Tag 20: 26.05.17

 

Als ich aus meinem Zimmer runter zur Rezeption komme, wartet die Signora des Hauses schon sehnsüchtig, dass jemand zum Frühstück kommt. Sie ist so freundlich, dass ich einen Cappuccino trinke und ein Brioche esse. Sie will mir unbedingt noch einen weiteren Café und ein Croissant schmackhaft machen. Aber ich will los. Auf dem Marktplatz nach etwa 200 m fällt mir ein, dass ich das Hotel noch gar nicht bezahlt habe. Meist wird das bei booking.com bei der Buchung direkt gemacht aber nicht in diesem Fall, was ich schnell noch checke. Also gehe ich wieder zurück. Die Signora grinst mich breit an und meint, sie hätte sich das schon über booking.com von mir bezahlen lassen.

Der Weg führt direkt nach Süden. Ich brauche keine drei Kilometer und ich habe das südliche Ende der Po Ebene und die hügeligen Ausläufer der Apennin erreicht. Das freut mich ungemein, da die Landschaft lieblicher und abwechslungsreicher wird. Hier macht Wandern doch einfach mehr Spaß. Nicht steil aber dennoch geht es bergauf und bergab durch Wiesen und Wälder. Auch wenn ich wieder viel auf asphaltierten Straßen und Wegen laufen muss, so gibt es doch auch viele Pfade und Wege, die einen natürlichen Untergrund haben.

Nach ungefähr 12 Kilometern komme ich in ein Dorf mit einer Kirche auf einem Hügel. Zur Kirche muss ich noch über eine weite Treppe hoch steigen. Das sieht einfach grandios aus. Dem Architekten muss man zu diesem wundervollen Entwurf gratulieren.

Direkt unterhalb der Kirche ist eine Bar, in der ich nun „richtig“ frühstücke. Der Wirt hat mich sofort als Pilger identifiziert und will sofort meinen Pilgerpass stempeln. Er bringt auch sein Gästebuch mit an meinen Tisch, in dem ich mich eintragen möge. Das tue ich natürlich gerne. Ich bin Pilger 276 in diesem Jahr. Aus den Eintragungen kann ich erkennen, dass nur ganz wenige von den 275 tatsächlich längere Strecken pilgern. Die meisten absolvieren eine Strecke, die man in einer Woche bewältigen kann. Ich finde vor allem Holländer und Deutsche, die auch bis Rom wollen und an unterschiedlichsten Orten gestartet sind.

Ich gebe mir ein wenig Mühe mit meinem Eintrag und bedanke mich für die Gastfreundschaft des Wirtes, was ihn ungemein freut. Da er nun auch meinen Namen kennt, stellt er mich allen anderen Gästen vor und übersetzt, dass ich von Lausanne bis Rom pilgern werde. Das ruft Erstaunen hervor und ich erhalte aufmunternde Worte und Klapse auf die Schultern. Statt eines kurzen Frühstücks verbringe ich so über eine Stunde in der Trattoria Lo Scoiattolo in Costa Pavesi.

Froh gelaunt und gestärkt wandere ich weiter. Ab Kilometer 15 geben mir mein Füsse zu verstehen, dass sie genug haben. Der rechte Fuß erinnert mich daran, dass ich eine fette Blase habe und droht damit sie zu vergrößern. Der linke Fuß sagt mir, dass er nicht mehr mit macht und fängt unter der Ferse an zu schmerzen, um so seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Ich sage den beiden, sie sollen sich nicht so anstellen. Es ist schön hier draußen und mir gefällt die Landschaft.

