Tag 1: 03.10.2022

Ich habe einen überwältigend schönen Sommer Zuhause verbracht: und das nicht nur des sensationellen Wetters sondern vor allem weil ich schon lange nicht mehr so viel Zeit mit der immer größer werdenden Familie und mit meiner Frau verbracht habe. Ich habe es sehr genossen. Trotzdem erfasst mich immer wieder das Fernweh und die unbändige Lust auf das langsame Reisen: Wandern ist sicher mühselig und nicht immer die reine Freude; aber ich sehe und erlebe ein Land, eine Gegend viel intensiver als mit jeder andern Form des Reisens.

Wo geht es hin? Ich habe mich lange nicht entscheiden können. Letztlich hat Sizilien das Rennen gemacht in der Hoffnung auf gutes Wetter, hervorragendes Essen und fantastischen Wein. Vor mir liegen  650 bis 700 Kilometer und mehr als 20.000 Höhenmeter. Ich starte im Westen und mein Weg wird im äußersten Osten in Messina enden.

Heute Morgen bin ich nach Trapani – unweit von Málaga – geflogen, wo ich mit knapp zwei Stunden Verspätung um kurz vor 11:00 Uhr gelandet bin. Noch am Flughafen habe ich meinen Rucksack eingestellt und habe mich auf den Weg nach Trapani gemacht, das ziemlich genau 20 Kilometer nördlich des Flughafens liegt und wo ich schon vorab ein Hotel gebucht hatte.

Am Anfang musste ich an einer viel befahrenen Straße entlang laufen, dann ging es durch landwirtschaftlich genutzte Bereiche u. a. mit Granatäpfeln und Kaktusfeigen – nicht nur im Ackerbau auch in den Vorgärten – bevor ich die gewerblich genutzten und eher hässlichen Ausläufers von Trapani erreicht habe.

Die Lage am Meer mit Stränden und Hafenanlagen prägt die Stadt. Trapani war und ist eine Kulturstadt mit einer Kathedrale, vielen Museen, Galerien und natürlich Restaurants für die Versorgung der Touristen. Die Saison ist zu Ende, weshalb die Bars und Restaurants nur mäßig besucht sind. Ich esse heute Abend eine kalte Platte mit heimischen Produkten: einfach köstlich.

Athen: 30.05.22

Ich bin in Athen! Eine Stadt in der das Leben pulsiert. Ich habe ein Hotel am Fuße der Akropolis, die ich natürlich besichtige. Nachfolgend einige Impressionen und anschließend eine Zusammenfassung meiner Wanderung durch Nord-Griechenland.


Theater des Dionysus


Dionysus Eleuthereus


Tempel der Athene


Tempel der Athene


Odeon, römisch


Erechtheum 


Erechtheum: wer trägt die Last?


Parthenon 


Parthenon 

Schnell wurde mir klar, den E4, wie er ausgeschildert ist, werde ich nicht laufen. Das hat mehrere Gründe. Bei der Planung des E4 scheint man so vorgegangen zu sein, den Weg möglichst abseits der Zivilisation unter Mitnahme aller Gebirge und fernab jeglicher Infrastruktur anzulegen und dabei alle Städte zu meiden. Das hätte für mich bedeutet, weitgehend zu campen und mein Essen mitzunehmen. Beides gehört nicht zu meiner favorisierten Form des Reisens.

In den Bergen ist es im Mai – vor allem im Norden – noch sehr kalt. Ab etwa 1.400 Höhenmeter liegt noch recht viel Schnee. Die Wege sind aufgrund der Winterschäden, wie umgestürzte Bäume, abgebrochene Äste nur mit Schwierigkeiten passierbar. Ich bin in den Bergen daher nur sehr langsam vorwärts gekommen. Weiter im Süden wurde dies deutlich besser.

Müsli und Instantfood kann ich mal essen aber dies die meiste Zeit machen zu müssen, ist nicht mein Ding. Dafür bin ich dann doch zu sehr Genussmensch. In vielen Dörfern gibt es keine Tavernen und schon gar keine Restaurants. Selbst Einkaufsmöglichkeiten sind nicht die Regel, weshalb ich oft fahrende Händler getroffen habe, die ihre Waren von ihren Pickups herunter verkaufen. Vor allem im Norden konnte ich mich nicht auf die Eintragungen in Google Maps hinsichtlich Restaurants und Bars verlassen. Entweder gab es diese aufgrund von Coronavirus gar nicht mehr oder sie waren Saisonbedingt noch geschlossen. Ab Elassona hat sich das geändert. Die Karteneintragungen waren fast immer korrekt. Auffallend ist die Anzahl Restaurants bzw. Tavernen. Ich erkläre mir das damit, dass die Einheimischen zwar auswärts etwas Trinken aber zuhause Essen.

Die Küche, wie ich sie vor fünfzig Jahren bei meinem ersten Griechenlandaufenthalt, erlebt habe, ist weitgehend ausgestorben. Die Italienische Küche hat auch Griechenland erobert. Überall bekommt man Pizza, Pasta und Risotto. Als Beispiel, die Moussaka früher gefühlt vorherrschend bekommt man fast garnicht mehr.

Ab dem vierten Tag habe ich meinen Weg mit neuen Prioritätsregeln geplant. Gibt es eine Unterkunft, gibt es eine Möglichkeit Abendessen, zu bekommen. Vermeidung von Straßen. Randbedingung: Überquerung des Olymp, Kalambaka/Meteora und Delphi als Ziel. Damit war mein Weg etwas kürzer statt 750 bin ich nur 680 Kilometer gewandert bei ca 14.000 Höhenmeter statt knapp 30.000.

Vergleiche ich meine bisherigen Wandertouren, so ist das Wandern in Griechenland tagsüber eine einsame Angelegenheit. Auf dem Weg selbst bin ich nicht einmal jemanden begegnet. In den Orten sitzen in den Bars die alten Männer scheinbar den ganzen Tag, um sich die Zeit zu vertreiben. Überall, ob in den Bars, in den Unterkünften oder in Geschäften, ist mir höchste Freundlichkeit und eine ebenso große Hilfsbereitschaft entgegengebracht worden. Jeder hat versucht, mit mir zu kommunizieren. In den Dörfern oft in Deutsch, da immer jemand mal in Deutschland gearbeitet hat, in den Städten eher in Englisch. Die Bevölkerung unter 40 scheint durchweg Englisch gelernt zu haben.

Hunde sind definitiv ein Thema. Hunde sind unabhängig ihrer Größe ängstliche Tiere, weshalb sie zwar bellen und die Zähne fletschen, was Ausdruck ihrer Ängstlichkeit ist. Trotzdem ist es nicht angenehm, wenn man von mehreren Hunden umringt wird und diese einen bösartig wirkend ankläffen. Denn man kann sich nie sicher sein, ob einer nicht doch aus seiner Angst heraus zubeißt. Was mich immer wieder massiv geärgert hat, sind die Hundebesitzer, und hier kritisiere ich vornehmlich die Schäfer, die mitbekommen, dass ihre Hunde einen stellen und sich noch nicht einmal die Mühe machen, ihre Hunde zurückzurufen. Größere wilde Tiere habe ich nicht gesehen. Zu Beginn habe ich viele Bärenspuren auf den Wegen gesehen. Meine anfängliche Vermutungen wurden später von einem Einheimischen bestätigt. ImmGras muss man aufpassen, weil es überall Schlangen gibt. Ob diese einen ernsthaft verletzen können, weiß ich nicht, möchte aber nicht von einer gebissen werden. An machen Tagen bin ich von morgens bis abends von Insekten umschwirrt worden, die leider mich öfters gestochen haben. Zeitweise hatte ich an den Oberarmen dicke Pusteln davon.

Anders als in Spanien und Italien hatte ich nicht in einem Ort den Eindruck, dass dies am Sterben sind. Überall bin ich einer großen Lebendigkeit begegnet und immer Generationen übergreifend.

Bürgersteige sind in den Orten fast überall vorhanden. Sie sind nur nicht für den Fußgänger geeignet. Sie sind für die Aufstellung von Laternen, Strommasten, Blumen, Bäume und natürlich Mülltonnen. Müll ist definitiv ein Problem. Wenn der Müll keinen Platz in den öffentlich aufgestellten Mülltonnen hat, wird er am Straßenrand, im Wald und im Feld entsorgt. Ost sieht man am Straßenrand Autowracks, die zusammen mit Müll häufig auf den eignen Grundstücken deponiert werden, was viele Grundstücke wie Müllhalden aussehen lässt. Da man die Terrassen und Veranden prinzipiell zur Straße ausrichtet, kann das Grundstück hinterm Haus gut für den Abfall genutzt werden. Ich bin an sehr vielen Wohnhäusern, Bauernhöfe und Gewerbegebäuden vorbeigekommen, die am zerfallen sind und oft genug Ruinen sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie sich auf bewirtschafteten und besiedelten Grundstücken befinden. Müll, Autowracks und Ruinen sind ein Problem.

Griechenland ist die Wiege unsere Kultur und Werte. Wenn ich in Delphi oberhalb des Theaters auf den Apollo Tempel hinunter schaue und auf der Akropolis in Athen vor dem Parthenon stehe, spüre ich diese Wurzeln tief in mir. Mir stellt sich dort immer wieder die Frage, wie war es möglich, dies vor mehr als 2.500 Jahren zu erschaffen. Damit meine ich nicht nur die Gebäude und künstlerischen Arbeiten sondern viel mehr noch ein modernes Leben mit Theater und Musik zu führen, das Demokratie, Philosophie und Naturwissenschaften erschaffen hat. Wollte ich damals gelebt haben? Von der geistig künstlerischen Inspiration unbedingt. Aber unter keinen Umständen, was die restlichen Lebensumstände angeht aus das fängt bei der Hygiene an und hört nicht bei der medizinischen Versorgung auf.

Tag 26: 29.05.22

Ich befinde mich auf dem Fundament unserer Kultur. Bevor Rom die Weltherrschaft übernahm und bevor die Weltreligionen wie das Christentum und der Islam die Macht über alles irdische für sich in Anspruch genommen haben, stand Delphi für das Zentrum von Politik, Finanzen und Kultur. Delphi das Machtzentrum der Antike und nicht nur Ort des Orakels.

Die Ausgrabungen mit den Ausstellungstücken im Museum vermitteln mir ein Bild, wie das Leben Auserwählter in Delphi gewesen sein könnte. Mir gehen die Sagen der Antike durch den Kopf, auch das Wirken der Griechischen Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler. Was für eine Hochkultur, in der nicht schon fast jeder Gedanke einmal gedacht und nieder geschrieben wurde. Mich berührt dieser Ort wieder einmal tief in mir.


Schatzhaus Athens


Schlange des Aeskulap


Apollo Tempel von Osten und Sitz des Orakels


Apollo Tempel von Westen


Apollo Tempel vom Theater


Apollo Tempel von oben


Apollo Tempel oben


Apollo Tempel von nah


Theater von der Bühne


Theater mit Apollo Tempel im Hintergrund


Stadion


Sphinx – war auf einer 11 m hohen Säule


Athleten 


Portal

 
Figuren auf Säulenkapitell


Statuen vor Szenenbild


Lenker eines Streitwagens – Streitwagen ist bei einem Erdbeben zerstört worden


Zurück im neuzeitlichen Delphi: Kirche

Tag 25: 28.05.22

Ein Tag der Superlative!

Es gibt ein sensationelles Frühstück mit ausschließlich selbst erzeugten und hergestellten Produkten mit Honig, Marmelade, Ziegen-/Schaafsbutter, Brot, Eiern und nicht zu vergessen Kirschen aus dem Garten. Nur die Orangen für den frisch gepressten Orangensaft kommen aus Lamia.

So gestärkt, fällt es mir nicht schwer, die 650 Höhenmeter über sehr gut zu laufenden Wald- und Wiesenwegen gleich zu Beginn des Tages zu meistern. Oben auf dem Hochplateau wandere ich immer wieder über ausgedehnte fette, grüne Almwiesen. Nur Herden gibt es keine – dafür zwei einsame nicht zusammengehörende Ski.

Das Hochplateau eröffnet mir schliesslich einen Blick auf den höchsten Berg der Gegend, den Parnassus mit seinen knapp 2.500 Metern. Um ihn und die umliegenden Gipfel gibt es ein Skigebiet mit einigen Sesselbahnen und Gondeln.

Danach geht es fast 1.000 Höhenmeter runter nach Delphi, das immer noch 500 Meter über dem Meer mit Blick nach Süden am Berg klebt. Auf einem Weg, der sich nach unten schlängelt, hat man einen überwältigenden Blick auf den Ort und das Meer. Fast 2 Stunden brauche ich für den Abstieg, nicht weil es diese Zeit zum Wandern bräuchte, sondern weil ich immer wieder stehen bleibe oder auf einen Felsvorsprung klettere, um mich an diesem einmaligen Ausblick sattzusehen.

Kurz bevor ich das heutige Delphi erreiche, bekomme ich die Chance, einen ersten Blick auf das antike Delphi zu werfen. Das antike Stadion liegt linker Hand von mir und ist gut zu sehen. Morgen werde ich mir das antike Delphi genauer anschauen. Mal sehen, ob ich zum Orakel vorgelassen werde.

Tag 24: 27.05.22

Eine Asiatische Instant-Nudelsuppe von einem Chinesischen Hersteller ist nicht unbedingt Bestandteil meines typischen Frühstücks. Mangels Alternativen gibt es die heute Morgen. Es ist sicherlich kein kulinarisches Highlight aber die Suppe sättigt und ich halte bis heute Abend – zwar mit knurrendem Magen – durch, was vermutlich an dem Liter Limonade liegt, den ich über den Tag verteilt trinke. Ich liebe beim Wandern, wenn ich ausgepowert bin, eine kalte Limonade zu trinken und den anschließenden Zuckerschub, der mir neue Kraft gibt. Und heute brauche ich mehr als einmal wieder neue Kraft, um mein Ziel zu erreichen.

Auf dem Weg runter fängt alles ganz normal an. Erst eine kurze Strecke auf der Straße, dann auf einen Feldweg und jetzt muss ich mich entscheiden, nehme ich den OpenStreetMap Weg oder den GoogleMaps Weg. Ich entscheide mich für letzteres. Nach den Erfahrungen vom gestrigen Aufstieg, will ich keine Experimente eingehen.

Schnell entpuppt sich die Entscheidung als falsch. Aus dem schönen Feldweg wird ein zugewucherter Wiesenweg und irgendwann gibt es keinen Weg mehr. Aufgrund der Topographie kann es da auch keinen Weg geben. Also versuche ich, mir einen Weg durch das hohe Gras in Richtung des OpenStreetMaps Wegs zu bahnen. Das Wandern durch das hohe Gras ist unangenehm, unter anderem da ich ständig Tiere aufschrecke, die vor mir weglaufen. Ich hoffe nur, dass nicht eine Schlange oder ein anderes unangenehm beißendes Tier aus Angst nach mir schnappt. Das Gras juckt mir auf der Haut.

Tief unter mir liegt ein ausgetrockneter Bachlauf. Da muss ich runter und auf der anderen Seite wieder hoch, um in die angepeilte Richtung zu kommen. Der steile Abstieg in das Bachbett erweist sich mit dem Rucksack gar nicht so einfach. Unten angekommen wird mir klar, hier komme ich auf der anderen Seite nicht hoch. Daher laufe ich, gar nicht so schlecht, in der Hoffnung in dem Bachbett bergab, dass die Böschung irgendwann niedriger wird. Auch das ist eine Täuschung. Kurze Zeit später mündet der ausgetrocknete Bach in ein anderes wasserführendes Flüsschen.

Nächste Entscheidung. was nun. Erneut bemühe ich meine Karte. Der angestrebte Weg ist ungefähr 400 Meter rechts von mir durch einen dichten Wald mit einer kaum zu erklimmenden Böschung. Links von mir gibt es nach 300 Meter eine Bahnlinie. Die Böschung links komme ich hoch und oben ist eine Wiese mit hohem Gras. Damit ist diese Option deutliche einfacher zu gehen als durch den Wald mit seinem Dickicht. Tatsächlich schaffe es die Böschung hoch aus dem Bachbett. Ich bin nicht nur verschwitzt sondern auch völlig verdreckt. Was soll’s, keiner da, den das verwundern könnte. Nach 300 Meter stehe ich wieder vor einer hohen Böschung. Oben ist die erhoffte Bahnlinie. Wenn ich aus einem Bachbett aufsteigen kann, werde ich auch die Bahnlinie erklimmen können. Auf der Bahnlinie ziehe ich erstmal Schuhe und Strümpfe sowie mein Shirt aus und entferne, was ich in den letzen beiden Kilometern alles aufgesammelt habe. Dann kann es weitergehen. Ich laufe auf der Bahnstrecke, bis ich auf eine Straße stoße. Dann ist es auch nicht mehr weit und ich bin zurück auf meinem geplanten Weg.

So komme ich in eine ausgedehnte Hochebene. Die ich von West nach Ost vorbei an einem Ferienhotel mit einer Heerschar von Kindern, wo es einen ersten Kaffee und anschließend zwei Limos gibt, weiter durch den einen und anderen Weiler bis in den Ort, wo es nach Süden in die Berge abgeht. Auf einer wunderschönen Terrasse mit Blick auf die Kirche trinke ich eine zweite Tasse Griechischen Kaffee und natürlich eine Limo. Die Wirtin, die sehr gut Englisch spricht, fragt mich wo es heute hin geht und ich erzähle ihr, das mein Ziel unweit von hier in den Bergen liegt: Eptalofos. Sie lacht und sagt mit dem Auto wäre ich in zehn Minuten oben. Ich frage, wie der Weg zum Laufen sei. Das weiß sie nicht, sie ist noch nie hoch gelaufen. Der Ort sei sehr schön mit vielen Hotels und Restaurants. Nachts könne man dort gut schlafen, da es nicht zu warm sei.

Es geht über einen schönen Forstweg seicht den Berg hoch. Der Weg ist schön, links und rechts mit vielen Lichtungen und immer wieder Wasserstellen. An einer tausche ich mein warmes Wasser gegen frisches kühles aus. Ich komme an einem kleinen Wasserkraftwerk vorbei. Dann ist es vorbei mit dem schön ausgebauten Weg. Erst wird er enger, dann stehen Ginster- und Salbeibüsche im Weg. Schließlich wird es ein Pfad und danach fängt eine Baustelle an: eine Wasserleitung wird auf dem engen und immer steileren Weg (neu?) verlegt. Überall liegt Werkzeug wie Spitzhacken und Schaufeln rum und es ist nicht leicht zu laufen in der Rinne, die durch die Verlegung der der Wasserleitung gebuddelt wurde. Die offene Leitung macht es auch nicht leichter.

Weiter oben ist die Leitung bereits fertig, was es nicht viel einfacher macht, da die Erde noch lose ist und oft sehr ausgesetzt. Ich muss auf jeden einzelnen Schritt achten. Was nicht einfach ist, weil ich vermute, dass ich auf den Ginster allergisch reagiere. Meine Nase läuft und ist völlig verschleimt. Meine Augen sind zugeschwollen. Leider hilft mir mein neues Histamine Präparat, das mir meine HNO Ärztin verschrieben hat, überhaupt nicht. Sie hatte sich geweigert Telfas, was ich bisher immer benutzt habe, zu verordnen, mit dem Hinweis das sei ein altes Präparat, das man heute nicht mehr verwende und zu viele Nebenwirkungen habe. Das, was sie mir verschreibt, sei modern mit besserer Wirkung und ohne müde, zu machen. Das hätte ich mich stutzig machen sollen. Aus meinen Projekterfahrungen mit Traditioneller Chinesischer Medizin und der Homöopathie, weiß ich: ein Produkt ohne Nebenwirkungen hat auch keine Hauptwirkung. So ist das hier auch auch. Ich habe heute bereits die dritte Tablette genommen; keine Wirkung. Nase läuft, Augen zu.


Balancieren oder versuchen einen Weg weiter oben suchen? Kann doch Nadine größere Herausforderung sein als ein Baumstamm. Trotzdem 5 Meter tief fallen möchte ich auch nicht. Trau Dich, Harald!

Noch weiter oben ist die Verlegung der Leitung bereits so lange her, dass die Natur sich den Weg „zurück geholt“ hat. Er ist mit Ginster zu gewachsen. Durchkommen schwierig. Nach vielen Anstrengungen komme ich schließlich in ein sehr schönes Bergdorf mit eine Reihe von Hotels und Restaurants. Alles sieht nett aus. Überall gibt es Wasserstellen. An einer wasche ich mir Hände und Gesicht, bevor ich mein Guesthouse für die Nacht suche.

Ganz am Ende des Ortes, am höchsten Punkt liegt das Haus. Eine ältere Dame, mindestens so alt wie ich, öffnet mir und schenkt mir als Begrüßung einer Kräuterschnaps ein. Da sie nur Griechisch spricht können wir uns nicht verständigen. Trotzdem ist mir klar, sie mir zu versteh geben, dass es ein Schnaps aus dem Dorf sei. Dann kommt ein jüngerer Mann, mit dem ich Englisch sprechen kann. Er kennt sich in den Bergen gut aus. Als er fragt, wie mein Aufstieg war und ich ihm von der Baustelle berichte, sagt er, dass ihm das bewußt und er an dem Projekt beteiligt sei. Es sei auch geplant, den Weg oben wieder begehbar zu machen.

Später im Dorf. Als ich auf dem Dorfplatz köstlich esse, treffe ich ihn wieder und er setzt sich kurz zu mir. Ich frage ihn über den morgigen Weg aus und ob ich auf ähnliche Probleme stoße wie gestern und heute. Das verneint er. Der Weg hoch zu einem Skigebiet und anschließend runter nach Delphi sei anstrengend aber der Weg sei in gutem Zustand. Es gäbe auch unterwegs drei Wasserstellen. Er erzählt weiter, dass die Saison für das Dorf zu Ende sei. Man lebe hier vornehmlich vom Winter. Das erklärt auch, dass die Häuser gut aussehen und nicht verfallen sind. Auch herrscht Ordnung und es gibt keine Grundstücke die zugemüllt sind. Den Touristen und deren Wohlgefallen sei Dank.

Ich esse in einem Restaurant auf dem Hauptplatz, der genauso lebendig ist wie in Lamia. Ich bekomme heute einen Griechischen Salat und Lammkoteletts, alles eine Empfehlung des Wirtes. Die Karte kann ich nicht lesen, nur in Griechisch verfügbar. So verlasse ich mich auf ihn. In einem Mischmasch aus Englisch/Deutsch, das er spricht, verständigen wir uns schnell auf das Menü. Der Salat ist gut und nicht so lieblos, wie ich ihn bisher oft bekommen habe, und die Lammkoteletts sind interessant geschnitten aber wirklich lecker zubereitet. Sie müssen sehr frisch sein, so dass ich sogar das Fett  mit esse, zum Abschluss bekomme ich ein Orangentarte – auch wenn er mit mir übt, ich kann den Namen auf Griechisch nicht wieder geben. Gefühlt dauert es zehn Sekunden, um ihn auszusprechen. Das Wasser holt er an einer Wasserstelle direkt an einer der beiden riesigen Kastanienbäume. Hier fühle ich mich wohl!

Tag 23: 26.05.22

Welch eine hinreißend schöne Landschaft! Wasser fließt überall in Flüssen und Bächen, auf den Wegen und über Felsen hinweg in die Täler. Zusammen mit dem Sonnenschein erzeugt das eine fette Vegetation, die sich in allen Grüntönen präsentiert. Sensationell!

Der Tag hatte es in sich. Obwohl nur gut 27 Kilometer dafür aber 1.100 Höhenmeter, war das heute nach den beiden Olymp-Tagen die schwerste Etappe.


Im Dunst der Mittagshitze kann man die Ägäis erkennen

Mein Ziel liegt genau im Süden von Lamia, hoch oben in den Bergen. Das bedeutet, ich durchquere zunächst die Flussebene, die sich im Osten bis zum Ägäischen Meer hinzieht. Danach wandere ich in die gemächlich ansteigenden Berge. Als ich nach etwa 8 Kilometern an einer Bar vorbei komme, ich hatte befürchtet, heute gibt es keine Versorgungsmöglichkeit, mache ich daher schon eine frühe Rast und „betanke“ meinen Körper.

