Tag 19: 26.06.19

Castro —> Santa Maria Di Leuca (Santa Maria de Finibus Terrae)

Heute ist mein letzter Wandertag und es wird einer der schönsten, was den Weg und das Landschaftsbild angeht. Lange Zeit pilgere ich hoch über der Küste mit Blick aufs Meer. Hier gibt es Pflanzen, die ich bisher noch nie gesehen habe. Klar dominiert der Olivenbaum, viele Nussbäume gibt es und zum Ersten mal sehe ich, dass unterschiedlichste Gemüse wie Zucchini und Cherrytomaten angebaut werden. Die eine oder andere reife Tomate wandert in meinen Mund: lecker.

Auch wenn es das eine oder andere bunte Haus gibt, so sind die Gebäude eher alle weiß bzw. ein vom Wetter vergilbtes weiß. Die Gebäude sind kubisch – der rechte Winkel bestimmt das Bild. Die Fenster sind klein. Das Stadtbild ist so gar nicht mehr Italienisch.

Der dreirädrige Pickup als Lastentransportmittel mit Zweitaktmotor ist hier nicht tot zu kriegen, obwohl er stinkt, ungeheuerlich lärmt und sicher auch alles andere als komfortabel ist. Es scheint ein Fahrzeug ausschließlich für Männer zu sein. Nicht einmal sehe ich eine Frau ein solches Dreirad fahren.

 

Nach gut 30 Kilometer sehe ich vor mir den weißen Leuchtturm auf der linken und Leuca auf der rechten Seite. Zunächst gehe ich nach links auf den Leuchtturm zu, wo die Basilika Santuario Santa Maria hoch über dem Meer schwebt und das Ende der Welt markiert. Neben der Basilika steht eine Statue von „unserem“ Papst – Benedikt der XVI. Der Platz ist beeindruckend, warum er als das Ende der Welt bezeichnet wird, kann man verstehen, obwohl man schon in der Antike wußte, dass die Welt hier sicher nicht zu Ende ist und auf der anderen Seite des Mittelmeers zu erobernde Länder existieren.

Hier also endet meine Pilgerschaft. Ich bin ein Pilger, ein peregrinus im Sinne des Lateinischen Wortes Fremder bzw. jemand der sich in der Fremde befindet. So möchte ich den Begriff Pilger verstanden wissen und nicht im Sinne des Kirchenrechtes, jemand der Buße tut oder eine Reliquie verehrt. Auch wenn eine solche Pilgerschaft mit Entbehrungen, Schmerzen und einer gewissen Form der Selbstkasteiung zu tun hat, hat sie für mich nichts religiöses und schon gar nichts kirchliches. Für mich ist es eher eine Reinigung des Gehirns mit der Möglichkeit allen Unrat, der sich im Kopf gesammelt hat, raus zu waschen. Dem kann man selbstverständlich auch etwas religiöses zusprechen, das will ich nicht leugnen. Ich frage mich nicht zum ersten mal auf einer Tour durch die Natur, wer hat dafür die Spielregeln aufgestellt. Die Natur ist so wunderschön und doch auch so grausam. Uns ist oft nicht bewußt, wie fragil unsere Gesundheit und unser Leben ist, da wir keine natürlichen Feinde mehr haben und in dem Glauben leben, eine rundum Versicherung für unser Leben und alle Lebenslagen zu besitzen, in der es keine Risiken gibt bzw. tritt ein Risiko ein, so muss jemand anderes schuld sein.

Reist man, wie ich das gelegentlich tue, mit 5 km/h, setzt man sich der Natur aus und spürt, wie klein und verletzlich man doch ist im Vergleich zur Unendlichkeit der Natur. Das erdet und ich zumindest lerne wieder „to be humble“. Was nichts anderes bedeutet, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, sich mit dem Fremden auseinanderzusetzen und sich auf die Grundbedürfnisse wie essen, trinken, schlafen zu konzentrieren. Bei mir erzeugt das ein Reset und ein Reboot: der Cache wird gelöscht und alle Systeme funktionieren wieder.

Damit beantwortet sich die Frage, warum mache ich das und lege mich nicht z. B. auf Phuket am Strand in die Sonne, was ich natürlich auch gerne mache. So und nun geht es wieder nach Hause!

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