Nach der Verabschiedung von Wolfgang laufe ich erstmal in die Altstadt von Cittá di Castello, da sie sehr schön sein soll. Leider scheint ein Volksfest im Gange zu sein. Auf jeder verfügbaren Fläche steht ein Verkaufszelt. Das wäre sicher sehr nett, wenn die Verkaufsstände geöffnet wären und entsprechend auch Besucher durch die Gassen schlenderten. So wirkt das etwas trostlos und die Gebäude sind weitestgehend von den Zelten verdeckt.

Die Kathedrale ist innen sehr beeindruckend. Das Hauptschiff ist relativ schmal dafür sehr lang gehalten. Das Hauptschiff wirkt, als hätte es zwei Etagen. Die obere hat viele Fenster, weshalb die Kathedrale sehr hell ist. Die Decke ist opulent gestaltet und wechselt vor dem Altarraum in eine mit Fresken versehenen Kuppel. Die Decke im Altarraum nimmt diese Gestaltung auf. Das finde ich deutlich abwechslungsreicher als in manch‘ anderer Kathedrale. In einem der Seitenschiffe gibt es eine kleine Kapelle mit einer sehr speziellen Ausstattung des Altars, der zusammen mit der dicht dahinter stehenden Skulptur ein tolles Ensemble bildet.

Die Besichtigung von Città didi Castello bedeutet für mich zwar einen Umweg von mehr als vier Kilometern. Ob sich so ein Umweg lohnt, ist natürlich fraglich, da diese mittelalterlichen Städte in der Region sich in irgendeiner Weise wiederholen. Die Kathedrale ist sehr schön. Aber ich hätte nicht wirklich etwas verpasst, hätte ich sie mir nicht angeschaut. Anderseits hätte ich ein schlechtes Gewissen und das Gefühl etwas verpasst haben zu können. Am Ende bin ich froh, die Extrameter gemacht zu haben. Zumal ich heute wenig Höhenmeter machen muss und die ebenen Strecken nur Zeit aber keine besonderen Anstrengungen für mich bedeuten.
Warum stelle ich mir eine solche Frage? Von Città di Castello wandere ich auf dem Pilgerweg in ein Dorf mit dem Namen Lama. Dort gibt es schon die nächste Kathedrale bzw. in der Karte ist die Kirche als Duomo bezeichnet. Diese ist von außen nicht gerade imposant. Geschlossen ist auch noch, sodass ich sie mir nicht von innen anschauen kann. Der Umweg war aus meiner Sicht nun wirklich völlig überflüssig. Auch wenn mich die Dichte an Bischofsitzen – zumindest nehme ich an, dass eine Kathedrale/Duomo einen Bischofsitz bedeutet – in Italien schon sehr verwundert.

Kurze Zeit später erreiche ich die unaussprechliche Stadt Sansepolcro und damit die Toskana. Ihr werdet es schon erraten haben: es ist die nächste mittelalterliche Stadt mit einer Kathedrale. Hier findet heute und morgen ein Weinfest mit Umzug statt. Die meisten Geschäfte in der Altstadt sind deshalb geschlossen. Überall sehe ich Sicherheitskräfte. Obwohl ich eine Focaccia esse. Beginnt der Umzug nicht – schade. Die Kathedrale ist umgeben von anderen Gebäuden, sodass sie von außen nur schwierig zu fotografieren ist. Innen ist sie eine sehr besondere Interpretation einer Kathedrale. Das Hauptschiff ist sehr schmal. Es gibt nur wenig natürliches Licht. Das Hauptschiff ist extrem schmal gehalten. Auch das hat etwas. Vor allem gibt es einige sehr schöne Kunstobjekte: ein sehr schön gestaltetes Taufbecken, einige super schöne Bilder bzw. Bildkomositionen. Mich fasziniert allerdings das Ende des rechten Seitenschiffs. Dort befindet sich eine Art von Kapelle mit einer Altarsituation, die außergewöhnlich ist. Um den Altar mit seinen Reliefs und einem Bild hervorzuheben, hat der Architekt ein Deckenfenster eingebaut, das den Altar dieser Kapelle mit natürlichem Licht ausleuchtet. Heute ist das mit elektrischer Beleuchtung nichts Besonderes. Man muss sich allerdings klar machen, dass zur Zeit der Erbauung elektrisches Licht noch nicht erfunden war und Kerzen kaum für Helligkeit gesorgt haben können. Der Kontrast zum Hauptschiff, das kaum natürliches Licht hat, ist geradezu gewaltig. Trotz des künstlichen Lichts in der Kathedrale wirkt diese Illumination trotz allem noch immer. Hier verbringe ich geraume Zeit. Ich versuche auch die Kombination aus dem Relief und dem Bild zu verstehen. Welche Botschaft steckt wohl hinter dieser Darstellung. Das lässt mich auch jetzt, als ich das Schreibe, nicht los.

In Sansepolcra habe ich sehr viel Zeit verbracht. Nun muss ich los. Meine Vermieter in einem Agriturismo in dem kleinen Dörfchen Motina haben mich schon mehrfach angeschrieben, wann sie mit mir rechnen können. Ich brauche noch gut zwei Stunden. Motina liegt in unmittelbarer Nähe zu einem größeren See, dem Lago di Montedoglio.

Nach gut elf Kilometern komme ich in dem Ort an und finde auch sofort meine Unterkunft. Ich werde freundlich von dem Ehepaar in Empfang genommen. Die beiden haben offensichtlich Redebedarf. Wobei ich mich im Wesentlichen mit der Ehefrau unterhalte. Die mir sofort auch einen Tisch für acht Uhr im einzigen Restaurant des Ortes reserviert. Ich brauche einiges an Energie, damit die beiden mich meiner Aktivitäten wie Wäschewaschen und Duschen nachgehen lassen.

Das Restaurant ist im italienischen Sinne kein Restaurant. Es ist eine Mischung aus Alimentari, Bar und Pizzeria. Ich kann wählen aber auch nicht wählen. Ich bekomme aus dem Alimentari ein Vorspeisenbrettchen mit Salami, verschiedenen Schinken und Käse -unwählbar, genauso wie das Glas Prosecco. Das ist ein Muss. Danach gibt es Pizza. Was drauf soll, darf ich wählen. Alles andere wie Wasser und Rotwein kommt ohne meine Order. Meine Vermieter hatten mich schon vorgewarnt. Es ist Freitag und damit wird es voll. Einen Platz hätte ich sicher auch ohne Reservierung bekommen, das Problem ist eindeutig der Service, die beiden sind völlig überfordert. Am liebsten würde ich helfen und diesen neu organisieren. Die beiden laufen wie aufgescheucht Hühner hin und her und machen völlig unnötige Wege … nach anderthalb Stunde habe ich noch immer keine Pizza :))
Trotzdem scheinen alle Gäste zufrieden zu sein: Es herrscht ein unglaublicher Lärmpegel, was auch am Prosecco, den jeder trinken muss liegen könnte. Ich habe bereits den Prosecco und fast einen halben Liter Wein aus purer Verzweiflung intus. Ich sollte nur langsam ins Bett, da Morgen eine anstrengende Etappe mit fast 1.500 Höhenmetern und mehr als 30 Kilometern vor mir liegt. Mir scheint, würde ich Druck auf den Service ausüben, brächen mir die beiden vor Verzweiflung zusammen: Tranquillo Harald!