Letzte Nacht hat es noch einmal geregnet. Nun soll die Regenfront aber durchgezogen sein. Entsprechend scheint heute meist die Sonne und die Temperaturen unter 20 Grad sind fürs Wandern geradezu perfekt. Die Böden sind allerdings noch immer durchnässt. Meine Schuhe werden überhaupt nicht mehr trocken und stinken entsprechend intensiv.
Die wärmende Sonne lässt die Feuchtigkeit als Nebel aufsteigen
Der Camino Via di San Francesco ist erstaunlich gut ausgeschildert und führt – völlig untypisch für das was ich bisher in Italien erlebt habe – ganz selten über öffentliche Straßen. Das bedeutet nicht, dass ich nicht Autoverkehr ausgesetzt bin, denn in Italien wird auf jedem Weg gefahren, der breit genug ist für ein Auto. Aber ich muss selten auf Straßen mit hohem Verkehrsaufkommen und hohen Fahrgeschwindigkeiten.
Das Pilgern ist heute einfach traumhaft, es geht rauf und runter durch die schönen Sabinerberge, dem Nordosten Laziums. Ich komme durch einige traumhaft gelegene Dörfer mit uraltem Gebäudebestand. Mir gefällt es hier besser als in der meist überlaufenen Toskana. Mit Ausnahme der wenigen Pilger, heute bin ich in einer Bar doch tatsächlich das erste Mal darauf angesprochen worden, ob ich einen Stempel in meinen Pligerpass haben möchte, gibt es kaum ausländische Touristen. Die Landschaft ist durchaus mit der Toskana vergleichbar, das Essen war bisher ebenfalls, natürlich mit einem etwas anderen regionalen Touch, super lecker.
Entsprechend genieße ich nicht nur das Wandern sondern auch die Pausen. Ich kann schön in der Sonne sitzen und mir einen Espresso munden lassen. Die Menschen sind interessiert, warum ich alleine pilgere, und was mir in ihrem Ort besonders gefällt. Mit ein bisschen Lob über die direkte Umgebung und Italien, ist es leicht, nette einfache Gespräche zu führen.
Das muss ich hin
Unangenehm wird es, als ich einem Weg folge, der im Nichts endet oder besser gesagt Mitten im Wald in undurchdringlichem Gestrüpp. Ich hatte schon ein ungutes Gefühl als ich mich entscheiden musste auf dem Hauptweg zu bleiben oder dem Vorschlag meiner App zu folgen. Der Hauptweg wäre fast einen Kilometer länger, weshalb ich mich für die „Abkürzung“ entschieden habe. Am Ende hat mich diese Abkürzung eine Dreiviertelstunde gekostet, tiefe Kratzer an beiden Armen und die Sorge, ob ich so vom Berg heil runter komme.

Als der Weg aufhörte, glaubte ich, dass ich auch ohne Weg problemlos – vielleicht mit etwas Zeitverzögerung wieder zum Hauptweg zurückkomme. Irgendwann war klar, dass ich so tief in den Wald eingedrungen bin, dass weder zurück noch vor gute Optionen waren. Umkehren fand ich noch nie gut, also bin ich dem Licht entgegengelaufen auf einen Berg hoch. Dort habe ich einen neuen Weg nach unten zu einer Straße gefunden. Der endete allerdings in einem Bachbett. Die Straße auf die ich nun musste, war zwar nur 600 Meter entfernt, lag aber 200 Meter unter mir. Der Wald war so dicht, dass es kein Durchkommen gab. Also bin ich das Bachbett nachuntersucht mit losem Geröll, mitgerissenem Gehölz und immer wieder senkrecht abfallenden Stellen. Umkehren? Aber wohin? Also runter, jeden Schritt sichernd und immer schon einen Plan B im Kopf habend für den Fall, dass der vermeintliche Halt wegbricht oder ich mit dem Rucksack hängen bleibe, so dass meine geplante Bewegung eine völlig andere Richtung erfährt. So klettere ich mehr als ich gehe das Bachbett nach unten. Schon bald sehe ich die Straße weit unter mir liegen. Trotz der vermeintlichen Nähe nimmt das Klettern mehr Zeit in Anspruch als ich mir hätte vorstellen können. Aber am Ende wird alles gut und ich erreiche nur mit einigen Schrammen und völlig verschmutzt die Straße.
So nun muss ich aber mal wirklich Gas geben und keine Experimente mehr machen. Die letzten 17 Kilometer laufe ich in drei Stunden nur auf das Laufen konzentriert. Erschöpft erreiche ich nach gut 33 Kilometern und fast 1.000 Höhenmetern meine Unterkunft in Rieti. Die Stadt werde ich mir Morgen anschauen. Heute Abend wird gewaschen: erst meine Wäsche, dann mich und danach gibt es nur noch relaxen.