Vorbei an Wasserquellen und an Klöstern, von denen es eine ganze Reihe gibt – ich vermute, das liegt an dem reichlich vorhandenen Wasser – wird es immer steiler. Da es keine Kneipen mehr gibt, mache ich nach gut 20 Kilometern Halt an einer öffentlichen Wasserstelle, die es in vielen Orten gibt, hier aber überall zu finden sind.

Bisher war mein Weg geprägt von Straßen und gut angelegten Wegen. Das ändert sich, als die landwirtschaftliche Nutzung endet. Kein Mensch braucht in den Bergen Wege. Zum Vergnügen wandern die Einheimischen nicht und beruflich gibt es keinen Nutzen. Der Weg, den selbst Google Maps kennt und vorgeschlagen hat, war wohl mal ein Weg. Jetzt ist er oft völlig zu gewuchert, manchmal von den reißenden Bächen unterspült und gelegentlich einfach nicht da. Weil das Gelände steil ist – nicht nur hoch auch runter – ist nicht nur einen Pfad finden eine Herausforderung sondern auch das Gehen selbst. Die Disteln stechen, die Dornen einiger Sträucher malträtieren mich, der Untergrund ist geröllig oder glatt durch die Nässe, durchzogen mit tiefen Gräben und und und. Das ist nicht nur unangenehm, sondern erfordert meine volle Konzentration. Meine stechenden und mich umschwirrende Freunde begleiten mich ebenfalls seit einiger Zeit wieder. Sie versuchen meine Aufmerksamkeit weg vom Weg, auf sich zu lenken.

Nach einem anstrengenden Abstieg wate ich durch einen breiten dafür langsam dahin plätschernden Fluss. Die Durchquerung ist äußerst schwierig, da die Steine glatt und rutschig sind und beim Auftreten wegrollen. Hier möchte ich mir weder einen Fuß vertreten und schon gar nicht das Bein brechen. Hilfe bekomme ich in diesem Gelände sicher nicht. Meine Quälgeister scheinen das zu wissen und werden am Fluss, und das startet schon beim ausziehen der Strümpfe, immer aggressiver. Mir scheint, es bereitet ihnen größtes Vergnügen, mich bis aufs Blut zu quälen.

Auf der anderen Seite des Flusses finde ich den Weg dann gar nicht mehr. Ich versuche mit dem GPS und meiner Einschätzung des Geländes, meinem Ziel näher zu kommen und frage mich, ob der Weg weiß, dass er hier sein sollte und warum er das nicht ist. Noch einmal 300 Höhenmeter unter diesen Bedingungen verlangen mir alles ab und entziehen mir die letzten Kräfte. Ich bin völlig erschöpft. Oben angekommen, ist der Weg auf einmal wieder da und ich habe einen sensationellen Blick.

Der Ort, in dem ich ein Zimmer gemietet habe, ist tatsächlich so vereinsamt, wie ich schon aus dem Kartenmaterial vermutet hatte. Gut dass ich gestern vorsorglich zwei Nudelsuppen eine für heute Abend und eine Fürs Frühstück und ein Päckchen Nüsse gekauft habe. So muss ich wenigstens nicht hungern. Satt werde ich allerdings auch nicht. So eine Suppe hat am Ende eben nur gut 300 kKalorien und das letzte mal gegessen habe ich heute Morgen im Hotel. Das Frühstück war dort, wie meist in Griechenland, alles andere als üppig. Ich bin sicher, dass ich heute mehr Energie verbraucht als meinem Körper zugeführt habe.


Ist das nicht ein hübsches Waschbecken?

Tag 22: 25.05.22

Die Flussebene, die ich gestern erreicht habe, führt ca. 20 Kilometer östlich von Lamia an die Ägäis. 30 Kilometer sind es vom Hotel bis nach Lamia. In der Ebene zu wandern ist im Normalfall angenehm, weil man ohne allzu viele Mühen ordentlich ausschreiten kann. Nur heute bedeutet es 30 Kilometer neben und auf einer Straße zu gehen, die für hiesige Verhältnisse viel befahren ist, und das macht es dann wieder langweilig und aufgrund des Verkehrs nervig.

Um mich abzulenken, stecke ich gegen meine Gewohnheiten gleich meine Airports ins Ohr und höre fast bis nach Lamia SWR3,.

Vorteil von Ebenen und viel befahrenen Straßen sind die regelmäßig an der Straße liegenden Dörfer und damit Bars, in die ich einkehren und eine Pause machen kann. Oft findet man die Bars nicht an der Hauptstraße sondern am Hauptplatz bei der Kirche. Schön sind die Dörfer meist nicht. Das liegt nicht an den öffentlichen Einrichtungen, sondern daran, dass die privaten Häuser nicht gepflegt werden, die Besitzer ihr Eigentum verfallen lassen und ihre Grundstücke als Müllhalten und Schrottplätze nutzen.

Wie bisher auf meinem Weg durch Griechenland werde ich in den Bars überaus freundlich empfangen, jeder interessiert sich woher ich komme und warum ich mit einem großen Rucksack in der Gegend rumrenne. Scheinbar erzeugt das so viel Mitleid, dass ich fast überall auf einen Kaffee eingeladen werde.

Neben den Bars gibt es einen weiteren Vorteil, in der Ebene zu wandern. Es gibt keine Insekten, die mich piesacken. In den letzten Tagen haben es die stechenden Tierchen vorfallen auf meinen rechten Oberarm abgesehen. Ich habe eine Vielzahl von juckenden, dicken und roten Pusteln, die heute die Chance haben zu heilen ohne, dass neue hinzukommen. Dass es hier so gut wie keine Fliegen und Mücken gibt, erkläre ich mir mit der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung und der damit verbundenen Insektenbekämpfung. Ein klassisches Dilemma. Auf der einen Seite bin ich heilfroh, nicht „verstochen“ zu werden, auf der anderen Seite ist mir bewusst, dass damit die Natur und in diesem Fall mindestens die Insektenvielfalt bzw. -vielzahl leidet: Fluch und Segen. Die Frage nach der Priorität ist alles andere als leicht zu beantworten. Daher sind mir diejenigen in der Gesellschaft, die eine klare und einfache Antwort haben suspekt. Wer bedingungslos nach Naturschutz ruft, muss auch beantworten, ob wir mit dem, was daraus folgt, leben möchten. In diesem speziellen Fall heißt das: viele Insekten = Reduktion von Lebensqualität z. B. in Form von keinen Picknicks auf der Wiese ohne, dass sich Insekten an einem selbst und am Picknick gütlich tun. Ich habe keine Antwort darauf. Ich könnte mir vorstellen, dass die jugendlichen Fridays for Future Anhänger die ersten sind, die hysterisch auf einen Stich einer dicken fetten und schön schmutzigen Bremse reagieren würden. Aber klar ist auch, wir können nicht alles töten, was uns unangenehm ist. Die Natur ist uns alles andere als freundlich gesinnt.

Zurück zu meinem Weg. Kurz vor Lamia überquere ich eine Autobahn: nach links —> kein Verkehr – nach rechts —> kein Verkehr! Ist das Zufall oder ist die Frage zulässig, warum die Griechen Straßen bauen, die keiner nutzt?

Lamia ist eine lebendige Stadt am Nördlichen Ende des Flussdeltas am Berg gelegen. Teilweise geht es steil nach oben. Der Höhenunterschied beträgt bis zu 150 Meter. Wie in den Dörfern auch liegt der Hauptplatz in der direkten Umgebung der Kirche. Der Unterschied zu Dörfern: hier gibt es mehr als eine Bar und die gesamte Bevölkerung sitzt in den Bars und nicht nur die alten Männer. Vergleichbar ist auch, dass ausschließlich Bars um den Platz herum angesiedelt sind. In den Seitenstraßen gibt es Fastfood jeder Art. Eine Griechische Küche, wie ich sie von meinem ersten Besuch als Teenager in Griechenland, was zugegebenermaßen mit einem halben Jahrhundert schon lange her ist, habe ich bisher nur in Kaditsa bekommen.

Ich habe nicht nur das Restaurant sondern auch die komplette Gasse für mich. Heute gibt es frittierte Aubergine und als Hauptgericht einen Hühnchenspiess mit den hier obligatorischen Pommes Frites. Gesellschaft bekomme ich auch. Allerdings eine sehr aufdringliche Gesellschaft.

Tag 21: 24.05.22

Ein ausgesprochen schöner Wandertag. Ich bin noch immer in den Bergen. Erst mein Ziel Ort Makrakomi ist wieder in der Ebene.

Zunächst lauf ich auf einer breiten Passstraße. Der Ginster riecht intensiv. Es ist wunderschön hier in den Bergen. Ich laufe mitten auf der Straße bzw. dort wo ich etwas Schatten finde. Um Verkehr muss ich mir keine Gedanken machen. Es kommt schlicht weg kein Auto. Lediglich, als ich mein Hotel verlasse, treffe kurze Zeit später auf eine Ziegenhirten mit ihren beiden Hunden. Die Hündin ist trächtig und der Rüde so verspielt, dass er an mir hoch springt, um mich zum Spielen zu animieren. Der hat seine Aufgaben noch nicht so richtig begriffen.

Ansonsten bleibt die Straße leer. Nach fünf Kilometern immer noch kein Auto. Die Straße wird ein wenig schmaler, was nichts daran ändert, dass kein Auto vorbei kommt. Nach neun Kilometern endet urplötzlich die Straße und jetzt wundert mich auch nicht mehr, warum hier niemand unterwegs ist. Wohin sollten sie auch fahren oder woher sollte jemand kommen. Eine Weile könnte man vielleicht noch mit einem geländegängigen Auto den Weg passieren. Dann ist auch damit Schluss, denn jetzt geht es auf Trampelpfaden weiter. Wer hat sich dieses Straßenprojekt nur einfallen lassen? Die könnte man im besten Falle als Trainings- oder Rennstrecke nutzen.

Mit meinem vertrauten Tross an Flugtieren vornehmlich Fliegen aber zum Teil auch etwas größere Flugungeheuer überquere ich ein Flüsschen. Etwas oberhalb der Furt, gibt es kleinen Wasserfall mit einer Art Bassin. Durch etwas Gestrüpp gehe ich dort hoch und nehme ein Bad, nicht nur um mich zu erfrischen sondern auch in der Hoffnung, dass ich die Mücken, Fliegen und Bremsen damit zumindest kurzzeitig los werde. Der Plan geht auf. Auf habe ich nicht mit der Kälte des Wassers gerechnet. Die nimmt mir schier den Atem, als ich in das Wasser eintauche. An den Füßen fand ich die Temperatur angenehm erfrischend mein Körper signalisiert allerdings nicht Erfrischung sondern pure Kälte. In der Sonne wärme ich mich auf und trockne meine verschwitzte Kleidung.

Mit frisch gefüllter Wasserflasche laufe ich gut gelaunt den Berg weiter hinunter in das breite Tal. Nach 34 Kilometern erreiche ich mein Hotel in der Kleinstadt Makrakomi. Sie hat einen sehr lebendigen Marktplatz mit vielen Bars. Restaurants gibt es zwar keine aber in einem Gyrosladen bekomme ich ein üppig aufgemachtes Gyros und einen Salat. Alles zusammen esse ich an einem Tisch auf dem Marktplatz. Die wenigsten essen etwas. Die meisten trinken ein Bier oder einen Weißwein immer zusammen mit viel Wasser. Die meisten Griechen scheinen zu Hause zu essen. Der Gyrosshop scheint entsprechend vom Lieferservice zu leben.

Tag 20: 23.05.22

Da ich einen ordentlichen Spiegel habe, fängt der Tag mit einem Fotoshooting an. So sehe ich aus, bevor mein Körper mit Transpiration auf Bewegung und Hitze reagiert.

Der Sommer ist selbst hier in den Bergen angekommen. Der Übergang von spätwinterlichen Verhältnissen im Nordosten zu hochsommerlichen Bedingungen weiter im Süden ist kurz und abrupt. Die Erde ist vor allem in den Wäldern noch sehr feucht, so dass im Wald eine hohe Luftfeuchtigkeit herrscht. Manchmal habe ich das Gefühl ich bin in einem Griechisch-Römischen Dampfbad.

Heute ist trotz der Hitze und der durchgängig scheinenden Sonne perfekt. Es geht bergauf und bergab durch die bewaldeten Berge. Den kompletten Weg komme ich durch keinen Ort mehr. Deshalb werfe ich noch schnell einen Blick zurück auf das Bergdorf, in dem ich übernachtet habe.

Jetzt muss ich den ersten Pass überqueren bevor es wieder in eine Talsenke geht. Entlang des Weges steht ein Bienenstock am anderen. Die zu versorgen, ist im Frühjahr, wenn die Bienen schwärmen und im Herbst, wenn die Völker gefüttert werden müssen, ein Fulltimejob. Im Tal muss eine Art Pilgerstätte sein. Es kommt eine Ausladung mit Touristen an. Wo Touristen sind, gibt es auch eine Bar. So ist es auch hier. Ich trinke erstmal einen Kaffee, bevor ich mich auf den nächsten langen Anstieg mache. Ich muss etwa 600 Meter den Berg auf einem gut angelegten Forstweg hoch laufen, bevor ich die nächste Passhöhe erreiche. Völlig verschwitzt und umschwirrt von Hunderten Fliegen, mache ich eine Pause. Ich lege mich in den Schatten, mit dem Ziel etwas zu schlafen. Die Fliegen nerven, mit denen habe ich mich allerdings arrangiert. Ich habe die Schuhe noch nicht richtig ausgezogen, werden die Fliegen von fetten Bremsen unterstützt, mir meine Ruhe zu rauben. Die Bremsen sind wirklich frech, sie benutzen mich nicht nur als Landeplatz sondern wollen auch noch an mein Blut. Erst sticht mich so ein Vieh durch den Socken in den Fuß, dann durch mein Shirt in die Brust. Wow das tat ganz schön weh. Als mich wieder Eine mit einer riesigen Kanüle als Stachel wieder in den Fuß pikst, was dem nicht wirklich gerecht wird, weil das richtig schmerzt, ist Schluss mit Ruhe. Ich ziehe die Schuhe wieder an und schultere meinen Rucksack. Solche Sau-Biester lassen die mich nicht in Ruhe rasten.

Die Bremsen verschwinden, sobald ich die Schuhe angezogen habe, die Fliegen bleiben in sehr großer Zahl mir auf meinem weiteren Weg erhalten. Nach einem kurzen Abstieg wechsele ich den Weg und es geht über einen unwegsamen Pfad bergauf. Das kommt fast klettern gleich bin ich auch diesen Anstieg geschafft habe und eine Straße erreiche.

An der Straße sehe ich schon von Ferne eine Kappelle. Dort kann ich mich sicher etwas ausruhen. Tatsächlich gibt es dort kühles Wasser. Ich trinke, als wäre ich am Verdursten und fülle meine Wasserflasche auf. Im Schatten ziehe ich wieder die Schuhe aus. Und setze mich etwas in den Schatten. Die Fliegen immer um mich herum. Da mich das stört, schaue ich strumpfig, ob die Kapelle offen ist und ich mich dort in eine der Bänke setzen kann. Tatsächlich seit langer langer Zeit ist die Kirche offen. Drinnen ist es kühl und es riecht nach Weihrauch. Neben den Kerzen, die man gegen eine Spende anzünden kann, steht ein Flakon mit einem nach Weihrauch riechenden Parfüm. Ich mache eine Spende und besprühe meine Hände mit Weihrauch. Nach einer angemessenen Pause, mache ich mich wieder auf den Weg.

Meine Hoffnung trifft zu, den Weihrauch mögen die Fliegen nicht so sehr und sie lassen von mir ab. Jetzt geht es noch ein letztes Mal den Berg rauf auf 1.000 Meter. Oben angekommen steht ein Flugzeug und eine Feuerwehrwagen zusammen mit einigen Helden. Mein heutiges Ziel sehe ich auch etwas den Berg runter.

Auch wenn es ein idealer Wandertag war, freue ich mich sehr, meine heutige Unterkunft zu erreichen. Es ist ein ausgesprochen gut hergerichtetes Gasthaus mit tollem Bad, großem Balkon und aufmerksam eingerichtetem Zimmer. Die Wirtin muss ich anrufen. Sie kommt nach wenigen Minuten. Am Telefon hatte ich den Eindruck sie spreche Englisch. Das ist aber nicht der Fall. Die Kommunikation mit ihr und ihrer Familie, die im Ort auch ein Restaurant betreiben läuft nicht nur beim Check in sondern auch später beim Abendessen über Goggle Translator it Spracheingabe. Das ist eine lustige Form der Kommunikation.

Tag 19: 22.05.22

Fast 20 km an einer schnurgeraden Straße entlang zu laufen in Richtung Süden die Sonne ständig voll im Gesicht, macht keinen Spaß: pure Langeweile. Die Zeit will einfach nicht vergehen. Um mir den Fortschritt gewahr zu machen, schaue ich ständig auf die Uhr: wie viel Zeit ist vergangen, wie viele Kilometer bin ich gelaufen. Mein Eindruck, das steigert die Langeweile. Ich schaue immer öfter auf die Uhr, was den Eindruck vermittelt, ich komme immer langsamer vorwärts.

Nach ca. 20 km dann endlich biege ich ab nach Westen in den Gebirgszug, der mir den Weg nach Süden versperrt. Auf sich windenden Wegen geht es bergauf mal nach Westen, mal nach Süden, viel mehr nach Süden.

Obwohl als nicht mehr existent in Google Maps gekennzeichnet komme ich in einem kleinen Dörfchen auf einer Anhöhe liegend an einer Bar vorbei. Kaffee, Wasser, Limo. Ich fülle meinen Körper mit Flüssigkeit auf. Wie immer sitzen ältere Männer auf der Terrasse der Bar. Einer spricht Englisch – ausnahmsweise niemand Deutsch. Die Männer trinken Bier und Ouzo. Das bei der Hitze.

Ich darf meine Getränke nicht bezahlen. Ich tue den Männern leid, obwohl ich versichere, dass ich aus Vergnügen laufe – ob das stimmt, weiß ich allerdings bei dem Wetter und den Straßenerfahrungen vom Vormittag nicht – was man mir eben auch nicht abnimmt.

Noch 9 km und 500 Höhenmeter. Das kann nicht mehr so schlimm sein. Als ich das Dorf hinter mir lasse, sehe ich hoch oben in den Bergen einen Ort. Richtung passt: da muss ich heute hin. Dort oben ist das Apartment, das ich gemietet habe.

Wenn ich mir das anschaue, ist mir auch klar, warum es in diesem Bergdorf nichts aber auch rein gar nichts gibt und ich deshalb getrocknete Chinesische Nudeln mit Pekingenten Geschmack in meinem Rucksack mitschleppen muss. Die werden mein Abendessen. Fürs Frühstück habe ich eingeschweißte Wurst in Kaditsa gestern gekauft. Alles in allem 220 Gramm. Ich hoffe, davon werde ich hinreichend satt.

Der Weg wird steiler und steiler, oben angekommen ist nichts mehr trocken an mir. Ich muss noch eine viertel Stunde in meinen Klamotten ausharren und sonnengewärmtes Wasser trinken, bis der Besitzer, der in Athen lebt, jemanden mit den Schlüsseln schickt.

Tag 18: 21.05.22

Heute hat mich nicht nur den ganzen Tag die Sonne angestrahlt, es war auch sehr warm. Selbst um 09:00 Uhr heute Abend ist es 25 Grad warm.

Die Wanderung teilt sich in zwei Teile: am Anfang war sie geprägte von Feuchtigkeit und Nässe. Ich musste durch den Fluss, der das Tal gebildet hat, an einer Furt durchwaten. Weit und breit gab es keine Brücke. Trotz der Hitze ist das Wasser ziemlich kühl.

Der Grundwasserspiegel scheint sehr hoch zu sein. Jede Vertiefung, sei es eine Unterführung der Autobahn oder ein Weg in einer kaum erkennbaren Senke und schon ist der Weg geflutet. Ständig werden meine Füße nass, weil ich die „Seen“ auf den Wegen nicht umgehen kann. Die Feuchtigkeit und Wärme lässt alles sprießen. Die Wege wachsen zu. Ich komme kaum noch durch. Zu meinem Leidwesen bin ich scheinbar gegen eines der Gräser oder der Getreide allergisch. Meine Augen schwellen schnell zu.

Daher bin ich froh, dass die letzten zwölf Kilometer ich entlang einer Straße laufe. So dass die allergische Reaktion schnell wieder zurück geht.

Nach 34 Kilometer erreiche ich Karditsa. Eine Kleinstadt. Auf der Hauptstraße, an der auch mein Hotel liegt, laufe ich in die Stadt und alles wirkt runter gekommen und hässlich. Meinen ersten Eindruck muss ich am Abend revidieren. Keine 200 Meter von meinem Hotel ist das eigentliche Zentrum mit einer Fußgängerzone, in der das Leben tobt. Heute Abend wird in vielen Bars ein Fußballspiel übertragen, entsprechend ist der Lärmpegel hoch.

Ich esse in DEM Restaurant am Rande der Fußgängerzone zu Abend. Ich bekomme nur einen Katzentisch, da ab 22:00 Uhr das Restaurant ausgebucht ist. Der Chefkoch, so habe ich recherchiert, steht auf Italienische Küche. So esse ich als Hauptgericht Ossobuco Milanese – ehrlich: das kann ich definitiv besser. Aber tatsächlich ist das Essen und der Wein sehr gut und mal etwas anderes als die typischen Griechischen Gerichte, die ich bisher gegessen habe, ohne damit das Essen von gestern zu schmälern. Morgen wird das anders werden. Ich werde in einem Bergdorf übernachten, denn ich muss mal wieder in die Berge, und dort gibt es kein Restaurant. Ich habe mit dem Vermieter gechattet und es ist klar, Morgen gibt es nichts. Ich habe deshalb einige Trockengerichte gekauft, die ich im Apartment regenerieren kann. Verhungern werde ich also nicht, nur tragen muss ich das Zeug. Daher lasse ich es mir heute umso mehr in der lebendigen Stadt Karditsa gut gehen.

Tag 17: 20.05.22

Als ich am Bahnhof von Kalambaka vorbei bin, gibt es einen Live-Market. Es stehen mehrere LKW von denen herab Hähnchen, lebend natürlich, und Eier verkauft werden. Das erinnert mich an China und Südostasien nicht aber an Europa. Das finde ich sehr faszinierend.

Landwirtschaft prägt die Ebene, die der Fluss bildet. Hier grünt alles. Selbst die Berge changieren in allen Grünfarben. Aber auch in der Ebene, in der Getreide, Obst und auch Gemüse angebaut wird erscheint in vielen verschiedenen Grüntönen.

Aber nicht nur Ackerbau wird betrieben. Wie das Beispiel in Kalambaka zeigt, gibt es auch Viehzucht. Vor allem komme ich an Schaf- und Hühnerfarmen vorbei. Auf einer Schaffarm werden gerade die Schafe geschoren. Ich darf zuschauen und auch Fotos machen. Die Arbeiter amüsieren sich, dass mich das interessiert.


Schafe werden geschoren


Schafe schauen mir interessiert nach


Auch bei Schafen gibt es wohl eine Hackordnung: wer darf in den Schatten

Die Dörfer unterscheiden sich im Erscheinungsbild nicht sehr von den Dörfern weiter im Norden. Die Häuser sind mal schöner mal eher Buden. Viele sind in einem schlechten Pflegezustand. Die Gärten sind meist schön angelegt. Zu dieser Jahreszeit blühen in den Gärten die unterschiedlichsten Blumen, weshalb sie schön bunt sind und damit attraktiv aussehen.

Das Zentrum der Dörfer bildet meist ein großer Platz vor der Kirche mit Spielgeräten für Kinder und etwas Grün. An einem solchen Platz gibt es meist eine Bar. Dort sitzen vornehmlich ältere Männer und trinken Kaffee oder auch alkoholische Getränke wie Bier oder Wein. Mindestens einer der Männer spricht mehr oder weniger gut Deutsch, da er in Deutschland gearbeitet hat. Somit entsteht immer ein Gespräch und der Deutsch Sprechende ist ganz stolz, dass er sich mit mir unterhalten und den anderen übersetzen kann. Häufig werde ich dann eingeladen. Heute will mir einer am Mittag ein Bier ausgeben. Das lehne ich allerdings strikt ab, was der Einladende, der offensichtlich schon sehr angesäuselt ist, gar nicht verstehen kann. Als ich ihm klar mache, dass ich dann nicht mehr in der Lage bin weiterzulaufen, sagt er, dass seiner Frau die benachbarte Apotheke gehöre und sie mir helfen könne, auch mit einem Bier zu wandern. Das bringt selbst alle anderen zum Lachen.

