Tag  19 – 25.10.26: Motina – Chiusi della Verna

Aufgrund der Zeitumstellung stehe ich bereits um sieben Uhr auf. Um halb acht bin ich aufbruchsbereit. Als ich das Haus verlasse, schockt mich die Temperatur: es hat fünf Grad. Das ist richtig kalt und mich fröstelt. Ich frühstücke noch schnell in der Bar, in der ich gestern Abend gegessen hatte.

Jetzt fällt mir erst auf, dass Motina ein sehr schön gepflegter Ort ist. Gestern Nachmittag bei meiner Ankunft hatte ich dafür keine Augen mehr. Heute bin ich aufmerksamer. Die Kälte scheint meine Sinne zu schärfen. Noch bin ich am ganzen Körper am Zittern.

Schon in Motina geht es hoch über eine Hügelkette, sodass mir schnell warm wird, obwohl der feuchte Wald die Luft deutlich kühler wirken lässt. Oben angekommen liegt der Lago di Montdoglio vor mir. Zu dem muss ich wieder runter und einen Seitenarm überqueren.

Nach dem See geht es in die Berge. Mein nächstes Ziel ist Caprese Michelangelo, der Geburtsort von Michelangelo. Ich pilgere durch schönste Berglandschaften, die auch irgendwo in den Alpen befinden könnten. Es ist traumhaft schön hier. Ärgerlich sind nur die Jäger, die wie oft in Italien, am Wochenende rumballern und Motorradfahrer, die sich auf den kleinsten Pfaden zuhause zu fühlen scheinen. Die Motorradfahrer sind ein echtes Ärgernis: Sie machen einen ungeheuren Lärm, wenn sie sich an einem vorbei drängen, stinkt es geraume Zeit, und sie zerstören die Wege.

Kurz vor Caprese Michelangelo mündet mein Weg auf einer kleinen Straße. Ich bin überrascht, wie viel Verkehr hier herrscht. Schon außerhalb von Caprese parken Autos entlang der Straße. Ich habe zwar gelesen, dass Caprese ein schöner Ort sein soll, dass er ein gefragtes Ausflugsziel ist, habe ich daraus nicht entnommen. Oben angekommen, muss ich feststellen, dass hier eine Art Volksfest stattfindet mit einer Unmenge an Verkaufsständen. An der Museumskasse hat sich eine riesige Schlange gebildet. Ich verzichte darauf mir etwas anzuschauen. Hier sind mir eindeutig zu viele Menschen.

Kaum habe ich Caprese verlassen, sind die Menschen weg. Auf meinem Restweg begegne ich niemanden mehr: keine Jäger, keine Motorradfahrer, keine Fahrradfahrer und schon gar keine Pilger mehr.

Vor Caprese sind mir noch einmal zwei Pilgern begegnet. Schon gestern habe ich nur noch wenige Pilger gesehen. Zwischen Assisi und Gubbio hatte ich fast den Eindruck, ich bin auf dem Jakobsweg unterwegs. Der Hauptweg des Camino San Francesco beginnt (wenn man von Nord nach Süd geht) in der Sancturia Verna und geht bis nach Assisi. In der umgekehrten Richtung waren das für mich gerade mal fünf Etappen. Auf dem Camino Frances halten die Pilger zumindest mal eine Woche durch. Hier scheinbar nur die beiden Tage zwischen Gubbio und Assisi.

Nach einem anstrengenden Weg mit 31 Kilometern und 1.500 Höhenmetern erreiche ich Chiussi della Verna, wo ich mir bei Pastor Angelicus ein Zimmerchen miete. Das Haus von Pastor Angelicus wird von Nonnen bewirtschaftet, was ich etwas befremdlich finde. Die Nonnen teilen mir beim Check-in mit, dass ch bei ihnen kein Abendessen bekommen kann, da ich das hätte spätestens vor dem Mittag hätte buchen müssen, da der Koch schon weg sei. Ok, kein Problem, im Ort gibt es zwei Restaurants. Dann gehe ich eben dahin. Auch wenn ich das etwas schräg finde. Die Damen sind alles in allem sehr reserviert.

Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich die vier Kilometer noch bis zur Sancturia Verna gelaufen und hätte dort nach einer Unterkunft gefragt. Ich war davon ausgegangen, dass man bei Pastor Angelicus von den klerikalen Mitarbeitenden als Pilger mit einem

Gewissen Respekt vor der Pilgerleistung und als wäre man ein Teil der katholischen Kirche behandelt wird. Meine Erwartungshaltung an Menschen, die Ihr Leben einer christlichen Religion verschrieben haben, wäre zumindest Menschenfreund und damit offen und entgegenkommend anderen Menschen gegenüber zu sein. Nun gut, ich wäre auch in deren Augen vermutlich ein Schwindler und Heuchler, dem es als Protestant nicht gebührt, in einer katholischen Einrichtung Unterschlupf zu bekommen und schon gar keine christliche Nächstenliebe.

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