ich die Ponte Roma – so sagt es meine Wanderapp – allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Brücke von den Römern erbaut wurde. Auf der anderen Flussseite steht ein hölzerner Aussichtsturm. Ich erklimme ihn und lege mich auf der „Aussichtsplattform“ schlafen.

Nach Canosa geht es zunächst durch ein Industriegebiet bergauf in die Stadt. Der Hügel treibt mir den Schweiß aus dem Leib. Das Stadtzentrum ist um drei Uhr ausgestorben. Sogar die Bars sind hier um diese Uhrzeit geschlossen. Ich finde eine Gelateria, wo ich eine Aranciata trinke und ein Eis esse bis ich einigermaßen wieder abgekühlt bin und zu meinen B&B gehen kann.

Das Haus sieht von außen häßlich aus wie die restliche tote Stadt. Als ich klingele, werde ich in die zweite Etage gebeten, wo mir eine Matrone die Tür öffnet. Mir schwant Übles, werde allerdings positiv überrascht. Ich bekomme ein großzügig geschnittenes Zimmer, das geschmackvoll eingerichtet ist und ein vollfunktionsfähiges Bad hat. Nicht mal die Brause der Dusche ist verkalkt und hat einen für hiesige Verhältnisse hohen Wasserdruck. Der Balkon ist schattig und zeigt in eine Gartenanlage. Das tollste, das Zimmer ist klimatisiert und die Klimaanlage macht weder unangenehme Geräusche noch zieht es. Hier bewege ich mich nicht mehr fort.

Um halb neun meldet sich mein Hunger und ich gehe in eine nahegelegenen Osteria, wo ich ein hervorragendes Abendessen serviert bekomme. Es gibt keine Karte. Der Inhaber klärt mit mir das Menü ab. Da mir das meiste nichts sagt, sage ich fast immer si si. mein Verhalten zahlt sich aus. Es handelt sich um lokale Produkte, die alle frisch zubereitet werden. Einfach lecker! Nachdem sich so ab neun das Lokal sich zu füllen beginnt, wird es laut. Es wird sich über Tische hinweg lautstark unterhalten. Man versucht mich mit einzubinden, ich verstehe aber eigentlich nur Bahnhof, wenn es um mehr geht als woher ich komme, was ich hier mache und was ich vom Süden Italiens halte. Eins ist mal klar, hier hält man vom Norden, und der beginnt südlich von Rom, mal gar nichts. Hier ist Neapel der Ankerpunkt.

Tag 7: 14.06.19

 

Castelluccio dei Sauri —> Stornara

Heute Morgen ist es deutlich wärmer als bisher, die Temperatur liegt bereits bei 27 Grad Celcius als ich starte. Trotzdem komme ich schnell voran und erreiche schon kurz nach halb zehn Ordona, Das waren knapp 15 Kilometer. Erste Aktivität in Ordona: ich gehe in die hiesige Apotheke, um meinen Bestand an Compeed aufzustocken. Das ist vergeblich – kennt man nicht, hat man nicht. 

Also suche ich die einzige Bar von Ordona auf. Alle Außenplätze sind in der Sonne. Auch wenn ich das eigentlich mag, setze ich mich innen an einen Tisch und breit mich aus. Damit die Füße trocken bleiben, ziehe ich die Schuhe aus, sobald ich meinen Rucksack auf einen Stuhl platziert habe. Dann bestelle ich Panini: heute gibt es nur Mini-Brötchen und von denen brauche ich jetzt mindestens drei. Später esse ich noch einen Donut. 

Hinter Ordona ändert sich der Ackerbau. Es gibt vermehrt Olivenbäume und große Weinäcker. Die Reben sind mal mehr und mal weniger gepflegt. Die Olivenbäume sind alle für die Ernte vorbereitet. Entsprechende Netze sind auf Leinen entlang Olivenbaum Reihen gespannt und müssen zur Ernte nur noch ausgerollt werden. 

Unter einer Gruppe von Olivenbäumen mache ich es mir gemütlich und schlafe ein Runde im Schatten, den die Bäume spenden. Gut erholt starte ich eine Stunde später. jetzt muss ich nur noch gut sechs Kilometer pilgern bis zu meiner heutigen Unterkunft vor den Toren Stornaras auf einem Bauernhof. Hier mache ich es mir gemütlich, nach dem ich Wäsche und mich gewaschen habe. 

Später schlendere ich in der unbeschreiblichen Hitze, um möglichst nicht ins Schwitzen zu kommen in den Ort. Ich muss Bargeld „tanken“, hinreichend Wasser für Morgen besorgen und will mal schauen, ob ich Compeed in eine der beiden Apotheken des Städtchens bekomme. Nach erfolgreichen Besorgungen, einem Eis und einem Café in einer Bar, zockele ich genauso langsam in der sengenden Sonne wieder zurück zum Bauernhof. Mir graut schon vor heute Abend, wenn ich mir ein Restaurant suchen muss vor der Hitze.

Heute ist meine erste Woche rum. Geschafft habe ich knapp 200 km. Das ist unter dem mir selbst gesetzten Durchschnitt von etwa 32 km pro Tag. Aber ich habe mich jetzt an die klimatischen Bedingungen gewöhnt und mein Körper geht mittlerweile ganz gut damit um. Meinen Füßen geht es auch eigentlich ganz gut. Blasen habe ich nur am rechten Fuß und sie sind am abheilen. Also steht nichts im Wege, die noch fehlenden 470 km in den nächsten beiden Wochen zu schaffen. 

Tag 6: 13.06.19

 

Troia —> Castelluccio dei Sauri

Die Straßen von Troia sind wie leergefegt als ich um viertel nach sieben durch die Stadt laufe. Der Ort befindet sich noch im Tiefschlaf. Er zieht sich schmal und lang auf dem Bergrücken entlang. Ganz am Ende des Städtchens komme ich an einer Bar vorbei. Hier ist der Teufel los. Die Bar scheint ein Seniorentreff zu sein – oder alle, die an seniler Bettflucht leiden, haben sich vor der Bar versammelt.

Ich wandere von der Anhöhe, auf der Troia liegt, hinunter ins Tal. Das Landschaftsbild heute ähnelt dem von gestern: Felder so weit das Auge reicht, hier und da erhebt sich ein sanfter Hügel. Angebaut wird vor allem Getreide: Hafer, Gerste, Weizen. Gelegentlich komme ich an einem Gemüseacker vor bei.

Mein heutiges Ziel, Castelluccio dei Sauri, liegt ebenfalls auf einem Hügel, der bestellt ist mit Olivenbäume; die wenigen Bäume weit und breit, die ein wenig Schatten spenden.

Castelluccio erreiche ich nach ca. 20 km zur Mittagszeit. Bevor ich zu dem reservierten B&B gehe, gönne ich mir einen Café und eine eiskalte Fanta. Während ich im Schatten vor der Bar sitzend das Süßgetränk genieße, kommt eine Pilgerin vorbei – es gibt doch noch weitere Aliens, die zu Fuß durch Italien reisen. Sie winkt nur kurz und geht im Schneckentempo vorbei. Sie wechselt kein Wort mit mir: ich glaube ich habe sie verärgert:

Etwa zehn Kilometer hinter Troia, sehe ich in weiter Entfernung jemanden – vermute ich. Schon mehrfach habe ich bei dem flimmernden Sonnenschein geglaubt, einen Menschen wahrgenommen zu haben, tatsächlich war es aber meist ein Schild oder ein mannshohes Bäumchen. Also bin ich nicht sicher – aber es bewegt sich: vielleicht ein Feldarbeiter, der am Rand seines Ackers arbeitet. Etwa zehn Minuten später und einen Kilometer weiter bin ich sicher vor mir schlendert jemand mit Rucksack die Straße entlang. Kurz drauf hole ich die Wanderin ein, auch weil sie bei jedem Fahrzeug, das vorbei kommt, stehen bleibt und anschließend langsam wieder losläuft. Ihr Rucksack ist gemessen an meinem gigantisch; sie wirkt, als wäre sie dick angezogen: lange steife Hose, T-Shirt, knöchelhohe Schuhe und Mütze, so dass nur das Gesicht herausschaut. 

Sie ist Italienerin und kommt aus Venedig und hat wie ich Santa Maria di Leuca zum Ziel. Sie ist vor 22 Tagen in Rom gestartet. Ich erzähle ihr, dass ich in Capua meinen Weg begonnen habe und heute mein sechster Tag ist. Das findet sie doch sehr schnell. Was mich verleitet, zu sagen, dass ich in gut vierzehn Tagen in Santa Maria di Leuca sein möchte und deshalb etwas Gas geben muss. Das bekommt sie wohl in den falschen Hals und denkt vermutlich, ich wolle nicht länger mit ihr reden. Also verabschiedet sie sich mit einem Bon Camino. 

Ich nehme dann halt wieder meine Normalgeschwindigkeit von 5 km/h auf. Nach gut einem Kilometer komme ich durch eine Ansiedlung mit einer Bar, gerade wird frisches Brot geliefert. Toll, jetzt bekomme ich ein frisches Panino und lasse es mir Salami mit Pecorino belegen, dazu gibt es den obligatorischen Cappuccino und viel Wasser. Nachdem ich mein Brot aufgegessen habe, kommt auch die Italienerin, trinkt in der Bar einen Café, geht zur Toilette und geht weiter. 

Ich bin überrascht, obwohl ich noch etwa eine halbe Stunde geblieben bin – mich treibt heute nichts, da ich meinen Füßen einen zweiten ruhigen Tag gönne – die Pilgerin nicht vor Castelluccio eingeholt habe. Sie scheint eine andere Wegvariante gewählt zu haben. Als sie nun in Castelluccio an der Bar vorbeikommt, spricht sie auch jetzt nicht mit mir und nickt nur mit dem Kopf, was nach meiner Erfahrung für Italiener sehr ungewöhnlich ist.

So genug über eine Pilgerin geplaudert. Jetzt geht es zu meiner heutigen Unterkunft. Der Vermieter ist nicht Vorort und ich rufe ihn an; ein nicht ganz einfaches Gespräch, da er nur Italienisch kann. Wenn ich richtig verstanden habe, kommt er erst um 18:00 Uhr. Also muss meine Wunderwaffe Giuseppe herhalten, ich bitte ihn, noch einmal bei Vermieter anzurufen. Tatsächlich handelt er ihn auf 16:00 Uhr runter. 

Ich suche mir ein paar Straßen weiter eine schattige Parkbank und mache es mir gemütlich. Kurz nach drei hält ein Auto neben mir und fragt, ob ich Harald Jakob bin. Prima dann hat eine Siesta gereicht, bis ich mein heutiges Zimmer beziehen kann und es ist so früh, dass ich meine Wanderhose, die vor Dreck steht, waschen kann und trocken kriegen werde.

So Morgen muss ich wieder angreifen und meine Etappenlänge auf 30 km plus bringen. Ich habe für mindestens die nächsten beiden Tage beschlossen, den Weg etwas zu begradigen und so viel abzukürzen, dass ich mit durchschnittlich 30 km pro Tag mein Ziel on Time erreichen kann.

Tag 5: 12.06.19

 

Faeto —> Troia

Ich habe beschlossen heute einen kürzen Wandertag einzulegen. Das hat gleich mehrere Gründe:

(1) meine Füße und mein von der Sonne malträtierte Körper brauchen eine Erholungsphase. Ich habe mittlerweile sogar auf dem Kopf einen leichten Sonnenbrand. 

(2) Troia mein nächstes Ziel ist ein e wunderschöne Kleinstadt mit Einkaufsmöglichkeiten, die ich unbedingt besichtigen und für meinen geschunden Kopf eine Mütze erwerben möchte

(3) die nächste Übernachtungsmöglichkeit über 40 km entfernt ist

Meine Wanderapp führt mich über kleinste Wege in einen nahegelegenes Dörfchen auf einem Bergkamm; es erinnert mich an Castefalfi in der Toskana. Wirklich schön – nur es gibt keine Bar. Das bedeutet für mich, dass ich mit meinem Wasser bis nach Troia kommen muss und ich bis dahin auch kein Frühstück bekommen werde.

Hinter dem Bergdorf komme ich am Friedhof vorbei und der Weg führt mich durch hüfthohes Gras. Schlangen und Gekos Rascheln über den nicht sichtbaren Boden. Ich gehe mutig davon aus, dass keines der Tiere für eine veritable Beute hält und mir deshalb auch nichts tun wird. An einem Bach endet der Weg. Super: zurück möchte ich nicht und durch dennBach natürlich auch nicht. Anhand des GPS gehe ich also ohne Weg direkt Richtung der nächsten Straße querfeldein. Das führt mich durch Unterholz, quer durch Getreidefelder, entlang von Ackerrainen. 

Nach einer Stunde stoße ich auf einen Feldweg, der zumindest mal nicht in die falsche Richtung führt und immer noch besser ist als die Option weiter durchs Gestrüpp zu tigern. Unter dem nächsten schattenspendenden Baum mache ich eine Pause, um meinen Körper von dem aufgesammelten Gestrüpp, Gras und Getreide zu säubern. Das Zeug klebt überall an mir, da es sich  durch Schuhe und Kleidung durchgearbeitet hat.

Zwei Stunden sind rum und nur gut sechs Kilometer geschafft; gut dass ich nur in Summe zwanzig Kilometer zu bewältigen habe. Der Feldweg führt mich ständig bergab. Wie ich Google Maps entnehme habe ich den Apennin geschafft oder besser gesagt er, hat er mich geschafft. Troia liegt zwar auf einer Anhöhe aber ich bin bereits in der Tiefebene, die sich bis zur Adria erstreckt.

Von weitem sehe ich Troia. Ich freue mich auf die erste Bar. Ich habe einen Bärenhunger und unbändige Lust auf eine Aranciata – eiskalt und hoch zuckerhaltig.  Erst danach suche ich meine heutige Unterkunft. Ich habe mitten in der Stadt in einer sehr engen Gasse ein B&B angemietet. Ich muss eine sehr steile und schmale Treppe rauf und erreiche im 1. OG eine Wohnung, die ich für mich habe. 

Bevor ich mich um Wäsche waschen kümmere und dusche, haue ich mich auf‘s Sofa und schlafe eine Stunde.

Gegen Abend besichtige ich die Stadt, die immerhin eine Kathedrale hat und besorge mir eine Baseballmütze zum Schutz meines Hauptes vor der Sonne. 

Heute fühle ich mich aufgrund der doch deutlich geringeren Anzahl Kilometer viel besser. Morgen lege ich gezwungenermaßen noch einen easygoing Tag ein, da es auch weiterhin wenig Unterkünfte gibt. 

Es ist noch keine elf Uhr und ich bin so müde, dass ich beim Schreiben meines Tagebuches immer wieder einschlafe.

Tag 4: 11.06.19

 

Casalbore —> Faeto

Heute bin ich rauf und runter durch den Apennin gewandert – deutlich mehr rauf als runter – über schmale Straßen, staubige Pisten und Wiesenwege. Hier ist es ganz schön einsam. Entsprechend sehe ich kaum Autos und Menschen. Traktoren sind deutlich in der Mehrzahl. Hier ist für manche Getreideart bereits Erntezeit.