Heute übernachte ich in einem großen Apartment in Fiki bei Trikala, das wohl jemanden in Deutschland gehört. Ich schließe das daraus, da ich mit der Besitzerin/dem Besitzer auf Deutsch über eine Deutsche Handynummer kommuniziere. Sie sind bestens organisiert. Ich komme über Zahlencodes aufs Grundstück und in die Wohnung. Sie ist überraschend gut Instand gehalten. Alles funktioniert: Wasser, Elektrik, Internetanbindung und alles ist tip top. Sogar eine Waschmaschine gibt es: das bedeutet große Wäsche. Die Sonne scheint, so wird alles auch trocken.

In dem wirklich kleinen Ort – hier können keine 500 Leute wohnen – gibt es ein sensationell gutes und riesiges Restaurant. Scheinbar kommen viele Gäste aus der nahegelegenen Stadt, um hier zu essen. Spezialität sind am großen Spieß gegrillte Fleischstücke von Lamm, Hähnchen, Schwein und Innereien. Ich esse das Hühnchen und dazu gegrilltes Gemüse. Anders als ich es in den vergangenen Tagen erlebt habe, ist frisch zu bereitet, was ich sehr genieße. Es fällt mir schwer, alles aufzuessen, was mir auf den Tisch gestellt wird. Zum Schluss wird mir noch Süßes „aufgezwungen“: eine Art Miniberliner und Eis – natürlich selbst gemacht, wie mir stolz erzählt wird.

Ein rundum schöner Tag: knapp 30 Kilometer bei schönstem Sonnenschein durch herrliche Landschaften, ausgesprochen höfliche, offene und hilfsbereite Menschen, leckeres Essen und eine gute Unterkunft – Bettschwere mit einem halben Liter Rotwein!

Tag 16: 19.05.22

Ruhetag! Ohne Rucksack schaue ich mir die Meteora Berge, zwei der Klöster und einige heilige Stätte an. Knapp drei Stunden, zehn Kilometer, 500 Höhenmeter und einige Kletterei später bin ich wieder im Hotel und mache mir einen ruhigen Nachmittag. Mein Körper freut sich!

Hier eine Reihe von Bildern über meine Eindrücke:


Zugänglich sind nur die öffentlichen heiligen Bereiche …


… und einige Kunstgegenstände können besichtigt werden


Hoch oben auf einem ca. 400 Meter hoch ragenden Felsen befindet sich eine Glocke …


… atemberaubend ist der Blick und Schwindel erregend die Höhe – der Wind bläst mich fast von dem Felsen


In einer Grotte direkt unterhalb der Glocke eine verlassene Einsiedelei


Beim Abstieg der Blick auf ein Kloster direkt auf einem direkt gegenüberliegenden Fels

Tag 15: 18.05.22

Die Sonne weckt mich. Ich möchte nicht aus meinem wahren Schlafsack, da ich fürchte, dass es noch frisch ist. Liegenbleiben macht allerdings auch keinen Sinn. Na dann los. Ich suche mir ein Plätzchen, das voll in der Sonne liegt und beginne meine Morgenwäsche.

Danach Schlafsack, Luftmatratze und Kissen zusammenrollen und in die Beutel quetschen. Das ist eine schweißtreibende Aufgabe. Das Zelt ist schnell abgebaut und im Rucksack verstaut. Zwei Bananen und ein paar trockene Kekse spüle ich mit viel Wasser runter. Karges aber hinreichendes Frühstück.

Bis nach Kalambaka geht es weiter runter raus aus den Bergen in ein breites Tal mal auf Feldwegen, mal auf einsamen Straßen. Noch in den Bergen treffe ich auf eine Ziegenherde. Hoch effizient ohne Schäfer. Die Herde wird von sieben Hunden getrieben. Sehr scary: Zunächst werde ich von den beiden , die Herde anführenden Hunden nicht nur angebellt sondern auch zähnefletschend angegangen. Sie kommen außergewöhnlich nah an mich heran. Ich bleibe stehen, noch den Schäfer erwartend, der seine Hunde ruft. Statt dessen kommen drei weitere Hunde auf mich zu, die die Herde flankieren. Sie umkreisen mich und stehen nun hinter mir. Das ist scheinbar das Zeichen, dass die beiden Hunde, die die Herde treiben, die ich bisher gar nicht gesehen habe, von hinten heran gerauscht kommen und eindeutig das Kommando übernehmen. Die beiden sind riesig. Nicht dass die anderen klein wären, diese sind aber noch mal eine ganze andere Größenkategorie. Sie sorgen nun dafür, dass die Herde, die zum stehen gekommen sind, weiterlaufen und drücken mich eindeutig Weg von der Herde. Jetzt ist mir klar, hier gibt es keinen menschlichen Chef. Chef sind die beiden. Sie haben die Herde und die anderen Hunde im Griff. Aufpassen muss ich nur auf die beiden. Solange die beiden die Herde sicher an mir vorbeiführen können, wird mich keiner der anderen Hunde anfallen. Das Gebelle hört entsprechend sofort auf, als die Herde an mir vorbeigezogen ist. Sofort wird wieder Formation eingenommen. Zwei Hunde nach vorn, drei an der Seite und die Chefs hinten. Sie schenken mir nicht die geringste Beachtung mehr.

Vorbei an Bauernhöfen, wie sie hier typisch sind, erreiche ich eine ausladende Ebene mit einigen versprengten steilen und prominent herausragenden Hügeln. Es gibt keine sichtbare Industrie. Die Menschen leben von der Landwirtschaft.

Am Fusse des Berges gibt es tatsächlich zwei Tankstellen, die keine 500 Meter auseinander liegen. Das ist deshalb erstaunlich, da es kaum Verkehr hat. Vielleicht kommt alle 5 Minuten mal ein Fahrzeug vorbei. Die beiden Tankstellen haben eine Bar und zusätzlich gibt es eine weitere Bar an der Straße. Bars sind in den Bergen eher selten gewesen und jetzt drei kurz hintereinander. In der tankstellenfreien Bar trinke ich etwas. Sie wird von einem jungen Paar betrieben. Gelangweilt sitzen sie im Innenraum. Er spielt auf einer Spiele Konsole. Der Kaffee ist super. In der halben Stunde, in der ich mich bei den beiden ausruhe, bleibe ich der einzige Gast. Der doppelte Griechische Kaffee mit einer Flasche Wasser und einer Limonade kosten gerade mal 2,60 Euro. Ich frage mich, wie kann man so wirtschaftlich überleben.

Kurz vor Kalambaka sehe ich Industriebetriebe, die den Wegverlauf, den ich nehme, bestimmen. Leider sind alle Betriebe, an denen ich vorbei komme, stillgelegt. Nicht einer sieht so aus, als könne man jemals wieder etwas mit den Bauten und Anlagen anfangen: es sind Ruinen. Auch wenn Transformationen zum Wirtschaftsleben dazugehören, so ist es doch schrecklich zu sehen, was wirtschaftliches Sterben anrichtet.

Dann erreiche ich endlich mein Ziel. Das Hotel liegt mitten in Kalambaka, direkt an der Hauptstraße, auf der reger Verkehr herrscht. Der schön angelegte Pool grenzt direkt an diese Straße. Dem Grunde nach unbenutzbar. Das Design der Zimmer ist lieblos, steril. Die gepusteten Bilder der Zimmer stimmen in keiner Weise mit der Realität überein. Am Check-In bietet man mir sofort ein kostenloses Storno an. Das ich ebenso umgehend annehme. Ich suche mit ein Hotel, das nicht ganz so modern ist, aber dafür deutlich mehr Charme hat. Zimmer in den man sich aufhalten möchte. Das bedeutet allerdings noch einmal zusätzliche 3 Kilometer und das merklich bergauf, dafür ganz nahe an die typischen Felsmassive von Meteora und damit eine bessere Ausgangslage für mein touristisches Wandern durch die Meteora Felsen.

Tag 14: 17.05.22

Um 6:30 Uhr klingelt der Wecker. Ich koche mir im Wasserkocher drei Eier, die ich gestern im Supermarkt gekauft habe. Obwohl ich die Eier in den Wasserkocher hineinfallen lassen und nach sechs Minuten ins Waschbecken auskippen muss. Bleiben sie heile. Die Eier sind schon mal eine gute Basis für heute. Ich werde durch drei Dörfer kommen, die nach meinen Apps über keine Infrastruktur verfügen. Das bedeutet, ich werde nichts zu essen bekommen, was nicht in meinem Rucksack ist. Ich habe noch ein kleines Stück Wurst aus Düsseldorf übrig, nicht wissend, ob sie noch gut ist, Müsli aus Florina, etwas Gebäck und drei Bananen, in Verdikousa erworben. Ein Zimmer werde ich heute Nacht nicht finden, es sei denn ich schaffe heute mehr als 50 km, was völlig unrealistisch ist.

In Verdikousa gehe ich in die Bar, in der ich gestern Abend gegessen habe. Als ich bezahlt habe, hat sich der Wirt zu mir an den Tisch gesetzt und wir haben uns noch etwas unterhalten. Er ist in Larissa bei einer Spezialeinheit der dortigen Feuerwehr. Diese Spezialeinheit ist so etwas wie ein Bergrettungsdienst. Sein Einsatzgebiet sind die umliegenden Bergwelten einschließlich Olymp. Abschließend lädt er mich für Morgenfrüh auf einen Kaffee ein. Sein Mutter öffne die Bar so gegen sieben Uhr. Er werde ihr Bescheid sagen, dass ich komme. Das nehme ich natürlich wahr. So habe ich nicht nur etwas gegessen sonder habe noch einen warmen Kaffee im Magen.

Verdikousa liegt am Berg, ganz oben ist die Kirche. An der ziehe ich vorbei, da schon die Zaunanlage geschlossen ist. Danach geht es erst wieder runter vom Berg, um anschließend auf Forstwegen wieder auf 1.100 Höhenmeter anzusteigen. Ich wandere mehr als drei Stunden durch den Wald, wo mich Fliegen umschwirren und meine Freude am Wandern versuchen zu schmäleren.

Zurück auf der Straße, die kaum befahren ist. Auf etwa zwanzig Kilometern treffe ich nicht einmal zehn Fahrzeuge. Das erste das mich einholt bleibt stehen. Es sind drei junge Männer, zwei von ihnen leben in Deutschland und sprechen muttersprachlich Deutsch. Nach einigen Minuten fahren sie weiter. Kurz darauf komme ich an einem Stausee vorbei. Die Jungs machen dort halt. Von weitem rufen sie, ich könne mit ihnen zu Mittagessen. Das will ich nicht, da ich bisher keinen Hunger verspüre.

Als ich durch das nächste Dorf komme und mir ein Dorfbewohner, der Rasen mäht, den Weg erklärt – ist ihm ein Bedürfnis – kommen die Drei schon wieder vorbei gefahren, um mir ihre Reste ihres Essens anzubieten. Jetzt finde ich das schon aufdringlich und lehne erneut dankend ab.

Im nächsten Ort gibt es eine offene Bar, in der ich Kaffee und Limo trinke. Zu Essen gibt es, wie zu erwarten, nichts. Nach dreißig Kilometern fange ich so langsam an einen Zeltplatz zu suchen. Erst kommt wieder ein Dorf, wo ich zunächst von zwei Hühnerfarmern auf ein Glaswasser eingeladen werde. Anschließend treffe ich auf ein älteres Ehepaar, die fast zwanzig Jahre ein Griechisches Restaurant in Paderborn betrieben haben und jetzt in dem Ort eine Taverna haben, die sie aber augenscheinlich nur bei Bedarf öffnen. Hier bekomme ich noch eine Limo und Wasser.

So versorgt, muss ich aber tatsächlich schauen, dass ich ein Platz für meine Nacht finde. Am Himmel brauen sich dunkle Wolken zusammen, die das Potenzial auf Regen haben. Ich möchte das Zelt nicht im Regen auf nassem Untergrund aufbauen. Das möchte ich schon lieber im Trockenen machen.

Mit dem Platz für mein Zelt ist das gar nicht so einfach, da die Straße durch eine Schlucht führt. Hier ist nichts eben. So laufe ich weitere fünf Kilometer, bis ich etwas passendes finde. Kaum habe ich das Zelt aufgebaut und meinen Schlafplatz eingerichtet, kommt ein Schäfer vorbei, der mir bedeutet, dass er gleich mit seiner Herde vorbeikommen wird. Ich höre schon von Anfang an Kuhglocken, bin aber nicht davon ausgegangen, dass man auch Kühe von Wiese zu Wiese treibt. Kurze Zeit später kommt die Herde und bringt leider Fliegen mit, die die Tiere nicht komplett mitnehmen. So sausen, wie schon am Morgen, Scharen von Fliegen um mich herum. Selbst Autan beeindruckt diese nervenden Insekten nicht.

Da ich heute am Ende mehr als 35 Kilometer gewandert bin, sind es Morgen nach Kalambaka nur noch gut 20 Kilometer. Dort buche ich in einem hübschen Hotel ein Zimmer mit Blick auf Meteora für zwei Nächte. So habe ich etwas Zeit, mir Meteora anzuschauen und durch die dortigen Berge und Schluchten zu wandern sowie mich etwas zu erholen für die nächste Etappe bis nach Delphi.

Tag 13: 16.05.22

Der Tag fängt gut an: In Elassona komme ich an einer unscheinbaren Apotheke vorbei. Ohne große Hoffnung gehe ich rein und frage, ob sie „meine“ Sonnencreme haben – In Litochoro hatte ich Nachschub erworben, die tut meinen Augen aber garnicht gut. Sie erzeugt, wenn ich schwitze einen schmerzenden Druck im Auge. Ich denke, sie ist zu zäh von ihrer Viskosität – Tatsächlich hat der freundliche Apotheker meine Lieblingscreme, zwar mit der Aufmachung, die vor zwei Jahren bereits geändert wurde, das stört mich aber gar nicht. Der Tag kann nur gut werden.

Ich habe mir in einem Dorf in den Bergen ein Zimmer gebucht. Das einzig auf dem Weg nach Kalambaka. Das bedeutet dreißig km. Zwanzig davon in der Ebene; so auf 150 Höhenmeter, mal auf Feldwegen mal auf einer nicht viel befahrenen Straße. Ich komme gut vorwärts, nachdem ich gestern einen ruhigeren Tag eingelegt hatte. Die letzten zwanzig Kilometer sind allerdings echt tough. Es geht wieder hoch auf ungefähr 900 Höhenmeter. Die Sonne ist heute unerbittlich und es wird 29 Grad warm. Was das in der Sonne bedeutet weiß ich nicht so recht. Ich schwitze als säße ich in der Sauna.

Ich mache daher zweimal Pause. Das erste Mal nach gut zehn Kilometern. In dem einzigen Dorf unterwegs gibt es eine Bar. Auf deren Terrasse eine Vielzahl älterer Männer sitzen und mich anglotzen als ich meinen Rucksack stöhnend absetze und mich auf einen Stuhl fallen lasse. Vom Dach, wo gearbeitet wird, schaut jemand runter und fragt, ob ich Deutscher sei. Erneute Begrüßung auf Deutsch. Die alten Männer, helfen mir die eigentliche Bar zu finden. Die Terasse gehört nicht dazu, was ich so nicht verstanden haben. Keiner von uns versteht ein Wort. Mir ist aber durch Gesten klar, wo ich hin muss. Ich bestelle einen Kaffee und eine Limo. Als der Kaffee fertig ist kommt der Mann vom Dach in die Bar. Er war als Kind Anfang der 70er in Tübingen und spricht dafür, dass er schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr in Deutschland war hervorragend Deutsch. Wie immer werde ich interviewt, was ich zu Fuß mit einem Rucksack mitten in Griechenland mache. Ich muss ausführlich erzählen. Es wird übersetzt und es gibt nur Ungläubigkeit. Das hat mehrere Gründe: So weit freiwillig zu laufen versteht keiner. Radfahrern wäre noch in Ordnung Laufen ist es nicht. Wie kann man so lange alleine unterwegs sein. Wie so ich das alleine mache, ist noch unverständlicher als Wandern. Zum letzten ist ihrer Meinung nach das viel zu gefährlich. Wenn was passiert in den Bergen, mit den wilden Tieren und den freilaufenden Hunden, habe ich keine Hilfe; so was macht man einfach nicht.

Nach fast einer Stunde Palaver gehe ich weiter. Auf den restlichen Kilometern hält jedes vorbeikommende Fahrzeug, unabhängig aus welcher Richtung, an und fragt, ob ich der Deutsche bin der freiwilliges nach Kalambaka wandert. Erstaunlich mit welcher Geschwindigkeit die Geschichte verbreitet hat. Bisher habe ich häufig angeboten bekommen, mich in die nächste Stadt mitzunehmen. Heute bekomme ich stattdessen Daumen hoch und freundliche Worte, die ich nicht verstehe, mit auf den weiteren Weg.

Das zweite mal pausiere ich nach gut zwanzig Kilometer an einem Flüssichen, in dem ich zu aller erst mal meine Füße abkühle und damit Schuhe und Strümpfe zum Trocknen in die Sonne lege kann.

Kurz nach dem ich den Flusslauf hinter mir liegen habe, fängt es an zu Gewittern und erst zu tröpfeln und danach immer wieder stark an zu regnen. Der Regen kommt in Wellen. Nach Kurzem bin ich durch und durch Naß. Das Wasser läuft durch meine Schuhe. Zunächst ist das erfrischend, später fange ich an zu frieren. Als Konsequenz laufe ich immer schneller und komme somit schneller voran als gedacht. Unangenehm finde ich, das entlang meines Weges mal kreuzend, mal parallel, mal näher und mal weiter entfernt Hochleitungskabel verlaufen, in die Blitze mehr als einmal einschlagen.

Kurz vor meinem Ziel beruhigt sich das Wetter wieder. Eine Schildkröte liegt auf dem Weg auf den einige Sonnenstrahlen fallen, krabbelt aber schnell weg als ich näher komme.

In dem Dorf habe ich meine Schwierigkeiten, die Pension zu finden. Ich habe die Geo-Koordinaten eingegeben aber es gibt keinenHinweis, ob ich richtig bin. Ein Nachbar kommt heraus, ich versuche, zu fragen, ob ich richtig bin. Ein Wortschwall geht auf mich wieder und wieder nieder. Ich verstehe lediglich Germania und glaube, der Besitzer, des Hauses sei in Deutschland. Den Namen der Pension selbst in Griechisch kennt er nicht. Ich ruf die Nummer an, die auf Booking.com angegeben ist. Tatsächlich spreche ich mit dem Besitzer. Nach einigen Verwirrungsbeiträgen ist klar, ich bin am richtigen Haus und die Schlüssel liegen bereit. Ich gehe rein: das Ganze ist eine Katastrophe. Das Zimmer ist ein Loch. Ich brauche eine Weile, um das „Badezimmer“ zu finden. Es ist außerhalb in einem Kellerverlies. Im Zimmer gibt es eine Küchenzeile. Dort lasse ich das Wasser laufen, damit ich meine nassen Klamotten gleich in der Spüle waschen kann. Es kommt nur kein Wasser. Es fängt kurz an zu tröpfeln, dann kommt schwarzer Sand und dann nichts mehr. Im Bad das selbe. Hier fehlt der schwarze Sand. Das Abwasserrohr ist mit Klebeband fixiert. Fenster können nicht geschlossen werden, da sie ebenfalls mit Klebeband in offenen Zustand fixiert sind. Der Fußboden ist aufgequollen. Na hier fühle ich mich aber super wohl. Erzürnt, nackt mit Badetuch bekleidet rufe ich wieder den Besitzer an, der so tut als könne das gar nicht sein. Er verrät mir zwar nicht wo er ist aber so weit weg, dass er nicht selbst kommen kann. Aber seine Großmutter wohne im Dorf und würde das Wasserproblem lösen. Was teilweise nach mehr als einer Stunde gelingt. Ich immer noch mit meinem Badetuch umschlungen. Während ich dann dusche, kommt Großmutter immer wieder vorbei, um verschiedene Probleme zu lösen. Es ist ihr völlig egal, dass ich, da sich die Tür nicht schließen lässt, unter der Dusche stehe und geht im Zimmer umher.

Versöhnlich stimmt mich, dass der Ortskern ausgesprochen hübsch hergerichtet ist und ein aktives Leben statt findet. Es gibt sogar einen Supermarkt. Dort kaufe ich ein, was ich für ein Frühstück brauche. Es kann nichts mehr schief gehen. Hoffen wir mal, das die Betten sauber sind und mich keine Tierchen plagen werden.

Tag 12: 15.05.22

 

Ohne Frühstück darf ich nicht weg. Die Frau des Hoteliers – zumindest nehme ich das an – sitzt rauchend auf der Veranda und will mich nicht ohne Frühstück ziehen lassen. Dann kommt der alte Mann, der mir gestern mit dem Telefonieren geholfen hat, um sich zu verabschieden und als ich tatsächlich den Rucksack schultere kommt auch der Hotelier angefahren, um auf wiedersehen zu sagen. Sehr nett!

Obwohl alles sehr einfach gehalten ist, so habe ich mich dennoch im Hotel wohlgefühlt. Jetzt geht es aber nach Kalambaka bzw. zu den Meteora Klöstern. Heute habe ich mir nur einen kurzen Weg ausgesucht, da ich etwas Kraft tanken muss und zum anderen, da es vermutlich nur in Elassona ein Hotel gibt auf dem Weg nach Kalambaka. Ich fürchte, wenn ich nicht große Umwege gehe, dann werde ich wohl zweimal im Zelt kampieren müssen.

Vom Hotel geht es auf einem Feldweg aus dem Ort. Ich muss eine Hügelkette überqueren, um an mein heutiges Ziel, einer Pension am Fluß etwas außerhalb von Elassona zu gelangen. Bis auf 900 Meter muss ich hoch.

Der Weg ist, trotz der gut 500 Höhenmeter, ein Vergnügen. Es geht über Wiesen, durch Wälder vorbei an allen möglichen Getier. Auch eine Schlange kreuzt den Weg.

Da es zur Pension noch einmal tüchtig nach oben geht, komme ich verschwitzt dort an. Es ist richtig hübsch hier: sowohl von der Lage am Fluss als auch vom Haus her selbst. Ich habe ein Zimmer im EG mit einer Terrasse davor, so dass ich den Nachmittag dort verbringen kann. Wifi mit hinreichend Speed gibt es auch. Nur zum Abendessen muss ich zurück in die Stadt.

So jetzt plane ich mal die nächsten Tage bis nach Kalambaka.

Tag 11: 14.05.22

 

Heureka – was für ein Tag!

 Ein Blick zurück auf die Hütte

Nach einer kalten, unruhigen Nacht – Shared Bedrooms und ich, wir werden keine Freunde mehr werden – und einem sehr einfachen Frühstück auf der Hütte, interviewe ich die Hüttenwirtin noch einmal, wie sie die Situation einschätzt. Heute Morgen ist sie deutlich zugänglicher. Sie hält eine Überquerung des Olymp Massivs für möglich aber schwierig. Sie zeigt mir auf der Karte, wo ich im Notfall eine Schutzhütte finde, und bleust mir ein, dass das Wetter schlecht wird. Ich muss mich auf Nebel einstellen und brauche deshalb unbedingt ein GPS und ich soll spätestens um 15:00 Uhr runter vom Berg sein, da zu dieser Uhrzeit heftige Gewitter angekündigt sein.

