Tag 8: 11.05.17

 

Meine Wirtin macht mir heute Morgen ein Frühstück – einfach aber besser als in den Häusern in denen ich bisher im Aostaltal war – und da sie es mir nun schon auf den Tisch gestellt hat, esse ich brav ihren selbst gemachten Kuchen und ein Brot mit selbst gemachter Birnenmarmelade. Sie will für die Nacht inkl. Abendessen und Frühstück 40 Euro haben. Das ist mehr als fair auch wenn ich heute Nacht zunächst ordentlich gefroren habe. Als ich mitten in der Nacht ausgekühlt aufgewacht bin, habe ich mich erst einmal auf die Suche nach einer zusätzlichen Decke gemacht. Unter der zweiten Decke habe ich es aushalten können, mich aber in dem für meine Verhältnisse zu engen Bett kaum getraut umzudrehen, da dies jedes Mal zu einem Kälteeinbruch unter den Decken führte.

Heute ziehe ich mich von vornherein dünner an als die letzten Tage. Da die Sonne aber nicht herauskommen will, muss ich erst die Innenjacke und später die Regenjacke überziehen. Es ist kalt geworden. Die Regenwahrscheinlichkeit gemäß Forecast liegt am Vormittag bei 15% und am Nachmittag bei 30%. Nach etwa einer Stunde tritt der Risikofall ein und das den ganzen restlichen Tag. Mal nieselt es mal regnet es und ich bin mal mehr mal weniger und mal mehr durchnässt. Am Nachmittag schwimmen meine Füße in den Schuhen. Durch die Kapillarwirkung der Socken saugen die sich bis in die Zehen voll Wasser und durchnässen so auch die Schuhe. Ich schwimme in meinen Schuhen.

Nur die nassen Haare haben mich verändert, sonst bin ich immer noch der selbe!

 Champagne

Es ist, trotz der tollen Alpenlandschaft und den mal verlassenen mal ordentlich hergerichteten Ansiedlungen, nicht gerade angenehm zu laufen. In Champagne – so heißt hier tatsächlich ein Ort – mache ich erst mal Pause und bekomme in einer Bar nun endlich meine erste Focaccia und danach einen Café. Anschließend kann ich begeistert die örtliche Kirche besichtigen und weiter ziehen.

Der Weg hat mich bisher nicht nur ermüdet sondern auch mürbe gemacht. Es geht ohne Unterlass zwischen etwa 500 und 700 m rauf und runter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der „gute“ Sigeric auf seinem Pilgerweg vor mehr als 1.000 Jahren auch ständig rauf und runter gerannt ist, um dem Papst die Meinung zu geigen. Der ist bestimmt schön eben unten dem Fluss folgend marschiert, wo heute die Autobahn entlang führt. Die nervt nicht nur wegen der priorisieren Lage sondern auch wegen des Lärms, die all die Fahrzeuge erzeugen.

Die Kirche und das Schloss von Chatillon

Bin ich schon in Rom? hier sind St. Peter und St. Paul außen und innen (Chatillon)

Ich bin in Nörgellaune und fange deshalb schon an, Selbstgespräche zu führen. Als ich mich wieder über einen erneuten glitschigen Anstieg bei mir selbst und Sigeric beschwere, fällt mir jemand ins Wort und fragt mich: „wenn Du hier so rum jammerst, solltest Du Dich mal fragen, warum Du nach Rom wanderst und nicht einfach eine WhatsApp schreibst, wenn Du Dich beim Papst beschweren willst – oder noch besser tweetest, damit es auch alle gleich mitbekommen, was Dich ärgert.“ „Wer bist Du überhaupt?“ „Oh, ja, sehr unhöflich von mir, ich bin Sigeric, Erzbischof von Canterbury!“ „Mach Witze! Reisen durch Raum und Zeit haben wir noch nicht erfunden“, gebe ich zurück. „Wie Du siehst, ist das auch gar nicht nötig. Denk mal ein wenig nach: Zu meiner Zeit waren Telegramm, Telex, Fax, Email, SMS, oder wie all das Zeug heißt, noch nicht erfunden. Hätte es das gegeben, hätte ich dem Papst eine gesalzene Email geschrieben und hätte das nicht geholfen, mehrere Tweets hinter her geschoben. Dann hätten wir schon gesehen, wie der gesprungen wäre. Gab es aber nicht, also musste ich persönlich hin: Zug, Autos und Flugzeuge gab es ebenfalls nicht, wie Du sicher weißt, also bin ich halt gelaufen. War ganz schön mutig von mir, wenn ich mich so zurück erinnere. Du hast das aber nicht nötig. Also raus mit der Sprache! Warum gehst Du nach Rom und schreibst nicht einfach eine Message auf Deinem Sofa sitzend oder, wenn Dir das zu unpersönlich ist, setzt Dich nicht in den nächsten Flieger: fünf Stunden maximal und Du stehst im Vatikan und überbringst Deine Botschaft.“