Das nehmen die beiden Füße nicht hin. Ab Kilometer 20 ist Schluss mit Lustig. Der linke Fuß streikt. Bei jedem Tritt sticht es mir von der Ferse bis hoch in den Rücken. Also gut ich ziehe meine Schuhe aus und laufe barfuß weiter. Allerdings nur bis zur nächsten Straße. Der Asphalt ist zu heiss. Gut dann nehme ich die Flip Flops. Das findet der rechte Fuß super, der Linke bekommt einen Anfall. Also ziehe ich mit Füßlingen die super leichten und sehr luftigen Sportschuhe an, damit die Füße nicht schwitzen müssen und verspreche, im nächsten Ort suchen wir uns eine Übernachtungsmöglichkeit. Das reicht dem linken Fuß nicht. Nach längerer Diskussion stimme ich zu, dass ich heute Abend wirklich alles, was nicht unbedingt gebraucht wird, aus dem Rucksack raus nehmen und im Hotel lassen werde. Ich mache mir schon mal ein paar Gedanken: die leichten Sportschuhe, das Handtuch, der Regenschutz für den Rucksack, die Regenjacke, das Hemd, ein Unterhemd und der Powerpack (heul). So komme ich auf unter 6 kg. Vorher hatte ich 7,8 kg und gestartet bin ich mit 9,1 kg. Das tut mir zwar unendlich weh – vor allem der Akku und die Regenjacke, denn so habe ich nichts warmes mehr dabei – aber Mist halt auch klar, andernfalls werde ich mit meinen Füßen nicht nach Rom kommen. Ich muss meinen beiden Füßen noch versprechen, es ein paar Tage etwas ruhiger angehen zu lassen.

Im nächsten Ort frage ich nach einem Hotel. Es gibt nur eins. Das hatte ich mir schon gedacht, denn auf booking.com gibt es keins und in Google Maps nur eins, dessen letzte Kritik vier Jahre alt ist. Das einzige Hotel am Platze ist allerdings ausgebucht. Ich hatte eher den Eindruck, dass die von ihrem Restaurant leben und keinen Bock auf einen Hotelgast hatten. Also checke ich erneut das Internet, denn hier kann mir keiner weiter helfen; alle wollen mich nach Parma schicken, nur da will ich nicht hin. Sieben Kilometer weiter mache ich ein Hotel in einer Terme ausfindig. Das Hotel sieht super aus, mit Schwimmbad und Anschluss an die Terme. Das buche ich schnell und mache mich humpelnd auf den Weg. Meine Füße sind sauer, dass sie nicht hier bleiben dürfen. Hilft aber nichts. Unterwegs komme ich an einer offenen Apotheke vorbei. Dort decke ich mich mit Compeed ein; kaufe eine antibiotische Salbe für die offene Blase und eine Art Franzbranntwein, um meine Füße etwas zu beruhigen. Mal sehen, ob das hilft.

Als ich im Hotel ankomme, muss ich feststellen, dass es renoviert wird und einer Baustelle gleicht.  Kein Garten, kein Pool, keine Terme: es ist schrecklich. Zuerst muss ich das Zimmer tauschen. Das erste Zimmer war selbst eine Baustelle. Das zweite ist ganz hübsch: mit Technik aus den 80ger und einer Farbgestaltung aus den 70gern.

In Fidenzia waren gestern Nachmittag die Geschäfte geschlossen, hier in San Andrea Bagni sind heute alle Geschäfte zu. Wobei mir der Ort den Eindruck vermittelt, hier ist nie etwas geöffnet, wo ich doch so dringend einen Haarschnitt bräuchte. Meine Mutter würde sagen: „Du siehst aus wie ein Beatle“. Tatsächlich habe ich das Gefühl, sollte ich noch eine Woche warten, dann ist mein Kopf breiter als meine Schultern.

So jetzt gehe ich rüber in die Pizzeria Piccadilly: was für ein Name für eine Pizzeria in Italien. Um acht sind nur zwei Tische belegt. Fünfzehn Minuten später ist die Pizzeria bis auf den letzten Tisch voll besetzt. Erstaunlicherweise haben die hier richtig tollen Wein zu extrem günstigen Preisen. Nachdem ich die letzte Woche alkoholfrei gelebt habe, bestelle ich mir eine Falsche Dolcetto D’Alba. Man könnte meinen, der Wein wird meine Füße beruhigen, das ist aber nicht wahr. Ich humpele wie ein alter Mann, der seinen Rollator vergessen hat, zurück zum Hotel. Morgen wird spannend – ich hoffe, meine Füße gutieren den leichteren Rucksack und meinen Willen, nur zwischen 20 und 25 Kilometer zu pilgern.

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