Treffe ich auf jemanden, werde ich zunächst angestarrt als wäre ich ein Alien. Dann sprechen mich die meisten an und wollen wissen, ob ich ein Pilger bin, wo ich herkomme und wo mein Ziel ist. Immer muss ich mich entschuldigen, dass ich kein Italienisch spreche, das stört aber niemanden, es wird erzählt und gefragt. Auch die Autofahrer halten oft an, um ein zwei Sätze zu wechseln. Ein höfliches Völkchen, die Menschen vom Apennin. 

In einem Miniort gibt es einen Agroturismo: an der Straße steht ein völlig verwittertes Tabacchi Schild. Sofort vermute ich eine Bar. Ich gehe hin und frage eine Gruppe von laut redenden Frauen, ob ich ein Panino, einen Café und ein Wasser bekommen kann. Die Antwort ist ein si, si, si und man bedeutet mir, an einem Tisch im Schatten Platz zu nehmen. Eine alte klapprige Frau bringt mir das gewünschte und ich lasse es mir gut gehen.

Kaum habe ich begonnen zu essen, kommt ein Priester oder Mönch angetrabt und setzt sich zu mir. Er hat bei der Hitze eine Kutte mit einem ganz schweren Material an; sie ist schmutzig und schwitzen muss der arme Kerl sicher auch. Lächelnd begrüßt er mich, den Pellegrino, Er gibt mir seine Hand, obwohl er Arbeitshandschuhe an hat. Bis nach Santa Maria di Leuca möchte er auch mal pilgern. Er mutmaßt, dass ich schon sechzig bin – so eine Unverschämtheit: ich sehe doch nicht aus wie sechzig oder – und meint, wenn ich das schaffte, dann würde er, da er doch noch deutlich jünger ist, das auch schaffen. Er will genau wissen, wo ich gestartet bin, wo mich mein Weg entlang führen wird, wie lange ich denke zu brauchen und und und. Puh, den krieg ich gar nicht mehr los. Auch er spricht mit mir Italienisch und will wissen, wieso ich ihn verstehen kann. Ich erzähle ihm, dass ich in der Schule Latein hatte und die eine oder andere Vokabel mir im Kopf geblieben ist. Nun beginnt er doch glatt Latein zu sprechen und ich verstehe nur Bahnhof. Nach meinem Verständnis ist Italienisch Latein ohne Grammatik und mit der stand ich schon in der Schule auf Kriegsfuß. Ich muss den Typ stoppen, sonst sitze ich nicht nur den ganzen Tag hier, sondern muss am Ende noch eine Lateinprüfung ablegen.

So jetzt kommt der große Aufstieg. Belohnt wird der mit der Ankunft in einem Bergdorf, in dem es nicht nur eine Bar sondern auch eine Apotheke und einen Tante-Emma-Laden gibt. Ich kaufe 50er Sonnencreme, Blasenpflaster und Wasser. 

Es sind nur noch gut acht Kilometer bis zum meinem heutigen Ziel, Faeto, wo ich eine Ferienwohnung mit 90 qm gemietet habe – das ist für einen verschwitzten und völlig fertigen Pilger doch ein schönes Quartier. Ich freue mich auf die übersichtliche Reststrecke. Faeto liegt etwas niedriger als Castelfranco, wo ich mich gerade befinde, und nach meiner App sehe ich keine gravierenden Höhenunterschiede – das wird ganz easy. Denkste, ich habe wohl nicht richtig hingeschaut. Direkt nach Castelfranco geht es steil bergab – das mögen meine mit Blasen überzogenen Füße nun so gar nicht und anschließend geht es auf kürzester Distanz wieder genauso hoch – man macht mich das fertig. Mehrere Pausen sind von Nöten, um meinen Körper samt Rucksack den Berg hoch zu wuchten: Ich muss dringend drei Kilo Körpergewicht los werden.

Als ich fast oben bin, quält sich ein kleines Auto den Berg rauf und hält neben mir an. Der Fahrer lässt mich wissen, dass die Straße oben endet und ich nicht weiter kommen werde. Ich danke ihm für die Information und denke mir, wenn Du glaubst, ich gehe da wieder runter und laufe einen Umweg von mehreren Kilometern hast Du Dich aber schwer getäuscht. Nach meiner Wanderkartenapp endet die Straße zwar aber ein Pfad müsste weiter gehen und wenn nicht gehe ich quer durch die Felder – zurück ist keine Option. Die Wanderkarte hat recht, es gibt einen Wiesenweg, nur ist dieser weniger ein Weg als ein Bachbett. Mühevoll muss ich mal durch das flache Wasser, mal am Rand entlang bis ich nach knapp einem Kilometer wieder auf einer Schotterpiste lande. Nach dem ich die nassen Socken durch trockene Ersetzt habe geht es zügig nach Faeto.

Tag 3: 10.06.19

 

Benevento —> Casalbore

Heute muss ich unbedingt etwas kürzer treten. ich nehme mir knapp 30 km vor – meine Füße sehen nicht gut aus: mein zweiter Zeh am rechten Fuß ist einfach zu lang geraten: wie fast immer beim Wandern bedeutet das dicke fette Blase an der Spitze des Zehs mit Verlust des Zehennagels. Noch ist der Nagel dran, sieht aber nicht gut aus: nächstes Blasenpflaster. Die Hitze und der Schweiß haben meiner Haut auch nicht gerade gute Dienste geleistet. Nun heißt es auf die Zähne beißen.

Um Punkt sieben stehe ich an der Rezeption. Wer ist nicht da: mein verehrter Hotelwirt. Ich höre aber einen Wecker im Nebenraum zur Rezeption klingeln. Es tut sich aber nichts. Also schaue ich nach. Auf einem Bett nur mit einem T-Shirt bekleidet liegt der feiste Wirt und schläft. Das Klingeln stört ihn wenig. Ich rufe und klopfe – nichts. Rein gehen möchte ich nicht: das ist mir einfach zu unappetitlich.

Also lege ich das Geld mit dem Schlüssel auf den Tresen und verschwinde. Das Bild mit dem Wirt und seinem nackten Hintern auf dem Bett liegend bleibt in meinem Kopf.

Um sieben ist es tatsächlich deutlich kühler: nur 19 Grad. Die Temperaturkurve ist allerdings steil. Heute führt mein Weg hoch in den Apennin. Ich komme nur noch durch vereinzelt liegende Bauernhöfe, gelegentlich ein Betrieb, der Marmor bearbeitet. Es geht auf und ab mehr rauf als runter. Vorfällen das runter mögen meine Füße nicht. Bergauf wandelt Sol meinen Körper jedesmal wieder in einen Artesischen Brunnen. 

Ich nehme einen kleinen Umweg in Kauf, um an einer Bar vorbeizukommen. Um zehn bekomme ich endlich mein Frühstück. Panini hat man nicht dafür Pizza, was zwar nicht unbedingt meine Lieblingsspeise zum Frühstück ist aber ich habe Hunger.

Ich bleibe eineinhalb Stunden: dann habe ich genug gegessen und getrunken. Auch sind mein Körper und meine Klamotten wieder trocken. Als ich aufbrechen möchte kommt ein Pilgerpärchen, ich denke mein Alter, herein. Die beiden hatte ich schon kurz hinter Benevento getroffen. Wir unterhalten uns kurz, dann nehme ich die letzten 13 Kilometer in Angriff. Mir graut davor, da es noch deutlich die Berge rauf gehen wird.

Nach knapp acht Kilometern bin ich fertig. Die Sonne – oder sollte ich besser sagen der Sonnengott – presst mich aus. Ich bin völlig kraftlos. Auf einem Hügel vor mir sehe ich einen Hof vor dem ein Baum steht. Da muss ich hin. Nach dem ich ihn erreicht habe lege ich mich auf die Straße, Rucksack unter meinen Kopf, Hintern auf meine Schuhe und ich schlafe umgehend ein. Aber mein Nickerchen wehrt nur kurz. Der Bauer bringt mit seinem Traktor einen Wasseranhänger. Diesen schließt er an ein Bewässerungssystem an. Dann pumpt er das Wasser mit lautem Getöse langsam ab. Ich tue so als würde mich das nicht stören. Das scheint den Bauern zu inspirieren und kommt zu mir rüber. Er zwängt mir ein Gespräch auf. Ich verstehe nur Wortelemente, das stört ihn nicht. Er unterhält sich mit mir prächtig. Nach einem Monolog von vermutlich zehn Minuten und einige si si von mir verabschiedet er sich freundlich von mir mit einem Buon Camino. 

Trotzdem bin ich erfrischt und sehe auf meinem Handy, dass ich nur noch sechs Kilometer vor mir habe. Das ist ein Klacks, denke ich. Nach drei Kilometern habe ich brennenden Durst. Meine letzte Wasserflasche muss dran glauben. Mit der Wasserflasche in der Hand und Schluck für Schluck schleppe ich mich bis nach Casalbore. In der Bar in der Dorfmitte frage ich, ob es eine Übernachtungsmöglichkeit gibt. Der Barmann telefoniert kurz und schickt mich den Berg rauf. Er erjklärt mir, dass ich Glück habe nach Casalbore gekommen zu sein, da es außerhalb des Dorfes weit und breit keine Herbergen gibt. Na dann werde ich später gleich booking.com bemühen müssen, damit ich mich Morgen nicht wieder auf mein Glück verlassen muss, denn die nächsten Tage komme ich durch keine größeren Ortschaften mehr.

Hoch über Casalbore komme ich zu einem Agroturismo. Das ist gut, hier kann ich im Schatten im garten sitzen und auch zu Abendessen, ohne noch einmal runter ins Dorf zu müssen. Ich werde freundlich zunächst von drei Hunden empfangen. Dann kommt aber auch schon die Gastgeberin heraus. Vor den Formalitäten bekomme ich zunächst eine Flasche kaltes Wasser. Ich bekomme ein großes Zimmer mit ganz kleinen Fenstern. Es ist schön kalt – super.

Später setze ich mich in den Garten und führe mein Tagebuch, das ich bisher sträflich vernachlässigt haben. Die Hunde kommen und animieren mich, mit ihnen zu spielen. Hier wimmelt es von Tieren: Gekos wuseln überall herum, eine Natter – bestimmt einen Meter lang – schaut vorbei und die Hunde rasten aus als ein Pferd in den Stall geführt wird.

Hier oben weht ein angenehmer Wind, im Hintergrund donnert es – vielleicht zieht noch ein Gewitter auf, das die Temperaturen drücken könnte. Schau‘n wir mal. Besser ich kümmere mich um meine Wanderroute für die nächsten Tage, so dass ich bei ungefähr 30 Kilometertagesleistung auch ein Bett finde. Für Morgen buche ich eine Ferienwohnung etwas abseits der Route, da es tatsächlich nichts anderes gibt. Übermorgen kann ich dann in Troia sein, dort gibt es mehrere Übernachtungsmöglichkeiten. Damit sind die beiden nächsten Tage mal klar.

Weniger erfreulich: beim Ausfüllen des Anmeldescheins fällt mir auf, dass der Depp von einem Wirt in Benevento noch meinen Personalausweis hat. Ich hatte ganz vergessen, dass er mir den gestern nicht zurück gegeben hatte. Ok, da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Ich werde Morgen mal mit Giuseppe telefonieren, um ihn zu bitten mir mit seinen Italienischkenntnissen zu helfen.

Tag 2: 09.06.19

 

Forchia —> Benevento 

Ich nutze die Morgenstunden, um der Hitze etwas zu entkommen und starte um 08:00 Uhr. Es ist Pfingstsonntag und niemand ist auf der Straße. Allein wandere ich nach Montesarchio.

Unterhalb der mittelalterlichen Stadt, die, wie der Name sagt, auf dem Berg liegt, mache ich gegen 10:00 Uhr Pause und esse in einer Bar ein Panino – mein Frühstück. Da ich heute unbedingt noch bis Benevento will, buche ich vorsichtshalber mal ein Zimmer in einem kleinen Hotel über booking.com mitten in der Stadt, so dass ich diese nach meiner Ankunft besichtigen kann. Benevento war von großer Bedeutung für Rom in der Antike – also ein Muss für mich. Hier wurde der Punische Krieg gewonnen. Wie ich bei Wikipedia nachlese – bedeutet der Name Benevento nicht der gute Wind, so meine Annahme, sondern gutes Ereignis. So haben die Römer nach dem Sieg im Punischen Krieg Beneventum genannt. Vorher hieß die Stadt Maleventum – das wirkt auf mich wie ein Witz. Heute ist Benevento den meisten wohl aus dem Kino bekannt. In Benevento haben sich die Sklaven unter der Führung von Spartakus gegen Rom aufgelehnt. Der Aufstand wurde in Benevento niedergeschlagen und alle überlebenden Sklaven entlang der Via Appia von Benevento bis nach Capua als Abschreckung an Kreuze genagelt.

Zurück nach Montesarchio: nach einer Stunde und zwei Cappuccini, einem Café und 1,5 Liter Wasser bin ich bereit, den Berg zu erklimmen. Um acht war es „nur“ 22 Grad warm, jetzt um elf sind es bereits wieder 32 Grad.

Kurz hinter Montesarchio komme ich an einer Kapelle vorbei. Man feiert Pfingsten. Jemand von den Feierenden spricht mich an, ob ich auf der Via Francigena pilgere, dem Weg den Petrus angeblich nahm, als er aus Griechenland in Santa Maria di Leuca in Italien an Land ging, um nach Rom zu gelangen. Ich bestätige seine Annahme und dass Santa Maria di Leuca mein Ziel ist. Jetzt komme ich hier nicht mehr weg. Mit Händen und Füssen, ein bisschen Englisch und noch weniger Italienisch unterhalten wir uns. Ich muss mit der Gemeinde selbstgemachte Gebäck essen. Ich kann gerade noch verhindern ohne allzu unhöflich zu werden, auch noch mit Ihnen Wein zu trinken – dann wäre mein Wandertag bereits kurz hinter Montesarchio zu Ende gegangen. Zum Schluss schenkt man mir noch eine Tonpfeife, die ich gleich an meinen Rucksack hänge. 

Eine halbe Stunde später und vom heiligen Geist beseelt geht es weiter. Sol – der Sonnengott – scheint von meinem Heiligen Geist Erlebnis nicht besonders begeistert zu sein: er macht meinen Körper mit seiner Strahlkraft zu einem Artesischen Brunnen. Ich kann nicht so schnell trinken, wie die Flüssigkeit aus meinem Körper sprudelt. 

Kurz vor Benevento gehe ich einen Feldweg entlang. Mit einmal raschelt es links und rechts von mir – und schon springen zwei Wildschweinfrischlinge aus dem Gebüsch. Wo zwei Frischlinge sind, sind auch weitere Tiere – das hat mir noch gefehlt, von einer Rotte Wildscheine angegriffen zu werden. Da nach den Geräuschen auf beiden Seiten des Weges die Tiere sich aufhalten, kann ich mich nicht vorsichtig auf einer Seite vorbei schleichen. Ich gestehe: ich habe Angst – wenn mich ein Muttertier angreift, ist mein Weg hier heute zu Ende. Ich warte – stehen bleiben macht auch keinen Sinn: die haben mindestens genauso Angst vor mir wie ich vor ihnen. Also gehe ich ganz langsam weiter: Geraschel, aber keine Tiere, dann kommen drei Frischlinge und wechseln die Seite. Ruhe. Ich gehe weiter. Lautes Geraschel und schon rennen drei Alttiere über den Weg und hauen ab ins Feld. Jetzt gehe ich etwas beruhigter weiter. Vor lauter Angst habe ich nur von weitem von den ersten beiden Frischlingen ein Foto gemacht – schade.