So mache ich mich auf den Weg: ab der Hütte geht es steil bergan, zunächst überhole ich ein Pärchen, das mir aufgefallen ist, da die beiden voll equipt sind für eine solche Bergtour. Dieses muss natürlich auch genutzt werden: Sie legen bereits ihre Spikes an. Nach einer weiteren halben Stunde schließe ich auf eine 6er Gruppe Polnischer Männer auf, die gestern Abend erzählt haben, dass sie alle 4 Gipfel erklimmen wollen. Ich wünsche ihnen noch viel Spaß und ziehe davon. Kurz darauf trennen sich die Wege. Es scheint bisher niemand in dieser Saison eine Überquerung angegangen zu sein, denn es gibt keine Spuren im Schnee und ich muss mir selbst einen Weg und eine Spur suchen. Der Schnee ist zum Teil sehr tief. Schnell wird mir klar, folge ich dem Weg gemäß meines GPS dann wird mich der Schnee in Kürze fertig gemacht haben. Ich muss mir eine Alternative überlegen. Ich schaue mir den Schnee genau an, wo er gefroren ist, wo sich in Senken der Schnee gesammelt hat etc. Ich beschließe dann einen etwas abgelegeneren Gipfel etwa zu drei viertel zu erklimmen, da es dort immer wieder Geröllfelder gibt. So kann ich einen großen Teil eines etwa drei Kilometerlangen Schneefelds, das sehr tief wirkt, weitgehend umgehen. Etwa hundert Meter muss ich Spuren. Als ich auf dem Kamm ankomme bin ich völlig fertig. Ausruhen kommt aber aufgrund der Wetterlage nicht in Frage. Ich laufe, wie vorhergesagt, oft durch dichten Nebel und dann wird die Gewittervorhersage auch nicht falsch sein.

 Der Weg über das Olymp-Massiv ist kein Zuckerschlecken

 Bis auf über 2.700 Meter muss ich hoch – so angestrengt sehe ich dann aus

Während ich mich durch den Schnee kämpfe und immer wieder auf dem Geröll ausrutsche, geht mir durch den Kopf, dass sich Zeus und Athene nicht gerade einen wirtlichen Ort ausgesucht haben. Ab der Baumgrenze feinstes Geröll und natürlich Schnee, der teils den ganzen Sommer über liegen bleibt. kein Wunder, dass sich die Götter immer wieder in schöneren Gegenden mit Sterblichen vergnügt haben, um all die Halbgötter zu zeugen. Auch wenn ich keinen der Götter gesehen habe, scheinen sie nicht gerne gestört zu werden. Denn es gibt weder auf der einen noch auf der anderen Seite ein Datensignal. Aber so ganz zur Ruhe kommen sie bestimmt nicht, denn es gibt doch eine Reihe Bergsteiger, die die Gipfel erklimmen, was in der Antike wohl nicht der Fall war. Wie gesagt Götter habe ich nicht gesehen aber sie waren am Ende doch sehr wohlwollend mit mir.

Nach drei Stunden Aufstieg bin ich oben auf dem Kamm, den ich überschreiten muss. Auf der Westseite hat es noch mehr Schnee als auf der Ostseite des Massivs. Ich gleite auf meinen Schuhen den Berg hinunter. Das geht prima; hier ist der Schnee meist an der Oberfläche fest gefroren. Ich breche zwar gelegentlich ein, das tut der Freude an der „Abfahrt“ keinen Abbruch.

Kurz unterhalb der Schneegrenze – zumindest ab dem Bereich in dem das Geröll überhand nimmt, komme ich an der Schutzhütte vorbei. Eine Gruppe Jugendlicher Griechen, die das Wochenende in den Bergen verbringen wollen, haben ordentlich Spaß. Sie laden mich ein mit ihnen zu trinken. Das lehne ich dankend ab. Sie wollen hoch auf eine der geschlossenen Hütten. Sie haben Zugang dazu. Allerdings bezweifele ich, dass sie in dem Zustand und bei dem Weg, der noch vor ihnen liegt, in der Hütte ankommen werden. Ich vermute, das Wochenende wird in der Schutzhütte verbracht.

Jetzt geht es steil an einem Lift nach unten. Späte stoße ich auf eine Straße. Es gibt keine Alternative. Fast 20 km muss ich eine Passstraße nach unten. gelegentlich Kürze ich über Almwiesen ab. Die sehe so aus wie in den Alpen auch. müde liegen Kühe auf der Weide und auch immer wieder komme ich an freilaufenden Esel und Pferden vorbei.

Ein Hotel ist heute eigentlich ein Muss. Auf Booking.com finde ich in annehmbarerem Umkreis nichts. Google Maps zeigt ein einzelnes Hotel in einem kleinen Dorf an. Bisher habe ich mich auf die Google Maps Eintragungen in Griechenland nicht verlassen können. Heute baue ich sehr darauf, dass dieses Hotel tatsächlich existiert. Als ich es nach 27 km erreiche, sieht das Hotel zwar bewohnt aus, ist ist nur niemand da. Ich laufe trotzdem auf das Gelände, vielleicht sitzt jemand im Schatten und genießt den Samstag Nachmittag. Aber tatsächlich hier ist niemand, die Türen hängen schief in den Angeln, Plastikfolie schützt einen Restaurantbereich. Ich mache mich auf eine Nacht im Zelt bereit. Ich suche das Restaurant, das in Google Maps eingetragen ist. Das existiert nicht. Ich gehe die Hauptstraße weiter. Ich komme an einem Haus mit einer Kühltruhe und zwei Frauen, die sich an einem windschiefen Tisch sitzend unterhalten vorbei. Die Kühltruhe lässt mich fragen, ob ich Wasser kaufen kann, denn das brauche ich dringend, wenn ich im Zelt schlafen muss. Eigentlich auch Strom und Essen. Ich frage, ob ich eine Chance auf ein Restaurant habe. Das wird bejaht. Drei Kilometer außerhalb des Ortes. Da bin ich tatsächlich vorbeigekommen. Das sah für mich eher nach einem Grillplatz aus. Ich frage, nach dem Hotel und warum das geschlossen ist – btw. die Unterläuft auf Griechisch Deutsch: d. h. DeepL als Übersetzer – ich bekomme die Empfehlung um 18:00 Uhr es noch einmal zu versuchen. Dann sei der Besitzer sicher da. Ich mache mich schon mal auf den Weg. Das Wasser und die Fantas, die ich gekauft habe, kann ich im Garten des Hotels schon mal trinken. Als ich wieder zurück bin, sehe ich einen alten Mann mit Gartenpflege beschäftigt. Ich versuche ihn anzusprechen, er ist allerdings schwer hörig. So muss ich schon antippen damit er mich wahrnimmt. Er macht klar wir sollen uns auf die Mauer setzen und dann versucht er mit meinem Handy, das ihn völlig überfordert einen Anruf zu tätigen. Das bekommt Slapstick Charakter, da er immer und immer wieder die selbe Nummer anruft, aber die Ansage lautet, „die Nummer ist nicht vergeben“. Das kann er natürlich nicht verstehen. Ich muss ihm das Handy regelrecht entreißen, um ihm mit DeepL mitzuteilen, was die Dame sagt. Denn versucht immer wieder auch mit ihr zu sprechen. Letztlich funktioniert es, als ich die Landesvorwahl eingeben darf. Fünf Minuten später kommt der Besitzer, der behauptet er spreche Deutsch, d er Tübingen, Stuttgart und Wuppertal gearbeitet habe. Deutsch ist das jedenfalls nicht. Anyway ich bekomme  ein Zimmer. Sehr einfach aber mit warmen Wasser, so dass ich Wäsche waschen kann, was nach der letzten Nacht, in der ich alles was ich mit habe, anhatte, unbedingt notwendig ist und Strom gibt es auch, so dass ich alle Geräte und Powerbanks wieder laden kann. Wifi gibt es auch. Das ist die nächste Herausforderung: wie schreibt man das Passwort in lateinischen Buchstaben. Ist belanglos, das Wifi ist genauso langsam wie die Handy Verbindung und damit ist an Bilder hochladen garnicht zu denken. Die Götter wollen wohl nicht, dass im umliegenden Land sich die Menschen ablenken lassen von den modernen Medien.

 Das Hotel von der Straße

 Der Innenhof des Hotels

Der Wirt bietet auch Abendessen ab 20:00 Uhr an. Sensationell!

So und Morgen gibt es tatsächlich mal einen ganz einfachen Wandertag, der mich näher an Kalabaka (Meteora Klöster) bringt. Aber so weit will ich noch gar nicht denken.

Tag 10: 13.05.22


Wie geplant mache ich mich um kurz nach sieben an den Aufstieg. Ich brauche über vier Stunden bis zu meinem Zwischenziel auf 1.100 Meter. Das Restaurant dort hat heute zum erstgenannten in dieser Saison offen. Mein Glück, so bekomme ich eine Bohnensuppe und auch hinreichend zu trinken.

 Ein Blick zurück: das Meer

 Ein Blick nach vorn: der Olymp

Es schwirren viele Touristen rum, da man mit dem Auto bis hier hoch fahren kann. Interessant was ich alles so beobachten kann: eine Familie ich gehe von drei Generationen aus wollen offensichtlich eine Wanderung unternehmen. Bis zum Aufbruch dauert es allerdings. Erst wird ein Kleinkind in den Kinderwagen gesetzt und der Vater trägt zwei Rucksäcke und schiebt den Kinderwagen. Nach nicht einmal fünf Minuten kommen alle wieder zurück und der Kinderwagen wird ins Auto gebracht. Das Kleinkind wird vor dem Bauch getragen. Die Mutter – im übrigen – trägt Plateauschuhe und hat ein Shirt mit einem schon fast obszönen Ausschnitt an. Jetzt geht es aber wirklich los. Nicht lange kommen Mutter und Oma zurück. Oma wird ins Restaurant verfrachtet: nächster Aufbruch. In der Zwischenzeit läuft eine Frau in Flipflops an meinem Tisch vorbei und macht sich an den Aufstieg. Super: einmal Plateauschuhe und einmal Flipflops. Ungefähr zwanzig Minuten später breche ich auf. Die Familie hole ich nach knapp zehn Minuten ein. Mutter hat keine Lust mehr und keift Mann und zweites Kind an. Ich grüße freundlich und bin sicher, es wäre für alle besser sie gingen zurück. Nach weiteren zehn Minuten kommt mir Frau Flipflop entgegen. Ich bin überrascht, wie weit sie mit diesen „Schuhen“ gekommen ist.

 Mein Weg entlang eines Flusses. Mal wild …

 … mal ganz langsam

 … und mal muss er überquert werden

Erstaunlich viele Leute aus vielen Europäischen Ländern kommen mir entgegen. Ich werde auf Italienisch, Französisch, Englisch und natürlich auf Deutsch gegrüßt. Auch ein Grieche ist dabei, er reitet auf einem Esel und vier weitere Tiere im Schlepptau. Wie später erfahre wird die Hütte über diesen Weg versorgt. Man kann auch einen Esel auf der Zwischenstation in der Saison mieten, damit er das Gepäck nach oben auf die Hütte trägt. Ich muss meinen schweren Rucksack, da keine Saison ist, selber tragen.

 Die Supply Chain zur Hütte funktioniert

Nach weiteren drei Stunden bin ich oben auf 2.100 Meter. Hier hängen erstaunlich viele Leute rum. Zu meiner Überraschung bleiben die meisten für die Nacht und , während ich mich im Aufenthaltsraum versuche aufzuwärmen, kommen weitere Übernachtungsgäste an.

Die Hütte ist ziemlich primitiv und kalt. Sie hat zwei Aufenthaltsräume. In beiden brennt ein Kaminfeuer, trotzdem bleiben die Räume kalt. In meinen Fingern habe ich kaum Gefühl.

Die Hüttenmannschaft spricht fließend eine Reihe der wichtigen Europäischen Sprachen. Ich werde sofort auf Deutsch angesprochen. Man ist freundlich aber es ist klar, hier handelt es sich um eine Massenabfertigungseinrichtung und alles ist ausgesprochen unpersönlich. Ich muss immer wieder feststellen, das können die Österreicher und Südtiroler einfach besser.

Es gibt zwar Wifi, das System scheint so überlastet zu sein, dass ich keinen stabilen Zugang aufbauen kann. Meine Geräte zeigen zwar 4G mit einem Balken Signalstärke an. Trotzdem habe ich dem Grunde nach keinen Internetzugang, nichtmal Google-Maps baut eine Karte auf, weshalb ich keine Planung für Morgen machen kann.

Mit der Hüttenwirtin habe ich kurz gesprochen, ob ich den E4 weiter gehen kann. Außer dass viel Schnee liege, erfahre nicht wirklich etwas Neues. Dass viel Schnee liegt, weiß ich natürlich selbst: ich brauche nur nach draußen zu gehen und schon stehe ich mitten im Schnee. Auf dem Weg zur Hütte ging der Weg die letzten ca. 150 Höhenmeter fast ausschließlich durch den Schnee.

Ich habe also keine Ahnung, was ich Morgen mache: riskiere ich eine Überquerung des Olymp-Massivs oder kehre ich um und umlaufe das Bergmassiv.

Tag 9: 12.05.22

 

Das Ehepaar, das das Hotel, on dem ich übernachtet habe, betreibt, bereitet mir ein tolles Frühstück mit dem hier typischen Toast: mit Schinken und Käse dazu Spiegelei und gebratenem Speck. Frisches Obst mit Griechischem Joghurt bekomme ich auch noch. So gestärkt ist meine Stimmung gut.

Ich bin noch nicht richtig aus dem Strandbad raus treffe ich auf einen älteren Mann, der seine beiden Hunde spazieren führt. Ich grüße höflich. Das führt dazu, dass mich der Mann in ein Gespräch verwickelt und mir erzählt, dass er 40 Jahre in Hamburg gelebt hat und froh ist jetzt wieder zurück in Seiner Heimat zu sein. Ihm war in Deutschland alles zu geordnet und reguliert. Böse ist er auch, dass zu Beginn seiner Zeit in Deutschland, er deutlich schlechter bezahlt wurde als die Deutschen Kollegen. Später hat er sich selbständig gemacht und gibt zu, es war eine gute Zeit. Auf die Griechischen Politiker ist noch verärgerter als über die Deutschen. Was er beklagt, klingt als hätte ein Deutscher gesprochen. Vierzig Jahre hinterlassen halt doch ihre Spuren, auch wenn er das nicht gerne zuzugeben scheint.

 Der Olymp kommt immer näher

 Zwischen Autobahn und Strand: Flüsse

Heute laufe ich zwischen Autobahn und Strand – mal näher an der Autobahn, mal näher am Strand. Außer dem einen oder anderen Bauernhof ist hier nichts. Ich rieche schon von Ferne, ob auch Tiere gehalten werden. Es scheint mir, dass es hier reichlich Augias Ställe gibt, die Herkules ausmisten müsste.

Nach 20 km komme ich wieder an einen breiten Strand, an dem ein toll in die Landschaft eingebundenes Hotel liegt. Der weiblich Teil der Familie ist am Putzen und Streichen. Ich frage, ob ich etwas zu trinken bekommen kann. Es scheint man freut sich einen Gast bedienen und die Streicharbeiten unterbrechen zu können. Ich mache es mir auf der Terrasse gemütlich und trinke neben einer Limo einen Griechischen Kaffee.

 Auf dem Weg nach Litochoro …

 … eine Herde Ziegen – ein Selfie mögen sie nicht …

Danach überquere ich die Autobahn und es geht stetig bergauf zurück in die Berge. Mein Ziel ist Litochoro. Von hier aus geht es in das Olymp Massiv. Eine Hütte, die einzige, die bisher offen hat, liegt auf etwas über 2.000 Meter. Dort habe ich schon mal ein Bett gebucht. Den Weg hoch überlege ich mir wie ich den Olymp angehe:

Variante 1: ich gehe in einem Zug von Litochoro auf die Hütte, ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich das schaffe

Variante 2: ich gehe zu dem Restaurant, das auf 1.100 Meter liegt und der typische Ausgangspunkt ist, da man bis dorthinauf mit dem Auto fahren kann. Dort könnte ich sicher kampieren und dann am nächsten Tag die restlichen 1.000 Meter angehen. Als Konsequenz müsste ich meine Übernachtung auf der Hütte verschieben, was sicher möglich ist

Variante 3: ich fahre mit dem Taxi bis zum Parkplatz/Restaurant auf 1.100 Meter und gehe von dort den restlichen Weg

Variant 2 und 3 gefallen mir nicht, sind aber kräftetechnisch die sichere Lösung. Ich schwanke hin und her. Im Hotel in Litochoro wird mir quasi die Entscheidung abgerungen. Es gibt Frühstück erst ab 08:00 Uhr. Mit Frühstück kann ich erst um 08:30 Uhr starten und dann gibt es nur noch V2/V3. D. h. V1 würde nicht mehr in Frage kommen. Entsprechend entscheide ich mich, auf das Frühstück zu verzichten und um 07:00 Uhr aufzubrechen. Dann sollte ich um 11:00 Uhr am Restaurant sein. D. h. Dort kann ich ein verspätetes Frühstück einnehmen und bekomme dadurch hinreichend Pause für den zweiten Abschnitt. Das bedeutet, damit meine Stimmung am Morgen gut wird, muss ich mir ein paar Kleinigkeiten besorgen, die ich vor dem Start essen kann. So soll es sein.

 … Litochoro in den Berg gegen das gleitende Licht

Im Ort gehe ich in ein Bergsportgeschäft, um mal zu hören, ob der Olymp überquert werden kann. Dabei erfahre ich, dass die Hütte gestern erst aufgemacht hat und die Wirt informiert hat, dass es noch viel Schnee hat – es habe außergewöhnlich viel Schnee im Winter gegeben und das hätte bis heute Auswirkungen. Weiter höre ich, dass die Weg bereits vom Bruchholz, so viel gab es wohl auch noch nie, geräumt sei und man einen Weg durch den Schnee zur Hütte bereitet habe. Nachdem ich erzählt habe, dass ich das Massiv auf dem E4 überqueren möchte, wird mir eine Aufbesserung meines Equipments strengstens nahegelegt. Da ich keine wasserfesten  Schuhe habe bekomme ich Gorotexstrümpfe – so etwas habe ich bisher noch nicht gesehen, wirken eher wie weiche Schuhe als Strümpfe – und Spikes. Die hasse ich schon jetzt, da die bestimmt ein Kilo wiegen. Entweder verstehen die Inhaber des Geschäftes wie man verkauft oder die Überquerung des Olymp wird nicht nur Freude bereiten.

 … der zentrale Platz 

 … im Ort: endlich ein Ort, de sich adrett präsentiert 

Jetzt schaue ich mir das Städtchen noch ein bisschen an, während ich auch meine Einkäufe erledige. Es sieht deutlich adretter aus als die bisherigen Orte durch die ich gekommen bin. Die Lage ist natürlich sensationell~ kaum 5 km vom Meer entfernt und am Fuße eines 3000er auf etwa 300Meter gelegen. Der Blick in welche Richtung auch immer ist sensationell.

 Vom Hotelzimmer-Balkon im Abendlicht ein Blick aufs Meer

Tag 8: 11.05.22

 

Um einen Wandertag einzusparen, hatte ich mir gestern eine Strecke von etwas mehr als 40 Kilometern geplant. Schon beim Aufstehen weiß ich, das ist viel zu optimistisch nach den langen Strecken der letzten beide Tage. Aber vielleicht läuft es nach dem Frühstück besser als erwartet.

So starte ich, im Glauben an der Promenade, wo ich gestern zu Abend gegessen habe, wird eins der Restaurants auch Frühstück anbieten: Pustekuchen. Also weiter in etwa 5 km kommt ein Ort. Dieser ist nur eine Schlafstelle: null Infrastruktur. Na gut, dann halt ohne Frühstück in den nächsten Ort. Hier gibt es zwar einen Supermarkt aber keine Bar oder ähnliches.

Jetzt werde ich aber grantig. Verärgert denke ich mir, dann mach ich halt nur 20 km – das habt ihr nun davon. Wer eigentlich. Nun das hab‘ ich davon. Grummel, grummel, …

Oh, dahinten ist eine Strandbar und ein Auto steht auch davor. Als ich ankomme, sehe ich niemand. Dann kommt doch ein Mann heraus und fragt, was ich hier mache. Als ich nach einem Frühstück frage, grinst er breit: hier machen alle erst Ende Mai auf und er bereitet seine Bar dafür vor. Er hat überhaupt nichts da, er könne noch nicht mal einen Kaffee bereiten.

Aber der nächste Ort habe einige Bars und Restaurants. Nur das sind noch 10 km. Hilft also nichts. Dann geht es eben mit flauem Gefühl im Bauch weiter. Ich denke mir, das ist doch gar nicht so schlecht, da verbrennen die Fettpölsterchen am besten.

Zu meinem Unglück muss ich durch ein stehendes, ungesund grünes Wasser mit sehr schlammigen Untergrund waten. In dem Matsch bleibt mein linker Schuh fast stecken. Mir spritzt der Schlamm am linken Bein hoch und meine Schuhe sind jetzt ganz grün. Schlimmer als die neue Farbe der Schuhe. Ich stinke nach Kloake: ekelig.

Ich entschädige mich mit dem Blick auf das Olymp-Massiv im Süd-Westen und auf die Ägäis im Osten.


Auf dem Weg wird eine Ausgrabung einer antiken Stätte beworben. Ich mache einen kleinen Umweg mit großen Erwartungen. Wenn ich schon heute nicht weit kommen werde, mache ich halt in Kultur. Die Ausgrabung ist einen Entäuschung. Es gibt eine sehr kleine Zahl an nichtssagenden Mauern und ein paar Säulenresten. Wie man daraus ableiten, kann wie das mal aussah und was es einmal war, erklärt sich mir nicht.

Nach 15 km, immer noch unterversorgt, lege ich mich mitten auf dem Weg in den Schatten und schlafe etwas mit Schuhen aus. Das ist sehr erholsam. Mit deutlich besserer Stimmung ziehe ich weiter. Nach gut 20 km komme ich in den Ort, den der Barmann mir empfohlen hatte. Tatsächlich gibt es hier eine Auswahl an offenen Tavernen. Ich suche nicht lange und falle auf den ersten Stuhl, den ich finde. Es gibt zwar nur ein in Käse gebackenen Teig. Das ist mir völlig egal. Keinen Meter gehe ich weiter. Ich ziehe nicht nur den Rucksack ab auch die Schuhe stelle ich weit weg auf die Straße, da ich fürchte, dass mich der Wirt wegschickt bei dem Gestank, der mich umgibt.

So nun habe ich die Muse und mache mir nun Gedanken, wo es heute letztlich hingeht. Ich entscheide mich für ein einfaches Hotel in einem Strandbad: Olymbiaki Akti. Das sind zwar noch gut 10 km, etwas Ehrgeiz hat mich halt doch noch gepackt.

Der nächste Ort – auch am Strand gelegen – mit vielen Hotels und tatsächlich so etwas wie Strandatmosphäre, komme ich doch tatsächlich an einem Lidl vorbei: sieht richtig gut aus.

So jetzt sind es nur noch knapp 5 km und diese gehen entlang einer Promenade mit herrlich breitem Strand, auf dem nur hier und jemand zu sehen ist. Der Sand scheint zur Vorbereitung auf die beginnende Saison hergerichtet worden zu sein. Vor einem Strandhotel hat doch tatsächlich bereits jemand Sonnenschirme aufgestellt. Wird das so schlimm wie an Italienischen Stränden? Ich fürchte ja.

Dann bin ich da und fühle mich gar nicht so schlecht: hätte doch noch den einen oder anderen Kilometer wandern können. Jetzt muss ich schnell meine Wäsche waschen und vor allem meine Schuhe, die wirklich erbärmlich riechen, damit sie in der Abendsonne noch Gelegenheit haben zu trocknen.

Tag 7: 10.05.22

Ich starte heute Morgen mit einem Foto von meinem Hotel runter auf den Stausee und zurück auf den Weg, den ich gestern gekommen bin. Nach 38 Kilometern gestern, nehme ich mir heute einen Weg von 35 Kilometern vor. Dann werde ich heute Abend am Meer ankommen.

Heute führt mein Weg durch hügelige Landschaft. Am Wegesrand blühen in üppigen Farben Blumen. Der Flieder, der oft den Weg zieht, riecht betörend.

Die Landschaftsaufnahmen könnten auch in den Deutschen Mittelgebirgen aufgenommen worden sein: Sanfte Hügel mit saftig grünen Wiesen. Die Flächen sind weniger landwirtschaftlich intensiv genutzt wie in der Ebene, die ich gestern durch wandert habe. Landwirtschaftlich genutzte Flächen mit im wesentlichen Obstbäumen wechseln mit natürlichen Flächen ab.


