Tag 31: 12.06.17

 

Kaum bin ich los gelaufen, schon treffe ich auf das Pilgerpärchen von gestern. Er hat definitiv großen Gesprächsbedarf. Also gehe ich die nächsten fünf Kilometer mit ihm. Sie hinkt ständig hinter uns her, obwohl wir gerade zu schleichen. Dann kann ich das Getrödel nicht länger aushalten und verabschiede mich, wissend, dass ich die beiden in Gambassi Terme wieder treffe, während ich ausgiebig frühstücken werde.

Nach zwölf Kilometern ist es so weit, Ich Mühe mich den Berg hinauf nach Gambassi. Hungrig suche ich nicht lange nach der schönsten Bar, ich nehme die erste. Auch wenn ich auf dem Camino Frances im letzten Jahr gelernt habe, dass die zweite Bar immer die beste ist. Wie ich später feststellen muss, ist dies auch in Gambassi der Fall. Der Hunger lässt aber keinen weiteren Aufschub zu und schlecht ist es hier auch nicht.

Nachdem ich ein Panini, ein Croissant und zwei Cappuccini gegessen und getrunken habe, kommen erwartungsgemäß meine beiden „Pilgerfreunde“ herein geschneit. Da ich gerade konzentriert die Zeitung lese, bekomme ich das nicht mit. Aber der Italiener sucht nicht nur das Gespräch sondern auch Körperkontakt. Er nimmt mich in den Arm und lässt sich neben mich auf den Stuhl fallen. Nur sie beordert ihn an einen anderen Tisch. Die hat einen Schuss. Ich nehme ihr schon ihren Begleiter nicht weg. Ich stehe einfach nicht auf Männer.

Ich trinke noch eine Fanta und schlafe am Tisch ein. Es war mir gar nicht klar, dass ich schon wieder müde bin. Nach einer halben Stunde wache ich auf, bezahle und verabschiede mich auch wenn ich vermute die beiden in San Gimignano wieder zu sehen, da das auch ihr Ziel ist.

Da ich recht lange pausiert habe, ist es wieder richtig schön warm und die Sonne kündigt an, dass Sie mich ordentlich in die Mangel zu nehmen gedenkt. Ich fürchte, dass ich keinen Rastplatz mehr bis San Gimignano finden werde. Es ist allerdings auch nicht mehr ganz so weit: meine App sagt 14 Kilometer. Daraus werden am Ende allerdings 16. Die App scheint immer die Abkürzungen zu kalkulieren, die ich heute aber nicht nehme, da ich dann nicht an dem Kloster de Bosse (Pieve di Santa Maria Assunta a Cellole) vorbei käme. Bevor ich dorthin komme, mache ich In einem Hotel am Wegesrand noch eine Pause. Ich trinke einen Liter kaltes Wasser und ein Glas Orangensaft. Das bringt mich wieder aufTouren und ich kann froh gelaunt den Weg zum Kloster wandern, was nicht nur zwei Kilometer Umweg bedeutet sondern auch noch zusätzlich 120 Höhenmeter.

Die Kirche des Kloster beeindruckt innen von einer unglaublichen Schlichtheit. Ich muss mich erst mal auf eine der Bänke setzen, um diese Elganz, die durch ihre Einfachtheit entsteht, auf mich wirken zu lassen. Danach gehe ich in den Shop, in dem die Mönche Souvenirs verkaufen und lasse mir einen Stempel für meinen Pilgerpass geben. Ich unterhalte mich noch etwas mit einem der Mönche, dem aufgefallen ist, dass ich eine Weile in der Kirche gesessen bin. Er freut sich sichtlich, dass mir die Kirche so ausnehmend gut gefällt, so dass ich von ihm über das kleine Klostergelände geführt werde. Er ist von dem Anwesen begeistert. Die Lage ist ausnehmend schön mit Blick auf San Gimignano, der Rest ist eher funktional. Trotzdem freue ich mich, dass sich der Mönch für mich Zeit genommen hat.

Dann gehe ich die letzten vier Kilometer nach San Gimignano. Natürlich bin ich von der Hitze erschöpft, trotzdem fühle ich mich heute richtig wohl. Seit langem habe ich keine Schmerzen in den Füßen, was meinem Wohlbefinden sichtlich gut tut. Obwohl es heute noch einmal heißer war als gestern, hat die Sonne mich nicht ganz so arg ausgelaugt.

Ich passiere das Stadttor San Matteo und finde nach kurzem meine Vermieterin, die mich in eine Wohnung führt, die tatsächlich direkt mit einem der Türme verbunden ist, für die der Ort so berühmt ist (La Torre Nomipesciolini). Ich habe in mehrere Richtungen Aussicht: einmal in die Stadt auf die Unmengen an Touristen aus aller Welt und einmal nach Norden in die Ebene, wo das berühmte Weingut Teruzzi & Puthod liegt.

Nach einem kurzen Mittagsschlaf und der obligatorischen Dusche besichtigt ich diesen einmaligen Ort. Mir stellt sich die Frage, wie haben die Menschen hier gelebt, als sich noch keine Touristenmassen durch die Stadt geschoben haben.

Zum Abendessen finde ich eine kleine Osteria, die meine Lieblingsgerichte aus der Toskana zubereitet und einen Vernaccia, der im Eichenfass greift ist, auf der Karte stehen hat. Hier esse ich nun zu Abend.

So nun muss ich bezahlen. Ich bin der letzte Gast und die Wirtsleute möchten offensichtlich ihr Restaurant schließen. Ich kann mich nur nicht so richtig aufraffen, da es mir eine Freude ist, meinen Bericht zu schreiben und ich das Glas Wein austrinken möchte. Verjagt werde ich nicht, da dem Wirt sichtlich die Wahl meiner Gerichte und des Weines gefallen hat: das hat er zumindest mehr als einmal zum Ausdruck gebracht. Da ich beim Bezahlen meine Zufriedenheit deutlich bekunde, werde ich noch seiner Frau, die für die Vorspeisen zuständig ist, und seiner Tochter, die die Hauptgerichte zubereitet, vorgestellt.

Die Straßen sind noch immer belebt. Chinesen sehe ich definitiv keine mehr und auch Deutsch ist nicht mehr die vorherrschende Sprache; das italienische dominiert. So komme ich zurück in meine Wohnung und schaue noch eine Weile aus dem Fenster auf die Straßen der Stadt. Sollte tatsächlich jemand noch nicht in San Gimignano gewesen sein, dann ist das kaum zu entschuldigen und muss unbedingt in Angriff genommen werden.

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