Tag 40: 21.06.17

 

Der gestrige Tag steckt mir noch in den Beinen. Meine Füße und Beine sind der Meinung, sie haben noch nicht hinreichend geruht und wollen, dass ich noch etwas schlafe. Ich mache ihnen klar, dass ein toughes Programm vor ihnen liegt und es besser ist, jetzt aufzustehen. Widerwillig folgen sie.

Nach knapp zwei Kilometer bin ich in Versalla. Wieder so ein Ort, der vernachlässigt und irgendwie schmutzig wirkt. Als Erinnerung fotografiere ich die Kirche. Sie hat etwas großzügiges an sich und ist innen so völlig anders als der Ort selbst.

Ich verweile nicht lange und mache mich auf nach Sutri. Sutri ist ein Ort aus der Antike mit einem weitgehend erhaltenen Amphitheater und einem mittelalterlichen Stadtkern auf einem Tuffsteinhügel. Ich laufe durch nicht enden wollende Felder mit, wie ich vermute, Nussbäumen auf weichen sandigen Wegen. Das freut meine Füße, ist der Boden weiche und federnd. Nach etwa fünfzehn Kilometer komme ich in einen kleinen mittelalterlichen Ort, der auf meiner Wnaderkarten-App keinen Namen hat. Nach der Maps-App muss es sich um Capranica handeln.

Kaum habe ich diesen schönen Ort verlassen, führt der Weg über kleinste Pfade entlang eines Flüsschens durch einen dichten vernachlässigten Wald.

Die Bäume sprechen miteinander und kündigen mich an. Der Wind bewegt sehr selektiv die Baumwipfel, so als würden sie Laola Wellen machen, startend, wo ich mich gerade befinde und weiter bis ich sie aus den Augen verliere. Es wimmelt von Eidechsen, die sobald ich in ihre Nähe komme, flink davon rasen. Das erzeugt ein Rascheln im Rhythmus der Loala Wellen. Der Wald redet über mich. Als hätte ich einen sechsten Sinn, fühle ich mich in die Kommunikation eingebunden und versuche mitzuteilen, dass von mir keine Gefahr ausgeht. Ich bin eins mit der Natur.

Als ich aus dem Wald komme, schaue ich auf Sutri, das von hier beeindruckend wirkt. Es hat sicher auch schon bessere Tage erlebt. Aufgrund der engen Bebauung sind die Ausmaße der Kathedrale hoch oben auf dem Berg gar nicht richtig zu erkennen. Innen ist sie umwerfend.

Jetzt muss ich eine Entscheidung treffen. Ich habe jetzt 27 Kilometer auf der Uhr. Ich fühle mich noch fit für weitere zehn Kilometer, die ich auch bräuchte, um am Freitag Mittag in Rom zu sein. Andererseits steckt mir der gestrige Tag noch in den Knochen. Das Problem ist, folge ich dem offiziellen Weg, gibt es nur Unterkünfte in der näheren Umgebung oder erst wieder in 17 Kilometern. Das ist mir definitiv zu viel. Ich kann aber auch den Weg verlassen und nach Süden zu einem See wandern. Dort gibt es hinreichend Unterkünfte in einer Entfernung von 12 Kilometern mit dem Vorteil, dass ich von dort nur noch knapp 30 Kilometer für mein morgiges Ziel hätte. Ich resümiere. Option 1: ich mache jetzt Schluss und verliere einen Tag (sehr verlockend), Option 2: ich muss heute 44 Kilometer gehen (Horror), Option 3: knapp 40 Kilometer und von jetzt bis morgen Nachmittag fern ab des Via Francigena (schaffe ich das wirklich?) Ich mache mir die Option 3 damit schmackhaft, dass ich mich mit einen Sprung in den See belohnen kann und entscheide mich für Option 3.

Jetzt führt meine Pilgerfahrt mich wieder durch Felder von Nussbäumen – ich weiß natürlich noch immer nicht, ob es sich tatsächlich um Nussbäume handelt – und in die Berge. Ich muss wieder hoch von 300 m üNN auf über 500 m üNN, um am Ende runter zum See auf 200 m üNN. Der Blick auf den See entschädigt für alles.

Ich komme in einen sehr lebendigen Ort mit einer tollen Promenade. Mein Hotel hat eine super Lage. Ich kann direkt auf den See schauen. Viel unternehme ich nicht mehr – der Sprung ins Wasser fällt ins Wasser – obwohl Life Bands Musik machen und ab zehn Uhr die Straßen voll sind. Es herrscht eine sehr angenehm entspannte Atmosphäre.

Gute Entscheidung!

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