Hin und wieder gibt es auch Viehzucht. Immer wieder treffe ich Schäfer mit Ziegen- oder Schafherden. Leider werden dies nicht nur von den Schäfern bewacht sondern auch von Hunden. Auf meinem Weg treffe ich erst auf eine Schafherde und ich kann den Schäfer nicht sehen, so dass die ungefähr zehn Hunde, die mich sofort stellen, mir doch einen gehörigen Respekt einflössen. Hier treffe ich oft auf große, ungepflegte Hunde, die bellen, was das Zeug hält. Aber alle sind – unabhängig ihrer Größe – ängstlich. Nie kommen sie von vorne sondern immer laufen sie an mir bellend vorbei und kommen dann von hinten. Drehe ich mich um, suchen sie sofort das Weite unabhängig davon, wie viel Spektakel sie veranstaltet haben, ob sie sich durch einen Zaun gezwängt haben, um zu demonstrieren, dass sie hier der Herr sind.

Zurück zur Schafherde: kaum haben mich die Hunde umringt sehe ich den Schäfer. Ein Kurz Gruß reicht und die Hunde trollen sich. Kaum 500 Meter weiter treffe ich auf eine Ziegenherde. Den Schäfer sehe ich von Weitem und ich grüße, um zu verhindern, dass mich seine bereits kläffenden Köter, wieder in die Zange nehmen. Hilft aber nicht, er hat offensichtlich mit seinen Hunden so seine Probleme. Vor allem zwei sind so aufgebracht und bauen sich vor mir in beeindruckender Weise auf, so dass ich stehen bleibe, in der Hoffnung der Schäfer ruft seine Bewacher zur Ordnung. Das versucht er, nur die beiden lassen sich von ihrem Herren überhaupt nicht beeindrucken. Er muss die Hunde handgreiflich zur Ordnung rufen, damit sie mich durch lassen.

Aber nicht nur Ziegen und Schafe werden gezüchtet auch Hühner. Bienenstöcke stehen auch überall in großer Zahl in den Wiesen.


Am späten Mittag etwa nach 25 Kilometern komme ich in ein auf einem Hügel exponiert liegenden Ort. Ich habe nicht nur Durst sondern auch Hunger. Am höchsten Punkt im Zentrum gibt es eine Taverne. Bis auf einen Tisch sind alle mit Einheimischen – alles Männer – belegt. Kaum stelle ich meinen Rucksack ab und falle auf einen freien Stuhl werde ich von allen Seiten angesprochen. Es braucht nicht langend alle haben verstanden, ich spreche kein Griechisch, ich bin aus Deutschland und der größte Teil der Männer spricht Deutsch, da sie in Deutschland viele Jahre gearbeitet haben. Ich muss mich zu den anderen setzen, damit ich ordentlich interviewt werden kann. Was ich hier mache ist für keinen verständlich: wandern und das über mehrere Tag ist ihnen völlig unverständlich und finden das außerordentlich strange. Nach dem sie wissen, was mein Tagesziel ist, bekomme ich Wegbeschreibungen und nicht zum ersten Mal angeboten, mich in die nächste Stadt zu fahren. Heute ist ein Traktorfahrer  dran: ich muss ihm klar machen, dass Laufen für mich zwar anstrengend aber doch ein Vergnügen ist und daher Fahren gar nicht in Betracht kommt. man amüsiert sich ganz offensichtlich über mich. Aber überall wo ich hin komme, schlägt mir eine überbordende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegen.

Nach 30 km muss ich zwei Kilometer an einer Autobahn entlang laufen, hierbei hält sich das Vergnügen in Grenzen, bevor ich sie unterqueren kann. Dann ist es nicht mehr weit. Ich komme in ein Strandbad, das mal bessere Zeiten erlebt hat. Ruinen säumen den Weg. Bars sind heruntergekommen und geschlossen. Mir wird schon bange, was mich als Apartment erwartet. Nebenzweck Ruinen kann ich etwas zurückversetzt einen gepflegtes Haus erkennen und hoffe, das dies meine Unterkunft ist.

Da mir niemand öffnet, habe ich schon Sorge, dass die Pension nicht mehr existiert und die Buchungsbestätigung eine Art Fake ist. Ich rufe die angegebenen Telefonnummern an. Niemand nimmt ab. So was machen. Ich will gerade schon mit Booking.com Kontakt aufnehmen, da kommt eine Frau auf mich entschuldigend zu, sie habe mich zwar gesehen aber eine Weile gebraucht von ihrem Balkon im 2. OG herunter zu kommen.

So kann ich mich entspannen und keine 100 Meter entfernt gibt es sogar eine Auswahl an Restaurants: Mikrowellen ist heute Abend angesagt. Ich werde wieder mit Freundlichkeit überschüttet, das ändert allerdings nichts an der miesen Qualität des Essens.

Tag 6: 09.05.22

 

Heute wird ein langer Tag. 38 km stehen auf dem Plan. Da ich bereits das Zimmer für heute Nacht gebucht habe. Ist dies ein Muss. Ich fühle mich nach der Nacht mit einem richtigen Bett und gut gewärmten Zimmer so wohl, das ich kaum Sorge habe, das Ziel nicht zu erreichen.

Zunächst geht es steil runter in die Stadt. Im Zentrum gibt es eine hübsche Kirche, die auch offen ist, so dass ich sie mir auch von innen anschauen kann. Es ist mir natürlich nicht klar, ob sie repräsentativ für Griechenland ist. Mir fällt auf, dass nach den prächtig oder eher pompös ausstaffierten Kirchen und Kathedralen in Spanien und den eher künstlerisch ausgestalteten Domen in Italien, diese Kirche sich wieder eher wie in Spanien, mit einer üppigsten, prahlerischen Innendekoration zeigt – vielleicht etwas dunkler drückender.

Die Außenansichten, wie sich später beim weiterwandern zeigt, oft mit einem Anstrich von Moscheen.

Naousa selbst ist nach meinem Empfind eher hässlich wie schon Florina und Amyndeo. Ausnahme war Nympheo. Die Häuser haben alle unterschiedliche Baustile. Viele Häuser sind im wieder und wieder erweitert worden ohne ein optisch attraktives Gesamtbild erzeugen zu wollen. Ich habe den Eindruck, es geht entweder darum möglichst einfach mehr Raum zu erhalten oder dem jeweiligen Zeitgeist zu folgen: Architektur und Stadtplanung haben scheinbar keinen hohen Stellenwert. Die Hochzeit der Griechischen Architektur scheint mit dem Dorischen und Ionischen Baustilen zu enden und das ist verdammt lang her.

Da ich heute weitgehend in der Ebene auf ca. 100 Höhenmeter bewege. Wird es frühsommerlich warm. Den ganzen Tag scheint die Sonne. Mein Flüssigkeitsbedarf ist entsprechend hoch.

Aber nicht so hoch, dass ich den Bach vor mir leer trinken könnte:  Schuhe aus Socken aus und durchwaten – das Bergwasser ist ganz schön frisch.

Die Vegetation ist üppig und ich laufe durch Wälder und großflächige Obstplantagen: viele Aprikosen und Pflaumenarten, Oliven und Kirschen, die bereits reif werden. Hin und wieder pflücke ich mir eine, sie sind sehr lecker.

Mein Weg führt mich kurz vor meinem Ziel noch über eine Brücke, die einen Stausee teilt. Danach geht es hoch in die Berge zu meinem Hotel. Ich bin nach den 38 Kilometern vollkommen erschöpft. Das Waschen meine Wäsche fällt mir besonders schwer. Nach dem Zähneputzen, dem Rasieren und einer schön heißen Dusche geht es mir besser.

Mir bleibt nicht viel Zeit, d ich für 20:00 Uhr zum Essen angemeldet habe. Nach Hotelauskunft – Fine Dining. Da ich der einzige Gast bin, bin ich mal gespannt. Als Vorspeise bestelle ich eine Gemüseplatte und als Hauptgericht Souvlaki mit Pommes. Tatsächlich ist alles frisch zubereitet.

Während ich auf den ersten Gang warte mache ich von der Hotelterasse noch ein Foto runter auf den Stausee und in Richtung meines heutigen Startpunkts: ich bin zufrieden mit meiner heutigen Leistung.

nervig: ständig fällt das Wifi aus – da gibt es Verbesserungspotenzial.

Tag 5: 08.05.22


Die Nacht war doch wieder sehr kalt. Trotz des warmen Schlafsacks und einer gut isolierenden Luftmatratze war es unangenehm. Ich habe 3-Lagen Wäsche angehabt. Trotzdem hat das nichts genützt.

Ich wandere den kompletten Tag bergauf, bergab durch den Wald. Nach etwa 25 km komme ich nach Naousa einer etwas größeren Stadt, die im wesentlichen vom Weinbau lebt. Ich bleibe oberhalb der Stadt in den Bergen. Meine Unterkunft – Guesthouse Militsa liegt idyllisch am Berg und eine viertel Stunde Fußmarsch von den nächsten Häusern entfernt. Bis dorthin sind es am Ende 29 Kilometer und ich bin aufgrund des Aufstiegs hoch zum Guesthouse völlig erschöpft.

Ich werde von einer Griechin auf Deutsch empfangen. Im Appartement ist alles vorbereitet: Kaffee und selbst gebackener Kuchen stehen bereit. Ich bekomme auch eine Empfehlung für eine „nahegelegenen“ Taverne. Bevor ich los gehe checkt meine Wirtin, ob sie auch wirklich offen hat, da ich von meinen weniger guten Erfahrungen von vorgestern berichte. Tatsächlich Sonntags Ruhetag. Sie bestellt mir aber sofort ein perfektes Griechisches Essen – natürlich viel zu üppig – zusammen mit einer Flasche Rotwein. Bevor das Essen geliefert wird, bekomme ich noch eine weiße Tischdecke. Geschirr ist so wie so im Appartement.

So mache ich mir in dem großen Zimmer es für den Abend gemütlich. Ich muss nur noch schnell das Zelt und den Schlafsack wieder einrollen und wegpacken, die ich zum Trocknen im Zimmer ausgebreitet hatte.

Nun ist alles bereit für mein Abendmahl.

Tag 4: 07.05.22

 

Im Hotel bekomme ich ein karges Frühstück. Ich weiß gleich, unterwegs muss ich etwas essen, ich werde nicht bis zum Abendessen durchhalten. Ich hoffe, dass im etwa 17 km entfernten Pyrgoi eine Bar geöffnet hat, da ich dort auch noch Wasser kaufen muss. Ich will mir das Gewicht für zwei Tage Wasser so spät als möglich in den Rucksack packen.

Bis Pyrgoi wandere ich durch eine fruchtbare Ebene und der einzige „richtige“ Ort heute. Danach geht es in die Berge. Wie ich schon die beiden letzten Tage erfahren musste. Gibt es kaum bzw. eigentlich gar keine Restaurants. Bars gibt es in den größeren Dörfern aber es sind nicht alle offen oder überhaupt existent, die in Google Maps verzeichnet sind. Pyrgoi scheint eine Größe zu haben, bei der ich zuversichtlich bin, dass es eine geöffnete Bar gibt. Andernfalls hätte ich doch Bedenken hinsichtlich meines Wasservorrats.

Bis Pyrgoi geht es durch endlose Aprikosenplantagen, die mit Wein und anderen Obstbäumen durchsetzt sind. Die landwirtschaftlich genutzten Fahrwege sind zu meiner Überraschung alle asphaltiert: das war bis her nicht der Fall. Selbst Straßen durch die Berge sind zumeist nicht befestigt.

Während ich über die Wege marschiere fängt meiner rechter Fuß, unter dem Gewicht meines Rucksacks an zu schmerzen. Da ich die Muse habe, beschäftige ich mich damit, auszuprobieren, ob ich durch Änderung meines Ganges, den Schmerz zu beeinflussen. Dabei stelle ich fest, dass mein linker Fuß sich bei meinem gewohnten Gang am besten anfühlt: Fuß mit der Ferse kräftig aufsetzen, abrollen, Bein schwingt durch die Vorwärtsbewegung nach vorne. Mein rechter Fuß findet es besser, wenn ich das Bein aktiv nach vorne bewege. Dadurch setzt der Fuß deutlich flach auf, was mein rechter Fuß goutiert. Das übe ich nun. Dabei fällt mir auf, dass ich die ganze Zeit auf der linken Straßenseite laufe. Schließlich will ich dem Verkehr ins Auge schauen. Richtigerweise fallen Straßen immer nach außen ab. Das bedeutet, mein linker Fuß ist leicht nach außen und mein rechter Fuß nach innen gekippt. Hat das einen Einfluß auf das Wohlbefinden meiner Füße? Das muss ich natürlich sofort testen. Von jetzt an laufe ich auf der rechten Straßenseite und tatsächlich findet das mein linker Fuß nicht toll, dafür ist mein rechter Fuß deutlich glücklicher. Auf nicht befestigten Straßen ist der Effekt, stelle ich später fest, noch größer, da dort meist sich durch die Räder Fahrspuren gebildet haben und die Fußneigung eher so gar stärker ist. Was meinen Füßen am liebsten ist, wenn sie ständig wechselnd belastet werden bzw. sie  durch den Untergrund regelrecht beschäftigt werden. Wusste ich eigentlich schon immer, habe ich mir bis heute nicht bewußt gemacht und schon gar nicht durch Eigenversuch getestet.

In Pyrgoi gibt es mehrere offene Bars, so bekomme ich hinreichend Wasser. Zu Essen gibt es Toast – scheint eine Art Nationalgericht zu sein – und danach trinke ich – Entschuldigung an alle Griechen – einen Türkischen Kaffee, der hier natürlich Griechischer Kaffee heißt.

So gestärkt geht es jetzt in die Berge. Ich wandere weitere 12 km in Summe 29 km und mache in etwa 700 Höhenmeter. Damit habe ich die Hälfte des Weges bis zum morgigen Ziel Naousa geschafft. Auf etwa 1.100 Metern Höhe suche ich mir auf einer Kuppe zwischen großen Steinen einen Platz zum Zelten. Auf den Steinen kann ich gut sitzen und auf der Höhe habe ich sowohl heute Abend als auch gleich Morgen Sonne.

Tag 3: 06.05.22

 

Frühstück gibt es erst um 08:30 Uhr. Frühaufsteher sind die Einwohner von Nymphaio wohl nicht. Ich sehe, als ich gegen 09:15 Uhr durch den Ort laufe, niemanden. Alles wirkt ausgestorben. Der gesamte Ort hat etwas steriles oder besser museales an sich.

Die Straßen im Ort und selbst die Fußwege, die aus dem Ort entlang eines Bärengeheges führen, sind gepflastert und sauber: kein Bruchholz versperrt den Weg. Später wandere ich durch Wälder, die sich von unseren kaum unterscheiden. Immer wieder sehe ich Spuren auf den teilweise vom Regen und Schmelzwasser aufgeweichten Wegen. Ich glaube, zum einen stammen sie von Bären und die anderen von sehr großen Hunden oder Wölfen. Ich sehe allerdings überhaupt kein Wild. Weshalb sich meine Vermutungen nicht bestätigen lassen und meine Fähigkeiten im Fährten lesen sind doch arg begrenzt.

Nach etwa 17 km kann ich am Horizont bereits den Ort erkennen, wo ich heute und nach gut 25 km übernachten werde.

Im Hotel verbringe ich einige Stunden mit der Planung meiner nächsten Etappen. Da auf der Route des E4 in den kommenden Tage keine Unterkünfte zu finden sind: es geht wieder in die Berge für ca. 120 km, suche ich mir einen Weg, der den Bergzug direkt überquert und ich nach zwei Tagen zunächst in ein Skiresort und danach in die Ebene mit kleineren Städten kommen werde. So muss ich mich nur auf eine Nacht im Zelt einstellen.

Obwohl ich in einer Stadt übernachte finde ich kein offenes Restaurant. Es gibt Bars, die neben Drinks Toast servieren oder Gyros Imbiss Shops. So gibt es heute Abend ein Gyros mit allem.

Tag 2: 05.05.22

 

Um 06:30 Uhr geht die Sonne auf, schnell erwärmt sich die Luft und ich versuche noch etwas Schlaf in der Sonne zu bekommen. Ich stehe daher erst um 08:00 auf. So kann ich mich anziehen ohne das Gefühl zu haben, ich erfriere bei dem Vorgang. Ich baue das Zelt ab und packe meine Sachen zusammen. In der Sonne mache ich meine Morgentoilette und frühstücke eine Kleinigkeit. Dann geht‘s los.

Weitere 150 Meter muss ich hoch. Hier herrscht Winter

Dann geht es 800 Meter runter. Wegen der umgestürzten Bäume und der sich türmenden Äste, komme ich nur sehr langsam vorwärts. Mit jedem Meter den ich absteige komme ich dem Frühjahr näher.

Im Tal ist Frühjahr und ein fast 1.000 Meter Anstieg über einen Pass erwarten mich. Also wieder geht es vom Frühjahr in den Winter und später zurück in frühlingshafte Gegenden. Natürlich warten auch hier wieder Schneefelder und Bruchholz, das den Weg unpassierbar erscheinen lässt. Der Anstieg und das ständig überwinden der unpassierbaren Wege erschöpfen mich.

In Nymphaio, einem kleinen Bergdorf, in dem alle Häuser aus grauem Stein – Basalt? – gebaut sind, übernachte ich in einem Guesthouse. Nach dem ich meine Wäsche gewaschen habe und mich geduscht habe, schaue ich mich in dem Dorf um. Obwohl es viele Restaurants und Bars gibt, die Tische und Stühle draußen stehen, sind sie alle mangels an Gästen geschlossen. Ich esse in meiner Unterkunft eine Pizza – einzige Alternativen sind Hot Dogs. Klingt nicht gerade Griechisch.

Tag 1: 04.05.22


Ich starte meine Wanderung auf dem E4 in Nordgriechenland in dem Bergstädtchen Florina. Von dort ist es nicht weit zu den Grenzen von Nordmazedonien und Albanien. Es ist regnerisch und kalt als ich am Nachmittag des Vortages mit Zug von Thessaloniki ankomme. Heute Morgen ist es sonnig und es soll so den ganzen Tag bleiben. Die Wettervorhersage meldet Temperaturen im einstelligen Bereich – kälter als ich gehofft habe.

Im Wald ist die Vegetation soweit wie in Heidelberg auch. Die Natur zeigt sich mit frischem Grün und feuchten Wegen. Es geht ständig bergauf. Nach etwa einer Stunde erreiche ich eine verlassne Abtei. Ich vermute hier haben die Mönche ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ich mache auch eine kurze Pause, denn ich will hier nicht die ewige Ruhe finden.



Etwas später habe ich einen phantastischen Blick auf die Berge und ins Tal. An diesem wunderschönen Ort suche ich mir in der Sonne ein Plätzchen, um zu vespern. Ich hatte mir in Düsseldorf vom Carlsplatz eine gut durchgetrocknete Salami und einen Französischen Hartkäse mitgenommen. In Florina habe ich, bevor ich aufgebrochen bin, noch ein Weißbrot gekauft. Müsli habe ich ebenfalls, für den wahrscheinlichen Fall heute zu campieren, mitgenommen, weshalb zusammen mit 2,5 Liter Wasser einen äußerst schweren Rucksack den Berg hoch tragen muss.

Kurz nach meinem Mittagessen werde ich von Schnee auf meinem Weg überrascht. Ab etwa 1.300 Höhenmeter gibt es sowohl auf dem Weg als auch abseits des Neuen Tees und viele zum Teil sehr ausgiebige Schneefelder. Das Gehen wird durch umgestürzte Bäume und gebrochene Äste erschwert.


Auf 1.600 Höhenmeter bin ich so fertig, dass ich mir einen schönen Platz in der Abendsonne für mein Zelt suche. Das ist das erste mal, dass seit fast 40 Jahren. Ich lass es mir in der Sonne gut gehen und esse zu Abend.

 

Es ist wieder so weit …

… am kommenden Montag, 02.05.2022 werde ich nach Thessaloniki fliegen, um auf dem E4 von Florina – im Dreiländerecke Albanien, Nordmazedonien, Griechenland – über den Olymp, vorbei an den Meteora-Klöstern, nach Delphi zu wandern: ca. 750 km und durchschnittlich 1.000 Höhenmeter täglich.

Meine Ausrüstung wartet nur noch darauf gepackt zu werden. Da ich nicht weiß, ob ich in den Bergen jeden Abend ein Bett finden werde, werde ich diesmal auch eine Campingausrüstung mitnehmen. Trotzdem ist mein Rucksack ohne Essen und Trinken nur 8 kg schwer. 

Im nächsten Beitrag werde ich eine Liste meines Equipments inkl. des Gewichts posten.

Tag 19: 26.06.19

Castro —> Santa Maria Di Leuca (Santa Maria de Finibus Terrae)

Heute ist mein letzter Wandertag und es wird einer der schönsten, was den Weg und das Landschaftsbild angeht. Lange Zeit pilgere ich hoch über der Küste mit Blick aufs Meer. Hier gibt es Pflanzen, die ich bisher noch nie gesehen habe. Klar dominiert der Olivenbaum, viele Nussbäume gibt es und zum Ersten mal sehe ich, dass unterschiedlichste Gemüse wie Zucchini und Cherrytomaten angebaut werden. Die eine oder andere reife Tomate wandert in meinen Mund: lecker.

Auch wenn es das eine oder andere bunte Haus gibt, so sind die Gebäude eher alle weiß bzw. ein vom Wetter vergilbtes weiß. Die Gebäude sind kubisch – der rechte Winkel bestimmt das Bild. Die Fenster sind klein. Das Stadtbild ist so gar nicht mehr Italienisch.

Der dreirädrige Pickup als Lastentransportmittel mit Zweitaktmotor ist hier nicht tot zu kriegen, obwohl er stinkt, ungeheuerlich lärmt und sicher auch alles andere als komfortabel ist. Es scheint ein Fahrzeug ausschließlich für Männer zu sein. Nicht einmal sehe ich eine Frau ein solches Dreirad fahren.

 

Nach gut 30 Kilometer sehe ich vor mir den weißen Leuchtturm auf der linken und Leuca auf der rechten Seite. Zunächst gehe ich nach links auf den Leuchtturm zu, wo die Basilika Santuario Santa Maria hoch über dem Meer schwebt und das Ende der Welt markiert. Neben der Basilika steht eine Statue von „unserem“ Papst – Benedikt der XVI. Der Platz ist beeindruckend, warum er als das Ende der Welt bezeichnet wird, kann man verstehen, obwohl man schon in der Antike wußte, dass die Welt hier sicher nicht zu Ende ist und auf der anderen Seite des Mittelmeers zu erobernde Länder existieren.

Hier also endet meine Pilgerschaft. Ich bin ein Pilger, ein peregrinus im Sinne des Lateinischen Wortes Fremder bzw. jemand der sich in der Fremde befindet. So möchte ich den Begriff Pilger verstanden wissen und nicht im Sinne des Kirchenrechtes, jemand der Buße tut oder eine Reliquie verehrt. Auch wenn eine solche Pilgerschaft mit Entbehrungen, Schmerzen und einer gewissen Form der Selbstkasteiung zu tun hat, hat sie für mich nichts religiöses und schon gar nichts kirchliches. Für mich ist es eher eine Reinigung des Gehirns mit der Möglichkeit allen Unrat, der sich im Kopf gesammelt hat, raus zu waschen. Dem kann man selbstverständlich auch etwas religiöses zusprechen, das will ich nicht leugnen. Ich frage mich nicht zum ersten mal auf einer Tour durch die Natur, wer hat dafür die Spielregeln aufgestellt. Die Natur ist so wunderschön und doch auch so grausam. Uns ist oft nicht bewußt, wie fragil unsere Gesundheit und unser Leben ist, da wir keine natürlichen Feinde mehr haben und in dem Glauben leben, eine rundum Versicherung für unser Leben und alle Lebenslagen zu besitzen, in der es keine Risiken gibt bzw. tritt ein Risiko ein, so muss jemand anderes schuld sein.