Gut 32 km sind es bis ich in Benevento ankomme und das bei 34 Grad ohne auch nur einen Hauch von Schatten. Ich bin fertig als ich im Hotel ankomme. Der Inhaber ist zu allem Überfluss auch noch ein komischer Kautz, der mich am liebsten in die kleinste Kammer seines Establishments verbannt hätte. Mein Geld will er auch nicht. Zweimal bitte ich ihn bezahlen zu dürfen. Nein er will unbedingt erst bei Abreise bezahlt werden. Ich hoffte ihn mit dem Hinweis umzustimmen, dass ich am nächsten Tag bereits um 07:00 Uhr aufbrechen möchte – denkste, no problemo sette hore. 

Nach dem Duschen geht es in die Stadt: zum Arco di Traiano, in den Dom und zum Schluss in die Chiesa di Santa Sofia. Der Altstadtkern von Benevento ist definitiv grandios. Die Anlage der Straßen mit ihren Fluchten sowie dem Tor nach Osten (Arco di Traiano), dem Duomo als Zentrum und dem Ensemble um die Chiesa Di Santa Sofia sind beeindruckend.

 

Nach der Stadtbesichtigung esse ich noch eine Antipasta (Klöse aus Polpettae in einer Tomatensoße) und danach eine Prima Piatta (Fusilli mit Auberginen in gesalzenem Ricotta) dazu einen Greco di Benevento. 

Im Hotel frage ich gleich noch einmal, ob es nicht besser wäre, jetzt zu bezahlen. Der Wirt verweigert das erneut. 

Tag 1: 08.06.19

 

Santa Maria Capua Veteri —> Forchia

Um 05:00 Uhr klingelt der Wecker. Widerwillig stehe ich auf und mache mich fertig. Im Taxi checke ich noch schnell ein, um mich nicht auch noch um eine Boardkarte kümmern zu müssen. Meinen Rucksack, der weniger als 9 kg wiegt, gebe ich beim Sperrgepäckschalter auf. So nun kann es los gehen: ich fliege nach Neapel und werde die nächsten drei Wochen auf der Via Appia und der Via Traiana wandern. 

Am Flughafen in Neapel nehme ich mir ein Taxi nach Santa Maria Capua Veteri ca. 30 km nordöstlich von Neapel. Dort angekommen muss ich mich mit dem Taxifahrer herumärgern: er möchte den doppelten Fahrpreis und argumentiert mit der Rückfahrt, für die er hier keinen Fahrgast finden wird – nach 5 Minuten lautstarker Diskussion und meiner Drohung die Carabineri zu rufen, gibt er nach und wir einigen uns auf den Preis gem. Taxameter plus üppigem Trinkgeld. 

 

In der nächstgelegenen Bar ziehe ich mich um und um 11:00 Uhr – schön in der Mittagshitze geht es am Hadrianstor los. Keine fünf Minuten später komme ich am Gladitoren-Stadion, dem zweitgrößten Italiens nach dem Koloseum in Rom, vorbei. Sowohl das Hadrianstor als auch das Stadion sind von der Stadt so „vereinnahmt“, dass man diese antiken Bauwerke gar nicht hinreichend in ihrer Pracht wahrnimmt.

Und was kommt schon nach nicht einmal zwei Kilometern: ein Lidl Markt – aber ohne Spontaneis aus unserer Produktion.

Die nächsten ca. 20 km geht es vornehmlich durch hässliche Vororte von Neapel, das hatte ich aufgrund der Bedeutung der Orte wie Capua und Caserta in der Antike bis ins späte Mittelalter nicht erwartet. In Caserta steht ein beeindruckendes Schloss der Bourbonen. Trotzdem bleibt der Eindruck: es gibt schönere Gegenden zu wandern.

Erst ab Maddaloni ändert sich das Umfeld und deshalb hänge ich nochmal gut 10 km dran. Es geht weiterhin durch die pralle Sonne, nun auch noch bergauf in den Apennin. Völlig ausgelaugt suche ich mir eine Übernachtungsgelegenheit in Forchia, einem kleinen hübschen Örtchen. In dem Bed & Breakfast stelle ich fest, ich hätte es besser mal langsamer angehen lassen sollen: die erste Blase, Muskelkater in den Oberschenkeln und zu allem Überfluss krampft während des Duschens meiner linker Oberschenkel: Voltaren und Blasenpflaster kommen schon am ersten Tag zum Einsatz.

Ich wusste zwar es ist schön warm im Süden Italiens. Dass es so heiß ist und, aufgrund des niedrigen Bewuchses, es sehr selten Schatten gibt, war mir nicht so richtig klar. Kein Wunder dass man in Südeuropa Sol, den Sonnengott, angebetet hat. Ich glaub‘ ich muss mit dem Burschen mal ein Wörtchen reden, sonst schaffe ich nie und nimmer im Schnitt 32 km pro Tag.

Schinken mit gesalzenem Büffelmozzarella auf Rucola und danach eine Pizza Margherita bringen mich wieder auf Touren. Der nächste Tag kann kommen.

Statistik meiner Pilgerreise auf der Via Francigena

 

Ich bin in Rom angekommen.  Nachfolgend mein Weg und meine Statistiken.

Am Morgen meiner Abreise war ich noch im Petersdom. Um 07:00 Uhr hat man ihn fast alleine. Er beeindruckt durch seine schiere Größe.

Die Schlüssel der Apostel Petrus und Paulus sind im Eingang des Petersdom in einer Bodenplatte eingelassen. Nun bin ich tatsächlich am Ende meiner Pilgerfahrt angekommen.

Mein Rucksack hatte ein Gewicht von 9,1 kg als ich in Lausanne aufgebrochen bin. In Rom angekommen hatte er nur noch 5,8 kg. In Pavia und in Sant’Andrea Bagni (Parma) habe ich eine Reihe von Gegenständen deponiert. In Pavia waren es die warmen Anziehsachen und der Schlafsack und in Parma blieb alles, was nicht wirklich dringend benötigt wurde. Wieder einmal hat sich gezeigt, wie wenig Dinge ich benötige, um glücklich zu sein.

In Summe bin ich gut  1.200 km gepilgert mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 5 km/h. In Summe habe ich eine Höhe von mehr als 22 km im Schnitt gut 500 m täglich.

Dabei habe ich in Summe 71.000 kKalorien verbraucht (knapp 1.700 kKalorien pro Tag) und 124 Liter Flüssigkeit (knapp 3 Liter pro Tag) verloren.

Ich habe etwa 10 Packungen Blasenpflaster der Marke Compeed verbraucht.

Schuhe und Strümpfe habe ich auch mehrfach gewechselt. Ich habe 4 Paarwanderschuhe genutzt. Die längste Strecke bin ich zum Schluss mit einem Sportschuh von Meindl mit einer Goretex Membran und Socken von Icebreaker gelaufen. Am bequemsten waren meine Adidas, in den ich aber so viele Blasen bekommen habe, dass sie mich schweren Herzens von ihnen getrennt habe. Zu Beginn hatte ich einen Bergschuh (Halbschuh) von Lowa, den ich nach der Alpenüberquerung aber durch einen leichteren Sportschuh, einer Marke die ich mir nicht merken konnte,  ersetzt habe.

 

Tag 42: 23.06.17

 

Der Weg in die Kapitale Rom ist viel schöner als erwartet. Ich bin davon ausgegangen, dass ich durch unendliche Industrie- und Gewerbegebiete laufen muss. Statt dessen pilgere ich nun durch verwilderte Parklandschaften und später hoch zum Monte Mario durch Wälder und Wiesen, von wo ich einen fantastischen Blick auf die Stadt und den Vatikan habe. Dominant ragt die Kuppel des St. Petersdom aus den Häuserreihen Roms heraus. Der Blick erzeugt eine große Vorfreude auf das Ankommen. Ich mache schon mal ein Selfie; wer weiß, ob das später auf dem St. Petersplatz noch möglich sein wird.

In der Innenstadt angekommen, suche ich zunächst eine Bar auf. Ich muss mich noch einmal stärken, bevor ich die restlichen beiden Kilometer in Angriff nehme. Vielleicht will ich das Ende meiner Pilgerfahrt auch noch ein wenig herauszögern?

Schnurgerade spaziere ich auf der Via Ottaviano von Norden auf den Vatikan zu. Ständig werde ich von „offiziellen“ Führern angesprochen, dass dies der falsche Weg zum St. Petersplatz sei. Sie alle wollen mir am Ende eine Führung verkaufen und versprechen, einen an den Schlangen von Wartenden vorbei direkt in den St. Petersdom zu bringen.

Ich erwehre mich dieser Geschäftemacher, denn bevor ich den Dom besichtige, muss ich erst einmal ins Pilgerzentrum und mir mein Testimonium ausstellen lassen. Aber als erstes möchte das Ende meiner Pilgerfahrt feiern. Ich setze mich auf dem großen Platz auf eine Stufe und lasse mich von der Sonne anstrahlen. Danach gibt es noch ein Selfie.

Jetzt muss ich mich sputen, denn das Deutschsprachige Pilgerzentrum schließt gleich und liegt auf der anderen Seite des Tibers in der Nähe der Engelsburg. Da gerade zwei Soldaten der Schweizergarde vorbei kommen, muss denen warm sein in diesen Uniformen, frage ich, ob es auf dem St. Petersplatz ein internationales Pilgerzentrum gibt. Gibt es tatsächlich und das hat sogar ganztägig geöffnet. Also begebe ich mich in die Opera Romana Pellegrinaggi. Dort erhalte ich meinen letzten Stempel in meinen Pilgerpass und mein Testimonium.

Da ich gesehen habe, dass sich spiralförmig die Besucher des Petersdoms auf dem Petersplatz aufreihen, frage ich, ob es eine Möglichkeit als Pilger gibt, an der Schlange vorbei in die Kathedrale zu kommen. Das ist leider nicht möglich. Der Dom öffnet morgens bereits um 07:00 Uhr und da habe ich den Dom für mich, lautet die Empfehlung. Also gut: morgen muss ich nochmal früh aufstehen. Denn ich stelle mich keine vier Stunden, so lange müsse man wohl mindestens kalkulieren – vielleicht auch eine Stunde länger – erfahre ich von der Empfangsdame des Deutschen Pilgerzentrums, in dem ich dann noch vorbei schaue.

Ich hatte erwartet, dass man dort freudig begrüßt wird. Das ist nicht der Fall; die wollen schließen und ich stehe Ihnen dazu im Weg, obwohl nach meiner Vermutung im Schnitt nicht einmal ein Deutscher Pilger pro Tag ankommt. Also verschwinde ich schleunigst und checke in mein Hotel ein, das keine 100 m vom Zugang zum St. Petersplatz liegt. Ich finde es schade, dass in Rom keine Willkommenskultur für Pilger existiert, nicht einmal ein Gottesdienst. Das war in Santiago de Compostela ganz anders.

Rom erwartet niemand – noch nicht einmal mich!

Ich freue mich trotzdem, dass nun meine Pilgerfahrt nach 42 Tagen und über 1.200 Kilometern zu Ende gegangen ist.

Am Abend spaziere ich vom Vatikan zum Trevi Brunnen und von dort weiter zur Spanischen Treppe, um alles, was so rechts und links des Weges liegt, wie das Parthenon und das Augustus Kolosseum, zu besichtigen. Ich starte erst kurz vor acht,  in der irrigen Annahme es wird leerer. Rom ist sicher eine wunderschöne Stadt, mir nur viel zu überlaufen.

In einer Enoteca trinke ich ein Glas Wein und esse einige Kleinigkeiten Auf dem Rückweg in der Nähe des Justizpalastes. Hier ist es deutlich ruhiger und die Preise sind akzeptabel. Da mein Hotel direkt am Vatikan gelegen ist, gehe ich in der Dämmerung noch einmal auf den Petersplatz. Es sind kaum noch Touristen auf dem Platz, so dass ich ihn in Ruhe aus verschiedensten Perspektiven bestaunen kann. Denn er ist ein Staunen. Mich begeistert, was Menschen in der Lage sind zu erschaffen. Was für eine Schönheit. Das ist überwältigend und ehrt nicht Gott sondern uns Menschen, besonders diejenigen, die ihn geschaffen haben.

Ich kann mich gar nicht satt sehen! Jeder Meter, den ich gepilgert bin, hat sich gelohnt, nur um hier zu stehen und zu staunen: veni, vidi, miravi!

Rom hier bin ich!

 

Tag 41: 22.06.17

 

Heute bin ich faul und mache kaum Fotos. Das liegt auch daran, dass meine Aufmerksamkeit vom Verkehr gefordert ist. Den gesamten Tag laufe ich auf engen, kurvenreichen und viel befahrenen Straßen. Da vermutlich die Hälfte aller Fahrer mit Handy am Ohr während der Fahrt telefoniert, muss ich höllisch aufpassen. Immer wieder donnern Autos mit hoher Geschwindigkeit dicht an mir vorbei. Manche kommen mir so nahe, dass ich von Ihnen regelrecht angesaugt werde und ich mich dagegen stemmen muss. Busses sind meine gefährlichsten „Gegnerr“. Sie scheinen es zu lieben, besonders dicht an Fußgängern vorbei zu fahren und aufgrund der großen Fläche ist die Anziehungskraft besonders groß: meine Erlebnisse spiegeln mein theoretisches Wissen aus dem Physikunterricht wider. Busfahrern lerne ich besonders schätzen, da sie sich nicht nur rücksichtslos verhalten sondern mich auch noch anhupen. Was denken die sich?

Nicht nur der Verkehr fordert mich, auch die Sonne ist eine höllische Herausforderung. Sie brennt ohne Unterlass. So häufig wie heute habe ich noch nie Pausen eingelegt. Manchmal falle ich schon nach drei Kilometern wieder in ein Bar und trinke einen halben Liter Wasser und zusätzlich Pomelosaft. Interessanterweise gibt es den seit ein paar Tagen in jeder Bar. Der Saft hat den Vorteil, dass er nicht gesüßt wird, wie die anderen Säfte, die sonst so angeboten werden. Lieblingssäfte der Italiener scheinen Pfirsich und Birne zu sein. Die gibt es wirklich überall. Sie taugen nicht als Furstlöscher, da sie viel zu sämig und süß sind. Was es auch oft gibt, ist Orangensaft aus sizilianischen Blutorangen, der mit Traubensaft gesüßt ist. Das schmeckt zwar gut, löscht aber ebenfalls nicht meinen Durst. Insofern ist Pomelosaft mit Wasser kombiniert zu meinem Favoriten geworden.

In La Storta, dem letzten offiziellen Halt, treffe ich wieder auf die Via Francigena. Hier mache ich mal ein Foto von der Kathedrale. Obwohl der Bischofssitz sich direkt daneben befindet, ist alles geschlossen. Die Buben werden auch immer fauler.

