Tag 21: 27.05.17

 

Ich wache auf und mein linker Fuß schmerzt höllisch und ist nicht belastbar. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Mit dem Schmerz schaffe ich keinen Kilometer. Aber jetzt aufgeben? Das kommt nicht in Frage! Soll ich einen Tag Pause machen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das reichen sollte. Ich mache mich mal fertig und frühstücke. Dann schaue ich weiter.

Nach dem Frühstück hole ich meinen Rucksack und die Sachen, die ich hier im Hotel deponieren will, aus meinem Zimmer. Die junge Frau an der Rezeption fragt, was ich vor habe. Ich erzähle ihr, dass ich ein Pilger auf dem Weg nach Rom bin und aufgrund des Rucksackgewichts und der vielen asphaltierten Wege meine Füße mich nicht mehr weiter tragen wollen. Rom ist ein gutes Stichwort für sie. Sie ist Römerin und ihre Mutter betreibt ein B&B direkt gegenüber dem Vatikan, das sie sehr empfiehlt. Natürlich bekomme ich die Adresse von Barbara ihrer Mutter.

Während des Frühstücks habe ich mir überlegt, zunächst einmal nicht die Straße zurück in den letzten Ort auf der Via Francigena zu gehen sondern statt dessen mehr oder weniger querfeldein über den Berg direkt in den nächsten Ort zu wandern, wo ich über Bahnlinie, Autobahn und Fluss muss. Dort werde ich wieder auf die Via treffen. Das hat den Vorteil, dass ich zunächst bergauf und dann bergab muss und geringere Fersenbelastung bedeutet. Das funktioniert super und ich bekomme wieder mehr Selbstvertrauen, dass ich doch ein Stück laufen kann.

Mmmh nun wird es spannend: ich komme im nächsten Ort an und kann wählen, über welchen der Zäune ich Kletterer will. Es gibt keine Möglichkeit direkt auf die Straße zu kommen. Ich kann wählen, über das Firmengelände einer Spedition, einer Weinkellerei oder eines Bauernhofs zu laufen. Alle sind mit rechten hohen Zäunen zur Straße hin gesichert. Warum nicht zur Bergseite wundert mich. Ich entscheide mich für den Bauernhof, da dieser ein Tor hat, das rechts und links von einem Stück Mauerwerk eingefasst ist. Darüber klettert es sich besser als über einen Zaun. Die Mauer ist brusthoch. Mit dem Rucksack komme ich nicht hoch. Also ziehe ich den Rucksack aus und lasse ihn, so weit mir das möglich ist, sanft auf der anderen Seite herunterfallen. Jetzt muss ich hoch! Na geht doch – auch ohne Besuche in der Mucki-Bude. Kaum bin ich über die Mauer, kommen zwei Hunde bellend heran gerauscht. Haha – ihr habt keine Chance mehr: zu spät ihr Burschen! So jetzt schnell weiter, bevor mich jemand für einen Einbrecher hält.

In der nächsten Apotheke kaufe ich gemäß des Ratschlags meiner lieben Frau eine gummierte Ferseneinlage, zur Verbesserung der Dämpfung und Voltaren. Ich bin überrascht, dass ich mich verständlich machen kann und bekomme, wonach ich suche. Noch in der Apotheke mache ich die Einlage in den Schuh und in der nächsten Bar nehme ich, es soll ja helfen, gleich mal zwei Voltaren. Ich weiß nicht, ob die Maßnahmen helfen oder es Einbildung ist aber ich kann etwas besser gehen. Ich hinke zwar erheblich: mit dem linken Fuß trete auf dem Ballen auf und rolle nach hinten ab und mit dem rechten Fuß von der Ferse nach vorne.

In der Bar suche ich mir auf booking.com eine Unterkunft, die nicht mehr als 20 Kilometer entfernt ist. Das ist gar nicht so einfach. Es gibt zwischen Parma und Pontremoli kaum Hotels oder B&Bs. Ich finde etwas in Calestano, das, wie schon San Andrea Bagni, etwas von meinem eigentlichen Weg abliegt und buche es. So bin ich sicher, dass ich tatsächlich nach 20 Kilometer auch Schluss mache und so meinen Fuß schone.

Auch heute ist eine Straße der offizielle Weg und das belastet meine Füße enorm. Ständig muss man auf die vorbei fahrenden Autos achten. Die Straße ist zwar nicht stark befahren und ist mit max. 50 km/h beschildert. Das hält aber Italiener nicht davon ab, mit ihren Fiats 500 und KIA Mini-SUVs volle pulle die Straße entlang zu jagen. Fußgänger stören da nur und sollen gefälligst ausweichen. Die Ideallinie ist für sie und nur für sie.

So nun wird es schön heiß in den Bergen. Gut dass in jeder Siedlung es eine Kirche und eine Bar gibt. Ich muss meinen Flüssigkeitshaushalt mit einem schön kalten Getränk ausgleichen und ein Café kann auch nicht schaden. Um gut zu relaxen, ziehe ich noch die Schuhe aus und fange an, Zeitung zu lesen. Weit komme ich nicht. Ich schlafe am Tisch ein. Da sind sicher die Voltaren schuld dran. Als ich aufwache, ist die Bar voll. Der Wirt verwickelt mich in ein Gespräch über das Pilgern und jetzt wollen alle in der Bar mir gute Ratschläge geben. Hier spricht jeder mit jedem und Fremde werden natürlich in das Gespräch mit einbezogen. Verstehen kann ich wenig, da die Leute schnell und unartikuliert reden. Fehlende Zähne helfen einer guten Artikulation nicht. Das verstehen hier einige der älteren Herrschaften nicht. Das Gebiss bleibt zuhause!

Ich frage den Wirt, ob der Weg, den ich mir fern ab der Straße anhand meiner Wanderkarten-App überlegt habe, möglich ist zu gehen oder ob ich wieder irgendwo hinter Zäunen landen werde. Da bräuchte ich mir keine Gedanken machen, es sei halt etwas bergiger als auf der Straße sonst aber Hindernis frei. So wähle ich die Bergvariante, die sich hinter her auch noch als kürzer erweist.

Um mein Albergo zu reichen, muss ich noch über eine lange Brücke mit einem gigantischen Flussbett und einem Bächlein von einem Flusslauf. Die Häuser in Calestano sind ganz schön bauchig. Dann bin ich nach 20 Kilometern an meinem Ziel und fühle mich gut. Nach dem Duschen muss ich gleich mal die morgige Etappe planen. Ich hoffe meine Füße erholen sich mit dem leichten Rucksack und kurzen Etappen im Schleichmodus schnell, so dass ich in wenigen Tagen wieder kraftvoll marschieren kann.

Ach btw. Halbzeit! Die ersten 600 km sind geschafft.

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