Tag 4: 07.05.17

 

Der Wecker klingelt um 7:00 Uhr. Es regnet. Ein klares Zeichen noch eine Stunde zu schlafen. Es regnet immer noch, obwohl meine Wetterapp klar prognostiziert, ab acht wird es schön. Als ich dann um halb zehn endlich aufbreche, nieselt es nur noch. Der Nieslregen begleitet mich noch etwa eine Stunde auf den schmalen steilen Wegen entlang der Rhone. Als ich den Fluss auf einer extrem schwingenden Stahlseilbrücke überquere, sehe ich Angler im Fluss stehen: eine meiner Lieblingsbeschäftigungen – Angler beim Fischen zusehen.

Im nächsten Ort trinke ich in einer Bar einen Kaffee. Die Besitzerin spendiert ihn mir, da ich Pilger auf der Via Francigena bin. Ich bin ihr erster Pilger in dieser Saison. Kein Wunder, dass ich bisher noch niemanden getroffen habe, gleichwohl es mich nicht verwundert, dass sich selten ein Pilger in diese Bar verirrt.

Nun bin ich tatsächlich in alpinem Gelände. Über kleinste extrem steile Wege, die aufgrund des Regens in den letzten Tagen völlig aufgeweicht sind, geht es über Geröll, klitschige Wurzeln und glatte Steine wie auf einem Klettersteig hoch und runter. Ich muss mich extrem konzentrieren, um nicht auszurutschen und komme so nur langsam voran. Trotz des alpinen Geländes ist die Zivilisation nicht weit entfernt. Durch das enge Tal fährt Auto an Auto und erfüllt die gesamte Umgebung mit Lärm – schrecklich. Dann erreiche ich den kleinen Ort Sembrancher, wo ich das Rhonetal verlasse und direkt nach Süden abbiege.

Jetzt werden die Wege wieder breiter und es geht stetig bergauf. Auf diese Weise gewinne ich mit allen aufs und abs heute 400 Höhenmeter (fast 1.300 hoch und wieder fast 900 runter). Erschöpft erreiche ich Orsires. Ein kleiner Ort den Napoleon bei seinem Italienfeldzug über drei Tage mit seinen Truppen durchquert hat. Ich beschließe hier heute zu übernachten. Aber bevor ich das einzige Hotel suchen gehe, werfe ich noch einen Blick in die über 1.000 Jahre alte Kirche mit ihren wunderschönen Fenstern.

Ich bin völlig kaputt. Im Hotel ist niemand. Also rufe ich an. Erst klingelt es an der unbesetzten Rezeption und dannn nach langem Klingeln meldet sich ein Herr und teilt mir mit, dass noch ein Zimmer frei ist aber er erst in zwanzig Minuten bei mir sein kann. Tatsächlich werden es vierzig Minuten und er entschuldigt sich damit, dass heute zwei seiner Enkel getauft würden. Als er mir den Zimmerschlüssel aushändigen will, ist er überrascht, dass er auf der Theke liegt. Ihm kommt der Verdacht, dass es noch nicht gemacht ist. Also ruft er das Zimmermädchen an, das seinen Verdacht bestätigt. Er bittet mich im Gastraum zu warten, er müsse wieder zurück zur Taufe, das Zimmermädchen komme gleich. Es dauert nochmals eine halbe Stunde bis sie vor fährt und dann eine weitere halbe Stunde bis sie fertig ist.  Was bin ich froh jetzt endlich eine Dusche zu bekommen. Auch wenn das heute nur knapp über 24 km waren.

Zum Essen gehe ich runter, nur um zu erfahren, dass sie heute wegen der Taufe geschlossen haben. Man teilt mir mit, dass ich heute vermutlich nur im Restaurant des Alpes noch Abendessen bekommen dürfte. Also gehe ich dort hin: es gibt nur Menüs, das aber zu gesalzenen Preisen. Eigentlich hatte ich gehofft, eine einfache Bernerwurst mit Pommes Frites essen zu können, nachdem sonst fast nur Italienische Restaurants auf meinen Wegen lagen. Das Essen haut mich allerdings um: vor allem das Hauptgericht aus Blutwurst mit Birnen, Kartoffelpüree und einer Pinot Noir Sauce ist eine wahre Meisterleistung – absolute Spitzenklasse. Ich frage mich, wie sich ein solcher Gourmet Tempel in einem Dorf, in einem verlassen wirkenden Alpental, halten kann?