So nun sind es noch fünf Kilometer bis zu meiner Wirtin. Ich habe ein Wohnung im Garten einer Familie. Sehr amateurhaft haben die Leute eine Bretterbude zusammengenagelt, die sie vermieten. Der Garten ist großartig und die Wirtin sehr charmant. So fühle ich mich trotz minderwertigster Bauqualität sehr wohl und kann mich von den 34 Kilometern bei Verkehr und Sonne bestens erholen.

Ich bin jetzt weniger als 15 Kilometer vor meinem Ziel. Ich buche nun ein Boutiquehotel 200 m vom St. Petersplatz entfernt. Kurze Wege sind das wichtigste Kriterium für die Wahl des Hotels. Ich kann Laufen einfach nicht leiden!

Rom erwartet mich! Rom ich komme!

Tag 40: 21.06.17

 

Der gestrige Tag steckt mir noch in den Beinen. Meine Füße und Beine sind der Meinung, sie haben noch nicht hinreichend geruht und wollen, dass ich noch etwas schlafe. Ich mache ihnen klar, dass ein toughes Programm vor ihnen liegt und es besser ist, jetzt aufzustehen. Widerwillig folgen sie.

Nach knapp zwei Kilometer bin ich in Versalla. Wieder so ein Ort, der vernachlässigt und irgendwie schmutzig wirkt. Als Erinnerung fotografiere ich die Kirche. Sie hat etwas großzügiges an sich und ist innen so völlig anders als der Ort selbst.

Ich verweile nicht lange und mache mich auf nach Sutri. Sutri ist ein Ort aus der Antike mit einem weitgehend erhaltenen Amphitheater und einem mittelalterlichen Stadtkern auf einem Tuffsteinhügel. Ich laufe durch nicht enden wollende Felder mit, wie ich vermute, Nussbäumen auf weichen sandigen Wegen. Das freut meine Füße, ist der Boden weiche und federnd. Nach etwa fünfzehn Kilometer komme ich in einen kleinen mittelalterlichen Ort, der auf meiner Wnaderkarten-App keinen Namen hat. Nach der Maps-App muss es sich um Capranica handeln.

Kaum habe ich diesen schönen Ort verlassen, führt der Weg über kleinste Pfade entlang eines Flüsschens durch einen dichten vernachlässigten Wald.

Die Bäume sprechen miteinander und kündigen mich an. Der Wind bewegt sehr selektiv die Baumwipfel, so als würden sie Laola Wellen machen, startend, wo ich mich gerade befinde und weiter bis ich sie aus den Augen verliere. Es wimmelt von Eidechsen, die sobald ich in ihre Nähe komme, flink davon rasen. Das erzeugt ein Rascheln im Rhythmus der Loala Wellen. Der Wald redet über mich. Als hätte ich einen sechsten Sinn, fühle ich mich in die Kommunikation eingebunden und versuche mitzuteilen, dass von mir keine Gefahr ausgeht. Ich bin eins mit der Natur.

Als ich aus dem Wald komme, schaue ich auf Sutri, das von hier beeindruckend wirkt. Es hat sicher auch schon bessere Tage erlebt. Aufgrund der engen Bebauung sind die Ausmaße der Kathedrale hoch oben auf dem Berg gar nicht richtig zu erkennen. Innen ist sie umwerfend.

Jetzt muss ich eine Entscheidung treffen. Ich habe jetzt 27 Kilometer auf der Uhr. Ich fühle mich noch fit für weitere zehn Kilometer, die ich auch bräuchte, um am Freitag Mittag in Rom zu sein. Andererseits steckt mir der gestrige Tag noch in den Knochen. Das Problem ist, folge ich dem offiziellen Weg, gibt es nur Unterkünfte in der näheren Umgebung oder erst wieder in 17 Kilometern. Das ist mir definitiv zu viel. Ich kann aber auch den Weg verlassen und nach Süden zu einem See wandern. Dort gibt es hinreichend Unterkünfte in einer Entfernung von 12 Kilometern mit dem Vorteil, dass ich von dort nur noch knapp 30 Kilometer für mein morgiges Ziel hätte. Ich resümiere. Option 1: ich mache jetzt Schluss und verliere einen Tag (sehr verlockend), Option 2: ich muss heute 44 Kilometer gehen (Horror), Option 3: knapp 40 Kilometer und von jetzt bis morgen Nachmittag fern ab des Via Francigena (schaffe ich das wirklich?) Ich mache mir die Option 3 damit schmackhaft, dass ich mich mit einen Sprung in den See belohnen kann und entscheide mich für Option 3.

Jetzt führt meine Pilgerfahrt mich wieder durch Felder von Nussbäumen – ich weiß natürlich noch immer nicht, ob es sich tatsächlich um Nussbäume handelt – und in die Berge. Ich muss wieder hoch von 300 m üNN auf über 500 m üNN, um am Ende runter zum See auf 200 m üNN. Der Blick auf den See entschädigt für alles.

Ich komme in einen sehr lebendigen Ort mit einer tollen Promenade. Mein Hotel hat eine super Lage. Ich kann direkt auf den See schauen. Viel unternehme ich nicht mehr – der Sprung ins Wasser fällt ins Wasser – obwohl Life Bands Musik machen und ab zehn Uhr die Straßen voll sind. Es herrscht eine sehr angenehm entspannte Atmosphäre.

Gute Entscheidung!

Tag 39: 20.06.17

 

Dass ich vom Weg abgewichen bin und mir es habe am Lago di Bolsena gut gehen lassen, muss ich heute Morgen büßen. Zwölf Kilometer auf einer stark befahrenen Straße sind zermürbend. Dann bin endlich zurück auf der Via Francigena. Das ist allerdings auch nicht viel besser, da ich nun Staub ohne Ende schlucken darf. Bis ich in Viterbo ankomme, habe ich vom Sand graue Haare, ok die hatte ich auch vorher schon.

Beim Einlaufen nach Viterbo, treffe ich auf ein Pilgerpärchen aus Frankreich, das ich schon gestern einmal überholt hatte. Sie hat gigantische Schuhe an und er trägt einen über dimensionalen Rucksack – btw. mein Rucksack ist nur halb so voll wie ihrer. Mit dem Equipment würde ich auch nicht vorwärts kommen. Obwohl es erst kurz nach zwölf ist, hat sie die Nase voll und will unbedingt in Viterbo übernachten. Ich bin mir noch nicht sicher, was ich mache. Ich bin bereits 23 Kilometer gelaufen, fühle mich dennoch fit für ein paar weitere Kilometer.

So schaue ich mir erst einmal die Stadt an. Trotz Bischofsitz und einer Kathedrale wirkt die Stadt und vor allem die kirchlichen Bauten herunter gekommen. Es ist alles geschlossen, so dass ich noch nicht einmal in die Kathedrale kann: ungewöhnlich üblicherweise sind die Kirchen und vor allem die Kathedralen in den bedeutenderen Orten immer geöffnet. Mir gefällt es hier nicht.

Ich suche mir eine Bar und mache Pläne für den restlichen Tag. Die nächste offizielle Station ist Vetralla weitere gut 16 Kilometer entfernt. Das scheint mir doch ein bisschen weit. So suche ich eine Unterkunft vor Vetralla. Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Ich buche letztlich ein kleines Hotel mit Restaurant, das auf einem großen Grundstück vor den Toren Vetrallas gelegen ist.

So nun muss ich los, das wird noch hart. Der Weg ist erstaunlich schön. Ich laufe durch Schluchten von Sandsteinen. Das ist beeindruckend! Später geht es auf Wirtschaftswegen durch unendliche Felder mit Olivenbäumen und so mancherlei anderem „Kraut“.

Nach gut 38 Kilometern habe ich es geschafft. Die letzten beiden davon waren, ich gebe es gerne zu, eine Quälerei. Ich hoffe, ich habe mir nicht wieder neue Blasen gelaufen, die vorhandenen reichen mir.

Ich setze mich noch, völlig erschöpft, eine gute Stunde in den Garten und mache Pläne für den restlichen Weg. Es sind jetzt noch knapp 90 Kilometer. Bis Vatikan-Stadt. Am liebsten wäre mir eine Aufteilung von zweimal 35 und zum Abschluss noch einmal 20 Kilometer. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich morgen wirklich 35 Kilometer bewältigen kann.

So nun ist es spät genug. Ich muss dringend etwas essen. Alle anderen Hotelgäste sind schon im Restaurant. Irgendwie geht es gar nicht vorwärts. Ich bekomme nichts zu trinken und nicht mal die Karte. Dann geht es Schlag auf Schlag: Wasser kommt, Wein kommt in Karaffen sowohl weiß als auch rot – ungefragt. Eine Karte gibt es nicht, die Bedienung erklärt mir, es gibt ein Menü und ich darf wählen bei der Vorspeise zwischen einer Fisch- und einer Fleisch-Pasta und beim Hauptgericht zwischen Kaninchen und Forelle. Würde sie weniger schnell sprechen, hätte ich es deutlich einfacher, sie zu verstehen. Ich wähle, nach dem ihre Worte mein Gehirn und nicht ausschließlich mein Gehör erreicht haben, jeweils die Fisch Variante. Da alle im Restaurant gleichzeitig ihr Essen bekommen, steht die Vorspeise, kaum habe ich meine Wahl getroffen, auf dem Tisch. Mit der Hauptspeise dauert es dann eine Weile und ich muss aufpassen, nicht die Karaffe Weißwein auszutrinken. Tue ich das, bin ich morgen lahm wie eine Ente und werde meine Ziele nie erreichen.

Tag 38: 19.06.17

 

Easy Going: Der Weg von San Lorenzo nach Bolsena mit ständigem Blick auf den See ist ein Genuss.

Im Nord Westen von Bolsena steht mit seiner ganzen Masse die Burg und im Hintergrund ist der satt blaue Lago di Bolsena zu sehen.

Durch enge Gassen, die hier auch geschmückt sind, gelange ich zum Süd Ost Ende der Stadt, wo die Kirche den Ort dominiert. In der dortigen Krypta ist die heilige Christina aufgebahrt, auf die, wenn ich die Hinweistafeln richtig verstehe, ein Blutwunder aus dem vierten Jahrhundert zurück geht.

Die Wegstrecke nach Bolsena war kürzer als erwartet, also buche ich jetzt, ein Hotel am Südende des Sees direkt am Ufer. Es sollten nicht mehr als dreißig Kilometer in Summe werden.

Auch der Abschnitt des Weges von Bolsena nach Montefiascone, wo sich das Hotel befindet, bewältige ich ohne große Anstrengung. Heute läuft es. Da ich Zeit habe, lege ich eine Pause in den Bergen ein. Ein kleines Flüsschen stürzt wild den Berg hinunter. Dort steht im Schatten eine Parkbank. Genau das richtige für ein Mittagsschläfchen.

Nach einer Stunde erholsamen Schlafs, biege ich von der Via Francigena ab und gehe über sehr sandige Wege hinunter zum See. Dort führt zunächst ein Weg später eine Straße am Ufer entlang. Hier kommen die Einheimischen hin, machen Picknick, baden, sonnen sich, angeln und drei Schülerinnen machen ihre Hausaufgaben.

Mein Hotel hat eine fantastische Lage. Ein großer Garten mit einem Schwimmbad grenzt an den See. Es ist alles nur ein bisschen verlottert. Was könnte man aus diesem Anwesen machen?!

Mir gehen heute mal wieder viele Gedanken durch den Kopf. Angestoßen durch die mutige Entscheidung Frankreichs einen neuen, jungen Präsidenten zu wählen und dessen Partei mit meist weitgehend politischen Amateuren ihre Stimme zu geben, glaube ich, wir stehen mal wieder vor großen, und ich bin mir dabei sicher, positiven gesellschaftspolitischen Veränderungen. Die Wahlen in den USA im vergangenen Herbst sind kein Gegenbeweis: in Zeiten des Umbruchs gelingt es immer wieder erzkonservativen und retardierenden Persönlichkeiten die Stimmen der Verängstigten einzusammeln. Das ist am Ende nur ein Aufbäumen und wird die Veränderungen nicht aufhalten können. Ich fühle mich in meinen Gedanken auch durch die Vorgänge in England bestätigt. Ein knappes Ergebnis vor einem Jahr für den Rückschritt und nun das große Debakel für das Rückständige. Mich würde es nicht überraschen, wenn nach zwei Jahren des Verhandelns der Exit vom Brexit das Ergebnis sein wird.

Was wird das Neue sein? Hier gibt es viele Fragestellungen, die wir in der nahen Zukunft völlig anders bewerten werden als zur Zeit. Dazu gehören Themen wie: Auflösung der Nationalstaaten in Europa in der heutigen Form, Transformation des Mittleren Osten, Völkerwanderung und Teilen unseres Wohlstandes, Umweltschutz, Bildungssysteme, Gesundheit und Management und vieles mehr. Also genug Themen über die ich in meinen letzten Tagen auf der Via Francigena nachdenken kann.

Tag 37: 18.06.17

 

Der Wind, der gestern Nachmittag auf kam, bläst immer noch kräftig. Er nimmt an Stärke über den Tag hinweg weiter zu. Das ist sehr angenehm. So spüre ich die alles verglühende Sonne kaum. Es ist ein wunderschöner Wandertag.

Nach einer Stunde überquere ich einen namenlosen Fluss und ich bin im Lazio. Die letzte Provinz auf meiner Pilgerfahrt. Ich habe in den vergangenen sechs Wochen eine Reihe von Provinzen durchquert: Wallis, Aostatal, Piemont, Lombardei, Emilia Romana, Ligurien, Toskana und nun zum Abschluss Lazio. Rom ich komme!

Ohne Mühen erreiche ich nach zwanzig Kilometer Acquapendente. Ich fühle mich super gut und lege noch einmal gut zehn Kilometer nach und komme so bis nach San Lorenzo Nuovo. Von hier kann ich bereits den Lago di Bolsena sehe. Für morgen nehme ich mir vor, ein wenig vom offiziellen Weg abzuweichen und am Seeufer entlang zu wandern, um am Südende des Sees zu übernachten.

Ich habe fast das Gefühl auf dem Camino Frances in Nordspanien zu sein. Seit ich das Lazio erreicht habe, werden die Pilger umworben. Bars sind auf Rande des Weges aufgebaut und so heißt meine Pension bezeichnenderweise La Francigena.

Die Landschaft ist im Moment von Feldern mit Getreide, Gemüse und Sonnenblumen gekennzeichnet. Die meisten Getreidefelder sind bereits abgeerntet und ich könnte mir vorstellen, dass man noch eine zweite Ernte im Jahr einfahren könnte. Die Gemüsefelder werden intensiv bewässert. Am Rande der Wege gibt es in regelmäßigen Abständen kleine Häuschen mit Pumpstationen, an die über lange Schläuche dezentrale Bewässerungsanlagen angeschlossen sind. Ich muss aufpassen, nicht von den weitreichenden Wassersprühern erfasst zu werden. Der Wasserdruck dieser Sprühköpfe ist enorm.

