Es nieselt. Am Petersdom hat sich schon wieder eine lange Schlange gebildet, nicht nur wegen des Ansturms sondern auch weil die Taschen kontrolliert werden. Der Carabineri, den ich frage, ob ich mit meinem Rucksack in den St. Petersdom komme, weiß es nicht. Na, dann eben nicht. Dann gehe ich eben zur Piazza del Popolo und dort in die Basilica Parrocchiale di Santa Maria del Popolo. Ich platze in einen Gottesdienst. Ich setze mich in die hinterste Bank und versuche die Atmosphäre dieses Doms in mich aufzunehmen. Der Altarbereich ist üppig gestaltet. Aber meine Aufmerksamkeit nehmen eher die in den Fußboden eingelassenen Grabplatten ein. Nicht nur, dass die Besucher über Gräber laufen, finde ich schräg, sondern auch die Gestaltung der Grabplatten. Mal wieder muss ich feststellen, dass neun Jahre Latein nicht reichen, um eine einfache Grabinschrift zu übersetzen. KI sei Dank und in Windeseile weiß ich, dass es sich um ganz profane Angaben zu Personen handelt.

Auch wenn mein Weg die Touristenmassen meidet, ich gehe nach Nordosten aus der Stadt, brauche ich gefühlt ewig, bis ich den äußeren Ring Roms erreiche. Die Ampeln favorisieren Fußgänger definitiv nicht. Selbst wenn ich nicht jede Ampel respektiere, halten mich der Verkehr und die Verkehrsregeln erheblich auf. Nach 17 Kilometern ist es geschafft und ich habe den äußeren Ring erreicht. Sofort wird es ländlich.
Als ich gestern von Süden in die Stadt kam, waren die landwirtschaftlichen Betriebe in irgendeiner Weise herrschaftlich. Das gilt im Nordosten Roms nicht. Die Ländereien sind weitläufig, nicht hinter hohen Mauern versteckt und die Häuser verströmen keinen Glanz.

Die Wege sind durch den Regen aufgeweicht. Meine Schuhe sind voller Lehm und völlig durchnässt. Heute sind mir die Pfützen willkommen, da ich in diesen einen großen Teil des Lehms von den Schuhen spülen kann.

Abgesehen von den Widrigkeiten, verursacht durch den Regen, gefällt mir die Landschaft und ich fühle mich sehr beschwingt. Nachdem ich nun bereits deutlich an Kondition und Kraft seit Sonntag hinzu gewonnen habe, fällt mir das Pilgern mittlerweile deutlich leichter. Nach 31 Kilometern erreiche ich meine Unterkunft völlig durchnässt und schmutzig. Ich habe sie am frühen Nachmittag im Schutz einer Bushaltestelle gebucht, da ich an Zelten heute und Morgen gar nicht denken brauche. Die Vermieterin, obwohl ich mich mit ihr einige male über Bezahlung und Ankunftszeit ausgetauscht habe, ist nicht vor Ort. Ich brauche drei Anläufe, bis sie meinen Anruf annimmt. Sie ist nicht Vorort. Ich verstehe sie am Telefon nicht, weil sie nicht willig ist, langsam ein akzent- und nuschelfreies Italienisch zu sprechen. Klar ist mir nur, ich muss warten, bis ein Bekannter von ihr kommt und mich rein lässt. Warten macht echt Spaß, wenn es regnet und ich weit und breit keinen Wetterschutz finden kann.
Dafür ist das Zimmer deutlich besser als ich erwartet habe. Spätestens mit dem Abendessen, das ich in einer Taverne unweit meines Zimmers serviert bekomme, ist das alles vergessen. Zur Vorspeise esse ich Fagiola (dicke Bohnen) in einer pikanten Tomatensoße, danach gibt es eine regionale Pasta mit sehr dicken „Spaghetti“ zusammen mit einer Salsiccia vom Wildschwein und einem würzigen Pecorino. Der Wirt lässt nicht locker und ich muss zum Abschluss sein hausgemachtes Tiramisu probieren. Nicht nur das Essen ist, wie soll ich es sagen, so (süd)italienisch: einfach und trotzdem in jeder Hinsicht erstklassig, was mich immer wieder einnimmt. Dazu kommt, dass die Mitarbeitenden des Restaurants einen wohltuenden Stolz auf ihre Arbeit und ihr Essen ausstrahlen. Aber auch die Gäste sind so (süd)italiensch) entspannt: Man unterhält sich über die Tische hinweg, alle helfen, wenn ich etwas nicht verstehe bzw. ich mich nicht richtig ausdrücken kann. In so einem Umfeld fühle ich mich einfach wohl. Das entschädigt für das schlechte Wetter und die Wartezeit vor meiner Unterkunft.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass heute Freitag ist. Die Stadt ist voller (junger) Leute, die draußen und in den Kneipen abhängen. Es herrscht eine sehr entspannte Atmosphäre in den Gassen und Plätzen dieser mittelalterlichen Stadt. In den Sträßchen singen Gruppen von Menschen.