Tag 37: 18.06.17

 

Der Wind, der gestern Nachmittag auf kam, bläst immer noch kräftig. Er nimmt an Stärke über den Tag hinweg weiter zu. Das ist sehr angenehm. So spüre ich die alles verglühende Sonne kaum. Es ist ein wunderschöner Wandertag.

Nach einer Stunde überquere ich einen namenlosen Fluss und ich bin im Lazio. Die letzte Provinz auf meiner Pilgerfahrt. Ich habe in den vergangenen sechs Wochen eine Reihe von Provinzen durchquert: Wallis, Aostatal, Piemont, Lombardei, Emilia Romana, Ligurien, Toskana und nun zum Abschluss Lazio. Rom ich komme!

Ohne Mühen erreiche ich nach zwanzig Kilometer Acquapendente. Ich fühle mich super gut und lege noch einmal gut zehn Kilometer nach und komme so bis nach San Lorenzo Nuovo. Von hier kann ich bereits den Lago di Bolsena sehe. Für morgen nehme ich mir vor, ein wenig vom offiziellen Weg abzuweichen und am Seeufer entlang zu wandern, um am Südende des Sees zu übernachten.

Ich habe fast das Gefühl auf dem Camino Frances in Nordspanien zu sein. Seit ich das Lazio erreicht habe, werden die Pilger umworben. Bars sind auf Rande des Weges aufgebaut und so heißt meine Pension bezeichnenderweise La Francigena.

Die Landschaft ist im Moment von Feldern mit Getreide, Gemüse und Sonnenblumen gekennzeichnet. Die meisten Getreidefelder sind bereits abgeerntet und ich könnte mir vorstellen, dass man noch eine zweite Ernte im Jahr einfahren könnte. Die Gemüsefelder werden intensiv bewässert. Am Rande der Wege gibt es in regelmäßigen Abständen kleine Häuschen mit Pumpstationen, an die über lange Schläuche dezentrale Bewässerungsanlagen angeschlossen sind. Ich muss aufpassen, nicht von den weitreichenden Wassersprühern erfasst zu werden. Der Wasserdruck dieser Sprühköpfe ist enorm.

Das viele Wasser scheint die Mücken anzulocken. Ich werde von Mücken über viele Kilometer begleitet. Zumindest habe ich das Gefühl, es sind immer die selben Viecher, die mich piesacken. Die Vampire stechen und saugen mich aus. Trotz langer Hose habe ich Stiche an den Unterschenkel und sogar im Gesicht. Die sind wohl wahnsinnig geworden.

Acquapendente ist ein altes Städtchen auf einem Hügel, wie ich sie in den letzten Tagen oft gesehen habe, mit dem Unterschied, dass alte Bausubstanz in der Vergangenheit vernichtet und durch neue ersetzt wurde. Das macht die Stadt weniger attraktiv als zum Beispiel Castiglione d’Orcia. Leider war der Dom verschlossen, so dass ich keinen Eindruck gewinnen konnte.

San Lorenzo Nuovo ist zwar nicht neu, wie der Name vermuten ließe, wurde aber doch erst zur Zeit der Französischen Revolution am Reisbrett entworfen und aufgebaut, nachdem im Vorgängerort eine Malariaepedemie ausgebrochen und der größte Teile der Bevölkerung von der Seuche dahingerafft worden war. Dann will ich mal hoffen, dass die Mücken von heute keine Malariaüberträger sind.

Die Straße vom Rathaus hoch zur Kirche ist mit Garfiken und Bildern aus farbigen Sand dekoriert. Das sieht einfach klasse aus. Die Kirche ist sehr schlicht. Zur Erinnerung an den alten Ort, ist dieser dort als Modell – ich denke auch aus Sand – aufgebaut.

Das La Francigena ist eine einfache Herberge bestehend aus zwei kleinen Häusern. In dem einen Haus sind vier Zimmer eingerichtet und in dem anderen ein kleines Restaurant mit einem etwas verwahrlosten Garten, der trotz allem viel Charme versprüht. Hier sitze ich nun in Badehose und lasse den Tag Revue passieren. Wenn ich aufstehe und mich strecke, kann ich den Lago die Bolsena sehen.

Tage wie heute sind traumhaft!

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