Tag 30: 11.06.17

 

Ein einziger Traum! Ich wandere durch die hügelige Landschaft der Toskana und erreiche das Chianti Gebiet. Die Natur hat sich viel Mühe bei der Gestaltung dieser einzigartigen Gegend gegeben und.die Menschen sind sorgfältig mit ihr umgegangen.

Jetzt sitze ich am Pool des Agriturismo, in dem ich ein Apartment gemietet habe und direkt an der Via Francigena gelegen ist. Von meinem Liegestuhl schaue ich über den Pool hinweg auf Montaione, das Luftlinie etwa sechs vielleicht auch sieben Kilometer entfernt sein dürfte. Ich habe überlegt, ob ich den Umweg über Montaione nehmen soll, um in San Vivaldo morgen Abend in der dortigen Osteria bei Andrea zu dinieren. Ich habe mich dagegen entschieden, da ich einen ganzen Tag verlöre. Also ist mein morgiges Ziel San Gimignano. Dort werde ich sicher auch ein Restaurant finden, das die typischen Toskanischen Gerichte zubereitet.

Zurück zu heute. Um Punkt sieben Uhr starte ich und komme zunächst nach Fucecchio, das auf einem Hügel liegt und einen gut erhaltenen Ortskern besitzt. Dort lege ich meine erste Pause ein. Panini gibt es um diese Uhrzeit leider noch nicht aber frische süße Teilchen. Die sind so lecker, dass ich gleich zwei esse. Kaum habe ich aufgegessen, kommen zwei Pilger ein Italiener und eine Deutsche, die ich heute Morgen kurz nach meinem Start schon getroffen hatte, herein. Der Italiener freut sich und setzt sich zu mir. Ihr scheint das nicht recht zu sein. Mit ihm hatte ich mich schon auf dem Weg unterhalten, sie trödelte so sehr, dass ich mich nach wenigen Minuten verabschiedet hatte. Auch jetzt bleibe ich nicht mehr lange und ziehe von dannen.

In der Bar in Fucecchio habe ich auf booking.com gecheckt, welche Möglichkeiten zu übernachten ich habe. Von der Lage und Entfernung bietet sich nur ein Agriturismo an, das leider recht teuer ist. Auch gibt es weit und breit kein Restaurant. Also verschiebe ich die Entscheidung, denn ich müsste ein am Sonntag geöffneten Supermarkt finden und mein Abendessen mitbringen.

So gehe ich weiter nach San Miniato. Nachdem ich die Autobahn unterquert habe, komme ich an einem großen Supermarkt vorbei. Ich kaufe etwas Obst, eine Wurst und ein Stück Käse für heute Abend. Um meinen Rucksack ordentlich schwer zu machen, packe ich noch eine Flasche Saft ein.

Jetzt muss ich auf schmalen und zugewucherten Wegen den Berg erklimmen. San Miniato überwältigt mich. Hoch oben auf einem Berg liegt die Stadt. Etwas östlich befindet sich eine Anlage mit dem Dom als Zentrum und nordwestlich davon die Wohnhäuser auf einem Bergkamm. Die Anlage rund um den Dom ist beeindruckend mit einer atemraubenden Sicht in quasi alle vier Himmelsrichtungen. In den Dom kann ich leider nicht, da gerade eine Messe gelesen wird.

Dafür lege ich eine weitere Pause ein, um mich für den Rest des Weges zu stärken. Der Blick von der Terrasse der Bar ist auch nicht schlecht. Nun muss ich mich aber entscheiden, wo ich nächtigen werde. Ein Restaurant brauche ich nicht mehr. Das bedeutet, ich brauche weder im Umkreis von San Miniato bleiben noch muss ich bis nach Castelfiorentino, was auch noch fern ab des Weges liegt, oder gar nach Gambassi Terme, was eine Tagesleistung von über 40 Kilometer bedeutete. Denn zwischen San Miniato und Gambassi Terme gibt es keinen Ort und somit auch keine Bars, Restaurants oder Osterias. Da ich nun solange gewartet habe, ist so wie so nur noch das Agriturismo, das ich bereits zu vor in Erwägung gezogen habe frei. Also buche ich es nun.

Als ich meine Schuhe wieder anziehe, kommt mein Pilgerpärchen erschöpft herein. Also bleibe ich noch etwas, da der Italiener sofort auf mich zugestürmt kommt..Sie bleibt weiter mürrisch. Die beiden bestellen erst einmal ein großes Bier. Da sie Durst haben gleich noch ein zweites. Ich frage nach ihrem Tagesziel und bin erstaunt, dass sie noch zehn Kilometer vor sich haben. Würde ich jetzt ein Bier trinken, müsste ich in San Miniato bleiben. Nun lasse ich die beiden allein.

Was mir nicht so klar ist, dass sich die einzelnen Wegabschnitte am Ende wieder auf 32 Kilometer aufsummieren. Das hört sich nicht viel an aber bei der Hitze, die heute herrscht, ist das verdammt weit. Vor allem die letzten acht Kilometer haben es in sich. Gnadenlos grillt mich die Sonne. Mein Gehirn kommt, so scheint es mir, in einen Schnellkochtopf, um es förmlich zu verdampfen. Mehr und mehr werde ich zu einer reinen Laufmaschine. Ich sehe nichts mehr – nur noch Weg. Mit wenig Erfolg ermahne ich mich, die Schönheit der Umgebung zu genießen. Ich nehme mir vor, so konzentriert zu bleiben, dass ich nicht an meinem Bauernhof vorbei laufe. Mittlerweile habe ich das komplette Wasser getrunken. Geschmeckt hat die heisse Brühe nicht sie hat mir aber so viel Restkraft gegeben, dass meine Beine und Füsse ihren Dienst ordentlich verrichten.

Um kurz nach vier sehe ich das Agroturismo. Zu meinem Entsetzen gibt es von der Via Francigena keinen Zugang nur ein verschlossenes Tor. Was tun? Ich kann zwei Kilometer zurück und über eine offizielle Straße gehen, was nach der Karten App weitere 2,8 Kilometer bedeutet. No way! Also Rucksack ausziehen, über das Tor werfen und drüber klettern. Das ist gar nicht so einfach, denn es ist bestimmt zwei Meter hoch. Die Zaunanlage ist nicht minder hoch allerdings nicht formstabil. Im dritten Anlauf komme ich hoch und unverletzt auf der anderen Seite wieder runter.

Nach einigem Suchen finde ich zwei junge Männer, die die Ferienanlage, denn ein Bauernhof ist das schon lange nicht mehr, betreiben. Sie sind amüsiert, dass ich alleine ein Apartment mit zwei Schlafzimmern gemietet habe, was kleineres haben sie nur nicht frei. Schnell ist klar, ich bin ein Pilger und sie sind erstaunt, dass ich bei diesem Wetter so weit gelaufen bin. Froh sind sie, dass ich heraus gefunden habe, dass das Vorhängeschloss des Tors auch ohne Schlüssel geöffnet werden kann. Ehrlich wie ich bin, erzähle ich natürlich, dass ich über das Tor geklettert bin. Wir lachen zusammen über meine Ungeschicklichkeit und so entwickelt sich eine nette Unterhaltung.

Nach dem ich mich etwas erholt und geduscht habe, will ich an den Pool. Vorher bekomme ich aber von den beiden Jungs einen Prosecco angeboten und sie wären bereit mir eine Pasta zu kochen. Das lehne ich ab, schließlich will ich die Lebensmittel nicht umsonst über zwanzig Kilometer getragen haben.

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