Das viele Wasser scheint die Mücken anzulocken. Ich werde von Mücken über viele Kilometer begleitet. Zumindest habe ich das Gefühl, es sind immer die selben Viecher, die mich piesacken. Die Vampire stechen und saugen mich aus. Trotz langer Hose habe ich Stiche an den Unterschenkel und sogar im Gesicht. Die sind wohl wahnsinnig geworden.

Acquapendente ist ein altes Städtchen auf einem Hügel, wie ich sie in den letzten Tagen oft gesehen habe, mit dem Unterschied, dass alte Bausubstanz in der Vergangenheit vernichtet und durch neue ersetzt wurde. Das macht die Stadt weniger attraktiv als zum Beispiel Castiglione d’Orcia. Leider war der Dom verschlossen, so dass ich keinen Eindruck gewinnen konnte.

San Lorenzo Nuovo ist zwar nicht neu, wie der Name vermuten ließe, wurde aber doch erst zur Zeit der Französischen Revolution am Reisbrett entworfen und aufgebaut, nachdem im Vorgängerort eine Malariaepedemie ausgebrochen und der größte Teile der Bevölkerung von der Seuche dahingerafft worden war. Dann will ich mal hoffen, dass die Mücken von heute keine Malariaüberträger sind.

Die Straße vom Rathaus hoch zur Kirche ist mit Garfiken und Bildern aus farbigen Sand dekoriert. Das sieht einfach klasse aus. Die Kirche ist sehr schlicht. Zur Erinnerung an den alten Ort, ist dieser dort als Modell – ich denke auch aus Sand – aufgebaut.

Das La Francigena ist eine einfache Herberge bestehend aus zwei kleinen Häusern. In dem einen Haus sind vier Zimmer eingerichtet und in dem anderen ein kleines Restaurant mit einem etwas verwahrlosten Garten, der trotz allem viel Charme versprüht. Hier sitze ich nun in Badehose und lasse den Tag Revue passieren. Wenn ich aufstehe und mich strecke, kann ich den Lago die Bolsena sehen.

Tage wie heute sind traumhaft!

Tag 36: 17.06.17

 

Die Sonne scheint so grell, dass selbst die Sonnenbrille meine Augen nicht hinreichend schützt, obwohl ein Dunstschleier über der Landschaft liegt. Ich quäle mich. Nicht etwa weil es mir und meinen Füßen nicht gut ginge. Es ist eine Motivationsfrage. Gerne wäre ich noch etwas im Bett liegen geblieben. Warum ich das nicht einfach mache: je später ich aufstehe, um so mehr werde ich von der Sonne gequält.

Dank meiner elektronischen Geräte komme ich mittels eines kleinen Umwegs nach zehn Kilometern zu einer Bar. Sonst hätte ich die 27 Kilometer bis nach Radicofani ohne Frühstück pilgern müssen. Der Weg ist so schon eine ordentliche Herausforderung. Mein B&B in Castiglione liegt auf knapp 500 m Höhe, von dort muss ich runter auf etwa 300 m Höhe und Radicofani liegt auf über 800 m, die es auf den letzten Kilometern zu überwinden gilt. In der Sonne eine überaus Schweiß treibende Angelegenheit. Vielleicht bin ich, dies wissend, etwas mürrisch.

Nach dem Frühstück stapfe ich dann doch guten Mutes weiter. Ich treffe zunächst zwei ältere Pilger, die aussehen wie Brüder und im Schatten eines Baumes Pause machen. Da sie kein Englisch sprechen, gehe ich ohne zu verweilen weiter. Auf halber Strecke sitzt ein junger Mann am Weges Rand und ruht sich aus. Wir unterhalten uns kurz. Da er den Weg nach Radicofani kennt, warnt er mich vor dem Anstieg und gibt mir den Rat, viel Wasser mitzunehmen. Der ist gut, wo,soll man denn hier bitte weiteres Wasser her bekommen. Ich habe allerdings in der Bar meine beiden Wasserflaschen aufgefüllt. Wie in den vergangenen Tagen halte ich mich an meine persönliche Prozedur. Nach jedem Kilometer trinke ich genau einen Schluck Wasser. Das Wasser behalte ich so lang wie möglich im Mund, um es in kleinen Portionen herunterzuschlucken. Das gibt mir das Gefühl, oft zu trinken und ich komme so locker zwanzig Kilometer weit mit meinen Vorräten. Erst wenn ich genau weiß, dass ich das Wasser nicht mehr rationieren muss, werde ich großzügiger.

Um die Mittagszeit und nach zwanzig Kilometern überfällt mich große Müdigkeit. Ich lege mich unter einen Baum, der hinreichend Schatten wirft und ich schlafe in meiner nun auch schon bestens geübten Position: Po auf die Schuhe, Kopf auf die Innseite des Rucksacks und Beine lang ausgestreckt. Nach einer halben Stunde kommt der junge Pilger vorbei und fragt besorgt, ob es mir gut gehe. Natürlich, ich bin nur müde und Wasser habe ich auch genügend, antworte ich. Er habe auch hinreichend Wasser dabei und hätte es mit mir geteilt. So zieht er weiter und ich mache mich langsam fertig, um den Rest des Berges zu erklimmen. Bevor ich fertig bin, kommen auch noch die beiden grau haarigen Pilger mit ihren langen grauen Bärten vorbei. Die überhole ich schnell. Die beiden sehen so aus, als wären sie völlig fertig. Kurze Zeit später komme ich an einer Wasserquelle vorbei, die als Trinkwasser gekennzeichnet ist. Das ist super, ich wasche meine Gesicht, Haare und Hände, trinke etwas und Fülle meine Flaschen auf. Jetzt geht es mir richtig gut.

Gegen meine Gewohnheiten esse ich etwas in Radicofani und besorge mir noch vorsichtshalber ein Stück Brot und etwas Salami. Ich werde in einem Agriturismo etwa sechs Kilometer weiter im absoluten nichts übernachten. Zwar betreiben die Besitzer eine Käserei, trotzdem war es im Vorfeld nicht einfach abzuklären, dass ich als Pellegrino nicht zurück in Stadt zum Essen gehen werde und daher etwas Käse bei ihnen kaufen möchte. Da ich nicht sicher bin, ob ich verstanden worden bin, stärke ich mich und nehme eben eine Kleinigkeit zu Essen mit.

Wind kommt auf, sogar recht starker Wind. Das macht das Pilgern sehr angenehm und die Sonne fühlt sich weit weniger unangenehm an. So erreiche ich den Bauernhof ohne mich überanstrengt zu fühlen.

Der Bauernhof ist tatsächlich ein Bauernhof. Als ich ankomme, treibt mein Wirt gerade eine große Schafherde in den Stall. Drei Hunde rennen bellend auf mich zu. Ich beleibe stehen, um zu sehen wie die Hunde reagieren. Ich werde von den Dreien, die patschnass sind, beschnüffelt. Nun nass von ihrem Fell darf ich den Hof betreten.

Die Wirtin nimmt mich in Kittelschürze gekleidet in Empfang und bringt mich in ein altes Bauernhaus, in dem sie mehrere Wohnungen eingerichtet haben. Eine davon ist meine: sehr große Wohnküche, großes Schlafzimmer und nachträglich eingebautes kleines Bad.

Auf dem Küchentisch hat sie alles für mein Abendessen hergerichtet: ein Stück Brot, Kirschen, ein Stück Schafskäse, Schafssalami und eine Flasche Rotwein, abgefüllt in eine Saftflasche, alles mit Ausnahme des Brotes aus eigener Produktion, wie sie mir stolz erzählt. Super dann kann nichts mehr schief gehen.

Toller Tag, der so schleppend anlief!

Tag 35: 16.06.17

 

Buonconvento schläft noch, als ich den Ort verlasse. Alles ist feucht vom gestrigen Regen. Von den Wiesenwegen werden meine Schuhe feucht. Ich bin froh, dass sie mit einer Goretex Membran abgedichtet sind und meine Socken nur stellenweise Feuchtigkeit aufnehmen. Meine Hose hingegen ist binnen fünf Minuten nass von den Halmen, die bereitwillig jeden Wassertropfen, der nach dem Regen nicht herunter fallen konnte, an mich abzugeben und meine Hose nimmt sie dankbar auf. Die Sonne trocknet die Wege schnell ab, so dass die Luftfeuchtigkeit sehr hoch ist. Ich komme mir vor wie in einem Dampfbad. Vorteil ist, die „weißen“ Straßen sind nicht so staubig.

Nach knapp fünfzehn Kilometern erreiche ich Torrenieri. Ein kleiner Ort, der von der Ferne beeindruckender aussieht als er tatsächlich ist. Mir reicht eine Bar, um meine Schuhe in der Sonne trocknen zu lassen und in aller Ruhe zu frühstücken. Nach weiteren acht Kilometern bin ich in San Quirico d’Orcia. San Quirico ist dann schon deutlich beeindruckender. Eine Stadt mit langer Tradition und ein ewiger Zankapfel zwischen Siena und Florenz. Am Ende haben die Medici obsiegt und die Stadt ausgebaut. Die Innenstadt ist weitgehend noch so erhalten wie die Florentiner sie gestaltet haben. Markant ist die Parkanlage im Zentrum von San Quirico. Das lädt zum Pausieren ein.

Nun mache ich mich auf zu meinem Etappenziel, das mich weitere zehn Kilometer nach Süden bringt. Zum Teil geht es steil bergauf und -ab. Schon den ganzen Tag laufe ich durch schönste Landschaften, die vom Weinbau geprägt sind. Entsprechend komme ich an vielen größeren und kleineren Weingütern vorbei, die alle Weinverkostungen anbieten – leider nichts für mich. Es gibt auch die eine oder andere Käserei.

Dass nicht nur San Quirico sondern auch andere Orte des d’Orcia Gebietes heiss umkämpft waren, ist an den Aussichtstürmen, Wehrdörfern und Burgen, die hoch oben auf den Bergen thronen, gut zu erkennen. Gefühlt in Mitten des Nichts komme ich durch ein Dörfchen, das den Eindruck vermittelt, dass sich außer der Elektrifizierung nichts seit dem Mittelalter geändert hat. Von hier kann ich im Norden Quirico und im Süden auf noch einen höheren Berg, Castiglione d’Orcia, gut sehen.

Nach Castiglione will ich, dort ist mein B&B. Nur muss ich von dem 45 Seelendorf ca. 300 Höhenmeter runter an den Fluss durch das „mondäne“ Bagno Vignoni. Die Preise der Hotels sind zumindest stolz. So stolz, dass ich einen Kurort, wie man sie aus Deutschland kennt, erwarte. Außer einem sehr großen Parkplatz am Ortsrand, kann ich nichts großartiges erkennen.

Nach der Überquerung des Orcias muss ich die 300 Höhenmeter, plus ein paar Meter zusätzlich, nach Castiglione wieder hoch. Die Wege führen durch liebliche Landschaften. Nur so richtig genießen kann ich das nicht. Die Sonne brennt auf mich nieder und treibt jeden Tropfen Flüssigkeit über die Haut aus meinem Körper. Gut dass ich in Bagni Vignoni meine beiden Wasserflaschen aufgefüllt habe. Bis ich in Castiglione ankomme, sind beide Flaschen leer.

Auch hier ist die Zeit stehen geblieben. Kleine Gassen, die steil den Berg hoch führen, und mit Steinen ausgelegte Straßen kennzeichnen den Ort. So eng wie die Gassen angelegt sind, so klein sind auch die Geschäfte. Manche der Geschäfte haben nur eine Tür und keine Schaufenster, da dafür kein Platz ist bzw. die Bausubstanz solche nicht zulässt. Trotz allem sind die Geschäfte gut besucht, Kinder spielen auf der Straße bis spät in die Nacht und die Erwachsenen sitzen in Gruppen vor ihren Häusern, unterhalten sich und schauen den Kindern zu. Nur die Häuser sind alt, die Stadt ist jung und lebhaft.

Mein Zimmer ist Teil einer Wohnung. Es gibt noch ein weiteres Zimmer, das aber nicht vermietet zu sein scheint. Zur Wohnung gehört ein kleiner Wohnraum und eine Küche mit einigen kleinen Tischen. Vor der Wohnung ist ein Hof, in dem es Sitzmöglichkeiten gibt. Pflanzen zieren den Hof, so dass es angenehm ist, draußen zu verweilen.

Gäbe es nicht die vielen Autos, so hätte ich heute den Eindruck gewinnen können, in einer Zeitmaschine ins Mittelalter gereist zu sein. Ich könnte mir vorstellen, dass der Erzbischof von Canterbury, Sigeric, auf seiner Pilgerfahrt vor gut Tausend Jahren kaum anderes gesehen hat als ich. So macht pilgern einfach Spaß und ich spüre deutlich weniger all meine Blessuren, die mich selbstverständlich auch weiter jeden Tag begleiten.

Gut 33 Kilometer und über Tausend Höhenmeter habe ich bei Sonnenschein von der ersten bis zur letzten Minute bewältigt. Nur als ich den Ort am frühen Abend eingehend besichtige, donnert es im Hintergrund und es fallen einige wenige dafür richtig dicke fette Tropfen.

Jetzt sitze ich in einer Trattoria die von einem älteren Ehepaar – sicher etwas jünger als ich – geführt wird. Er ist ist ein lustiger Vogel und macht mit mir seine Späße, die ich natürlich nicht verstehe. Sie unterhalten aber bestens die beiden anderen Tisch. Ich vermute, er macht eher über mich Scherze, das ist auch in Ordnung. Wir verstehen uns gut, da er ausschließlich Italienisch spricht und er weiß, dass ich oft eine Idee davon habe, was er so redet. Eins hat er definitiv verstanden, ich lege auf gutes Essen wert. Das freut ihn; seiner Frau ist das egal. Sie ist mürrisch und bleibt es den ganzen Abend über. Ich gönne mir die Trattoria, da ich die 1.000 Kilometermarke geknackt habe. Laufe ich keine Umwege mehr, sind es noch 235 Kilometer bis zum Petersdom. Ende nächster Woche bin ich beim Papst! Na ja, in seiner Stadt!

Tag 34: 15.06.17

 

Der Wecker klingt wie immer um 06:00 Uhr. Nur er will nicht aufhören, bis mir klar wird, es ist gar nicht mein Wecker; Regen trommelt auf das Dach. Jetzt bin ich hell wach. Auf der oberen Ebene habe ich die Fenster weit geöffnet. Ich springe aus dem Bett und eile nach oben. Puh, es kann gerade erst angefangen haben zu regnen, nichts ist nass. Eine einzelne dunkle Regenwolke hängt über Siena.

Ich beschließe noch etwas zu ruhen. Solange es regnet, habe ich keine Lust aufs Pilgern. Um halb acht ist es so weit, die Regenwolke ist weg und die Sonne scheint wieder grell auf die Stadt. Ich muss beim Gehen höllisch aufpassen. Die ausgetreten Steine der alten Straßen sind glitschig: besonders die steil bergab gehenden Straßen sind gefährlich.

