Tag 29: 10.06.17

 

Gestern bin ich wieder nach Lucca gereist. Da ich schon am Nachmittag zurück war, habe ich die Gelegenheit wahrgenommen und habe mich durch die Stadt treiben lassen. Sie ist traumhaft schön und unglaublich lebendig.

Heute morgen bin ich bereits um kurz nach sieben los, da ich die kühleren Morgenstunden ausnutzen will. Ich ziehe meine neuen Schuhe und Socken an: ich habe die Chance in Heidelberg genutzt und habe mir neue dünnere Wandersocken gekauft. Meine Adidas sind damit etwas zu groß, so dass ich auf Meindl Schuhe umgestiegen bin. Sie bieten mehr Raum für die Zehen und fassen die Fersen gut ein. Ich hoffe, so das Risiko auf neue Blasen zu senken. Apropos Blasen: die sechs Tage Pause haben meinen Füßen gut getan. Alle Blasen sind weitgehend abgeheilt. Natürlich ist die neue Haut noch sehr empfindlich, so dass ich sie schützen muss. Ich habe eine ganze Tüte voll Verbandsmaterial für unterschiedlichste Anwendung mitgenommen. So bin ich nun bestens gerüstet für die letzten 400 Kilometer bis nach Rom.

Ich verlasse Lucca durch das Ost-Tor und pilgere die nächsten 20 Kilometer auf Straßen entlang von Industriegebieten und komme durch kleinere Orte bis ich Altopascio erreiche.

Altopascio hat einen sehr kleinen Stadtkern mit zwei Stadttoren nach Norden und Süden sowie einigen schönen Plätzen. Eine große Kirche fehlt natürlich auch nicht. Innen ist die Kirche deutlich kleiner als sie von außen wirkt.

Nach Altopascio kann ich endlich die Straßen verlassen und komme auf die für die Toskana typischen Wege und kann die Landschaft mit der Vegetation, die ich so liebe, in vollen Zügen genießen. Wild wachsende Kräuter verströmen einen intensiven Geruch, den ich immer mit Italien verbinde, was meinen Genuss, in der Toskana zu wandern, noch weiter steigert. Ich gebe zu, dass ich mich während meines kurzen Aufenthaltes zuhause mehr als einmal gefragt habe, ob ich wirklich meinen Weg nach Rom weiter gehen soll. Jetzt bin ich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hier gehöre ich her.

Nach wenigen Kilometern komme ich in einen kleinen Ort, Galleno. Dort mache ich in einer Bar eine Pause. Ich werde sofort als Pilger identifiziert und erhalte einen Stempel in meinen Pilgerpass. Danach werde ich aufgefordert, mich in einem Nebenraum auf einer Wand mit Namen, Herkunft, meinem Weg und dem heutigen Datum zu verewigen, was ich natürlich mache. Die Wände des Raumes sind voll von Unterschriften der Pilger, die in dieser Bar Halt gemacht haben. Wieder kann ich sehen, dass nur wenige den Weg jenseits der Alpen begonnen haben.

Als ich mich wieder auf den Weg mache, geht mir durch den Kopf, was ich in eine Gästebuch geschrieben hätte. Ich erwäge mehrere Möglichkeiten:
(1) Gott hat die Spielregeln aufgestellt. Wir – und ausschließlich wir selbst – sind verantwortlich dafür, was wir daraus machen. Niemand – auch Gott nicht – ist für unser Handeln verantwortlich.
(2) Die uns zugedachte Aufgabe ist es, andere und uns glücklich zu machen.

Zu mehr Optionen komme ich nicht, da ich mich frage, was mich selbst glücklich macht bzw. gemacht hat. Ich komme sehr schnell zu einer relativ kurzen Liste:
(a) eine Familie gegründet zu haben: mit jemanden zusammen (fast) alle Phasen des Lebens zu durchlaufen und Kinder zu selbständigen und verantwortungs-bewussten Menschen großgezogen zu haben
(b) ein Unternehmen geführt zu haben: Menschen eine Perspektive zu geben, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, mit ihnen die Erfolge auf unterschiedlichste Weise zu teilen, Fabrikanlagen zum Wohle der Kunden und ihrer Mitarbeiter zu entwerfen und zu realisieren
(c) Freunde zu haben: mit anderen Freude, manchmal auch Leid und oft gemeinsame Aktivitäten zu teilen
(d) Genießen zu können: sportliche „Abenteuer“ wie das Pilgern, Skifahren – welche eine Freude eine frische Spur durch unberührten Pulverschnee zu legen – bei kräftigem Wind zu segeln also die Schönheit und unendliche Kraft der Natur zu erleben und natürlich die Schönheit die wir mit Intelligenz und Energie erschaffen also von Kunst unabhängig ob als Buch, Gemälde, Architektur etc. aber auch essen und trinken
Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir in den Sinn, dass ich für mich Glück und Zufriedenheit in drei einfache Worte fassen könnte: kreieren, teilen, genießen. Ich bin sicher, dass im Umkehrschluss gilt: unglücklich ist, wer sinnloses verrichtet, sich egoistisch verhält und Schönheit nicht erkennt.

Mit diesen Gedanken im Kopf, die ich jetzt nicht die Zeit habe weiter auszuführen, mir aber vornehme morgen wieder aufzunehmen, schreite ich weiter durch die weite Ebene mit tiefem sandigen Boden, die der Arno erzeugt hat. Das baut meine Füße nach den vielen Kilometern auf der Straße wieder auf. So erreiche ich nach 32 Kilometern froh gelaunt „mein“ Hotel Vedute in Le Vedute, einer Siedlung, die ich noch nicht einmal Dorf nennen möchte.

Hier gefällt es mir: eine toll hergerichtete Zufahrt, schöne Zimmer, toller Garten mit Pool, ein Restaurant mit leckerem Essen und feiernde Gäste – als ich ankomme feiert eine Hochzeitsgesellschaft im Garten und am Abend kommt eine große Gruppe junger Mädels, um eine bevorstehende Hochzeit lautstark einzuläuten.

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