Tag 35: 16.06.17

 

Buonconvento schläft noch, als ich den Ort verlasse. Alles ist feucht vom gestrigen Regen. Von den Wiesenwegen werden meine Schuhe feucht. Ich bin froh, dass sie mit einer Goretex Membran abgedichtet sind und meine Socken nur stellenweise Feuchtigkeit aufnehmen. Meine Hose hingegen ist binnen fünf Minuten nass von den Halmen, die bereitwillig jeden Wassertropfen, der nach dem Regen nicht herunter fallen konnte, an mich abzugeben und meine Hose nimmt sie dankbar auf. Die Sonne trocknet die Wege schnell ab, so dass die Luftfeuchtigkeit sehr hoch ist. Ich komme mir vor wie in einem Dampfbad. Vorteil ist, die „weißen“ Straßen sind nicht so staubig.

Nach knapp fünfzehn Kilometern erreiche ich Torrenieri. Ein kleiner Ort, der von der Ferne beeindruckender aussieht als er tatsächlich ist. Mir reicht eine Bar, um meine Schuhe in der Sonne trocknen zu lassen und in aller Ruhe zu frühstücken. Nach weiteren acht Kilometern bin ich in San Quirico d’Orcia. San Quirico ist dann schon deutlich beeindruckender. Eine Stadt mit langer Tradition und ein ewiger Zankapfel zwischen Siena und Florenz. Am Ende haben die Medici obsiegt und die Stadt ausgebaut. Die Innenstadt ist weitgehend noch so erhalten wie die Florentiner sie gestaltet haben. Markant ist die Parkanlage im Zentrum von San Quirico. Das lädt zum Pausieren ein.

Nun mache ich mich auf zu meinem Etappenziel, das mich weitere zehn Kilometer nach Süden bringt. Zum Teil geht es steil bergauf und -ab. Schon den ganzen Tag laufe ich durch schönste Landschaften, die vom Weinbau geprägt sind. Entsprechend komme ich an vielen größeren und kleineren Weingütern vorbei, die alle Weinverkostungen anbieten – leider nichts für mich. Es gibt auch die eine oder andere Käserei.

Dass nicht nur San Quirico sondern auch andere Orte des d’Orcia Gebietes heiss umkämpft waren, ist an den Aussichtstürmen, Wehrdörfern und Burgen, die hoch oben auf den Bergen thronen, gut zu erkennen. Gefühlt in Mitten des Nichts komme ich durch ein Dörfchen, das den Eindruck vermittelt, dass sich außer der Elektrifizierung nichts seit dem Mittelalter geändert hat. Von hier kann ich im Norden Quirico und im Süden auf noch einen höheren Berg, Castiglione d’Orcia, gut sehen.

Nach Castiglione will ich, dort ist mein B&B. Nur muss ich von dem 45 Seelendorf ca. 300 Höhenmeter runter an den Fluss durch das „mondäne“ Bagno Vignoni. Die Preise der Hotels sind zumindest stolz. So stolz, dass ich einen Kurort, wie man sie aus Deutschland kennt, erwarte. Außer einem sehr großen Parkplatz am Ortsrand, kann ich nichts großartiges erkennen.

Nach der Überquerung des Orcias muss ich die 300 Höhenmeter, plus ein paar Meter zusätzlich, nach Castiglione wieder hoch. Die Wege führen durch liebliche Landschaften. Nur so richtig genießen kann ich das nicht. Die Sonne brennt auf mich nieder und treibt jeden Tropfen Flüssigkeit über die Haut aus meinem Körper. Gut dass ich in Bagni Vignoni meine beiden Wasserflaschen aufgefüllt habe. Bis ich in Castiglione ankomme, sind beide Flaschen leer.

Auch hier ist die Zeit stehen geblieben. Kleine Gassen, die steil den Berg hoch führen, und mit Steinen ausgelegte Straßen kennzeichnen den Ort. So eng wie die Gassen angelegt sind, so klein sind auch die Geschäfte. Manche der Geschäfte haben nur eine Tür und keine Schaufenster, da dafür kein Platz ist bzw. die Bausubstanz solche nicht zulässt. Trotz allem sind die Geschäfte gut besucht, Kinder spielen auf der Straße bis spät in die Nacht und die Erwachsenen sitzen in Gruppen vor ihren Häusern, unterhalten sich und schauen den Kindern zu. Nur die Häuser sind alt, die Stadt ist jung und lebhaft.

Mein Zimmer ist Teil einer Wohnung. Es gibt noch ein weiteres Zimmer, das aber nicht vermietet zu sein scheint. Zur Wohnung gehört ein kleiner Wohnraum und eine Küche mit einigen kleinen Tischen. Vor der Wohnung ist ein Hof, in dem es Sitzmöglichkeiten gibt. Pflanzen zieren den Hof, so dass es angenehm ist, draußen zu verweilen.

Gäbe es nicht die vielen Autos, so hätte ich heute den Eindruck gewinnen können, in einer Zeitmaschine ins Mittelalter gereist zu sein. Ich könnte mir vorstellen, dass der Erzbischof von Canterbury, Sigeric, auf seiner Pilgerfahrt vor gut Tausend Jahren kaum anderes gesehen hat als ich. So macht pilgern einfach Spaß und ich spüre deutlich weniger all meine Blessuren, die mich selbstverständlich auch weiter jeden Tag begleiten.

Gut 33 Kilometer und über Tausend Höhenmeter habe ich bei Sonnenschein von der ersten bis zur letzten Minute bewältigt. Nur als ich den Ort am frühen Abend eingehend besichtige, donnert es im Hintergrund und es fallen einige wenige dafür richtig dicke fette Tropfen.

Jetzt sitze ich in einer Trattoria die von einem älteren Ehepaar – sicher etwas jünger als ich – geführt wird. Er ist ist ein lustiger Vogel und macht mit mir seine Späße, die ich natürlich nicht verstehe. Sie unterhalten aber bestens die beiden anderen Tisch. Ich vermute, er macht eher über mich Scherze, das ist auch in Ordnung. Wir verstehen uns gut, da er ausschließlich Italienisch spricht und er weiß, dass ich oft eine Idee davon habe, was er so redet. Eins hat er definitiv verstanden, ich lege auf gutes Essen wert. Das freut ihn; seiner Frau ist das egal. Sie ist mürrisch und bleibt es den ganzen Abend über. Ich gönne mir die Trattoria, da ich die 1.000 Kilometermarke geknackt habe. Laufe ich keine Umwege mehr, sind es noch 235 Kilometer bis zum Petersdom. Ende nächster Woche bin ich beim Papst! Na ja, in seiner Stadt!

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