Tag 22: 28.05.17

 

Ich sitze in einer Bar in Cassio hoch oben in den Bergen und lasse es mir gut gehen. Das Wetter ist perfekt und es ist erst kurz vor eins. Ich habe bereits um halb elf mein Ziel erreicht. Störend sind in dieser Idylle im besten Fall die vielen Motorradfahrer, die mit weit überhöhter Geschwindigkeit durch diesen hübschen kleinen Ort rasen.

Ich habe ein Bett in dem Ostello di Cassio bekommen. Auf den nächsten 25 km gibt es keine Unterkünfte mehr, also bleibe ich hier, obwohl ich nun doch zum ersten Mal auf der Via Francigena in einer Gemeinschaftsunterkunft mit Shared Rooms übernachten muss und nicht zu meiner präferierten Unterkunftsart gehört. Ich bin gespannt, wie viele Mitschläfer ich heute Nacht haben werde. Vorteil des Ostello’s ist der großer Garten mit Wäscheleinen und -klammern. So wasche ich nicht nur mein Funktionsshirt, Socken und Unterhose sondern auch meine Wanderhose, die ich in der vergangenen Woche mehrfach durchgeschwitzt habe und ganz staubig ist. In der Sonne wird sie sicher bis heute Abend getrocknet sein.

Ich habe mir mittels meiner Wanderkarten-App einen schönen Weg hier her ausgesucht, der mich nur kurz vor Cassio entlang einer Straße führt. Im wesentlichen geht es die drei Stunden, die ich heute pilgere bergauf. Der höchste Punkt ist 900 m üNN. Ich laufe auf landwirtschaftlich genutzten Wegen, durch Wälder und komme nur durch eine kleine Ansiedlung mit einer Kirche, die auf einer Felsennase sitzt und so von der Ferne imposant wirkt. Nach schon 13 Kilometern erreiche ich das Dörfchen Cassio, in dem sonntäglich Stimmung herrscht.

Ihr wollt sicher wissen, wie es meinen Füßen geht; ich auch: nach den kurzen Etappen gestern und natürlich heute fühlen sie sich fast normal an. Die Schmerzen in der Ferse des linken Fußes sind in der Zwischenzeit ertragbar. Ob es besser geworden ist oder nur die Schmerztabletten ihre Wirkung entfaltet haben, weiß ich nicht. Aber der linke Fuß ist einigermaßen ok. Am rechten Fuß ist das Blasenkonglomerat so groß, dass ich zwei große Blasenpflaster benötige, um sie abzupolstern. Ich glaube, meine doppellagigen Wright-Socks sind für die Temperaturen zu dick. Ich schwitze zu sehr in ihnen, mit der Folge dass die Nähte des Aussensocken dann doch immer wieder scheuern. Ich muss in der nächsten Stadt nach einem Sportgeschäft Ausschau halten, um mir andere Socken zu erwerben.

Ich verbringe mehr oder weniger den gesamten Nachmittag in der Bar. Die meisten Leute kommen und gehe. Es gibt aber auch einige, die seit heute Vormittag dort sitzen. Einige habe ich schon gesehen, als ich an der Bar vorbei bin, um zum Ostello zu gelangen. Die sitzen auch jetzt noch. In den letzten beiden Stunden haben wir zusammen das Formel 1 Rennen in Monaco geschaut. Kaum ist es vorbei, wird auf einen anderen Sportkanal umgeschaltet, wo Radrennen gezeigt werden. Wie so oft ist es auch in dieser Bar sehr nett, da alle versuchen mich in ihre Gespräche einzubeziehen, was heute mit dem Formel 1 Rennen als Basisgesprächsthema einfach ist. Man braucht nicht viele Sprachkenntnisse, um sich über das Rennen, seine Favoriten und das Geschehen zu unterhalten.

Zurück im Ostello darf ich zu meiner großen Freude feststellen, dass ich (noch) der einzige Pilger bin. Da ich bisher wenige Pilger getroffen habe, hätte mich alles andere auch sehr überrascht. Noch ist allerdings nicht Abend und es können ja noch Spätankömmlinge eintrudeln.

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