Es dauert keine halbe Stunde und alle Wege sind wieder trocken und so staubig als hätte es keinen Regen gegeben. Straßen asphaltiert oder als staubige Schotterpisten prägen den Weg. Ein Führer schreibt über diese Etappe: „if you undertake this itinerary on a sunny day, it can be unforgettable thanks to unlimited views visible from the crest of Val d’Arbia, following never-ending white streets.“ Das wirkt geradezu zynisch. Auf den „weißen“ Straßen donnern Autos entlang, als ginge es darum die Rallye Montecarlo zu gewinnen. Die Feinstaubbelastung ist um ein Vielfaches höher als in Beijing im Winter und das liegt nicht daran was hinten aus dem Auspuff der Autos heraus kommt. Die Vegetation hat die Farbe der Straße angenommen und ich sehe auch nicht anders aus. Ich laufe fortan in der Mitte der Straße: verlangsamen die Fahrzeuge ihre Geschwindigkeit, so gehe ich zeitig zur Seite, wenn nicht, bleibe ich in der Mitte, bis auch der rücksichtsloseste Fahrer fast zum Stillstand gekommen ist. Das handelt mir den Kontakt mit der Polizei ein. Auch die rasen die Staubpisten entlang, als gälte es Schwerverbrecher zu jagen, obwohl sie vermutlich nur auf dem Weg zu einem Café sind. Das Polizeiauto hält an. Eine Polizistin und ein Polizist steigen aus. Sie redet auf mich ein, bis ich ihr sage: „Scusa, io non parlo italiano!“ Die beiden schauen sich an, schütteln den Kopf und steigen wieder ein, während er versucht, mir mit Zeichensprache zu verstehen zu geben, ich soll gefälligst auf der Seite gehen. Ich nutze ebenfalls Zeichensprache und Englisch, dass sie gefälligst langsam fahren und Rücksicht nehmen sollen. Damit haben wir unsere Meinungen ausgetauscht, keiner hat den anderen wirklich verstanden und beide machen wir weiter, was wir wollen. Kein gutes Ergebnis. Was mich über egoistisches Verhalten nachdenken lässt. Um ehrlich zu sein, wüsste ich nicht, wie ich mich, in einem Auto sitzend, verhalten würde.

Die Landschaft ist tatsächlich auch heute wieder traumhaft schön. Ich hoffe, die folgenden Bilder können einen Eindruck vermitteln, was mich so sehr beeindruckt.

Was für tolle unterschiedliche erdige Färbtöne es gibt …

… Getreidefelder mit erntereifen und noch unreifen Feldern …

… ich liebe diese lose angeordneten Zypressen entlang der Wege …

… das sind tatsächlich zwei Reihe von Zypressen und keine Spiegelung …

… mini Sonnenblumen; eine freche entscheidet sich für frühreife …

… dazu muss ich einfach Dire Straits Telegraph Road hören …

… da hat sich mal jemand Mühe gemacht, den Pilgerwege schön anzulegen!

Nach etwa eineinhalb Stunden Marsch treffe ich auf meine Pilgerfreunde, das Pärchen aus Italien/Deutschland. Sie kann auf ihren strammen Beinen schon seit langem nicht mehr gut laufen und ihm geht es seit gestern arg schlecht. Große Blasen und eine Sehnenentzündung im linken Fuß machen ihm zu schaffen. Er war gestern beim Arzt, weil er sich gar nicht gut fühlte. Sie sind bereits um fünf heute morgen gestartet. Die beiden werden noch ihren Spaß haben, wenn sie in dem Tempo weiter laufen. Sein Rucksack ist natürlich auch viel zu schwer. Er hatte mich die Tage schon gefragt, was mein Rucksack wiegt, da er so leer aus sehe. Ich gebe ihm erneut den Rat, sich zu überlegen, was er wirklich benötigt, um in Rom anzukommen. Mein Rat kommt aber nicht wirklich an. Da habe ich schon wieder mein Problem mit der Kommunikation.

Viele Orte gibt es heute wenige: erst nach fast fünfzehn Kilometern kommt die erste Bar nach dem ich Siena verlassen habe. mein Magen hängt in mir in den Knien. Ich mache eine ausgiebige Pause. Am Nachbartisch spielt sich ein Drama ab. Eine junge Frau heult sich die Seele aus dem Leib. Drei Freundinnen reden auf sie ein. Mit einer der Freundinnen unterhalte ich mich später. Sie erzählt mir, dass die so aufgelöste Frau von ihrem Freund just heute Morgen sitzen gelassen worden ist, nachdem sie ihm gestern Abend freudig erzählt hat, sie sei schwanger. Man muss nur in Bars gehen und schon nimmt man am Leben anderer Teil. Was noch toll daran ist: es gibt keine Kommunikationsschwierigkeiten. Bars in Italien sind einfach toll.

Nach weiteren gut zehn Kilometern komme ich nach Ponte d’Arbia. Hier lege ich einen weiteren Boxenstop ein. Die Bar hat eine tolle Terrasse und wie ich das vom Camino Frances kenne, macht die Bar auf der Via Francigena auf sich aufmerksam. Der Wirt ist eine echte Type und kommt immer mal wieder bei mir vor bei und sein wichtigstes Wort bzw. Message ist: tranquilla. Obwohl ich nur noch fünf Kilometer vor mir habe, kann ich mich nicht aufraffen weiter zu wandern. Ich habe mich an dem Wirt infiziert und mit Tranquilla angesteckt. Als dunkle Wolken aufziehen, werde ich nervös. Jetzt sollte ich mich aber mal sputen sonst werde ich noch nass.

Nun sause ich geradezu nach Buonconvento. Ein sehr schöner kleiner Ort. Eine Fronleichnamsprozessionen, wie sie die Vermieterin von gestern vermutet hatte, gibt es nicht. Dafür aber ein heftiges Gewitter, das keine fünf Minuten nach meiner Ankunft im Hotel, los geht, erst mit etwas Regen dann mit Blitz und Donner. Mehrfach fällt der Strom aus. Weltuntergangsstimmung! Nach knapp drei Stunden ist der Spuk vorbei und die Sonne scheint wieder. Die Natur ist ein fantastisches Wesen: ich fühle mich wohl und voller Energie. Während es noch leicht regnet, gehe ich raus. Den Geruch nach einem Regen auf staubigen Grund, liebe ich. Der Geruch bedeutet zugleich Reinigung und neues Leben. Ich habe das Gefühl Gott nahe zu sein bzw. der Kraft, die dieser Welt ihre Spielregeln gegeben hat und in uns wohnt, der wir viel zu selten erlauben, uns zu leiten. Was ich sagen will, wir lassen viel zu selten zu, dass wir sie erkennen und uns ihr zu Nutze mache.

Knapp über 30 Kilometer bei extrem langen Pausen haben mich nach Buonconvento gebracht, einem Städtchen, das auch in der Nacht weiß, ihren Charme zu versprühen.

Tag 33: 14.06.17

 

Heute müssen Bilder sprechen. Ich habe mal wieder feststellen können, wozu Menschen alles in der Lage sind und dass unsere Vorfahren keineswegs weniger kulturbewußt gewesen sein können als wir. Im Gegenteil sie haben viel mehr an erhaltenswerten Kunstgegenständen, zumindest was Bauwerke angeht, geschaffen als wir. Trotz unseres Wohlstandes müssen öffentliche Gebäude heute meist nur ein Kriterium erfüllen: billig. Schaffen es mal Bauwerke wie die Elbphilharmonie durch die Genehmigungsprozesse, dann werden oft nur die Kosten diskutiert, statt stolz zu sein. In Leimen wurde zum Beispiel ein neues Rathaus gebaut, das so billig aussieht, dass ich mich dafür schäme und die öffentliche Diskussion um die Gestaltung des Platzes zwischen altem und neuem Rathaus ist ebenso beschämend. Die Entscheidungsträger sollten mal als Pilger durch die Toskana wandern, um sich mit Demut anschließend der Stadtgestaltung zu widmen. Gleiches gilt natürlich für jede Bürgerbewegung, die nur eines möchte: keine Veränderung. Ohne Veränderung werden wir nichts neues großartiges erschaffen und das sollten wir unbedingt tun. Wir brauchen nicht nur ein neues iPhone oder – Auto am besten jedes Jahr – sondern auch Projekte, an denen unsere Nachfahren ihre Freude haben werden.

So zurück zu meinem heutigen Tag. Etwa vier Kilometer nach dem ich mein hübsches Häuschen auf dem Weingut verlassen habe, erreiche ich Monteriggioni. Eine Stadt mit wehrhaften Mauern, die schon von weitem zu sehen sind. Die Innenstadt ist klein aber hübsch hergerichtet. In der Abtei hole ich mir meinen obligatorischen Stempel und in der Bar auf dem großzügigen Dorfplatz frühstücke ich ausgiebig. Mit der alten Dame, die den Service am Morgen übernommen hat, versuche ich mich zu unterhalten, was aufgrund ihrer undeutlichen Aussprache nicht ganz einfach ist. Ich verstehe, dass Sie stolz darauf ist, noch arbeiten zu können und in diesem Ihrem Heimtort leben zu dürfen. Die alte Dame rührt mich, später kommt ihre Enkelin, die Englisch spricht, und mir erklärt, wie wichtig es ihrer Familie ist, in diesem traditionsreichen, kleinen Ort, seit vielen Generationen die Bar betreiben zu können.

Nach über einer Stunde ziehe ich weiter durch Olivenhaine, Weinberge, Getreidefelder und Wälder. Mit einem guten Händchen haben Menschen die Landschaft gestaltet und Wege angelegt, die eine Freude sind entlang zu pilgern.

Verlassene Burgen, bunte Felder begleiten mich heute. Eine Jahrhunderte alte Eiche steht mitten im Weg, auf die ich am liebsten hoch klettern würde. Sie öffnet mein Herz und ich raste Unter ihren weit ausgebreiteten Ästen. Ich fühle mich in ihrer Gegenwart so wohl, dass ich tief und fest in ihrem Schatten schlafe.

So nun muss ich aber endlich nach Siena. Wie gut ist diese Stadt erhalten. Der sehr große Stadtkern stammt komplett aus dem Mittelalter und ist von einer Großzügigkeit, die mich überwältigt. Warum mussten wir in der Vergangenheit soviel Kriege führen, dass große Teile unseres Erbes zerstört wurden, stellt sich mir automatisch mal wieder die Frage.

Ich tausche mit meiner Vermieterin von heute SMSe aus und wir treffen uns mitten in der Altstadt. Ich habe in einem historischen Haus im obersten Stockwerk ein kleines Apartment auf zwei Ebenen. Die untere Eben ist im Grunde ein dunkles Loch, schön hergerichtet, aber fensterlos. Die obere Ebene ist atemberaubend. Riesige Fenster in alle vier Himmelsrichtungen und Blick auf die Stadt: im Westen der Dom Santa Maria Assunta mit seinem einzigartigen Turm, im Norden die Piazza del Campo mit seinem nicht minder fantastischen Turm, nach Osten die Basilica di Francesco und nach Süden die Dächer der Stadt. Wow, was für ein Ausblick! Ich kann mich gar nicht satt sehen.

Von der Vermieterin erhalte ich tausend Tipps, die ich mir gar nicht alle merken kann. Ich muss schnell Wäsche waschen, duschen und dann raus in die Stadt. Ich kann es gar nicht mehr abwarten.

Zu erst geht es zum Dom: der ist völlig anders als alle anderen Gotteshäuser, die ich bisher in meinem Leben gesehen haben und das gilt für außen wie für innen. Das einzigartige ist die Verwendung von weißem und schwarzem Marmor. Leute, das müsst ihr Euch anschauen!

Dann gehe ich hinunter auf die Piazza del Campo. Den Mut sollte heute jemand haben und einen solchen Platz planen und auch realisieren. Von hier laufe ich weiter zur Basilica di Francesco. Von außen wirkt sie eher unscheinbar, was mich wundert, da aus dem Fenster meines Apartments sie wie ein monströses Bauwerk aussieht. Davor stehend ist sie eher zierlich. Meine Vermieterin war der Meinung, sie ist ein Muss auf meiner Tour durch die Stadt. Und sie hat recht: es handelt sich um eine quasi leere Kirche. Stellt Euch vor, jemand erstellt ein im Prinzip leeres Gebäude! Es sind allerdings unschätzbare Gemälde ausgestellt und die Kirchenfenster – ich suche nach einem neuen Superlativ – sind einfach gigantisch.

Das einzige, was mich in Siena stört, ist die skrupellose Geschäftemacherei. Ein kleines Eis aus der Waffel kostet sage und schreibe 6 Euro 50 Cents: auch das ist atemraubend. Mit den Empfehlungen meiner Wirtin ausgestattet finde ich eine passende Osteria, die mich nicht über den Tisch zieht. Das Essen ist ok. Zum Schluss „muss“ ich mit dem Wirt noch einen Grappa trinken. Ich habe das Gefühl, der Wirt gibt den Gästen gerne einen Grappa aus, um auf diese Weise eine Entschuldigung zu haben, auch einen trinken zu dürfen. So jetzt muss ich schnell zurück und meinen Bericht fertigstellen, andernfalls lähmt mich der Alkohol zu arg.

Da es heute öfter mal bewölkt war, habe ich die 24 Kilometer mit wenig Anstrengungen dafür mit Genuss bewältigt – sechs Kilometer Besichtigungstour kommen noch oben drauf, so dass ich doch wieder 30 Kilometer meinen Füßen auf gebürdet habe.

Morgen freue ich mich auf Fronleichnam. Das ist in Italien zwar kein offizieller Feiertag, trotzdem gibt es nach meiner Erfahrung in vielen Orten beeindruckende Umzüge. Deshalb nehme ich mir vor, bis nach Buonconvento zu pilgern, da mir meine Vermieterin erzählt hat, dass der einzig verbliebene Priester, das Convent ist wohl nicht mehr wirklich am Leben, jedes Jahr einen Umzug organisiert. Sie kennt den Priester und hat angeboten, ihn anzurufen, um meine Ankunft anzukündigen. Ich habe das abgelehnt, weiß natürlich nicht, ob sie ihn nicht trotzdem informiert.

Tag 32:13.06.17

 

Heute hat mich die Faulheit überfallen. Es geht damit los, dass ich fast eineinhalb Stunden brauche, bis ich mit meinen morgendlichen Aktivitäten fertig bin. Mein Schlafzimmer ist schon jetzt ordentlich von der Sonne aufgewärmt, so dass ich schon vor meinem Aufbruch träge bin.

Es nützt aber nichts, ich muss jetzt los. Um 07:30 Uhr stehe ich in den mittelalterlichen Gassen San Gimignanos. Die nächsten drei Kilometer geht es auf Straßen immer bergab. Von da an wandere ich durch Waldstücke und landwirtschaftlich genutztes Gelände bergauf bergab, aber öfter bergab als hoch. Ich muss langsam machen, da die Wege durch Traktoren völlig zerfurcht sind. Jeder Schritt will mit Bedacht gewählt sein. Nach weiteren 5 Kilometern muss ich mich entscheiden, ob ich den offiziellen und neuen Weg oder den alten Weg gehen möchte.

Der alte Weg eröffnet mir vielleicht mehr Optionen für heute Nacht. Also checke ich das gleich mal mit meinem iPad, da ich bis jetzt noch nichts passendes gefunden habe. Entweder gibt es ein Ostello, auf das ich keine Lust habe, da ich mein Bad nicht mit anderen teilen möchte, oder auf zwei teure Agriturismos. Mit einem Umweg kann ich zwei weitere B&Bs erreichen. Für eins entscheide ich mich.

