Tag 23: 29.05.17

 

Wie zu erwarten war, brauchte ich in dem Ostello das Zimmer mit niemanden mehr teilen. Das war mir sehr angenehm.

Um kurz vor sieben bin ich bereits auf der Piste, ohne Frühstück versteht sich. Aber mit sorgfältig abgeklebten Blasen. Die ersten beiden Kilometer muss ich auf der Straße laufen. Auch wenn kaum Verkehr herrscht, bin ich kein großer Freund vom Wandern auf Straßen. Dann kann ich wählen Straße oder Via Francigena Sportivo. Gemeint ist, es geht durch den Wald und durch die Berge. Ich wähle die Sportivo Option. Meine Füße freuen sich darüber. Ich muss feststellen, dass es deutlich angenehmer ist, wenn Wege vom Untergrund her wechselhaft sind. Das fordert mehr Konzentration und vor allem ständige Herausforderungen an die Füße und Beine, den wechselnden Bedingungen nachzukommen.

Mal abgesehen davon, dass der Bewegungsapart mehr gefordert ist, macht es auch einfach viel mehr Spaß, durch Wälder und Felder zu pilgern. Unmengen von Insekten umschwirren mich. Fette Beute für Spinnen, die überall kreuz und quer über die Wege ihre Netze spinnen. Ständig raschelt es, weil irgend ein Reptil vor mir flüchtet. Die Luft riecht nach dem Nektar der Blüten. Die höhere Konzentration beim Laufen und die körperlichen Anstrengungen beim Erklimmen der Berge steigern bei mir die Wahrnehmungsfähigkeit der anderen Sinnesorgane.

So komme ich nach etwa 12 Kilometern nach Berceto, einem kleinen Städtchen mit einem Dom. Dort esse ich ein Panino und trinke zwei Cappuccino. Ich ziehe meine Schuhe aus und mache es mir gemütlich. Während ich frühstücke, lese ich die FAZ. Erst nach einer guten Stunde mache ich mich auf, den Passo della Cisa zu erklimmen, wieder gibt es eine Sportivo Variante.

Kaum habe ich den Ort verlassen, kommt mir eine Spaziergängerin entgegen, die ihren Hund ausführt. Der Kleine hat kein Scheu vor mir und will mit mir spielen. Ich lasse mich darauf ein, was dem Frauchen nicht so recht ist. Aber ihr Hund hört einfach nicht auf sie. Der Hund springt an mir hoch und animiert mich, weiter mit ihm zu spielen. Er

erreicht doch glatt mein Gesicht. Jetzt bekomme ich von ihm ein „Küsschen“. Will heißen, er schleckt mir ordentlich durchs Gesicht. So jetzt ist Schluss. Das kann ich nicht leiden.

Die Wege werden immer enger und feuchter. Hier oben wuchern Himbeeren, Brombeeren und Holunder, der besonders intensiv duftet. Mal wieder raschelt es vor mir. Ich achte da schon gar nicht mehr drauf. Sollte ich aber besser mal tun. Fast trete ich auf eine ebenso erschrockene Schlange, die aufgerollt auf dem Weg liegt und aufgrund ihrer Länge nicht schnell genug vor mir fliehen kann. Man ist dieses grüne Ungeheuer lang und dick. Ich hoffe nur, dass sie keinen Appetit auf mich hat: so groß war sie dann doch nicht. Ab sofort achte ich wieder auf die Tiere, die vor mir ins Gebüsch sausen.

Nun erreiche ich den Csio Pass und damit die Grenze zwischen der Emilia-Romagna und der Toskana. Zwei Café in der Bar auf der Passhöhe können nicht schaden, bevor ich die kleine Kirche auf dem Hügel oberhalb des Passes besichtige und runter in den nächsten Ort marschiere, wo ich heute übernachten werden.

Ich habe ein Zimmer in einem etwas abseits gelegenen B&B. Ein Haus das etwa 200 m unterhalb des Dorfes mitten im Grünen liegt. Ich fühle mich wohl, meine Füße jammern nicht sonderlich, obwohl ich es heute wieder auf 28 km gebracht habe.

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