Tag 22: 25.05.22

Die Flussebene, die ich gestern erreicht habe, führt ca. 20 Kilometer östlich von Lamia an die Ägäis. 30 Kilometer sind es vom Hotel bis nach Lamia. In der Ebene zu wandern ist im Normalfall angenehm, weil man ohne allzu viele Mühen ordentlich ausschreiten kann. Nur heute bedeutet es 30 Kilometer neben und auf einer Straße zu gehen, die für hiesige Verhältnisse viel befahren ist, und das macht es dann wieder langweilig und aufgrund des Verkehrs nervig.

Um mich abzulenken, stecke ich gegen meine Gewohnheiten gleich meine Airports ins Ohr und höre fast bis nach Lamia SWR3,.

Vorteil von Ebenen und viel befahrenen Straßen sind die regelmäßig an der Straße liegenden Dörfer und damit Bars, in die ich einkehren und eine Pause machen kann. Oft findet man die Bars nicht an der Hauptstraße sondern am Hauptplatz bei der Kirche. Schön sind die Dörfer meist nicht. Das liegt nicht an den öffentlichen Einrichtungen, sondern daran, dass die privaten Häuser nicht gepflegt werden, die Besitzer ihr Eigentum verfallen lassen und ihre Grundstücke als Müllhalten und Schrottplätze nutzen.

Wie bisher auf meinem Weg durch Griechenland werde ich in den Bars überaus freundlich empfangen, jeder interessiert sich woher ich komme und warum ich mit einem großen Rucksack in der Gegend rumrenne. Scheinbar erzeugt das so viel Mitleid, dass ich fast überall auf einen Kaffee eingeladen werde.

Neben den Bars gibt es einen weiteren Vorteil, in der Ebene zu wandern. Es gibt keine Insekten, die mich piesacken. In den letzten Tagen haben es die stechenden Tierchen vorfallen auf meinen rechten Oberarm abgesehen. Ich habe eine Vielzahl von juckenden, dicken und roten Pusteln, die heute die Chance haben zu heilen ohne, dass neue hinzukommen. Dass es hier so gut wie keine Fliegen und Mücken gibt, erkläre ich mir mit der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung und der damit verbundenen Insektenbekämpfung. Ein klassisches Dilemma. Auf der einen Seite bin ich heilfroh, nicht „verstochen“ zu werden, auf der anderen Seite ist mir bewusst, dass damit die Natur und in diesem Fall mindestens die Insektenvielfalt bzw. -vielzahl leidet: Fluch und Segen. Die Frage nach der Priorität ist alles andere als leicht zu beantworten. Daher sind mir diejenigen in der Gesellschaft, die eine klare und einfache Antwort haben suspekt. Wer bedingungslos nach Naturschutz ruft, muss auch beantworten, ob wir mit dem, was daraus folgt, leben möchten. In diesem speziellen Fall heißt das: viele Insekten = Reduktion von Lebensqualität z. B. in Form von keinen Picknicks auf der Wiese ohne, dass sich Insekten an einem selbst und am Picknick gütlich tun. Ich habe keine Antwort darauf. Ich könnte mir vorstellen, dass die jugendlichen Fridays for Future Anhänger die ersten sind, die hysterisch auf einen Stich einer dicken fetten und schön schmutzigen Bremse reagieren würden. Aber klar ist auch, wir können nicht alles töten, was uns unangenehm ist. Die Natur ist uns alles andere als freundlich gesinnt.

Zurück zu meinem Weg. Kurz vor Lamia überquere ich eine Autobahn: nach links —> kein Verkehr – nach rechts —> kein Verkehr! Ist das Zufall oder ist die Frage zulässig, warum die Griechen Straßen bauen, die keiner nutzt?

Lamia ist eine lebendige Stadt am Nördlichen Ende des Flussdeltas am Berg gelegen. Teilweise geht es steil nach oben. Der Höhenunterschied beträgt bis zu 150 Meter. Wie in den Dörfern auch liegt der Hauptplatz in der direkten Umgebung der Kirche. Der Unterschied zu Dörfern: hier gibt es mehr als eine Bar und die gesamte Bevölkerung sitzt in den Bars und nicht nur die alten Männer. Vergleichbar ist auch, dass ausschließlich Bars um den Platz herum angesiedelt sind. In den Seitenstraßen gibt es Fastfood jeder Art. Eine Griechische Küche, wie ich sie von meinem ersten Besuch als Teenager in Griechenland, was zugegebenermaßen mit einem halben Jahrhundert schon lange her ist, habe ich bisher nur in Kaditsa bekommen.

Ich habe nicht nur das Restaurant sondern auch die komplette Gasse für mich. Heute gibt es frittierte Aubergine und als Hauptgericht einen Hühnchenspiess mit den hier obligatorischen Pommes Frites. Gesellschaft bekomme ich auch. Allerdings eine sehr aufdringliche Gesellschaft.

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