Tag 24: 30.05.17

 

Mein Gastgeber, der ganz alleine in dem großen Haus so abseits wohnt, wartet schon mit dem Frühstück auf mich. Also nehme ich Platz, trinke einen Cappuccino und esse zwei Toast mit Honig von seinen eigenen Bienen. Da er nun schon mal um mich herum wirbelt, frage ich ihn, wie ich am besten auf die Via Francigena zurück komme: ich bin mir nicht sicher, ob der Weg, den ich mir ausgesucht habe, über die Autobahn führt oder dort endet. Das weiß er auch nicht genau, empfiehlt aber so wie so die alte, originale Route, die durch Montelungo an seinem Haus vorbei ging. Was er mir auf einer alten Wanderkarte zeigt, erstaunt mich, da in meiner Wanderkarten-App dort noch nicht einmal Wege verzeichnet sind. Er betont auf meine Nachfrage, dass der Weg noch immer existiert und ich keine Straße zu gehen habe. So richtig überzeugt bin ich noch nicht, weil ich gar nicht weiß, ob ich die Route finden kann. Da mein Weg und der alte Pilgerwege die ersten ca. 500 m identisch sind, laufe ich unentschlossen los. An der Entscheidungsstelle gibt es einen Wegweiser, der die alte Route markiert. Ok, das überzeugt mich und tatsächlich ist der Weg bestens ausgeschildert, so dass ich mich nicht verlaufen kann.

Was mich froh stimmt, die Route ist landschaftlich unglaublich schön. Lange gehe ich durch mal lichteren mal dunkleren Wald. Wie gestern schon umschwirren mich Insekten und ständig kleben an mir die Reste von Spinnweben. Häufig sehe ich Eidechsen verschiedenster Größen und Farben sich sonnen und davon sprinten, sobald sie meiner gewahr werden. Wieder einmal muss ich durch einen Fluss. Ich ziehe mich soweit notwendig aus und wate hindurch. Kaum habe ich mich wieder angezogen. Höre ich ein komisches Geräusch. Es erinnert mich an Grunzen, meine aber zwei schwarze recht bullige Hunde zu sehen. Das gefällt mir gar nicht. Fast jeder Haushalt seit Aosta hält Hunde, die mich sehr häufig extrem aggressiv anbellen. Noch im letzten Ort, bevor ich in den Wald bin, hat jemand seine beiden Hunde frei herumlaufen lassen. Die beiden haben mich regelrecht gestellt. Erst als ich meinerseits aggressiv auf die beiden zu bin, wurden sie ruhiger und haben auf ihr Frauchen gehört. Ich hebe vorsichtshalber mal einen Stein auf auch wenn er mir im Zweifelsfalle nicht viel hilft. Es gibt mir aber ein besseres Gefühl. Als ich wieder aufschaue, flieht eine ganze Gruppe, nun richtig grunzend, Wildschweine – also keine Hunde – vor mir. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das beruhigen oder eher beunruhigen sollte. Da ich keine Frischlinge sehe, werden die mich wohl nicht angreifen. Kaum gedacht, springen drei kleine gestreifte Wildschweinchen auf und rennen geschwind hinter den Großen her. Als einige Minuten nichts passiert, werfe ich den Stein ins Gebüsch, aus dem in diesem Moment ein Reh heraus springt. Was ist denn hier los?

Der Wald und die Tiere versetzen mich in eine regelrecht euphorische Stimmung. Ich fühle mich eins mit der Natur. Die mir zugleich ein beruhigendes und energiegeladenes Gefühl vermittelt. Ich erkenne die Schönheit, sehe aber auch die Brutalität von fressen und gefressen werden. Gut ist, dass mich kaum jemand fressen will und sicher alle Tiere im Wald zunächst einmal Angst vor mir haben. Würde ich stürzen und nicht weiter kommen, bin ich aber auch sicher, würden sie sofort über mich herfallen. Zum Beweis meiner Gedanken hat jemand den Schädel eines Tieres an einen Ast gehängt.

Es zeigt mir wie nahe ich an der Schöpfung bin. Das vergesse ich immer wieder schnell, sobald ich zurück in der Zivilisation bin, in der auf einen im eigentlichen Sinne keine lebensgefährlichen Gefahren lauern. Denn so viele Terroristen laufen ja nicht herum, wenn sind es eher die Autos bzw. ihre Fahrer, die mich in Angst und Schrecken versetzen.

Mit diesen Gedanken erreiche ich Pontremoli mit seiner Burg und seinem mittelalterlichen Stadtkern. Auf dem zentralen Platz ruhe ich mich in einer Bar aus. Bei genauerem Hinschauen kann ich nicht umhin, eine gewisse Morbidität in dieser Stadt zu erkennen. Die Menschen sind alt, die Häuser zerfallen, an vielen Geschäften sind die Schaufenster und Türen vernagelt, vieles steht zum Verkauf und nun treffe ich auch noch auf eine Kammerjägerin. Viele Orte auf meinem bisherigen Weg vermitteln, dass die Bevölkerung überaltert ist und es nicht mehr lange dauert, bis die Orte unabhängig ob Stadt oder Dorf völlig verlassen sein werden. Viele der Kulturdenkmäler und -gebäude sind ebenfalls in einem jämmerlichen Zustand.

Nach Pontremoli ändert sich das Landschaftsbild gewaltig. Im Hintergund sind noch die zum Teil schroffen Berge der Apennin zu sehen, tatsächlich laufe ich nun durch eine liebliche leicht hügelige Landschaft. Jeder Ort hat noch ein mittelalterliches Zentrum, durch das der Pilger hindurch geleitet wird.

Dann stehe ich überraschenderweise vor meinem heutigen B&B. Nach Google Maps hätte ich noch ein ganzes Stück weiter gehen müssen. Das B&B heißt bezeichnenderweise „alte Pfarrei“ und gegenüber steht eine uralte Kapelle mit einem Friedhof. Ich gehe mal davon aus, dass das eher ein gutes Omen ist.

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