Tag 28: 03.06.17

 

Um 07:00 Uhr verlasse ich mein Zimmer. Hier ist nichts einladend und schmutzig wirkt auch alles. Also nichts wie weg. Trotz des Besuchs von zwei Bars bin ich bereits kurz nach zehn in Lucca, da ich den kürzesten Weg über die Berge nach Lucca wähle. Ich traue mich um die Uhrzeit noch nicht in mein Quartier, so schaue ich mir vorher eingehend die Stadt an. Vorweg: Lucca ist ein Traum.

Lucca erreiche ich über das Nordtor. Gleich nachdem ich das Stadttor passiert habe, erklimme ich die Stadtmauer, auf der ich zunächst oben entlang wandere. Auf Höhe der Basilika San Ferdiano, einem Englischen Bischhof aus dem siebten Jahrhundert, gehe ich hinunter in die Stadt und besichtige die Basilika, wo ich als Pilger keinen Eintritt zu bezahlen habe und einen Stempel in meinen Pilgerpass bekomme.

Von dort schlendere ich durch die Einkaufsstraßen, die natürlich nur Gassen sind zum Duomo di San Martino. Auch hier bekomme ich als Pilger einen Rabatt sowie Gutscheine für reduzierten Eintritt für einige der Museen von Lucca. Einen Stempel der Kathedrale lasse ich mir natürlich auch noch in meinen Pilgerpass drücken.

Ich glaube ich habe schon einmal auf meinem awe beschrieben, dass die Kirchen oft hell und freundlich sind. Das gilt sowohl für die Basilika als auch für den Duomo. Völlig anders als in Spanien sind die Kirchen nicht so überfrachtet mit Dekoration vor allem aus Gold und Silber. Hier sind es mehr Malereien, bildhauerische Arbeiten und dekorativen Fenster. Sie sind deutlich weniger protzig. Das macht sie für mich sympathischer und ansprechender. Für diesen Stil stehen bisher der Duomo in Sarzana und die beiden Kirchen in Lucca. Damit dass die Kirche in Kunst investiert und damit Künstler unterstützt hat, verleiht ihr in meinen Augen eine sehr respektable Stellung, unabhängig davon wie sie zu dem Reichtum gelangt ist und dass sie schon immer, und das gilt leider bis heute, ein stark retardierendes Moment in der Entwicklung unserer Gesellschaft darstellt. Mir wird, wenn ich darüber nachdenke und schreibe, bewusst, dass ich leider viel zu wenig weiss, welche Rolle die Kirche in Italien gespielt hat und wie sie ihre Macht in diesem Land ausgeübt hat. Ich nehme mir vor, mich diesem Thema in nächster Zeit etwas anzunehmen.

Um zwölf und mittlerweile 18 Kilometern – 2/3 meines Weges also 800 Kilometer sind bewältigt – suche ich mein Hotel, das Mitten in der Stadt liegt. Mehrfach laufe ich nach meinem Navi daran vorbei. Die Straße stimmt, trotzdem sehe ich keinen Eingang zu einem Hotel; die Restaurants heißen auch alle anders. Noch einmal checke ich die Adresse und den Namen. Jetzt suche ich gewissenhaft die Hausnummer. An der richtigen Hausnummer gibt es nur eine Haustür, sonst nichts. Dann sehe ich ein kleines Schild von vielleicht 10×10 cm mit dem Namen: Antica Residenza DellAngelo. Ok, ich scheine richtig zu sein. Dann gehe ich mal hinein. Ich muss eine steile Treppe mit hohen Stufen ins erste OG hoch klettern. Dort gibt es wieder ein kleines Schild Rezeption. Hier ist ein Minitresen aber sonst nichts. Als nach 5 Minuten noch niemand da ist, rufe ich im Hotel an. Jetzt höre ich eine Dame rufen, dass sie schon unterwegs sei. Als sie die Treppe herunter kommt, erklärt sie mir, dass ich noch nicht einchecken könne. Das ginge erst ab 15:00 Uhr. Ich sage ihr, dass ich aber jetzt schon da bin. Sie hat ein Einsehen mit mir. Die Zimmer seien noch nicht fertig. Ich könne mich umziehen und meinen Rucksack im Zimmer lassen. Um zwei habe sie mein Zimmer fertig. Das akzeptiere ich und bekomme das Zimmer direkt an der Rezeption. Es ist eine zwei Zimmerwohnung. Mit einem schönen roten, ich vermute, Backsteinboden, einer Decke aus Holzbalken, in der die Backsteine der nächsten Ebene eingelegt sind und einem fantastischen Bad gestaltet mit Mosaikfliessen und modernsten Badezimmerobjekten. Das ist super, hier fühle ich mich wohl. Erst jetzt lerne ich, es ist auch nicht wirklich ein Hotel. Die Signora vermietet ihr Haus, das vier Etagen mit je zwei Wohnungen hat. Die Vermietung übernimmt booking.com und weist es als Hotel aus, was es aber im klassischen sinne nicht stimmt. Es gibt auch keinerlei Hotelservices also kein Frühstück, kein Wäscheservice etc.

Ich ziehe mich schnell um und gehe wieder in die Stadt, damit die Seniora das Zimmer aufräumen und für mich fertig machen kann. Nun mit Flipflops an den Füßen schlappe ich durch die Stadt. Das komplette Zentrum, also alles was innerhalb der komplett erhaltenen Stadtmauer liegt, ist historisch. Es gibt keine Neubauten. Die Häuser müssen von den Besitzern in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild erhalten und dürfen/müssen ständig renoviert werden. Die Häuser sind, verglichen was ich bisher auf der Via Francigena gesehen habe, in einem hervorragenden Zustand. Natürlich gibt es immer mal wieder ein Haus, das dem Zerfallen nahe ist, das sind tatsächlich nur einige wenige.

Die Stadt ist voll von Touristen. Überall hört man Deutsch und Englisch neben natürlich Italienisch. Dass die Menschen vom Tourismus leben, lässt sich schon daran erkennen, dass man überall in Geschäften und Restaurants Englisch sprechendes Personal vorfindet.

Um halb drei komme ich zurück ins Hotel, das Zimmer ist fertig und ich kann mit meiner täglichen Routine Wäschewaschen und Duschen beginnen. Danach mache ich einige Bilder aus dem Fenster meines Zimmers, runter auf die Strasse und auch rüber zur Chiesa di San Michele in Foro. Von ihrer Facade mache ich später noch eine Aufnahme, als die Sonne sie schön hell beleuchtet. Auch zum Abendessen gehe ich wieder runter und lass die Stadt auf mich wirken: jung, modern, hip, alles andere als morbide, trotz des historischen Umfeldes. So muss eine Stadt sein: seine Historie Samstag seiner Kunst erhalten und dem Zeitgeist zu ihrer Permanenten Erneuerung folgen.

Ach ja: ich muss noch einmal aus geschäftlichen Gründen nach Heidelberg. Am Freitag bin ich wieder zurück und der nächste Bericht folgt am kommenden Samstag vermutlich aus Altopascio, von wo es ins Chianti-Gebiet geht.

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