Tag 39: 20.06.17

 

Dass ich vom Weg abgewichen bin und mir es habe am Lago di Bolsena gut gehen lassen, muss ich heute Morgen büßen. Zwölf Kilometer auf einer stark befahrenen Straße sind zermürbend. Dann bin endlich zurück auf der Via Francigena. Das ist allerdings auch nicht viel besser, da ich nun Staub ohne Ende schlucken darf. Bis ich in Viterbo ankomme, habe ich vom Sand graue Haare, ok die hatte ich auch vorher schon.

Beim Einlaufen nach Viterbo, treffe ich auf ein Pilgerpärchen aus Frankreich, das ich schon gestern einmal überholt hatte. Sie hat gigantische Schuhe an und er trägt einen über dimensionalen Rucksack – btw. mein Rucksack ist nur halb so voll wie ihrer. Mit dem Equipment würde ich auch nicht vorwärts kommen. Obwohl es erst kurz nach zwölf ist, hat sie die Nase voll und will unbedingt in Viterbo übernachten. Ich bin mir noch nicht sicher, was ich mache. Ich bin bereits 23 Kilometer gelaufen, fühle mich dennoch fit für ein paar weitere Kilometer.

So schaue ich mir erst einmal die Stadt an. Trotz Bischofsitz und einer Kathedrale wirkt die Stadt und vor allem die kirchlichen Bauten herunter gekommen. Es ist alles geschlossen, so dass ich noch nicht einmal in die Kathedrale kann: ungewöhnlich üblicherweise sind die Kirchen und vor allem die Kathedralen in den bedeutenderen Orten immer geöffnet. Mir gefällt es hier nicht.

Ich suche mir eine Bar und mache Pläne für den restlichen Tag. Die nächste offizielle Station ist Vetralla weitere gut 16 Kilometer entfernt. Das scheint mir doch ein bisschen weit. So suche ich eine Unterkunft vor Vetralla. Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Ich buche letztlich ein kleines Hotel mit Restaurant, das auf einem großen Grundstück vor den Toren Vetrallas gelegen ist.

So nun muss ich los, das wird noch hart. Der Weg ist erstaunlich schön. Ich laufe durch Schluchten von Sandsteinen. Das ist beeindruckend! Später geht es auf Wirtschaftswegen durch unendliche Felder mit Olivenbäumen und so mancherlei anderem „Kraut“.

Nach gut 38 Kilometern habe ich es geschafft. Die letzten beiden davon waren, ich gebe es gerne zu, eine Quälerei. Ich hoffe, ich habe mir nicht wieder neue Blasen gelaufen, die vorhandenen reichen mir.

Ich setze mich noch, völlig erschöpft, eine gute Stunde in den Garten und mache Pläne für den restlichen Weg. Es sind jetzt noch knapp 90 Kilometer. Bis Vatikan-Stadt. Am liebsten wäre mir eine Aufteilung von zweimal 35 und zum Abschluss noch einmal 20 Kilometer. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich morgen wirklich 35 Kilometer bewältigen kann.

So nun ist es spät genug. Ich muss dringend etwas essen. Alle anderen Hotelgäste sind schon im Restaurant. Irgendwie geht es gar nicht vorwärts. Ich bekomme nichts zu trinken und nicht mal die Karte. Dann geht es Schlag auf Schlag: Wasser kommt, Wein kommt in Karaffen sowohl weiß als auch rot – ungefragt. Eine Karte gibt es nicht, die Bedienung erklärt mir, es gibt ein Menü und ich darf wählen bei der Vorspeise zwischen einer Fisch- und einer Fleisch-Pasta und beim Hauptgericht zwischen Kaninchen und Forelle. Würde sie weniger schnell sprechen, hätte ich es deutlich einfacher, sie zu verstehen. Ich wähle, nach dem ihre Worte mein Gehirn und nicht ausschließlich mein Gehör erreicht haben, jeweils die Fisch Variante. Da alle im Restaurant gleichzeitig ihr Essen bekommen, steht die Vorspeise, kaum habe ich meine Wahl getroffen, auf dem Tisch. Mit der Hauptspeise dauert es dann eine Weile und ich muss aufpassen, nicht die Karaffe Weißwein auszutrinken. Tue ich das, bin ich morgen lahm wie eine Ente und werde meine Ziele nie erreichen.

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