Tag 34: 15.06.17

 

Der Wecker klingt wie immer um 06:00 Uhr. Nur er will nicht aufhören, bis mir klar wird, es ist gar nicht mein Wecker; Regen trommelt auf das Dach. Jetzt bin ich hell wach. Auf der oberen Ebene habe ich die Fenster weit geöffnet. Ich springe aus dem Bett und eile nach oben. Puh, es kann gerade erst angefangen haben zu regnen, nichts ist nass. Eine einzelne dunkle Regenwolke hängt über Siena.

Ich beschließe noch etwas zu ruhen. Solange es regnet, habe ich keine Lust aufs Pilgern. Um halb acht ist es so weit, die Regenwolke ist weg und die Sonne scheint wieder grell auf die Stadt. Ich muss beim Gehen höllisch aufpassen. Die ausgetreten Steine der alten Straßen sind glitschig: besonders die steil bergab gehenden Straßen sind gefährlich.

Es dauert keine halbe Stunde und alle Wege sind wieder trocken und so staubig als hätte es keinen Regen gegeben. Straßen asphaltiert oder als staubige Schotterpisten prägen den Weg. Ein Führer schreibt über diese Etappe: „if you undertake this itinerary on a sunny day, it can be unforgettable thanks to unlimited views visible from the crest of Val d’Arbia, following never-ending white streets.“ Das wirkt geradezu zynisch. Auf den „weißen“ Straßen donnern Autos entlang, als ginge es darum die Rallye Montecarlo zu gewinnen. Die Feinstaubbelastung ist um ein Vielfaches höher als in Beijing im Winter und das liegt nicht daran was hinten aus dem Auspuff der Autos heraus kommt. Die Vegetation hat die Farbe der Straße angenommen und ich sehe auch nicht anders aus. Ich laufe fortan in der Mitte der Straße: verlangsamen die Fahrzeuge ihre Geschwindigkeit, so gehe ich zeitig zur Seite, wenn nicht, bleibe ich in der Mitte, bis auch der rücksichtsloseste Fahrer fast zum Stillstand gekommen ist. Das handelt mir den Kontakt mit der Polizei ein. Auch die rasen die Staubpisten entlang, als gälte es Schwerverbrecher zu jagen, obwohl sie vermutlich nur auf dem Weg zu einem Café sind. Das Polizeiauto hält an. Eine Polizistin und ein Polizist steigen aus. Sie redet auf mich ein, bis ich ihr sage: „Scusa, io non parlo italiano!“ Die beiden schauen sich an, schütteln den Kopf und steigen wieder ein, während er versucht, mir mit Zeichensprache zu verstehen zu geben, ich soll gefälligst auf der Seite gehen. Ich nutze ebenfalls Zeichensprache und Englisch, dass sie gefälligst langsam fahren und Rücksicht nehmen sollen. Damit haben wir unsere Meinungen ausgetauscht, keiner hat den anderen wirklich verstanden und beide machen wir weiter, was wir wollen. Kein gutes Ergebnis. Was mich über egoistisches Verhalten nachdenken lässt. Um ehrlich zu sein, wüsste ich nicht, wie ich mich, in einem Auto sitzend, verhalten würde.

Die Landschaft ist tatsächlich auch heute wieder traumhaft schön. Ich hoffe, die folgenden Bilder können einen Eindruck vermitteln, was mich so sehr beeindruckt.

Was für tolle unterschiedliche erdige Färbtöne es gibt …

… Getreidefelder mit erntereifen und noch unreifen Feldern …

… ich liebe diese lose angeordneten Zypressen entlang der Wege …

… das sind tatsächlich zwei Reihe von Zypressen und keine Spiegelung …

… mini Sonnenblumen; eine freche entscheidet sich für frühreife …

… dazu muss ich einfach Dire Straits Telegraph Road hören …

… da hat sich mal jemand Mühe gemacht, den Pilgerwege schön anzulegen!