Heute war ein interessanter Tag: Regen und Sonne, Quälen auf dem Weg. Warten im Hotel und ein göttliches Abendessen. Diese Gegensätze führen mich zwangsläufig zu der Frage: warum mache ich das?

Auf meinem Camino habe ich das erst spät heraus gefunden. Hier, auf der Via Francigena weiß ich das schon jetzt. Möglich, dass ich später auf dem Weg zu neuen und weiteren Erkenntnissen gelange. Aber jetzt ist mir klar, es ist eben diese Hausforderung, mit beschränkten Mitteln und Kräften ein Ziel erreichen zu wollen: in Rom zu Fuß und gesund anzukommen. Alles hat sich diesem Ziel unterzuordnen. Denn ich weiß, welche Freude es sein wird, in Rom einzumarschieren und vor dem Petersdom zu stehen. Aus dem Willen, das Ziel zu erreichen und die Vorfreude anzukommen, entsteht in mir eine ungeheure Motivation. Eine Motivation die unglaubliche Kräfte frei setzt, die man bisher nicht gekannt hat, Risiken einzugehen, natürlich nur so viel, dass die Zielerreichung nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird, aber doch so viel, dass sie möglich wird. Es ist das Wissen, am Ende belohnt zu werden, es sich selbst gezeigt zu haben. Nicht anderen sich selbst.

Sich für eine begrenzte Zeit nur noch auf das Wesentliche reduzieren zu müssen: schlafen, essen, trinken. Alles andere verliert für die Dauer des Weges an Bedeutung. Allen anderen Balast abzuwerfen, um die Zielerreichung nicht zu gefährden, bewirkt bei mir ein Gefühl vollkommener Freiheit und macht meinen Kopf frei für neue Gedanken und Ideen. Daraus entsteht eine Kraft und Energie, die mir über den Weg hinaus dauerhaft zur Verfügung steht. Es erzeugt Gelassenheit und Stärke.

Eine solche Wanderschaft ist auch eine Reise ins eigene ich. Ich gehe deshalb den Weg auch alleine: ich will mir die Zeit nehmen, um nachzudenken, manchmal auch nur um des reinen Denkens willen. Alles was einem durch den Kopf geht und in mein Tagebuch soll, muss ich mir merken. Ich kann ja schließlich nicht ständig stehen bleiben und mir jeden Gedanken aufschreiben. Das trainiert das Gehirn, Wichtiges zu behalten und Unwichtiges sofort wieder zu verwerfen.

Natürlich stellt sich auf einem Pilgerweg auch immer wieder die Frage nach Gott und existiert, ein alles ordnendes Wesen. Ich habe dazu Antworten auf meinem Weg durch Nordspanien gefunden. Ich werde darüber tatsächlich, wenn ich denn mal die Po Ebene erreicht habe, weiter nachdenken.

Es sind demnach vier Gründe, die mich hier raus in die Berge getrieben haben: (1) die Herausforderung, (2) sich auf das wesentliche zu reduzieren, (3) die Reise ins eigene ich und (4) die Frage nach Gott und damit nach der eigenen Verantwortung, dem Streben nach Glück und natürlich dem Umgang mit anderen Menschen.

So Schluss damit. Jetzt gehört meine Aufmerksamkeit den vor mir liegenden körperlichen Herausforderungen und die Auseinandersetzung mit den Naturgewalten. Es hat gestern und heute wieder auf dem Berg geschneit und ich muss mich mit dem Gedanken vertraut machen, dass ich durch hochalpines Gelände bei Schnee wandern muss, obwohl ich nur bedingt dafür ausgerüstet bin.

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