Da ich schon mal pausiere, Entledige ich mich meiner Schuhe und strecke mich auf dem Waldboden, Po auf die Schuhe, Kopf auf den Rucksack, aus. Kaum liege ich, schlafe ich auch schon. Wovon bin ich nur so müde?

Nach einer guten halben Stunde kommt ein Pärchen vorbei. Beide grüßen mit einem kräftigen „Bon Jour!“ und wecken mich so. Warum können Franzosen nicht wie alle anderen wenigsten in Italienisch grüßen? Ist ja nicht so ganz verschieden.

Na, dann will ich mich mal fertig machen, was einen Moment dauert, da ich doch eine ordentliche Menge Blätter aufgesammelt habe. Nach etwa drei Kilometern biege ich von dem offiziellen Weg ab und erklimme einen Hügel, auf dem ein kleiner Ort thront. Dort gibt es bestimmt eine Bar, in der ich frühstücken kann. Es ist zwar etwas früh für eine zweite Pause aber ich habe Hunger und unter Zeitdruck stehe ich nicht. Ein Apartment ist gebucht und dort kann ich bis 20:00 Uhr einchecken. Also kann ich schön langsam machen.

Ich pilgere von der Bar runter über eine verlassene Abtei, nicht ganz verlassen: Katzen haben hier ein Zuhause gefunden, zurück auf die Via Francigena. Jetzt werden die Wege richtig schön. Es gibt Waldwege, die weder von Autos noch landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen ruiniert sind. Oft laufe ich auf Wirtschaftswegen durch Felder und entlang von Bachläufen. Landschaftlich einfach traumhaft.

Heute scheint nicht mein Tag zu sein: ich bin dauermüde. Kaum komme ich wieder an einer Bar vorbei, muss ich ruhen und verweile schon wieder bestimmt eine Stunde, bevor ich mich aufraffen kann, weiter zu marschieren. Ich nehme mir vor, die letzten ca. zehn Kilometer stramm durchzulaufen und nicht mich von allem möglichen ablenken zu lassen.

Ablenkung gibt es kaum noch dafür aber viele Autos auf unasphaltierten Straßen, die Unmengen an Staub aufwirbeln. Ich werde zu einer wandernden Sandsäule. Als ich mein Zielort erreiche, bin ich etwas erschrocken: das sieht mehr nach einem Industriegebiet aus und weniger nach einem netten Ort mit hübschen Häusern und Gärten, wie die Beschreibung im Internet vermuten lässt. Na gut, kann man nichts machen. Dann werde ich positiv überrascht. Ich habe ein kleines Häuschen auf einem Bauernhof mit einem liebevoll hergerichteten Garten. Das Haus ist toll eingerichtet. Der Wirt bietet an, da es kein Restaurant in Laufdistanz gibt, mich zu fahren. Das ist nicht notwendig, da gegenüber jemand Wurst und Käse verkauft. Ich hole mir dort auch gleich Schinken, Salami, Käse und viel Wasser. Als ich zurück komme, steht eine Flasche Rotwein aus eigener Erzeugung – ohne Etikett versteht sich – auf dem Tisch.

Das lasse ich mir, nach dem ich mich im Liegestuhl ausgeruht habe, kurz vor Sonnenuntergang im Garten schmecken. Jetzt ist es nicht mehr so heiss; da sitzt es sich draußen sehr angenehm.

Heute komme ich auf 27 Kilometer und knacke damit die 900 Kilometermarke. Jetzt sollten es nur noch 300 Kilometer und 10 Tage sein. Auf morgen freue ich mich schon sehr, denn da werde ich Siena erreichen, und ein Apartment in der Innenstadt mit Blick auf den Dom habe ich auch schon gebucht.

Tag 31: 12.06.17

 

Kaum bin ich los gelaufen, schon treffe ich auf das Pilgerpärchen von gestern. Er hat definitiv großen Gesprächsbedarf. Also gehe ich die nächsten fünf Kilometer mit ihm. Sie hinkt ständig hinter uns her, obwohl wir gerade zu schleichen. Dann kann ich das Getrödel nicht länger aushalten und verabschiede mich, wissend, dass ich die beiden in Gambassi Terme wieder treffe, während ich ausgiebig frühstücken werde.

Nach zwölf Kilometern ist es so weit, Ich Mühe mich den Berg hinauf nach Gambassi. Hungrig suche ich nicht lange nach der schönsten Bar, ich nehme die erste. Auch wenn ich auf dem Camino Frances im letzten Jahr gelernt habe, dass die zweite Bar immer die beste ist. Wie ich später feststellen muss, ist dies auch in Gambassi der Fall. Der Hunger lässt aber keinen weiteren Aufschub zu und schlecht ist es hier auch nicht.

Nachdem ich ein Panini, ein Croissant und zwei Cappuccini gegessen und getrunken habe, kommen erwartungsgemäß meine beiden „Pilgerfreunde“ herein geschneit. Da ich gerade konzentriert die Zeitung lese, bekomme ich das nicht mit. Aber der Italiener sucht nicht nur das Gespräch sondern auch Körperkontakt. Er nimmt mich in den Arm und lässt sich neben mich auf den Stuhl fallen. Nur sie beordert ihn an einen anderen Tisch. Die hat einen Schuss. Ich nehme ihr schon ihren Begleiter nicht weg. Ich stehe einfach nicht auf Männer.

Ich trinke noch eine Fanta und schlafe am Tisch ein. Es war mir gar nicht klar, dass ich schon wieder müde bin. Nach einer halben Stunde wache ich auf, bezahle und verabschiede mich auch wenn ich vermute die beiden in San Gimignano wieder zu sehen, da das auch ihr Ziel ist.

Da ich recht lange pausiert habe, ist es wieder richtig schön warm und die Sonne kündigt an, dass Sie mich ordentlich in die Mangel zu nehmen gedenkt. Ich fürchte, dass ich keinen Rastplatz mehr bis San Gimignano finden werde. Es ist allerdings auch nicht mehr ganz so weit: meine App sagt 14 Kilometer. Daraus werden am Ende allerdings 16. Die App scheint immer die Abkürzungen zu kalkulieren, die ich heute aber nicht nehme, da ich dann nicht an dem Kloster de Bosse (Pieve di Santa Maria Assunta a Cellole) vorbei käme. Bevor ich dorthin komme, mache ich In einem Hotel am Wegesrand noch eine Pause. Ich trinke einen Liter kaltes Wasser und ein Glas Orangensaft. Das bringt mich wieder aufTouren und ich kann froh gelaunt den Weg zum Kloster wandern, was nicht nur zwei Kilometer Umweg bedeutet sondern auch noch zusätzlich 120 Höhenmeter.

Die Kirche des Kloster beeindruckt innen von einer unglaublichen Schlichtheit. Ich muss mich erst mal auf eine der Bänke setzen, um diese Elganz, die durch ihre Einfachtheit entsteht, auf mich wirken zu lassen. Danach gehe ich in den Shop, in dem die Mönche Souvenirs verkaufen und lasse mir einen Stempel für meinen Pilgerpass geben. Ich unterhalte mich noch etwas mit einem der Mönche, dem aufgefallen ist, dass ich eine Weile in der Kirche gesessen bin. Er freut sich sichtlich, dass mir die Kirche so ausnehmend gut gefällt, so dass ich von ihm über das kleine Klostergelände geführt werde. Er ist von dem Anwesen begeistert. Die Lage ist ausnehmend schön mit Blick auf San Gimignano, der Rest ist eher funktional. Trotzdem freue ich mich, dass sich der Mönch für mich Zeit genommen hat.

Dann gehe ich die letzten vier Kilometer nach San Gimignano. Natürlich bin ich von der Hitze erschöpft, trotzdem fühle ich mich heute richtig wohl. Seit langem habe ich keine Schmerzen in den Füßen, was meinem Wohlbefinden sichtlich gut tut. Obwohl es heute noch einmal heißer war als gestern, hat die Sonne mich nicht ganz so arg ausgelaugt.

Ich passiere das Stadttor San Matteo und finde nach kurzem meine Vermieterin, die mich in eine Wohnung führt, die tatsächlich direkt mit einem der Türme verbunden ist, für die der Ort so berühmt ist (La Torre Nomipesciolini). Ich habe in mehrere Richtungen Aussicht: einmal in die Stadt auf die Unmengen an Touristen aus aller Welt und einmal nach Norden in die Ebene, wo das berühmte Weingut Teruzzi & Puthod liegt.

Nach einem kurzen Mittagsschlaf und der obligatorischen Dusche besichtigt ich diesen einmaligen Ort. Mir stellt sich die Frage, wie haben die Menschen hier gelebt, als sich noch keine Touristenmassen durch die Stadt geschoben haben.

Zum Abendessen finde ich eine kleine Osteria, die meine Lieblingsgerichte aus der Toskana zubereitet und einen Vernaccia, der im Eichenfass greift ist, auf der Karte stehen hat. Hier esse ich nun zu Abend.

So nun muss ich bezahlen. Ich bin der letzte Gast und die Wirtsleute möchten offensichtlich ihr Restaurant schließen. Ich kann mich nur nicht so richtig aufraffen, da es mir eine Freude ist, meinen Bericht zu schreiben und ich das Glas Wein austrinken möchte. Verjagt werde ich nicht, da dem Wirt sichtlich die Wahl meiner Gerichte und des Weines gefallen hat: das hat er zumindest mehr als einmal zum Ausdruck gebracht. Da ich beim Bezahlen meine Zufriedenheit deutlich bekunde, werde ich noch seiner Frau, die für die Vorspeisen zuständig ist, und seiner Tochter, die die Hauptgerichte zubereitet, vorgestellt.

Die Straßen sind noch immer belebt. Chinesen sehe ich definitiv keine mehr und auch Deutsch ist nicht mehr die vorherrschende Sprache; das italienische dominiert. So komme ich zurück in meine Wohnung und schaue noch eine Weile aus dem Fenster auf die Straßen der Stadt. Sollte tatsächlich jemand noch nicht in San Gimignano gewesen sein, dann ist das kaum zu entschuldigen und muss unbedingt in Angriff genommen werden.

Tag 30: 11.06.17

 

Ein einziger Traum! Ich wandere durch die hügelige Landschaft der Toskana und erreiche das Chianti Gebiet. Die Natur hat sich viel Mühe bei der Gestaltung dieser einzigartigen Gegend gegeben und.die Menschen sind sorgfältig mit ihr umgegangen.

Jetzt sitze ich am Pool des Agriturismo, in dem ich ein Apartment gemietet habe und direkt an der Via Francigena gelegen ist. Von meinem Liegestuhl schaue ich über den Pool hinweg auf Montaione, das Luftlinie etwa sechs vielleicht auch sieben Kilometer entfernt sein dürfte. Ich habe überlegt, ob ich den Umweg über Montaione nehmen soll, um in San Vivaldo morgen Abend in der dortigen Osteria bei Andrea zu dinieren. Ich habe mich dagegen entschieden, da ich einen ganzen Tag verlöre. Also ist mein morgiges Ziel San Gimignano. Dort werde ich sicher auch ein Restaurant finden, das die typischen Toskanischen Gerichte zubereitet.

Zurück zu heute. Um Punkt sieben Uhr starte ich und komme zunächst nach Fucecchio, das auf einem Hügel liegt und einen gut erhaltenen Ortskern besitzt. Dort lege ich meine erste Pause ein. Panini gibt es um diese Uhrzeit leider noch nicht aber frische süße Teilchen. Die sind so lecker, dass ich gleich zwei esse. Kaum habe ich aufgegessen, kommen zwei Pilger ein Italiener und eine Deutsche, die ich heute Morgen kurz nach meinem Start schon getroffen hatte, herein. Der Italiener freut sich und setzt sich zu mir. Ihr scheint das nicht recht zu sein. Mit ihm hatte ich mich schon auf dem Weg unterhalten, sie trödelte so sehr, dass ich mich nach wenigen Minuten verabschiedet hatte. Auch jetzt bleibe ich nicht mehr lange und ziehe von dannen.

In der Bar in Fucecchio habe ich auf booking.com gecheckt, welche Möglichkeiten zu übernachten ich habe. Von der Lage und Entfernung bietet sich nur ein Agriturismo an, das leider recht teuer ist. Auch gibt es weit und breit kein Restaurant. Also verschiebe ich die Entscheidung, denn ich müsste ein am Sonntag geöffneten Supermarkt finden und mein Abendessen mitbringen.

So gehe ich weiter nach San Miniato. Nachdem ich die Autobahn unterquert habe, komme ich an einem großen Supermarkt vorbei. Ich kaufe etwas Obst, eine Wurst und ein Stück Käse für heute Abend. Um meinen Rucksack ordentlich schwer zu machen, packe ich noch eine Flasche Saft ein.

Jetzt muss ich auf schmalen und zugewucherten Wegen den Berg erklimmen. San Miniato überwältigt mich. Hoch oben auf einem Berg liegt die Stadt. Etwas östlich befindet sich eine Anlage mit dem Dom als Zentrum und nordwestlich davon die Wohnhäuser auf einem Bergkamm. Die Anlage rund um den Dom ist beeindruckend mit einer atemraubenden Sicht in quasi alle vier Himmelsrichtungen. In den Dom kann ich leider nicht, da gerade eine Messe gelesen wird.

Dafür lege ich eine weitere Pause ein, um mich für den Rest des Weges zu stärken. Der Blick von der Terrasse der Bar ist auch nicht schlecht. Nun muss ich mich aber entscheiden, wo ich nächtigen werde. Ein Restaurant brauche ich nicht mehr. Das bedeutet, ich brauche weder im Umkreis von San Miniato bleiben noch muss ich bis nach Castelfiorentino, was auch noch fern ab des Weges liegt, oder gar nach Gambassi Terme, was eine Tagesleistung von über 40 Kilometer bedeutete. Denn zwischen San Miniato und Gambassi Terme gibt es keinen Ort und somit auch keine Bars, Restaurants oder Osterias. Da ich nun solange gewartet habe, ist so wie so nur noch das Agriturismo, das ich bereits zu vor in Erwägung gezogen habe frei. Also buche ich es nun.

Als ich meine Schuhe wieder anziehe, kommt mein Pilgerpärchen erschöpft herein. Also bleibe ich noch etwas, da der Italiener sofort auf mich zugestürmt kommt..Sie bleibt weiter mürrisch. Die beiden bestellen erst einmal ein großes Bier. Da sie Durst haben gleich noch ein zweites. Ich frage nach ihrem Tagesziel und bin erstaunt, dass sie noch zehn Kilometer vor sich haben. Würde ich jetzt ein Bier trinken, müsste ich in San Miniato bleiben. Nun lasse ich die beiden allein.