Reist man, wie ich das gelegentlich tue, mit 5 km/h, setzt man sich der Natur aus und spürt, wie klein und verletzlich man doch ist im Vergleich zur Unendlichkeit der Natur. Das erdet und ich zumindest lerne wieder „to be humble“. Was nichts anderes bedeutet, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, sich mit dem Fremden auseinanderzusetzen und sich auf die Grundbedürfnisse wie essen, trinken, schlafen zu konzentrieren. Bei mir erzeugt das ein Reset und ein Reboot: der Cache wird gelöscht und alle Systeme funktionieren wieder.

Damit beantwortet sich die Frage, warum mache ich das und lege mich nicht z. B. auf Phuket am Strand in die Sonne, was ich natürlich auch gerne mache. So und nun geht es wieder nach Hause!

Tag 18: 25.06.19

Martano —> Castro

Heute ist der Weg durch kleine, meist nicht sehr gepflegte, mittelalterlich wirkende Ortschaften gekennzeichnet. Die Dörfer haben einen anderes Stadtbild wie bisher. Auf mich wirken sie wie Mexikanische Städte in einem Italo-Western.

Die Sträßlein sind fast alle asphaltiert; doch muss ich mir manchmal meinen Weg durch Oliven- und Feigenbäume suchen. Auffällig ist, dass im Süden Italiens alle Wege, auf denen ein Auto fahren könnte, asphaltiert sind. Das war vor zwei Jahren in der Toskana und im Lazio ganz anders. Dort sind die Nebenstraßen Staubpisten. Diese haben mir damals sehr zugesetzt, da die Autofahrer rücksichtslos an mir vorbei gerauscht sind und mich in dicke Staubwolken eingehüllt haben. Die Vermutung liegt nahe, dass der Struktur schwache Süden strak subventioniert wird und nicht unbedingt immer das Geld in die besten Projekte investiert wird.

Während meines Frühstücks buche ich endlich auch für Donnerstag einen Mietwagen in Lecce. Noch immer weiß ich nicht wie ich dort hin komme. Laut Google Maps gibt es eine Busverbindung. Google schreibt allerdings auch: „we don’t have the most recent timetables for this area“. Was auch immer das bedeutet. Ich kann sonst im Internet keine Verbindung nach Lecce finden. Ein Ticket kann ich also auch nicht erwerben. Also buche ich vorsichtshalber in Leuca ein „richtiges“ Hotel, das auf deren Homepage hinweist, dass sie Airport Shuttle Services anbieten. Ich hoffe, dass mir das Hotel entweder bei der Buchung eines Bustickets oder bei der Organisation eines Shuttle Services, zwar nicht zu einem Flughafen, behilflich sein kann. 

In der ländlichen Gegend sind scheinbar Einkaufsmärkte a la Kaufland ein Publikumsmagnet. Zu meiner Überraschung nimmt nämlich der Verkehr stark zu und ich kann mir das aufgrund der Straße nicht erklären – bis ich zu einem Einkaufszentrum komme. Sternförmig fahren für die Gegend ungewöhnlich viele Autos in Richtung des Einkaufszentrums. Ich muss beim Wandern höllisch aufpassen, dass ich nicht von Autos erfasst werde. Es wird schnell gefahren und überall, unabhängig, ob der Verkehr oder die Sicht es zu lassen, überholt. Da ich auf den schmalen Straßen damit ein Hindernis für die kaufwilligen Fahrer(innen) bin, werde ich permanent angehupt. 

Da mir das zu bunt wird, weiche ich wieder durch Olivenhaine aus. Das kostet mich zwar am Ende. Fast zwei Kilometer, macht das Pilgern aber deutlich angenehmer. Wie ich so zwischen den Olivenbäumen durch gehe, fällt mir erst jetzt auf, dass ich ich abends zum Essen erstaunlich wenige Oliven erhalte. Man müsste erwarten, dass es zu allem, passend oder nicht, Oliven gibt. Das ist aber nicht der Fall. Im besten Fall gibt es mal die eine oder andere als Deko. Auch das Olivenöl, das zum Salat gereicht wird, ist meistens ein Industrieprodukt. 

Castro ist ein schöner Ort, der etwas erhaben über dem Meer liegt, sehr touristisch aber eben deshalb auch sehr nett. Am Abend, als ich zum Essen gehe, wunderschön von der untergehenden Sonne angestrahlt mit einem ausnehmend fantastischen Blick auf die Adria.

Tag 17 – 24.06.19

Masseria Solicara-Gelsi —> Martano

Heute ist es windig. Nur selten setzt der Wind aus. Er bläst kräftig von Osten bzw. Süd-Osten. Das ist angenehm und macht es mir leicht mein Tagesziel Martano zu erreichen. Knapp 37 Kilometer mache ich heute. 

Erstes Zwischenziel ist Lecce. Auf die Stadt hatte ich mich gefreut, da es sich um eine sehr schöne mittelalterliche Stadt handelt und gut erhalten ist. Allerdings muss ich feststellen, dass die berühmte Basilika Di Santa Croce, vollständig mit einer bedruckten Folien eingehüllt ist, da sie renoviert wird. Hinein darf man auch nicht – schade. Dann gehe ich zur Kathedrale. Um diese zu dürfen, muss man erst noch eine Ticket irgendwo kaufen. Darauf habe ich nun wirklich keine Lust. Dann frühstücke ich lieber und esse ein leckeres Panino mit Pecorino und Prosiutto Cotto. Das gleiche will das Deutsche Paar am Nebentisch auch haben als sie mein Panino sehen. Er scheint Italiener und sie Deutsch – sehr hellhäutig mit zwei Kleinkindern ebenfalls hellhäutig. Den Dreien setzt sichtbar die Sonne zu und scheinen sich nicht wohl zu fühlen.

Nach Lecce geht es immer gerade aus durch Orte die eher Griechisch als Italienisch klingen wie zum Beispiel Calimera oder Greco nach Martano. Die Straße ist mal breiter und mal schmaler. Schmal würde völlig ausreichen. Hier fährt einfach niemand lang. kommt eine Auto, kommt garantier auch eins entgangen und treffen sich auf meiner Höhe, so dass ich auch noch ins Gras bzw. in den Müll, den die Straßen säumen, ausweichen.

Ich bekomme ein Zimmer in einem wunderschönen B&B, das von einem Pärchen geführt und wie er mir stolz berichtet, gerade selbst renoviert hat. Es ist tatsächlich ein Kleinod. Ich bekomme gleich auch per WhatsApp eine Besichtigungstour für den kleinen Ort, der einfach toll ist, zusammengestellt so wie Empfehlungen für Eis und das Abendessen.

Ich muss mich dringend um meine Rückreise kümmern, denn ich bin mir sicher, dass ich Übermorgen in Santa Maria Di Leuca ankommen werde und die Rückreise sich kompliziert darstellt, da es in Di Leuca weder Bahnhof noch Mietwagen gibt. Von einem Flughafen will ich erst gar nicht sprechen. Schau‘n wir mal, wie ich das organisiert bekomme.

Tag 16: 23.06.19

Brindisi —> Masseria Solicara-Gelsi

Als ich heute Morgen aufstehe kann ich es kaum glauben, es hat heute Nacht geregnet. Zumindest sind die Straßen naß und es sind dunkle Wolken am Himmel, die die Sonne aber bald vertreibt. Die Feuchtigkeit verdunstet schnell und erzeugt eine Dampfbad Atmosphäre.

Als ich eine Allee entlang wandere, werde ich zum Massenmörder: scheinbar ist so ein Dampfbad ideal für Mücken. Ich lauf durch Mückenschwärme, die auf meiner verschwitzten Haut und Klamotten kleben bleiben und sofort verenden. Ich bin bald schwarz von diesen Viechern und bekomme die vor allem ganz schlecht von der Haut runter. Sie ist durch Sonnencreme und Schweiß besonders klebrig.

Sobald ich raus bin aus den Ortschaften und runter von den Straßen wird die Natur erschreckend laut. Über all zirpt es, Käfer brummen, Vögel zwitschern, Echsen wuseln durch das Gras und alle möglichen Insekten geben Geräusche von sich – hier zumindest kann von Insektensterben nicht die Rede sein. Es gibt ein Insekt, das scheinbar nicht gut sehen kann, denn ich werde von diesem im Flug immer wieder getroffen und dieses Insekt heult dann regelrecht auf. Es sieht mir wie ein Käfer aus, bin mir aber nicht sicher. Das Geräusch, das es macht, wenn es mich trifft, habe ich vorher noch nie gehört und hat tatsächlich etwas von einem aufheulen und nicht nur von einem veränderten Brummen.

Obwohl ich heute nicht sehr motiviert aufgestanden bin und dachte ich mach mal etwas langsamer und vielleicht nur gut 25 Kilometer kann ich mich weder so richtig entscheiden, wo mein Ziel für ist und damit auch nicht so wirklich für den Weg. In einer Strandbar sitzend muss ich mich am frühen Nachmittag endlich entscheiden, bleibe ich an der Küste, dann ist übernachten kein Problem, oder, was eigentlich besser wäre, möglichst weit in Richtung Lecce pilgere, dann muss ich jetzt eine Übernachtung buchen, denn diese sind rar. Außerdem ist Sonntag und ich weiß nicht, ob die Leute ihre Buchungen lesen und ich Sie Vorort antreffe. Das ist mit den B&Bs immer so eine Sache. Schließlich entscheide ich mich für ein Agroturismo zwischen meiner Strandbar und Lecce.

Der Agroturismo, den ich nach 36 Kilometern erreiche, liegt im absoluten nichts. Um so mehr bin ich überrascht, was sich vor mir auftut, als ich durch das Tor trete. Hinter den hohen Mauern vor den Augen der Vorbeikommenden – fragt sich nur, wer hier vorbei kommt – liegt nicht ein Bauernhof mit Zimmern und Restaurant sondern eine Ferien- und Großveranstaltungsanlage mit Swimmingpool, Gästehaus, einer Reihe von Restaurants, Laubengänge mit Pavillons und und und.

Ich bin der einzige Gast heute. Ängstlich frage ich, ob ich hier auch Abendessen kann, da ich fürchte, dass für einen Gast niemand den Herd anwirft. Das ist aber kein Problem – Personal ist genug da und die müssen, wie mir versichert wird auch versorgt werden. Ich muss nur Vorlieb nehmen, mit dem was heute auf dem Speiseplan steht. Alleine in einem großen Restaurant bekomme ich ein viergängiges Menü serviert.

Tag 15 – 22.06.19

Torre Santa Sabina —> Brindisi 

Windig ist es heute und einige Wolken sind zu sehen. Das bedeutet aber nicht, dass das Pilgern weniger Schweiß treibend ist. Die Luftfeuchtigkeit scheint höher zu sein. 

Der Weg führt mich die ersten Kilometer durch Dünen und über Strände. Das ist zwar schön aber anstrengend. Meinen Füßen gefällt das ganz und gar nicht. Immer wieder habe ich Berge von Sand in den Schuhen. Das macht nicht nur die Füße schwer sondern reibt auf der eh schon gereizten Haut. Früh mache ich heute Pause, da ich später wieder an der Autobahn entlang wandern muss und dort es keine Bars gibt. 

Da habe ich mich getäuscht. Denn erst komme ich an einem Agriturismo vorbei. Als ich frage, bekomme ich selbst verständlich Café und auch Wasser. Einer der Herren setzt sich zu mir und fragt, warum ich mit Rucksack hier entlang laufe. Als ich ihm erkläre, dass ich nach Santa Maria di Leuca Pilger ist er ganz begeistert. Ich bekomme Kekse aufgefahren und muss mit ihm in seinen Garten, wo er eine Reihe von Obstbäumen stehen hat. Er fordert mich auf zu pflücken, was immer ich gerne hätte. Bescheiden nehme ich mir drei Aprikosen. Das geht für ihn gar nicht und er fängt an zu ernten und stopft mir anschließend das Obst in meinen Rucksack. 

Ich verabschiede mich und bedanke mich für die Gastfreundschaft. Ich werde mit bin einem Buon Camino auf die Reise geschickt. Es dauert keine fünf Kilometer und ich komme zu einer Autobahn Tankstelle mit Bar natürlich. Dort kehre ich erneut ein, trinke einen Café sowie einen Liter Wasser. Ein Einheimischer setzt sich zu mir an den Tisch mit einer Bierflasche in der Hand und redet auf mich ein, obwohl ich ihm gesagt habe, dass ich kein Italienisch kann nur „un poco“. Das stört ihn nicht, führt lediglich dazu, dass er jeden Satz dreimal sagt. Ich glaube zu verstehen, dass er arbeitslos ist und das Leben schwer ist. Er rückt ständig näher an mich heran und will nun auch noch wissen, ob ich Arbeit habe. Mir wird der Bursche zu aufdringlich und ich mache mich lieber davon, obwohl ich gerne noch einen Café getrunken hätte.

Von Brundisium, der Lateinische Name von Brindisi, bin ich enttäuscht. Viel ist nicht mehr von dem historischen Kern übrig. Ein Stadttor, die Kathedrale und die Säule, die das Ende der Via Appia markiert. Und die steht so versteckt zwischen Häusern, dass ich fast vorbeigelaufen wäre. Von hier ist nur die Sicht auf den größten natürlichen Hafen des Mittelmeers gut. Auch wenn man nicht mehr erkennen kann, dass es sich um eine natürliche Hafensituation handelt.

Auch wenn ich heute eine Reihe von Pausen gemacht habe und mehr als ausreichend zu trinken hatte, bin ich erschöpft und freue mich auf meine Unterkunft. Schnell schreibe ich meiner heutigen Vermieterin, dass ich bereits in Brindisi bin und in wenigen Minuten bei ihrem B&B sein kann. Wir verabreden uns in zwanzig Minuten. Wie sooft wirkt das Haus von außen heruntergekommen. Innen ist es toll hergerichtet mit einem großzügigen Eingang und einer sehr schön angelegten Treppe. Das Zimmer geht über zwei Etagen ist spartanisch aber mit einem gewissen Chic eingerichtet. Auf beiden Etagen habe ich einen Balkon und kann vom oberen hinunter zum Hafen schauen.

Tag 14: 21.06.19

Savelletri —> Torre Santa Sabina

Heute gilt es Kilometer zu machen. Um mich unter Druck zu setzen, habe ich gestern bereits ein Hotel für heute in Torre S. Sabina und für Morgen in Brindisi gebucht. Also suche ich mir den kürzesten Weg. Das bedeutet vermutlich aber keine Bärs und damit Versorgung. Knapp 35 Kilometer stehen an.

Nach dem ich Savelletri verlassen habe, kommt nach gut 5 Kilometer ein Campingplatz. Ich frage am Eingang, ob es eine Bar gibt. Sie macht gerade auf. Man ist noch nicht fertig und lässt mich erst einmal einige Minuten warten. Dann darf ich meine Bestellung aufgeben. Puh, freundlich geht anders. 

Aber gut, so bekomme ich wenigstens ein Frühstück und kann mir noch etwas Wasser mitnehmen. Danach pilgere ich – muss pilgern eigentlich mit Quälen verbunden sein? – schwitzend entlang der Autobahn unter sengender Sonne. Ich bin gerade mal zwölf Kilometer gelaufen und fix und fertig. Das Wasser muss ich rationieren. Da mein Körper sich mal wieder als artesischer Brunnen betätigt, kann ich die Wasserbilanz nicht in Waage halten.

Einen kleinen Umweg in Kauf nehmend komme ich wieder zu meinen bestaunten uralten Olivenbäumen. Heute nutze ich nur ihren Schatten, um unter einem großen Olivenbaum mich auszuruhen und ein Stündchen zu schlafen. Inspiration mag von ihnen ausgehen aber mein Körper ist zu gequält, um mir ernsthafte Gedanken zu machen. Mir imponiert, dass jeder einzelne Baum eine Nummer hat. Ich hoffe, sie sind auch registriert und es gibt regelmäßige Kontrollen, dass sie nicht „versehentlich“ gefällt wurden. Denn das Umweltbewusstsein ist nicht besonders ausgeprägt, was ich daran fest mache, dass überall Müllbeutel, leere Flaschen und sonstiger Unrat die Wege säumen. Wer an den Strand will, fährt trotz hinreichender Parkplätze in die Dünen oder auf den Strand, um ja keinen Meter zu viel laufen zu müssen. Wenn ich mir die Körperumfänge selbst der Kinder anschaue, bekomme ich oft das Gefühl, ich wäre in den USA.

Nach dem erquickenden Schlaf wird mal wieder, was selten genug vorkommt, angezeigt, dass ich auf der Via Traiana unterwegs bin. Das motiviert und ich komme wieder besser voran. Als ich endlich Torre S. Sabina erreiche, komme ich als erstes an einer Pasticcerina vorbei. Ich habe so Hunger und Durst, dass ich hier Halt machen muss, obwohl ich keine 800 Meter mehr zum Hotel habe.

Torre S. Sabina ist dem Grunde nach ein hübscher Ort mit einem kleinen Strand, einem alten Wehrturm und vielen Booten in der Bucht. Aber man so viele häßliche Gebäude errichtet, dass der Ort dadurch alles andere als schön wirkt. Trotzdem gibt es viele Touristen. Beim Abendessen bin ich umzingelt von Deutschen Touristen, die so bejahrt sind, dass ich den Altersdurchschnitt (deutlich) Senke.

An der Rezeption werde ich, nach dem ich meinen Führerschein als Ausweisdokument vorweise in Deutsch mit bayrischen Zügen von einer jungen Frau begrüßt. Sie erzählt mir später nach dem Abendessen, dass sie in München geboren wurde und erst als Jugendliche mit ihren Eltern zurück in die Heimat ihrer Vorfahren gezogen ist. Sie möchte Architektur studieren und weg aus dieser dörflichen Umgebung. Viel Erfolg kann ich ihr nur wünschen.

Tag 13: 20.06.19

San Vito —> Savelletri

Was für ein toller Wandertag! Kaum habe ich mein Hotel verlassen, komme ich an einer Trutzburg vorbei, die direkt am Meer steht. Davor ein malerischer Strand mit bunten Booten. Heute führt mich mein Weg direkt entlang des Meeres ruf auf die Klippen runter an den Strand und wieder hinauf – Schweiß treibend aber einfach eine fantastische Landschaft mit traumhaft gelegenen Dörfern.

Körperlich bringt mich der heutige Tag an meine Leistungsgrenzen. Es sind weniger die 33 km, sondern der Weg selbst. Es geht oft durch Sand am Strand, der die Beine schwer macht. Es ist das rauf und runter bei fast 35 Grad Celsius und ohne schattenspendende Bäume. Heute kehre ich daher gleich zweimal ein. Am frühen Nachmittag brauche ich dringend Zucker. Ich trinke also zwei Aranciata, was zu meinem Lieblingsgetränke geworden ist. Anschließend noch einen Café zum munter machen. Danach nehme ich die letzten Kilometer in Angriff.

Ich komme an einer Necropolis, einer antiken Begräbnisstätte und anschließend an einem Golfplatz vorbei. Gibt es da einen Zusammenhang? Was mich allerdings viel mehr fasziniert, sind die uralten Olivenbäume die rechts und links des Weges auf großzügig angelegten Feldern mal isoliert und mal zwischen Kartoffeln gepflegt werden.

Was haben diese Bäume alles schon „gesehen“? Wie alt mögen diese Bäume sein, die mal gerade und brächten gewachsen sind und mal sich dem Wetter gebeugt haben? Fragen die bei mir sofort eine Reihe unwiderstehlicher Gedanken los treten: was ist Geschichte und warum fasziniert mich Geschichte so sehr. darüber muss ich in den nächsten Tagen mal intensiver nachdenken. Ich hoffe, die Sonne lässt mein Gehirn dies durchdenken.

Ein anderer Gedanke, der mir beim Anblick dieser Olivenbäume durch den Kopf geht, ist, wie wird man alt. Was bedeutet altern für mich und wie gehe ich damit um, wie hat mich mein Leben gezeichnet. Stehe stolz wie viele der Olivenbäume da oder bin ich von den äußeren Umständen gebeutelt, bin knorrig, schief, gebeugt von den Unbilden des Lebens. 

Natürlich bin ich alt. Das ist mal klar. Ich bin Großvater. Gemäß der üblichen Definition im Seniorenalter. Fühle ich mich auch so? Eigentlich nicht. Ich fühle mich körperlich fit. Mir tut morgens beim Aufstehen nichts weh. Gut ich bekomme beim Wandern in dieser Hitze Blasen. Ich glaube das hat nichts mit Alter zu tun. Auch bin ich überzeugt, dass ich geistig fit bin, mich immer noch bestens motivieren kann und für eine Reihe von Aufgaben immer noch brenne wie früher auch. Ich kann mich noch immer daran begeistern, eine Benchmark setzende Fabrik zu planen und zu realisieren. Zu sehen wie eine solche Fabrik in Betrieb geht und tolle Arbeitsplätze schafft, die besser sind als sie in anderen Fabriken existieren. Ich kann mich daran begeistern, neue Wege in der IT bzw. der Digitalisierung der gesamten Value-Chain zu gehen. Ich kann nicht leugnen, wenn ich in den Spiegel schaue, dass ich mir mein Alter ansehe. Das sieht man den Olivenbäumen auch an, trotzdem stehen sie da wie eine Eins und tragen noch immer Oliven, wie ein junger Baum auch.

Ich bin zu verschwitzt, meine komplette Kleidung ist durch und durch naß, ich muss den Gedanken Morgen noch einmal aufnehmen.

In Savelletri Habe ich ein kleines Zimmer mit einer riesigen Dachterrasse mit Blick aufs Meer und das Dörfchen. Die Eigentümerin hat mir eine klare Anweisung gegeben, wo ich heute Abend essen muss. Hoffen mir, dass das Restaurant so gut ist, wie sie behauptet.

Tag 12: 19.09.19

Bari —> San Vito

So nun weiß ich, dass ich Santa Maria di Leuca aus Zeitgründen erreichen werde. Wenn ich so weiter laufe bin ich am Samstag in Brindisi und von dort habe ich noch gut 120 Kilometer. Also alles machbar. Mein Körper kommt nun mit der Hitze und der Sonne zu recht. Die Blasen an meinen Füßen heilen ab. Sie sehen zwar nicht wirklich gut aus und brauchen nach wie vor schützende Blasenpflaster aber ich bekomme keinen neuen Blasen mehr.

Heute habe ich 35 Kilometer entlang der Küste der Adria zurück gelegt. Mal auf Promenaden, mal entlang der Autobahn, mal auf Dorfstraßen. An jeder Ecke gibt es Fischgeschäfte und fischverarbeitende Betrieb, die wohl kaum den EU-Standards entsprechen. Oft sehe ich Angler, die einen Pulpo gefangen haben und diesen auf den Steinen, die das Meer säumen, weich klopfen.

Mal ist es der Weg schön und mit Oleanderbüschen gesäumt, mal häßlich. Am Nachmittag erreiche ich einen kleinen Ort, San Vito, wo ich ein Zimmer in einem Hotel, das direkt am Meer gelegen ist, dem Strand von San Giovanni. An der Bar oberhalb des Meeres lösche ich zunächst meinen Durst, um anschließend im Meer baden zu gehen.

Aufgrund der Hitze und der permanenten Sonneneinstrahlung ohne jeden Schatten wird die Denkleistung deutlich gesenkt. Ich konzentriere mich aufs Laufen, das Hirn schaltet ab. Versuche ich etwas zu durchdenken, lenkt mein Gehirn sofort von der Aufgabe ab und versetzt sich selbst in reinen Überlebensmodus. Der Nachteil: ich bringe kaum einen vernünftigen Gedanken zusammen; der Vorteil: die Zeit geht schnell um, da das Gehirn auch das Zeitgefühl abschaltet.

Tag 11: 18.06.19

Bitonto —> Bari

Kein wirklich schöner Weg führt aus Bitonto heraus. Kaum habe ich den Ort verlassen erreiche ich die Vorstädte von Bari, eine recht große Stadt mir viel Industrie. Bari hat etwa so viele Einwohner wie Mannheim. 

Nach knapp vier Stunden und zwanzig Kilometern bin ich an der Adria und habe Italien einmal von West nach Ost von einem Meer zum anderen durchquert. Die Adria empfängt mich stinkend. Trotzdem liegen die Menschen am Meer. Ich sehe zu, dass ich nach Bari in die Innenstadt komme, um dem Gestank schnellstens zu entkommen.