Ich glaub ich werde irre. Jetzt führe ich nicht nur Selbstgespräche sondern auch noch Zwiegespräche mit einer historischen Gestalt. Aber irgendwie muss ich mich ja motivieren und die Zeit vertreiben. Also rede ich weiter mit ihm. „Warum kommst ausgerechnet Du zu mir, um mich nach meinen Gründen hinsichtlich meiner Pilgerschaft zu fragen?“ „Wäre es Dir lieber, ich wäre Settembrini?“, entgegnet Sigeric. „Wer ist Settembrini?“ „Komm schon, erinnere Dich! Das ist der Mentor von Hans Castorp.“ „Du meinst den Freimaurer oder sollte ich besser sagen armen Kommunisten aus dem Zauberberg von Thomas Mann?“ „Genau jener!“ „Wie kommst Du denn jetzt gerade auf den?“ möchte ich wissen. „Du erinnerst mich an Hans Castorp und dann könnte ich die Rolle von Lodovico Settembrini übernehmen.“ „Warum erinnere ich Dich an Hans Castorp? Das war doch so ein junger Schnösel, das bin ich nun sicher nicht.“ „Junger Schnösel vielleicht. Aber sicher jemand der sich an einen Ort zurück zieht, der ihn fasziniert: Fast alle anderen Personen kommen nach Davos – Du erinnerst Dich, dass der Roman dort spielt – um zu sterben. Hoffen zwar geheilt zu werden, ist aber bloße Hoffnung. Natürlich gibt das keiner zu. Nichts desto trotz ist das die erste beschriebene Palliativ Einrichtung und Hofrat Behrens der erste Palliativ Mediziner. Hans Castorp, der angeblich nur seinen Cousin besuchen möchte, flieht vor der realen Welt und möchte lieber an einem Ort in den Alpen, an dem es sich angenehm leben lässt, ohne arbeiten zu müssen, sich Vergnügen und die Zeit vertreiben. Ist das nicht vergleichbar mit dem, was Du hier treibst?“ „Natürlich ist es das nicht“, wehre ich mich. „Ich habe ein klares Ziel. Ich möchte nach Rom pilgern und mich auf dem Weg an der Schönheit der Natur erfreuen, mich ihr aussetzen und mit den unterschiedlichsten Menschen in Kotakt kommen. Ich unterwerfe mich dabei, den Strapazen einer besonderen Reiseart: wandern. Ich bin alles andere als ein Müssiggänger wie Hans Castorp. Das einzige, was ich akzeptiere: oft wünschte ich, so unbeschwert, ohne jegliche Verpflichtungen wie Hans Castorp in dem Buch, leben zu können und ja, das Pilgern hat etwas von dieser Unbeschwertheit.“ „Aha, da haben wir es. Du hast doch etwas von ihm. Auch der Disput zwischen Dir und mir ist vergleichbar mit dem zwischen Castorp und Settembrini.“ „Es gibt aber dennoch einen gewaltigen Unterschied: ich bin weder Clawdia Chauchat begegnet noch auf der Suche nach ihr, ich bin glücklich verheiratet.“ „Sei doch nicht so kleinlich! Also gut, bin ich also Sigeric und ich begleite Dich heute ein Stück, sonst gibst Du sicher gleich auf. Da, weiter unten im Tal liegt Saint Vincent.“ „Ja – und?“ „Erkennst Du nicht das nette Hotel, in dem Du mal per Zufall mit Andrea warst?“ „Klar!“ „Na, willst Du nicht dort übernachten?“ „Damit Du mit Deiner Entourage nach Chatillon kannst, um Dich von einem Adligen fürstlich bewirten zu lassen? Nein, ich werde nicht schwach! Schau, der Regen hat aufgehört und jetzt bin auf einem Höhenweg. Läuft doch super gerade. So nun hau ab und lass mich in Ruhe.“ Ich habe ganz schön mit mir kämpfen müssen, um nicht schon in Saint Vincent Schluss zu machen und um in das richtig schicke Parc Hotel Billa und dem erstklassigen Restaurant im Grand Hotel zu gehen.

Grand Hotel und Parc Hotel Billa Saint Vincent

Ich hänge noch einmal zehn Kilometer dran und führe weiter Zwiegespräche mit Sigeric, der natürlich sich nicht weg schicken lässt. Da ich mir die Zeit vertreiben und mich von den Unbilden des Weges ablenken muss, führe ich unendlich lange Zwiegespräche – und es hilft.

Mehrfach übersehe ich Abzweigungen, der Weg ist sehr gut aber auch sehr eigenwillig ausgeschildert. Es stehen grosse von weit sichtbar Schilder an Stellen, wo es keine Abzweigungen gibt. An Kreuzungen muss man Schilder, Pfeile oder was immer genutzt wird, regelrecht suchen. Findet man sie, ist oft – zumindest mir – nicht klar, in welche Richtung sie weisen. Auf dem nassen Boden rutsche ich an dem einen oder anderen Steilstück aus. Ich hoffe das entschuldigt meine Lust auf Zwiegespräche. Reale Menschen sind weit und breit nicht in Sicht. Ich bin allein unterwegs.

Nach 33 km und ca. 1.500 m Höhenunterschied komme ich an einem Gasthaus vorbei: Hotel Napoleon. Hier frage ich, so nass wie ich bin, nach einem Zimmer. Ich bin froh, hier bleiben zu können, obgleich die Heizungen ausgeschaltet sind und ich nicht sicher sein kann, dass meine Anziehsachen morgen trocken sein werden.

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