Was mir nicht so klar ist, dass sich die einzelnen Wegabschnitte am Ende wieder auf 32 Kilometer aufsummieren. Das hört sich nicht viel an aber bei der Hitze, die heute herrscht, ist das verdammt weit. Vor allem die letzten acht Kilometer haben es in sich. Gnadenlos grillt mich die Sonne. Mein Gehirn kommt, so scheint es mir, in einen Schnellkochtopf, um es förmlich zu verdampfen. Mehr und mehr werde ich zu einer reinen Laufmaschine. Ich sehe nichts mehr – nur noch Weg. Mit wenig Erfolg ermahne ich mich, die Schönheit der Umgebung zu genießen. Ich nehme mir vor, so konzentriert zu bleiben, dass ich nicht an meinem Bauernhof vorbei laufe. Mittlerweile habe ich das komplette Wasser getrunken. Geschmeckt hat die heisse Brühe nicht sie hat mir aber so viel Restkraft gegeben, dass meine Beine und Füsse ihren Dienst ordentlich verrichten.

Um kurz nach vier sehe ich das Agroturismo. Zu meinem Entsetzen gibt es von der Via Francigena keinen Zugang nur ein verschlossenes Tor. Was tun? Ich kann zwei Kilometer zurück und über eine offizielle Straße gehen, was nach der Karten App weitere 2,8 Kilometer bedeutet. No way! Also Rucksack ausziehen, über das Tor werfen und drüber klettern. Das ist gar nicht so einfach, denn es ist bestimmt zwei Meter hoch. Die Zaunanlage ist nicht minder hoch allerdings nicht formstabil. Im dritten Anlauf komme ich hoch und unverletzt auf der anderen Seite wieder runter.

Nach einigem Suchen finde ich zwei junge Männer, die die Ferienanlage, denn ein Bauernhof ist das schon lange nicht mehr, betreiben. Sie sind amüsiert, dass ich alleine ein Apartment mit zwei Schlafzimmern gemietet habe, was kleineres haben sie nur nicht frei. Schnell ist klar, ich bin ein Pilger und sie sind erstaunt, dass ich bei diesem Wetter so weit gelaufen bin. Froh sind sie, dass ich heraus gefunden habe, dass das Vorhängeschloss des Tors auch ohne Schlüssel geöffnet werden kann. Ehrlich wie ich bin, erzähle ich natürlich, dass ich über das Tor geklettert bin. Wir lachen zusammen über meine Ungeschicklichkeit und so entwickelt sich eine nette Unterhaltung.

Nach dem ich mich etwas erholt und geduscht habe, will ich an den Pool. Vorher bekomme ich aber von den beiden Jungs einen Prosecco angeboten und sie wären bereit mir eine Pasta zu kochen. Das lehne ich ab, schließlich will ich die Lebensmittel nicht umsonst über zwanzig Kilometer getragen haben.

Tag 29: 10.06.17

 

Gestern bin ich wieder nach Lucca gereist. Da ich schon am Nachmittag zurück war, habe ich die Gelegenheit wahrgenommen und habe mich durch die Stadt treiben lassen. Sie ist traumhaft schön und unglaublich lebendig.

Heute morgen bin ich bereits um kurz nach sieben los, da ich die kühleren Morgenstunden ausnutzen will. Ich ziehe meine neuen Schuhe und Socken an: ich habe die Chance in Heidelberg genutzt und habe mir neue dünnere Wandersocken gekauft. Meine Adidas sind damit etwas zu groß, so dass ich auf Meindl Schuhe umgestiegen bin. Sie bieten mehr Raum für die Zehen und fassen die Fersen gut ein. Ich hoffe, so das Risiko auf neue Blasen zu senken. Apropos Blasen: die sechs Tage Pause haben meinen Füßen gut getan. Alle Blasen sind weitgehend abgeheilt. Natürlich ist die neue Haut noch sehr empfindlich, so dass ich sie schützen muss. Ich habe eine ganze Tüte voll Verbandsmaterial für unterschiedlichste Anwendung mitgenommen. So bin ich nun bestens gerüstet für die letzten 400 Kilometer bis nach Rom.

Ich verlasse Lucca durch das Ost-Tor und pilgere die nächsten 20 Kilometer auf Straßen entlang von Industriegebieten und komme durch kleinere Orte bis ich Altopascio erreiche.

Altopascio hat einen sehr kleinen Stadtkern mit zwei Stadttoren nach Norden und Süden sowie einigen schönen Plätzen. Eine große Kirche fehlt natürlich auch nicht. Innen ist die Kirche deutlich kleiner als sie von außen wirkt.

Nach Altopascio kann ich endlich die Straßen verlassen und komme auf die für die Toskana typischen Wege und kann die Landschaft mit der Vegetation, die ich so liebe, in vollen Zügen genießen. Wild wachsende Kräuter verströmen einen intensiven Geruch, den ich immer mit Italien verbinde, was meinen Genuss, in der Toskana zu wandern, noch weiter steigert. Ich gebe zu, dass ich mich während meines kurzen Aufenthaltes zuhause mehr als einmal gefragt habe, ob ich wirklich meinen Weg nach Rom weiter gehen soll. Jetzt bin ich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hier gehöre ich her.

Nach wenigen Kilometern komme ich in einen kleinen Ort, Galleno. Dort mache ich in einer Bar eine Pause. Ich werde sofort als Pilger identifiziert und erhalte einen Stempel in meinen Pilgerpass. Danach werde ich aufgefordert, mich in einem Nebenraum auf einer Wand mit Namen, Herkunft, meinem Weg und dem heutigen Datum zu verewigen, was ich natürlich mache. Die Wände des Raumes sind voll von Unterschriften der Pilger, die in dieser Bar Halt gemacht haben. Wieder kann ich sehen, dass nur wenige den Weg jenseits der Alpen begonnen haben.

Als ich mich wieder auf den Weg mache, geht mir durch den Kopf, was ich in eine Gästebuch geschrieben hätte. Ich erwäge mehrere Möglichkeiten:
(1) Gott hat die Spielregeln aufgestellt. Wir – und ausschließlich wir selbst – sind verantwortlich dafür, was wir daraus machen. Niemand – auch Gott nicht – ist für unser Handeln verantwortlich.
(2) Die uns zugedachte Aufgabe ist es, andere und uns glücklich zu machen.

Zu mehr Optionen komme ich nicht, da ich mich frage, was mich selbst glücklich macht bzw. gemacht hat. Ich komme sehr schnell zu einer relativ kurzen Liste:
(a) eine Familie gegründet zu haben: mit jemanden zusammen (fast) alle Phasen des Lebens zu durchlaufen und Kinder zu selbständigen und verantwortungs-bewussten Menschen großgezogen zu haben
(b) ein Unternehmen geführt zu haben: Menschen eine Perspektive zu geben, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, mit ihnen die Erfolge auf unterschiedlichste Weise zu teilen, Fabrikanlagen zum Wohle der Kunden und ihrer Mitarbeiter zu entwerfen und zu realisieren
(c) Freunde zu haben: mit anderen Freude, manchmal auch Leid und oft gemeinsame Aktivitäten zu teilen
(d) Genießen zu können: sportliche „Abenteuer“ wie das Pilgern, Skifahren – welche eine Freude eine frische Spur durch unberührten Pulverschnee zu legen – bei kräftigem Wind zu segeln also die Schönheit und unendliche Kraft der Natur zu erleben und natürlich die Schönheit die wir mit Intelligenz und Energie erschaffen also von Kunst unabhängig ob als Buch, Gemälde, Architektur etc. aber auch essen und trinken
Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir in den Sinn, dass ich für mich Glück und Zufriedenheit in drei einfache Worte fassen könnte: kreieren, teilen, genießen. Ich bin sicher, dass im Umkehrschluss gilt: unglücklich ist, wer sinnloses verrichtet, sich egoistisch verhält und Schönheit nicht erkennt.

Mit diesen Gedanken im Kopf, die ich jetzt nicht die Zeit habe weiter auszuführen, mir aber vornehme morgen wieder aufzunehmen, schreite ich weiter durch die weite Ebene mit tiefem sandigen Boden, die der Arno erzeugt hat. Das baut meine Füße nach den vielen Kilometern auf der Straße wieder auf. So erreiche ich nach 32 Kilometern froh gelaunt „mein“ Hotel Vedute in Le Vedute, einer Siedlung, die ich noch nicht einmal Dorf nennen möchte.

Hier gefällt es mir: eine toll hergerichtete Zufahrt, schöne Zimmer, toller Garten mit Pool, ein Restaurant mit leckerem Essen und feiernde Gäste – als ich ankomme feiert eine Hochzeitsgesellschaft im Garten und am Abend kommt eine große Gruppe junger Mädels, um eine bevorstehende Hochzeit lautstark einzuläuten.

Tag 28: 03.06.17

 

Um 07:00 Uhr verlasse ich mein Zimmer. Hier ist nichts einladend und schmutzig wirkt auch alles. Also nichts wie weg. Trotz des Besuchs von zwei Bars bin ich bereits kurz nach zehn in Lucca, da ich den kürzesten Weg über die Berge nach Lucca wähle. Ich traue mich um die Uhrzeit noch nicht in mein Quartier, so schaue ich mir vorher eingehend die Stadt an. Vorweg: Lucca ist ein Traum.

Lucca erreiche ich über das Nordtor. Gleich nachdem ich das Stadttor passiert habe, erklimme ich die Stadtmauer, auf der ich zunächst oben entlang wandere. Auf Höhe der Basilika San Ferdiano, einem Englischen Bischhof aus dem siebten Jahrhundert, gehe ich hinunter in die Stadt und besichtige die Basilika, wo ich als Pilger keinen Eintritt zu bezahlen habe und einen Stempel in meinen Pilgerpass bekomme.

Von dort schlendere ich durch die Einkaufsstraßen, die natürlich nur Gassen sind zum Duomo di San Martino. Auch hier bekomme ich als Pilger einen Rabatt sowie Gutscheine für reduzierten Eintritt für einige der Museen von Lucca. Einen Stempel der Kathedrale lasse ich mir natürlich auch noch in meinen Pilgerpass drücken.

Ich glaube ich habe schon einmal auf meinem awe beschrieben, dass die Kirchen oft hell und freundlich sind. Das gilt sowohl für die Basilika als auch für den Duomo. Völlig anders als in Spanien sind die Kirchen nicht so überfrachtet mit Dekoration vor allem aus Gold und Silber. Hier sind es mehr Malereien, bildhauerische Arbeiten und dekorativen Fenster. Sie sind deutlich weniger protzig. Das macht sie für mich sympathischer und ansprechender. Für diesen Stil stehen bisher der Duomo in Sarzana und die beiden Kirchen in Lucca. Damit dass die Kirche in Kunst investiert und damit Künstler unterstützt hat, verleiht ihr in meinen Augen eine sehr respektable Stellung, unabhängig davon wie sie zu dem Reichtum gelangt ist und dass sie schon immer, und das gilt leider bis heute, ein stark retardierendes Moment in der Entwicklung unserer Gesellschaft darstellt. Mir wird, wenn ich darüber nachdenke und schreibe, bewusst, dass ich leider viel zu wenig weiss, welche Rolle die Kirche in Italien gespielt hat und wie sie ihre Macht in diesem Land ausgeübt hat. Ich nehme mir vor, mich diesem Thema in nächster Zeit etwas anzunehmen.

Um zwölf und mittlerweile 18 Kilometern – 2/3 meines Weges also 800 Kilometer sind bewältigt – suche ich mein Hotel, das Mitten in der Stadt liegt. Mehrfach laufe ich nach meinem Navi daran vorbei. Die Straße stimmt, trotzdem sehe ich keinen Eingang zu einem Hotel; die Restaurants heißen auch alle anders. Noch einmal checke ich die Adresse und den Namen. Jetzt suche ich gewissenhaft die Hausnummer. An der richtigen Hausnummer gibt es nur eine Haustür, sonst nichts. Dann sehe ich ein kleines Schild von vielleicht 10×10 cm mit dem Namen: Antica Residenza DellAngelo. Ok, ich scheine richtig zu sein. Dann gehe ich mal hinein. Ich muss eine steile Treppe mit hohen Stufen ins erste OG hoch klettern. Dort gibt es wieder ein kleines Schild Rezeption. Hier ist ein Minitresen aber sonst nichts. Als nach 5 Minuten noch niemand da ist, rufe ich im Hotel an. Jetzt höre ich eine Dame rufen, dass sie schon unterwegs sei. Als sie die Treppe herunter kommt, erklärt sie mir, dass ich noch nicht einchecken könne. Das ginge erst ab 15:00 Uhr. Ich sage ihr, dass ich aber jetzt schon da bin. Sie hat ein Einsehen mit mir. Die Zimmer seien noch nicht fertig. Ich könne mich umziehen und meinen Rucksack im Zimmer lassen. Um zwei habe sie mein Zimmer fertig. Das akzeptiere ich und bekomme das Zimmer direkt an der Rezeption. Es ist eine zwei Zimmerwohnung. Mit einem schönen roten, ich vermute, Backsteinboden, einer Decke aus Holzbalken, in der die Backsteine der nächsten Ebene eingelegt sind und einem fantastischen Bad gestaltet mit Mosaikfliessen und modernsten Badezimmerobjekten. Das ist super, hier fühle ich mich wohl. Erst jetzt lerne ich, es ist auch nicht wirklich ein Hotel. Die Signora vermietet ihr Haus, das vier Etagen mit je zwei Wohnungen hat. Die Vermietung übernimmt booking.com und weist es als Hotel aus, was es aber im klassischen sinne nicht stimmt. Es gibt auch keinerlei Hotelservices also kein Frühstück, kein Wäscheservice etc.

Ich ziehe mich schnell um und gehe wieder in die Stadt, damit die Seniora das Zimmer aufräumen und für mich fertig machen kann. Nun mit Flipflops an den Füßen schlappe ich durch die Stadt. Das komplette Zentrum, also alles was innerhalb der komplett erhaltenen Stadtmauer liegt, ist historisch. Es gibt keine Neubauten. Die Häuser müssen von den Besitzern in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild erhalten und dürfen/müssen ständig renoviert werden. Die Häuser sind, verglichen was ich bisher auf der Via Francigena gesehen habe, in einem hervorragenden Zustand. Natürlich gibt es immer mal wieder ein Haus, das dem Zerfallen nahe ist, das sind tatsächlich nur einige wenige.

Die Stadt ist voll von Touristen. Überall hört man Deutsch und Englisch neben natürlich Italienisch. Dass die Menschen vom Tourismus leben, lässt sich schon daran erkennen, dass man überall in Geschäften und Restaurants Englisch sprechendes Personal vorfindet.

Um halb drei komme ich zurück ins Hotel, das Zimmer ist fertig und ich kann mit meiner täglichen Routine Wäschewaschen und Duschen beginnen. Danach mache ich einige Bilder aus dem Fenster meines Zimmers, runter auf die Strasse und auch rüber zur Chiesa di San Michele in Foro. Von ihrer Facade mache ich später noch eine Aufnahme, als die Sonne sie schön hell beleuchtet. Auch zum Abendessen gehe ich wieder runter und lass die Stadt auf mich wirken: jung, modern, hip, alles andere als morbide, trotz des historischen Umfeldes. So muss eine Stadt sein: seine Historie Samstag seiner Kunst erhalten und dem Zeitgeist zu ihrer Permanenten Erneuerung folgen.

Ach ja: ich muss noch einmal aus geschäftlichen Gründen nach Heidelberg. Am Freitag bin ich wieder zurück und der nächste Bericht folgt am kommenden Samstag vermutlich aus Altopascio, von wo es ins Chianti-Gebiet geht.