Nach etwa eineinhalb Stunden Marsch treffe ich auf meine Pilgerfreunde, das Pärchen aus Italien/Deutschland. Sie kann auf ihren strammen Beinen schon seit langem nicht mehr gut laufen und ihm geht es seit gestern arg schlecht. Große Blasen und eine Sehnenentzündung im linken Fuß machen ihm zu schaffen. Er war gestern beim Arzt, weil er sich gar nicht gut fühlte. Sie sind bereits um fünf heute morgen gestartet. Die beiden werden noch ihren Spaß haben, wenn sie in dem Tempo weiter laufen. Sein Rucksack ist natürlich auch viel zu schwer. Er hatte mich die Tage schon gefragt, was mein Rucksack wiegt, da er so leer aus sehe. Ich gebe ihm erneut den Rat, sich zu überlegen, was er wirklich benötigt, um in Rom anzukommen. Mein Rat kommt aber nicht wirklich an. Da habe ich schon wieder mein Problem mit der Kommunikation.

Viele Orte gibt es heute wenige: erst nach fast fünfzehn Kilometern kommt die erste Bar nach dem ich Siena verlassen habe. mein Magen hängt in mir in den Knien. Ich mache eine ausgiebige Pause. Am Nachbartisch spielt sich ein Drama ab. Eine junge Frau heult sich die Seele aus dem Leib. Drei Freundinnen reden auf sie ein. Mit einer der Freundinnen unterhalte ich mich später. Sie erzählt mir, dass die so aufgelöste Frau von ihrem Freund just heute Morgen sitzen gelassen worden ist, nachdem sie ihm gestern Abend freudig erzählt hat, sie sei schwanger. Man muss nur in Bars gehen und schon nimmt man am Leben anderer Teil. Was noch toll daran ist: es gibt keine Kommunikationsschwierigkeiten. Bars in Italien sind einfach toll.

Nach weiteren gut zehn Kilometern komme ich nach Ponte d’Arbia. Hier lege ich einen weiteren Boxenstop ein. Die Bar hat eine tolle Terrasse und wie ich das vom Camino Frances kenne, macht die Bar auf der Via Francigena auf sich aufmerksam. Der Wirt ist eine echte Type und kommt immer mal wieder bei mir vor bei und sein wichtigstes Wort bzw. Message ist: tranquilla. Obwohl ich nur noch fünf Kilometer vor mir habe, kann ich mich nicht aufraffen weiter zu wandern. Ich habe mich an dem Wirt infiziert und mit Tranquilla angesteckt. Als dunkle Wolken aufziehen, werde ich nervös. Jetzt sollte ich mich aber mal sputen sonst werde ich noch nass.

Nun sause ich geradezu nach Buonconvento. Ein sehr schöner kleiner Ort. Eine Fronleichnamsprozessionen, wie sie die Vermieterin von gestern vermutet hatte, gibt es nicht. Dafür aber ein heftiges Gewitter, das keine fünf Minuten nach meiner Ankunft im Hotel, los geht, erst mit etwas Regen dann mit Blitz und Donner. Mehrfach fällt der Strom aus. Weltuntergangsstimmung! Nach knapp drei Stunden ist der Spuk vorbei und die Sonne scheint wieder. Die Natur ist ein fantastisches Wesen: ich fühle mich wohl und voller Energie. Während es noch leicht regnet, gehe ich raus. Den Geruch nach einem Regen auf staubigen Grund, liebe ich. Der Geruch bedeutet zugleich Reinigung und neues Leben. Ich habe das Gefühl Gott nahe zu sein bzw. der Kraft, die dieser Welt ihre Spielregeln gegeben hat und in uns wohnt, der wir viel zu selten erlauben, uns zu leiten. Was ich sagen will, wir lassen viel zu selten zu, dass wir sie erkennen und uns ihr zu Nutze mache.

Knapp über 30 Kilometer bei extrem langen Pausen haben mich nach Buonconvento gebracht, einem Städtchen, das auch in der Nacht weiß, ihren Charme zu versprühen.

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