Die Innenstadt empfängt mich mit kleinen Gassen, herum wuselnden Menschen. Auch Deutsch höre ich hier und da. Da ich noch früh dran bin, besichtige ich zunächst die Stadt, bevor ich im Hotel einchecke.

Die Festung, gebaut von Friedrich II, ist meine erste Station. Danach geht es in den Dom, San Sabino. Von dort in die Basilika San Nicola und da natürlich zum Grab des heiligen Nikolaus. 

Der Rest des Tages ist der Körperpflege und hier vor allem der Pflege meiner Füße gewidmet: ich lasse es mir einfach gut gehen.

Tag 10: 17.06.19

Corato —> Bitonto

Meine erste Etappe führt mich nach Terlazzi, das knapp 15 km von Corato entfernt liegt. Am Landschaftsbild ändert sich nichts, Olivenbäume und noch mehr Olivenbäume. Eine Zypressenallee führt zu dem Friedhof von Ruvo di Puglia, das ich „rechts liegen lasse“. 

Immer wieder komme ich an niedrigen Kuppelbauten vorbei. Mal befinden sie sich am Rande eines Gartens und mal in Olivenhainen. Zunächst dachte ich es handelt sich um begehbare Pizzaöfen. Nachdem ich aber mal in einen hinein geschaut habe, kann ich mir das nicht vorstellen. Sie haben meist einen Eingang und keine Fenster. Manche sind nach oben entlüftet, die meisten sind allerdings geschlossen. 

In Terlazzi, das eine sehr schönen Innenstadt hat, nachdem ich durch hässliche Industrie- und Gewerbegebiete gelaufen bin, besichtige ich die Kirche und ruhe mich dort etwas aus. Die Kirche ist innen schön kühl. Anschließend nehme ich in einer Bar direkt auf dem Hauptplatz mein Frühstück ein. 

Nach Bitoni sind es nur noch gut zehn Kilometer. Mir begegnet auf dem Weg niemand. Der Weg führt durch sehr gepflegte Oliven- und Obstplantagen. Leider wird der einsame Weg auch als Müllablage benutzt. Ein fast blinder Spiegel steht auch am Wegesrand, den ein Scherzbold nicht einfach weggeworfen sondern aufgestellt hat. Unter einem Olivenbaum mache ich meine zur Gewohnheit gewordenen Siesta.

Während ich meinen Olivenbaum anschaue, frage ich mich, was hat Petrus eigentlich aus Jerusalem nach Rom getrieben. Ist er auf direktem Weg von Nazareth nach Santa Mari Di Leuca gereist oder hat er den Weg über Vorderasien und Griechenland genommen. Wenn letzteres, warum reiste er dann nicht nach Brindisi, dem damals größten Hafen und dem Tor nach Griechenland. Die Legende sagt, er kam in dem heutigen Santa Maria di Leuca von Bord eines Schiffes und ging von dort über die Via Appia Traiana nach Rom. Ich will das mal glauben und mir damit eine Rechtfertigung meiner Pilgerreise erhalten.

Das klärt aber noch nicht das warum. Hat Petrus tatsächlich geglaubt, wenn er in die größte Machtmetropole der damaligen Welt reist und dem Kaiser bzw. dem Senat von Rom von Jesus erzählt, sind die Römer so Feuer und Flamme für die neue Religion ihre Religion und wechseln zum Christentum? Selbst bei einem sendungsbewussten Mann, der Petrus sicher war, kann ich mir nicht vorstellen, dass er so vermessen war, an einen solchen Erfolg zu glauben. Trotzdem muss der Mann getrieben davon gewesen sein, die Botschaft für ein anderes menschlicheres Lebenskonzept zu verbreiten – muss das ein Charismatiker gewesen sein.

Was ich mich frage, ist so eine solche charismatische Persönlichkeit zu Fuß durch Apulien, Kampanien und durch das Lazio tausend Kilometer gelaufen? Hat er in den Orten, durch die er kam, Vorträge gehalten bzw. Geschichten erzählt und dabei seine Anhängerschaft vergrößert. Was haben die Menschen in diesen Gegenden über so eine Type gedacht?

Tag 9: 16.06.19

Canosa Di Puglia —> Corato

Der Tag fängt ja gut an. Wie vereinbart lege ich die Schlüssel auf den Schreibtisch und ziehe die Tür hinter mir zu. Soweit so gut. Dummerweise hat jemand die Etagentür abgeschlossen und es gibt keine Möglichkeit sie ohne Schlüssel zu öffnen. Ich bin gefangen in der Diele. Nun gut muss die arme Vermieterin heute am Sonntag halt mal um 07:00 Uhr aufstehen. Ich rufe sie an. Es dauert eine Weile bis sie ans Telefon geht, verspricht, als sie abnimmt, sich sofort auf den Weg zu machen.

Als sie eintrifft entschuldige ich nochmals dafür, dass ich sie aus dem Bett geworfen habe. Erst jetzt klärt sich auf, dass ich nicht wieder in mein Zimmer will sondern nicht aus dem Apartment konnte. Jetzt entschuldigt sie sich, dass sie den anderen Gästen nicht gesagt hat, die nicht abzuschließen. Das Ganze hat mich am Ende eine gute halbe Stunde gekostet. Was mir gerade heute arg ist, da ich weiß, dass mein heutiger Weg mich durch keinen Ort führen wird und ich damit nichts zu essen und zu trinken bekommen werde. Gerade Hunger und Durst sind eben auch eine Funktion der Zeit.

Zu trinken habe ich genug mitgenommen. Ich habe nicht nur meine beiden Trinkflaschen gefüllt sondern zusätzlich zwei weitere Flaschen Wasser eingepackt. Dort bleiben sie aber nicht lange. Nach knapp zehn Kilometer treffe ich Selena, die Pilgerin aus Venedig. Wie die schon bisher gekommen ist mit ihrem Schlendergang, ist mir ein Rätsel. Wir unterhalten uns ein bisschen. Dabei fällt mir auf, dass nicht Ihr Rucksack so riesig ist, sondern sie so klein. Darüber hinaus hat sie eine ganze Flaschenbatterie vor die Brust geschnallt. Allerdings sind sie schon alle leer. Sie fragt mich, ob ich ihr mit Wasser aushelfen kann. Nun gut, ich gebe ihr die beiden extra Flaschen und düse wieder los.

Es geht heute fast nur durch Olivenhaine. Gelegentlich gibt es auch ein Feld mit Weinreben. Zwischen den Olivenbäumen stehen immer wieder Feigenbäume, die voll mit Feigen hängen, leider noch unreif. Zweimal habe ich Glück und es gibt einen Baum mit Nektarinen und einmal stehen mehrere Aprikosen- und Pflaumenbäume zwischen den Oliven. Ich pflücke mir jeweils einige Früchte und bilden eine gute Ergänzung meines Wassers dar mit dem ich von nun an Haushalten muss. Der gute Liter Wasser muss meinen Weg halten und ich laufe heute gut 35 Kilometer.

Um kurz nach Vier bin ich dann endlich in Corato. Die Stadt ist tot. Nichts hat offen – erst nach längerem Suchen finde ich eine geöffnete Bar. Kamelartig trinke ich Wasser und eisgekühlte Aranciata. Nach zweimal Liter Flüssigkeit fühle ich wieder wie ein Mensch und ruf jetzt in dem Albergo an, das ich unterwegs gebucht hatte.

Wie mir der Inhaber nach dem Buchen des Zimmers bereits geschrieben hatte, ist die Rezeption Sonntags nicht geöffnet. Nach kurzer Zeit kommt ein junger Polizist mit Pistole im Holster und erledigt die Formalitäten. Er muss zweimal mit dem Inhaber telefonieren, da ich nicht mein letztes Dokument – meinen Führerschein – auch noch in einem Hotel an der Rezeption liegen lassen. Denn der Hotelier ist wenigsten heute so ehrlich und sagt dass er Morgen nicht um sieben im Hotel sein wird. Dem Polizisten ist es arg, dass er mir keine Rechnung mit gegeben kann. Mir ist das egal, nur weiß ich, dass in Italien das Pflicht ist und ohne Ricevuto man aus keiner Bar, keinem Restaurant und schon gar nicht aus einem Hotel gehen darf. Lässt man diese liegen, wird sie einem hinter her getragen.

Nach etwas Erholung und der obligatorischen Wäsche setze ich mich um halb sieben in eine Bar auf dem Hauptplatz und lasse es mir mit weiterer Flüssigkeitszufuhr gut gehen. Von hier beobachte ich wie die Stadt aus dem Nachmittagskoma allmählich erwacht. Um ist der Platz voll mit Menschen, die herumlaufen, auf Bänken sitzen und sich unterhalten. Mir fällt nicht zum ersten mal auf meiner Pilgerfahrt auf, dass hier das Smartphone eine deutlich geringere Rolle im Leben der Leute zu spielen scheint. Lediglich Kinder werden mit dem Gerät ruhig gehalten. Kinder in Elektroautos gibt es dafür öfter. 

Einen Plan für die nächsten beiden Tage habe ich auch schon. Übermorgen werde ich Bari erreichen und dort habe ich ein „richtiges“ Hotel gebucht. Ich brauche mal wieder ein bisschen Erholung und hoffe, dass ich mir mal alle meine Sachen richtig reinigen lassen kann.

Tag 8: 15.06.19

Stornara —> Canosa Di Puglia

Heute Morgen ist es bedeckt, trotzdem schwitze ich schon während des Packens. Es ist schon wieder am Morgen 27 Grad. Die Luftfeuchtigkeit ist deutlich höher als die vergangenen Tage. Es wird, obwohl die Sonne sich nie so richtig durchsetzen kann der heißeste Tag mit 39 Grad. Da oft ein leichter Wind weht fühlt es sich an als würde man ständig warm angepustet. 

Nach gut 15 Kilometer komme ich Cerigola, seit langem eine richtig Stadt, nicht besonders attraktiv – alles wirkt etwas heruntergekommen. Zunächst kaufe ich in einer Apotheke eine antibiotische Creme und leichtes Verbandsmaterial, da meine Problemzehe schrecklich aussieht: ich habe heute Morgen die alten Compeed Pflaster abgemacht und dabei feststellen müssen, dass sich der Nagel unter dem Pflaster aufgelöst hat und eine Blase aufgerissen ist. Ich kann sie mit einem neuen Blasenpflaster nicht gänzlich schließen, weshalb ich befürchte sie könnte sich entzünden. 

Danach nehme ich mein typisches Frühstück in einem Café auf dem zentralen Platz ein. Menschen wuselten um mich herum. Es tobt das Leben hier: Menschen und Autos überall um mich herum. 

Aus Cerigola führt mein Weg zunächst entlang einer stark frequentierten Straße Richtung meines Ziels Canosa Di Puglia. Hier gibt es keine Getreidefelder mehr sondern nur noch Wein, Oliven und neu Aprikosen. Gelegentlich klaue ich die eine oder ander Reife Aprikose.

Später kann ich auf einem Feldweg meinen Weg fortsetzen. Als ich einFlüsschen überqueren muss nehme ich die Ponte Roma – so sagt es meine Wanderapp – allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Brücke von den Römern erbaut wurde. Auf der anderen Flussseite steht ein hölzerner Aussichtsturm. Ich erklimme ihn und lege mich auf der „Aussichtsplattform“ schlafen.

Nach Canosa geht es zunächst durch ein Industriegebiet bergauf in die Stadt. Der Hügel treibt mir den Schweiß aus dem Leib. Das Stadtzentrum ist um drei Uhr ausgestorben. Sogar die Bars sind hier um diese Uhrzeit geschlossen. Ich finde eine Gelateria, wo ich eine Aranciata trinke und ein Eis esse bis ich einigermaßen wieder abgekühlt bin und zu meinen B&B gehen kann.

Das Haus sieht von außen häßlich aus wie die restliche tote Stadt. Als ich klingele, werde ich in die zweite Etage gebeten, wo mir eine Matrone die Tür öffnet. Mir schwant Übles, werde allerdings positiv überrascht. Ich bekomme ein großzügig geschnittenes Zimmer, das geschmackvoll eingerichtet ist und ein vollfunktionsfähiges Bad hat. Nicht mal die Brause der Dusche ist verkalkt und hat einen für hiesige Verhältnisse hohen Wasserdruck. Der Balkon ist schattig und zeigt in eine Gartenanlage. Das tollste, das Zimmer ist klimatisiert und die Klimaanlage macht weder unangenehme Geräusche noch zieht es. Hier bewege ich mich nicht mehr fort.

Um halb neun meldet sich mein Hunger und ich gehe in eine nahegelegenen Osteria, wo ich ein hervorragendes Abendessen serviert bekomme. Es gibt keine Karte. Der Inhaber klärt mit mir das Menü ab. Da mir das meiste nichts sagt, sage ich fast immer si si. mein Verhalten zahlt sich aus. Es handelt sich um lokale Produkte, die alle frisch zubereitet werden. Einfach lecker! Nachdem sich so ab neun das Lokal sich zu füllen beginnt, wird es laut. Es wird sich über Tische hinweg lautstark unterhalten. Man versucht mich mit einzubinden, ich verstehe aber eigentlich nur Bahnhof, wenn es um mehr geht als woher ich komme, was ich hier mache und was ich vom Süden Italiens halte. Eins ist mal klar, hier hält man vom Norden, und der beginnt südlich von Rom, mal gar nichts. Hier ist Neapel der Ankerpunkt.

Tag 7: 14.06.19

 

Castelluccio dei Sauri —> Stornara

Heute Morgen ist es deutlich wärmer als bisher, die Temperatur liegt bereits bei 27 Grad Celcius als ich starte. Trotzdem komme ich schnell voran und erreiche schon kurz nach halb zehn Ordona, Das waren knapp 15 Kilometer. Erste Aktivität in Ordona: ich gehe in die hiesige Apotheke, um meinen Bestand an Compeed aufzustocken. Das ist vergeblich – kennt man nicht, hat man nicht. 

Also suche ich die einzige Bar von Ordona auf. Alle Außenplätze sind in der Sonne. Auch wenn ich das eigentlich mag, setze ich mich innen an einen Tisch und breit mich aus. Damit die Füße trocken bleiben, ziehe ich die Schuhe aus, sobald ich meinen Rucksack auf einen Stuhl platziert habe. Dann bestelle ich Panini: heute gibt es nur Mini-Brötchen und von denen brauche ich jetzt mindestens drei. Später esse ich noch einen Donut. 

Hinter Ordona ändert sich der Ackerbau. Es gibt vermehrt Olivenbäume und große Weinäcker. Die Reben sind mal mehr und mal weniger gepflegt. Die Olivenbäume sind alle für die Ernte vorbereitet. Entsprechende Netze sind auf Leinen entlang Olivenbaum Reihen gespannt und müssen zur Ernte nur noch ausgerollt werden. 

Unter einer Gruppe von Olivenbäumen mache ich es mir gemütlich und schlafe ein Runde im Schatten, den die Bäume spenden. Gut erholt starte ich eine Stunde später. jetzt muss ich nur noch gut sechs Kilometer pilgern bis zu meiner heutigen Unterkunft vor den Toren Stornaras auf einem Bauernhof. Hier mache ich es mir gemütlich, nach dem ich Wäsche und mich gewaschen habe. 

Später schlendere ich in der unbeschreiblichen Hitze, um möglichst nicht ins Schwitzen zu kommen in den Ort. Ich muss Bargeld „tanken“, hinreichend Wasser für Morgen besorgen und will mal schauen, ob ich Compeed in eine der beiden Apotheken des Städtchens bekomme. Nach erfolgreichen Besorgungen, einem Eis und einem Café in einer Bar, zockele ich genauso langsam in der sengenden Sonne wieder zurück zum Bauernhof. Mir graut schon vor heute Abend, wenn ich mir ein Restaurant suchen muss vor der Hitze.

Heute ist meine erste Woche rum. Geschafft habe ich knapp 200 km. Das ist unter dem mir selbst gesetzten Durchschnitt von etwa 32 km pro Tag. Aber ich habe mich jetzt an die klimatischen Bedingungen gewöhnt und mein Körper geht mittlerweile ganz gut damit um. Meinen Füßen geht es auch eigentlich ganz gut. Blasen habe ich nur am rechten Fuß und sie sind am abheilen. Also steht nichts im Wege, die noch fehlenden 470 km in den nächsten beiden Wochen zu schaffen. 

Tag 6: 13.06.19

 

Troia —> Castelluccio dei Sauri

Die Straßen von Troia sind wie leergefegt als ich um viertel nach sieben durch die Stadt laufe. Der Ort befindet sich noch im Tiefschlaf. Er zieht sich schmal und lang auf dem Bergrücken entlang. Ganz am Ende des Städtchens komme ich an einer Bar vorbei. Hier ist der Teufel los. Die Bar scheint ein Seniorentreff zu sein – oder alle, die an seniler Bettflucht leiden, haben sich vor der Bar versammelt.

Ich wandere von der Anhöhe, auf der Troia liegt, hinunter ins Tal. Das Landschaftsbild heute ähnelt dem von gestern: Felder so weit das Auge reicht, hier und da erhebt sich ein sanfter Hügel. Angebaut wird vor allem Getreide: Hafer, Gerste, Weizen. Gelegentlich komme ich an einem Gemüseacker vor bei.

Mein heutiges Ziel, Castelluccio dei Sauri, liegt ebenfalls auf einem Hügel, der bestellt ist mit Olivenbäume; die wenigen Bäume weit und breit, die ein wenig Schatten spenden.

Castelluccio erreiche ich nach ca. 20 km zur Mittagszeit. Bevor ich zu dem reservierten B&B gehe, gönne ich mir einen Café und eine eiskalte Fanta. Während ich im Schatten vor der Bar sitzend das Süßgetränk genieße, kommt eine Pilgerin vorbei – es gibt doch noch weitere Aliens, die zu Fuß durch Italien reisen. Sie winkt nur kurz und geht im Schneckentempo vorbei. Sie wechselt kein Wort mit mir: ich glaube ich habe sie verärgert:

Etwa zehn Kilometer hinter Troia, sehe ich in weiter Entfernung jemanden – vermute ich. Schon mehrfach habe ich bei dem flimmernden Sonnenschein geglaubt, einen Menschen wahrgenommen zu haben, tatsächlich war es aber meist ein Schild oder ein mannshohes Bäumchen. Also bin ich nicht sicher – aber es bewegt sich: vielleicht ein Feldarbeiter, der am Rand seines Ackers arbeitet. Etwa zehn Minuten später und einen Kilometer weiter bin ich sicher vor mir schlendert jemand mit Rucksack die Straße entlang. Kurz drauf hole ich die Wanderin ein, auch weil sie bei jedem Fahrzeug, das vorbei kommt, stehen bleibt und anschließend langsam wieder losläuft. Ihr Rucksack ist gemessen an meinem gigantisch; sie wirkt, als wäre sie dick angezogen: lange steife Hose, T-Shirt, knöchelhohe Schuhe und Mütze, so dass nur das Gesicht herausschaut. 

Sie ist Italienerin und kommt aus Venedig und hat wie ich Santa Maria di Leuca zum Ziel. Sie ist vor 22 Tagen in Rom gestartet. Ich erzähle ihr, dass ich in Capua meinen Weg begonnen habe und heute mein sechster Tag ist. Das findet sie doch sehr schnell. Was mich verleitet, zu sagen, dass ich in gut vierzehn Tagen in Santa Maria di Leuca sein möchte und deshalb etwas Gas geben muss. Das bekommt sie wohl in den falschen Hals und denkt vermutlich, ich wolle nicht länger mit ihr reden. Also verabschiedet sie sich mit einem Bon Camino. 

Ich nehme dann halt wieder meine Normalgeschwindigkeit von 5 km/h auf. Nach gut einem Kilometer komme ich durch eine Ansiedlung mit einer Bar, gerade wird frisches Brot geliefert. Toll, jetzt bekomme ich ein frisches Panino und lasse es mir Salami mit Pecorino belegen, dazu gibt es den obligatorischen Cappuccino und viel Wasser. Nachdem ich mein Brot aufgegessen habe, kommt auch die Italienerin, trinkt in der Bar einen Café, geht zur Toilette und geht weiter. 

Ich bin überrascht, obwohl ich noch etwa eine halbe Stunde geblieben bin – mich treibt heute nichts, da ich meinen Füßen einen zweiten ruhigen Tag gönne – die Pilgerin nicht vor Castelluccio eingeholt habe. Sie scheint eine andere Wegvariante gewählt zu haben. Als sie nun in Castelluccio an der Bar vorbeikommt, spricht sie auch jetzt nicht mit mir und nickt nur mit dem Kopf, was nach meiner Erfahrung für Italiener sehr ungewöhnlich ist.

So genug über eine Pilgerin geplaudert. Jetzt geht es zu meiner heutigen Unterkunft. Der Vermieter ist nicht Vorort und ich rufe ihn an; ein nicht ganz einfaches Gespräch, da er nur Italienisch kann. Wenn ich richtig verstanden habe, kommt er erst um 18:00 Uhr. Also muss meine Wunderwaffe Giuseppe herhalten, ich bitte ihn, noch einmal bei Vermieter anzurufen. Tatsächlich handelt er ihn auf 16:00 Uhr runter. 

Ich suche mir ein paar Straßen weiter eine schattige Parkbank und mache es mir gemütlich. Kurz nach drei hält ein Auto neben mir und fragt, ob ich Harald Jakob bin. Prima dann hat eine Siesta gereicht, bis ich mein heutiges Zimmer beziehen kann und es ist so früh, dass ich meine Wanderhose, die vor Dreck steht, waschen kann und trocken kriegen werde.

So Morgen muss ich wieder angreifen und meine Etappenlänge auf 30 km plus bringen. Ich habe für mindestens die nächsten beiden Tage beschlossen, den Weg etwas zu begradigen und so viel abzukürzen, dass ich mit durchschnittlich 30 km pro Tag mein Ziel on Time erreichen kann.

Tag 5: 12.06.19

 

Faeto —> Troia

Ich habe beschlossen heute einen kürzen Wandertag einzulegen. Das hat gleich mehrere Gründe:

(1) meine Füße und mein von der Sonne malträtierte Körper brauchen eine Erholungsphase. Ich habe mittlerweile sogar auf dem Kopf einen leichten Sonnenbrand. 

(2) Troia mein nächstes Ziel ist ein e wunderschöne Kleinstadt mit Einkaufsmöglichkeiten, die ich unbedingt besichtigen und für meinen geschunden Kopf eine Mütze erwerben möchte

(3) die nächste Übernachtungsmöglichkeit über 40 km entfernt ist

Meine Wanderapp führt mich über kleinste Wege in einen nahegelegenes Dörfchen auf einem Bergkamm; es erinnert mich an Castefalfi in der Toskana. Wirklich schön – nur es gibt keine Bar. Das bedeutet für mich, dass ich mit meinem Wasser bis nach Troia kommen muss und ich bis dahin auch kein Frühstück bekommen werde.

Hinter dem Bergdorf komme ich am Friedhof vorbei und der Weg führt mich durch hüfthohes Gras. Schlangen und Gekos Rascheln über den nicht sichtbaren Boden. Ich gehe mutig davon aus, dass keines der Tiere für eine veritable Beute hält und mir deshalb auch nichts tun wird. An einem Bach endet der Weg. Super: zurück möchte ich nicht und durch dennBach natürlich auch nicht. Anhand des GPS gehe ich also ohne Weg direkt Richtung der nächsten Straße querfeldein. Das führt mich durch Unterholz, quer durch Getreidefelder, entlang von Ackerrainen. 

Nach einer Stunde stoße ich auf einen Feldweg, der zumindest mal nicht in die falsche Richtung führt und immer noch besser ist als die Option weiter durchs Gestrüpp zu tigern. Unter dem nächsten schattenspendenden Baum mache ich eine Pause, um meinen Körper von dem aufgesammelten Gestrüpp, Gras und Getreide zu säubern. Das Zeug klebt überall an mir, da es sich  durch Schuhe und Kleidung durchgearbeitet hat.

Zwei Stunden sind rum und nur gut sechs Kilometer geschafft; gut dass ich nur in Summe zwanzig Kilometer zu bewältigen habe. Der Feldweg führt mich ständig bergab. Wie ich Google Maps entnehme habe ich den Apennin geschafft oder besser gesagt er, hat er mich geschafft. Troia liegt zwar auf einer Anhöhe aber ich bin bereits in der Tiefebene, die sich bis zur Adria erstreckt.

