Tag 9: 16.06.19

Canosa Di Puglia —> Corato

Der Tag fängt ja gut an. Wie vereinbart lege ich die Schlüssel auf den Schreibtisch und ziehe die Tür hinter mir zu. Soweit so gut. Dummerweise hat jemand die Etagentür abgeschlossen und es gibt keine Möglichkeit sie ohne Schlüssel zu öffnen. Ich bin gefangen in der Diele. Nun gut muss die arme Vermieterin heute am Sonntag halt mal um 07:00 Uhr aufstehen. Ich rufe sie an. Es dauert eine Weile bis sie ans Telefon geht, verspricht, als sie abnimmt, sich sofort auf den Weg zu machen.

Als sie eintrifft entschuldige ich nochmals dafür, dass ich sie aus dem Bett geworfen habe. Erst jetzt klärt sich auf, dass ich nicht wieder in mein Zimmer will sondern nicht aus dem Apartment konnte. Jetzt entschuldigt sie sich, dass sie den anderen Gästen nicht gesagt hat, die nicht abzuschließen. Das Ganze hat mich am Ende eine gute halbe Stunde gekostet. Was mir gerade heute arg ist, da ich weiß, dass mein heutiger Weg mich durch keinen Ort führen wird und ich damit nichts zu essen und zu trinken bekommen werde. Gerade Hunger und Durst sind eben auch eine Funktion der Zeit.

Zu trinken habe ich genug mitgenommen. Ich habe nicht nur meine beiden Trinkflaschen gefüllt sondern zusätzlich zwei weitere Flaschen Wasser eingepackt. Dort bleiben sie aber nicht lange. Nach knapp zehn Kilometer treffe ich Selena, die Pilgerin aus Venedig. Wie die schon bisher gekommen ist mit ihrem Schlendergang, ist mir ein Rätsel. Wir unterhalten uns ein bisschen. Dabei fällt mir auf, dass nicht Ihr Rucksack so riesig ist, sondern sie so klein. Darüber hinaus hat sie eine ganze Flaschenbatterie vor die Brust geschnallt. Allerdings sind sie schon alle leer. Sie fragt mich, ob ich ihr mit Wasser aushelfen kann. Nun gut, ich gebe ihr die beiden extra Flaschen und düse wieder los.

Es geht heute fast nur durch Olivenhaine. Gelegentlich gibt es auch ein Feld mit Weinreben. Zwischen den Olivenbäumen stehen immer wieder Feigenbäume, die voll mit Feigen hängen, leider noch unreif. Zweimal habe ich Glück und es gibt einen Baum mit Nektarinen und einmal stehen mehrere Aprikosen- und Pflaumenbäume zwischen den Oliven. Ich pflücke mir jeweils einige Früchte und bilden eine gute Ergänzung meines Wassers dar mit dem ich von nun an Haushalten muss. Der gute Liter Wasser muss meinen Weg halten und ich laufe heute gut 35 Kilometer.

Um kurz nach Vier bin ich dann endlich in Corato. Die Stadt ist tot. Nichts hat offen – erst nach längerem Suchen finde ich eine geöffnete Bar. Kamelartig trinke ich Wasser und eisgekühlte Aranciata. Nach zweimal Liter Flüssigkeit fühle ich wieder wie ein Mensch und ruf jetzt in dem Albergo an, das ich unterwegs gebucht hatte.

Wie mir der Inhaber nach dem Buchen des Zimmers bereits geschrieben hatte, ist die Rezeption Sonntags nicht geöffnet. Nach kurzer Zeit kommt ein junger Polizist mit Pistole im Holster und erledigt die Formalitäten. Er muss zweimal mit dem Inhaber telefonieren, da ich nicht mein letztes Dokument – meinen Führerschein – auch noch in einem Hotel an der Rezeption liegen lassen. Denn der Hotelier ist wenigsten heute so ehrlich und sagt dass er Morgen nicht um sieben im Hotel sein wird. Dem Polizisten ist es arg, dass er mir keine Rechnung mit gegeben kann. Mir ist das egal, nur weiß ich, dass in Italien das Pflicht ist und ohne Ricevuto man aus keiner Bar, keinem Restaurant und schon gar nicht aus einem Hotel gehen darf. Lässt man diese liegen, wird sie einem hinter her getragen.

Nach etwas Erholung und der obligatorischen Wäsche setze ich mich um halb sieben in eine Bar auf dem Hauptplatz und lasse es mir mit weiterer Flüssigkeitszufuhr gut gehen. Von hier beobachte ich wie die Stadt aus dem Nachmittagskoma allmählich erwacht. Um ist der Platz voll mit Menschen, die herumlaufen, auf Bänken sitzen und sich unterhalten. Mir fällt nicht zum ersten mal auf meiner Pilgerfahrt auf, dass hier das Smartphone eine deutlich geringere Rolle im Leben der Leute zu spielen scheint. Lediglich Kinder werden mit dem Gerät ruhig gehalten. Kinder in Elektroautos gibt es dafür öfter. 

Einen Plan für die nächsten beiden Tage habe ich auch schon. Übermorgen werde ich Bari erreichen und dort habe ich ein „richtiges“ Hotel gebucht. Ich brauche mal wieder ein bisschen Erholung und hoffe, dass ich mir mal alle meine Sachen richtig reinigen lassen kann.

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