Von weitem sehe ich Troia. Ich freue mich auf die erste Bar. Ich habe einen Bärenhunger und unbändige Lust auf eine Aranciata – eiskalt und hoch zuckerhaltig.  Erst danach suche ich meine heutige Unterkunft. Ich habe mitten in der Stadt in einer sehr engen Gasse ein B&B angemietet. Ich muss eine sehr steile und schmale Treppe rauf und erreiche im 1. OG eine Wohnung, die ich für mich habe. 

Bevor ich mich um Wäsche waschen kümmere und dusche, haue ich mich auf‘s Sofa und schlafe eine Stunde.

Gegen Abend besichtige ich die Stadt, die immerhin eine Kathedrale hat und besorge mir eine Baseballmütze zum Schutz meines Hauptes vor der Sonne. 

Heute fühle ich mich aufgrund der doch deutlich geringeren Anzahl Kilometer viel besser. Morgen lege ich gezwungenermaßen noch einen easygoing Tag ein, da es auch weiterhin wenig Unterkünfte gibt. 

Es ist noch keine elf Uhr und ich bin so müde, dass ich beim Schreiben meines Tagebuches immer wieder einschlafe.

Tag 4: 11.06.19

 

Casalbore —> Faeto

Heute bin ich rauf und runter durch den Apennin gewandert – deutlich mehr rauf als runter – über schmale Straßen, staubige Pisten und Wiesenwege. Hier ist es ganz schön einsam. Entsprechend sehe ich kaum Autos und Menschen. Traktoren sind deutlich in der Mehrzahl. Hier ist für manche Getreideart bereits Erntezeit.

Treffe ich auf jemanden, werde ich zunächst angestarrt als wäre ich ein Alien. Dann sprechen mich die meisten an und wollen wissen, ob ich ein Pilger bin, wo ich herkomme und wo mein Ziel ist. Immer muss ich mich entschuldigen, dass ich kein Italienisch spreche, das stört aber niemanden, es wird erzählt und gefragt. Auch die Autofahrer halten oft an, um ein zwei Sätze zu wechseln. Ein höfliches Völkchen, die Menschen vom Apennin. 

In einem Miniort gibt es einen Agroturismo: an der Straße steht ein völlig verwittertes Tabacchi Schild. Sofort vermute ich eine Bar. Ich gehe hin und frage eine Gruppe von laut redenden Frauen, ob ich ein Panino, einen Café und ein Wasser bekommen kann. Die Antwort ist ein si, si, si und man bedeutet mir, an einem Tisch im Schatten Platz zu nehmen. Eine alte klapprige Frau bringt mir das gewünschte und ich lasse es mir gut gehen.

Kaum habe ich begonnen zu essen, kommt ein Priester oder Mönch angetrabt und setzt sich zu mir. Er hat bei der Hitze eine Kutte mit einem ganz schweren Material an; sie ist schmutzig und schwitzen muss der arme Kerl sicher auch. Lächelnd begrüßt er mich, den Pellegrino, Er gibt mir seine Hand, obwohl er Arbeitshandschuhe an hat. Bis nach Santa Maria di Leuca möchte er auch mal pilgern. Er mutmaßt, dass ich schon sechzig bin – so eine Unverschämtheit: ich sehe doch nicht aus wie sechzig oder – und meint, wenn ich das schaffte, dann würde er, da er doch noch deutlich jünger ist, das auch schaffen. Er will genau wissen, wo ich gestartet bin, wo mich mein Weg entlang führen wird, wie lange ich denke zu brauchen und und und. Puh, den krieg ich gar nicht mehr los. Auch er spricht mit mir Italienisch und will wissen, wieso ich ihn verstehen kann. Ich erzähle ihm, dass ich in der Schule Latein hatte und die eine oder andere Vokabel mir im Kopf geblieben ist. Nun beginnt er doch glatt Latein zu sprechen und ich verstehe nur Bahnhof. Nach meinem Verständnis ist Italienisch Latein ohne Grammatik und mit der stand ich schon in der Schule auf Kriegsfuß. Ich muss den Typ stoppen, sonst sitze ich nicht nur den ganzen Tag hier, sondern muss am Ende noch eine Lateinprüfung ablegen.

So jetzt kommt der große Aufstieg. Belohnt wird der mit der Ankunft in einem Bergdorf, in dem es nicht nur eine Bar sondern auch eine Apotheke und einen Tante-Emma-Laden gibt. Ich kaufe 50er Sonnencreme, Blasenpflaster und Wasser. 

Es sind nur noch gut acht Kilometer bis zum meinem heutigen Ziel, Faeto, wo ich eine Ferienwohnung mit 90 qm gemietet habe – das ist für einen verschwitzten und völlig fertigen Pilger doch ein schönes Quartier. Ich freue mich auf die übersichtliche Reststrecke. Faeto liegt etwas niedriger als Castelfranco, wo ich mich gerade befinde, und nach meiner App sehe ich keine gravierenden Höhenunterschiede – das wird ganz easy. Denkste, ich habe wohl nicht richtig hingeschaut. Direkt nach Castelfranco geht es steil bergab – das mögen meine mit Blasen überzogenen Füße nun so gar nicht und anschließend geht es auf kürzester Distanz wieder genauso hoch – man macht mich das fertig. Mehrere Pausen sind von Nöten, um meinen Körper samt Rucksack den Berg hoch zu wuchten: Ich muss dringend drei Kilo Körpergewicht los werden.

Als ich fast oben bin, quält sich ein kleines Auto den Berg rauf und hält neben mir an. Der Fahrer lässt mich wissen, dass die Straße oben endet und ich nicht weiter kommen werde. Ich danke ihm für die Information und denke mir, wenn Du glaubst, ich gehe da wieder runter und laufe einen Umweg von mehreren Kilometern hast Du Dich aber schwer getäuscht. Nach meiner Wanderkartenapp endet die Straße zwar aber ein Pfad müsste weiter gehen und wenn nicht gehe ich quer durch die Felder – zurück ist keine Option. Die Wanderkarte hat recht, es gibt einen Wiesenweg, nur ist dieser weniger ein Weg als ein Bachbett. Mühevoll muss ich mal durch das flache Wasser, mal am Rand entlang bis ich nach knapp einem Kilometer wieder auf einer Schotterpiste lande. Nach dem ich die nassen Socken durch trockene Ersetzt habe geht es zügig nach Faeto.

Tag 3: 10.06.19

 

Benevento —> Casalbore

Heute muss ich unbedingt etwas kürzer treten. ich nehme mir knapp 30 km vor – meine Füße sehen nicht gut aus: mein zweiter Zeh am rechten Fuß ist einfach zu lang geraten: wie fast immer beim Wandern bedeutet das dicke fette Blase an der Spitze des Zehs mit Verlust des Zehennagels. Noch ist der Nagel dran, sieht aber nicht gut aus: nächstes Blasenpflaster. Die Hitze und der Schweiß haben meiner Haut auch nicht gerade gute Dienste geleistet. Nun heißt es auf die Zähne beißen.

Um Punkt sieben stehe ich an der Rezeption. Wer ist nicht da: mein verehrter Hotelwirt. Ich höre aber einen Wecker im Nebenraum zur Rezeption klingeln. Es tut sich aber nichts. Also schaue ich nach. Auf einem Bett nur mit einem T-Shirt bekleidet liegt der feiste Wirt und schläft. Das Klingeln stört ihn wenig. Ich rufe und klopfe – nichts. Rein gehen möchte ich nicht: das ist mir einfach zu unappetitlich.

Also lege ich das Geld mit dem Schlüssel auf den Tresen und verschwinde. Das Bild mit dem Wirt und seinem nackten Hintern auf dem Bett liegend bleibt in meinem Kopf.

Um sieben ist es tatsächlich deutlich kühler: nur 19 Grad. Die Temperaturkurve ist allerdings steil. Heute führt mein Weg hoch in den Apennin. Ich komme nur noch durch vereinzelt liegende Bauernhöfe, gelegentlich ein Betrieb, der Marmor bearbeitet. Es geht auf und ab mehr rauf als runter. Vorfällen das runter mögen meine Füße nicht. Bergauf wandelt Sol meinen Körper jedesmal wieder in einen Artesischen Brunnen. 

Ich nehme einen kleinen Umweg in Kauf, um an einer Bar vorbeizukommen. Um zehn bekomme ich endlich mein Frühstück. Panini hat man nicht dafür Pizza, was zwar nicht unbedingt meine Lieblingsspeise zum Frühstück ist aber ich habe Hunger.

Ich bleibe eineinhalb Stunden: dann habe ich genug gegessen und getrunken. Auch sind mein Körper und meine Klamotten wieder trocken. Als ich aufbrechen möchte kommt ein Pilgerpärchen, ich denke mein Alter, herein. Die beiden hatte ich schon kurz hinter Benevento getroffen. Wir unterhalten uns kurz, dann nehme ich die letzten 13 Kilometer in Angriff. Mir graut davor, da es noch deutlich die Berge rauf gehen wird.

Nach knapp acht Kilometern bin ich fertig. Die Sonne – oder sollte ich besser sagen der Sonnengott – presst mich aus. Ich bin völlig kraftlos. Auf einem Hügel vor mir sehe ich einen Hof vor dem ein Baum steht. Da muss ich hin. Nach dem ich ihn erreicht habe lege ich mich auf die Straße, Rucksack unter meinen Kopf, Hintern auf meine Schuhe und ich schlafe umgehend ein. Aber mein Nickerchen wehrt nur kurz. Der Bauer bringt mit seinem Traktor einen Wasseranhänger. Diesen schließt er an ein Bewässerungssystem an. Dann pumpt er das Wasser mit lautem Getöse langsam ab. Ich tue so als würde mich das nicht stören. Das scheint den Bauern zu inspirieren und kommt zu mir rüber. Er zwängt mir ein Gespräch auf. Ich verstehe nur Wortelemente, das stört ihn nicht. Er unterhält sich mit mir prächtig. Nach einem Monolog von vermutlich zehn Minuten und einige si si von mir verabschiedet er sich freundlich von mir mit einem Buon Camino. 

Trotzdem bin ich erfrischt und sehe auf meinem Handy, dass ich nur noch sechs Kilometer vor mir habe. Das ist ein Klacks, denke ich. Nach drei Kilometern habe ich brennenden Durst. Meine letzte Wasserflasche muss dran glauben. Mit der Wasserflasche in der Hand und Schluck für Schluck schleppe ich mich bis nach Casalbore. In der Bar in der Dorfmitte frage ich, ob es eine Übernachtungsmöglichkeit gibt. Der Barmann telefoniert kurz und schickt mich den Berg rauf. Er erjklärt mir, dass ich Glück habe nach Casalbore gekommen zu sein, da es außerhalb des Dorfes weit und breit keine Herbergen gibt. Na dann werde ich später gleich booking.com bemühen müssen, damit ich mich Morgen nicht wieder auf mein Glück verlassen muss, denn die nächsten Tage komme ich durch keine größeren Ortschaften mehr.

Hoch über Casalbore komme ich zu einem Agroturismo. Das ist gut, hier kann ich im Schatten im garten sitzen und auch zu Abendessen, ohne noch einmal runter ins Dorf zu müssen. Ich werde freundlich zunächst von drei Hunden empfangen. Dann kommt aber auch schon die Gastgeberin heraus. Vor den Formalitäten bekomme ich zunächst eine Flasche kaltes Wasser. Ich bekomme ein großes Zimmer mit ganz kleinen Fenstern. Es ist schön kalt – super.

Später setze ich mich in den Garten und führe mein Tagebuch, das ich bisher sträflich vernachlässigt haben. Die Hunde kommen und animieren mich, mit ihnen zu spielen. Hier wimmelt es von Tieren: Gekos wuseln überall herum, eine Natter – bestimmt einen Meter lang – schaut vorbei und die Hunde rasten aus als ein Pferd in den Stall geführt wird.

Hier oben weht ein angenehmer Wind, im Hintergrund donnert es – vielleicht zieht noch ein Gewitter auf, das die Temperaturen drücken könnte. Schau‘n wir mal. Besser ich kümmere mich um meine Wanderroute für die nächsten Tage, so dass ich bei ungefähr 30 Kilometertagesleistung auch ein Bett finde. Für Morgen buche ich eine Ferienwohnung etwas abseits der Route, da es tatsächlich nichts anderes gibt. Übermorgen kann ich dann in Troia sein, dort gibt es mehrere Übernachtungsmöglichkeiten. Damit sind die beiden nächsten Tage mal klar.

Weniger erfreulich: beim Ausfüllen des Anmeldescheins fällt mir auf, dass der Depp von einem Wirt in Benevento noch meinen Personalausweis hat. Ich hatte ganz vergessen, dass er mir den gestern nicht zurück gegeben hatte. Ok, da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Ich werde Morgen mal mit Giuseppe telefonieren, um ihn zu bitten mir mit seinen Italienischkenntnissen zu helfen.

Tag 2: 09.06.19

 

Forchia —> Benevento 

Ich nutze die Morgenstunden, um der Hitze etwas zu entkommen und starte um 08:00 Uhr. Es ist Pfingstsonntag und niemand ist auf der Straße. Allein wandere ich nach Montesarchio.

Unterhalb der mittelalterlichen Stadt, die, wie der Name sagt, auf dem Berg liegt, mache ich gegen 10:00 Uhr Pause und esse in einer Bar ein Panino – mein Frühstück. Da ich heute unbedingt noch bis Benevento will, buche ich vorsichtshalber mal ein Zimmer in einem kleinen Hotel über booking.com mitten in der Stadt, so dass ich diese nach meiner Ankunft besichtigen kann. Benevento war von großer Bedeutung für Rom in der Antike – also ein Muss für mich. Hier wurde der Punische Krieg gewonnen. Wie ich bei Wikipedia nachlese – bedeutet der Name Benevento nicht der gute Wind, so meine Annahme, sondern gutes Ereignis. So haben die Römer nach dem Sieg im Punischen Krieg Beneventum genannt. Vorher hieß die Stadt Maleventum – das wirkt auf mich wie ein Witz. Heute ist Benevento den meisten wohl aus dem Kino bekannt. In Benevento haben sich die Sklaven unter der Führung von Spartakus gegen Rom aufgelehnt. Der Aufstand wurde in Benevento niedergeschlagen und alle überlebenden Sklaven entlang der Via Appia von Benevento bis nach Capua als Abschreckung an Kreuze genagelt.

Zurück nach Montesarchio: nach einer Stunde und zwei Cappuccini, einem Café und 1,5 Liter Wasser bin ich bereit, den Berg zu erklimmen. Um acht war es „nur“ 22 Grad warm, jetzt um elf sind es bereits wieder 32 Grad.

Kurz hinter Montesarchio komme ich an einer Kapelle vorbei. Man feiert Pfingsten. Jemand von den Feierenden spricht mich an, ob ich auf der Via Francigena pilgere, dem Weg den Petrus angeblich nahm, als er aus Griechenland in Santa Maria di Leuca in Italien an Land ging, um nach Rom zu gelangen. Ich bestätige seine Annahme und dass Santa Maria di Leuca mein Ziel ist. Jetzt komme ich hier nicht mehr weg. Mit Händen und Füssen, ein bisschen Englisch und noch weniger Italienisch unterhalten wir uns. Ich muss mit der Gemeinde selbstgemachte Gebäck essen. Ich kann gerade noch verhindern ohne allzu unhöflich zu werden, auch noch mit Ihnen Wein zu trinken – dann wäre mein Wandertag bereits kurz hinter Montesarchio zu Ende gegangen. Zum Schluss schenkt man mir noch eine Tonpfeife, die ich gleich an meinen Rucksack hänge. 

Eine halbe Stunde später und vom heiligen Geist beseelt geht es weiter. Sol – der Sonnengott – scheint von meinem Heiligen Geist Erlebnis nicht besonders begeistert zu sein: er macht meinen Körper mit seiner Strahlkraft zu einem Artesischen Brunnen. Ich kann nicht so schnell trinken, wie die Flüssigkeit aus meinem Körper sprudelt. 

Kurz vor Benevento gehe ich einen Feldweg entlang. Mit einmal raschelt es links und rechts von mir – und schon springen zwei Wildschweinfrischlinge aus dem Gebüsch. Wo zwei Frischlinge sind, sind auch weitere Tiere – das hat mir noch gefehlt, von einer Rotte Wildscheine angegriffen zu werden. Da nach den Geräuschen auf beiden Seiten des Weges die Tiere sich aufhalten, kann ich mich nicht vorsichtig auf einer Seite vorbei schleichen. Ich gestehe: ich habe Angst – wenn mich ein Muttertier angreift, ist mein Weg hier heute zu Ende. Ich warte – stehen bleiben macht auch keinen Sinn: die haben mindestens genauso Angst vor mir wie ich vor ihnen. Also gehe ich ganz langsam weiter: Geraschel, aber keine Tiere, dann kommen drei Frischlinge und wechseln die Seite. Ruhe. Ich gehe weiter. Lautes Geraschel und schon rennen drei Alttiere über den Weg und hauen ab ins Feld. Jetzt gehe ich etwas beruhigter weiter. Vor lauter Angst habe ich nur von weitem von den ersten beiden Frischlingen ein Foto gemacht – schade.

Gut 32 km sind es bis ich in Benevento ankomme und das bei 34 Grad ohne auch nur einen Hauch von Schatten. Ich bin fertig als ich im Hotel ankomme. Der Inhaber ist zu allem Überfluss auch noch ein komischer Kautz, der mich am liebsten in die kleinste Kammer seines Establishments verbannt hätte. Mein Geld will er auch nicht. Zweimal bitte ich ihn bezahlen zu dürfen. Nein er will unbedingt erst bei Abreise bezahlt werden. Ich hoffte ihn mit dem Hinweis umzustimmen, dass ich am nächsten Tag bereits um 07:00 Uhr aufbrechen möchte – denkste, no problemo sette hore. 

Nach dem Duschen geht es in die Stadt: zum Arco di Traiano, in den Dom und zum Schluss in die Chiesa di Santa Sofia. Der Altstadtkern von Benevento ist definitiv grandios. Die Anlage der Straßen mit ihren Fluchten sowie dem Tor nach Osten (Arco di Traiano), dem Duomo als Zentrum und dem Ensemble um die Chiesa Di Santa Sofia sind beeindruckend.

 

Nach der Stadtbesichtigung esse ich noch eine Antipasta (Klöse aus Polpettae in einer Tomatensoße) und danach eine Prima Piatta (Fusilli mit Auberginen in gesalzenem Ricotta) dazu einen Greco di Benevento. 

Im Hotel frage ich gleich noch einmal, ob es nicht besser wäre, jetzt zu bezahlen. Der Wirt verweigert das erneut. 

Tag 1: 08.06.19

 

Santa Maria Capua Veteri —> Forchia

Um 05:00 Uhr klingelt der Wecker. Widerwillig stehe ich auf und mache mich fertig. Im Taxi checke ich noch schnell ein, um mich nicht auch noch um eine Boardkarte kümmern zu müssen. Meinen Rucksack, der weniger als 9 kg wiegt, gebe ich beim Sperrgepäckschalter auf. So nun kann es los gehen: ich fliege nach Neapel und werde die nächsten drei Wochen auf der Via Appia und der Via Traiana wandern. 

Am Flughafen in Neapel nehme ich mir ein Taxi nach Santa Maria Capua Veteri ca. 30 km nordöstlich von Neapel. Dort angekommen muss ich mich mit dem Taxifahrer herumärgern: er möchte den doppelten Fahrpreis und argumentiert mit der Rückfahrt, für die er hier keinen Fahrgast finden wird – nach 5 Minuten lautstarker Diskussion und meiner Drohung die Carabineri zu rufen, gibt er nach und wir einigen uns auf den Preis gem. Taxameter plus üppigem Trinkgeld. 

 

In der nächstgelegenen Bar ziehe ich mich um und um 11:00 Uhr – schön in der Mittagshitze geht es am Hadrianstor los. Keine fünf Minuten später komme ich am Gladitoren-Stadion, dem zweitgrößten Italiens nach dem Koloseum in Rom, vorbei. Sowohl das Hadrianstor als auch das Stadion sind von der Stadt so „vereinnahmt“, dass man diese antiken Bauwerke gar nicht hinreichend in ihrer Pracht wahrnimmt.

Und was kommt schon nach nicht einmal zwei Kilometern: ein Lidl Markt – aber ohne Spontaneis aus unserer Produktion.

Die nächsten ca. 20 km geht es vornehmlich durch hässliche Vororte von Neapel, das hatte ich aufgrund der Bedeutung der Orte wie Capua und Caserta in der Antike bis ins späte Mittelalter nicht erwartet. In Caserta steht ein beeindruckendes Schloss der Bourbonen. Trotzdem bleibt der Eindruck: es gibt schönere Gegenden zu wandern.

Erst ab Maddaloni ändert sich das Umfeld und deshalb hänge ich nochmal gut 10 km dran. Es geht weiterhin durch die pralle Sonne, nun auch noch bergauf in den Apennin. Völlig ausgelaugt suche ich mir eine Übernachtungsgelegenheit in Forchia, einem kleinen hübschen Örtchen. In dem Bed & Breakfast stelle ich fest, ich hätte es besser mal langsamer angehen lassen sollen: die erste Blase, Muskelkater in den Oberschenkeln und zu allem Überfluss krampft während des Duschens meiner linker Oberschenkel: Voltaren und Blasenpflaster kommen schon am ersten Tag zum Einsatz.

Ich wusste zwar es ist schön warm im Süden Italiens. Dass es so heiß ist und, aufgrund des niedrigen Bewuchses, es sehr selten Schatten gibt, war mir nicht so richtig klar. Kein Wunder dass man in Südeuropa Sol, den Sonnengott, angebetet hat. Ich glaub‘ ich muss mit dem Burschen mal ein Wörtchen reden, sonst schaffe ich nie und nimmer im Schnitt 32 km pro Tag.

Schinken mit gesalzenem Büffelmozzarella auf Rucola und danach eine Pizza Margherita bringen mich wieder auf Touren. Der nächste Tag kann kommen.

Statistik meiner Pilgerreise auf der Via Francigena

 

Ich bin in Rom angekommen.  Nachfolgend mein Weg und meine Statistiken.

Am Morgen meiner Abreise war ich noch im Petersdom. Um 07:00 Uhr hat man ihn fast alleine. Er beeindruckt durch seine schiere Größe.

Die Schlüssel der Apostel Petrus und Paulus sind im Eingang des Petersdom in einer Bodenplatte eingelassen. Nun bin ich tatsächlich am Ende meiner Pilgerfahrt angekommen.

Mein Rucksack hatte ein Gewicht von 9,1 kg als ich in Lausanne aufgebrochen bin. In Rom angekommen hatte er nur noch 5,8 kg. In Pavia und in Sant’Andrea Bagni (Parma) habe ich eine Reihe von Gegenständen deponiert. In Pavia waren es die warmen Anziehsachen und der Schlafsack und in Parma blieb alles, was nicht wirklich dringend benötigt wurde. Wieder einmal hat sich gezeigt, wie wenig Dinge ich benötige, um glücklich zu sein.

In Summe bin ich gut  1.200 km gepilgert mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 5 km/h. In Summe habe ich eine Höhe von mehr als 22 km im Schnitt gut 500 m täglich.

Dabei habe ich in Summe 71.000 kKalorien verbraucht (knapp 1.700 kKalorien pro Tag) und 124 Liter Flüssigkeit (knapp 3 Liter pro Tag) verloren.

Ich habe etwa 10 Packungen Blasenpflaster der Marke Compeed verbraucht.

Schuhe und Strümpfe habe ich auch mehrfach gewechselt. Ich habe 4 Paarwanderschuhe genutzt. Die längste Strecke bin ich zum Schluss mit einem Sportschuh von Meindl mit einer Goretex Membran und Socken von Icebreaker gelaufen. Am bequemsten waren meine Adidas, in den ich aber so viele Blasen bekommen habe, dass sie mich schweren Herzens von ihnen getrennt habe. Zu Beginn hatte ich einen Bergschuh (Halbschuh) von Lowa, den ich nach der Alpenüberquerung aber durch einen leichteren Sportschuh, einer Marke die ich mir nicht merken konnte,  ersetzt habe.