Tag 18: 24.05.17

 

Wie jede Großstadt gilt auch für Piacenza: unabhängig von der Schönheit der Innenstadt, sind die meisten Außenbezirke und Stadtteile an den Ausfallstrassen häßlich. Ich pilgere nach Osten aus der Stadt auf der SS9 – eine stark befahrene Bundesstraße. Auf dem Seitenstreifen, selten gibt es einen Bürgersteig, wandere ich etwa 15 km. Spätestens nach 5 km erkenne ich am Luftdruck die Größe und Geschwindigkeit der an mir vorbei jagenden Fahrzeuge. Schnell fahrende LKWs erzeugen eine Windböe, gegen die ich regelrecht ankämpfen muss: erst werde ich weggedrückt und anschließend angezogen. Man könnte meinen ich torkele entlang der Straße.

Kilometerlang reit sich ein Gewerbegebiet ans andere. Sie konkurrieren um die hässlichsten Gebäude. Graue oft fensterlose Gebäude, bunte Trapezblech Fassaden in Firmenfarben, Betonskelette, unförmige Bürogebäude und und und

Ich frage mich, ob das sein muss. Könnte, ja sollte man nicht seitens der Stadtplanungsämter eingreifen, um diese Beleidigungen für das Auge zu unterbinden. Es ist doch möglich ansehnlichen Industrie- und Gewerbebau mit einer gewissen Abstimmung von Fassadenarten, Farbgestaltung und Formgebung zu realisieren. Es kann sich doch nicht alles den Kosten und Firmeneigenen CDs unterwerfen. Was in Italien noch verschlimmernd hinzukommt sind die unzähligen Werbetafeln rechts und links der Straßen. Die sind auch eine Art von Umweltverschmutzung.

Nach 15 km reicht es mir und ich weiche, auch wenn mich das am Ende ca. vier Kilometer kostet, in die Felder aus – zumal dies auch als Wegalternative ausgezeichnet ist. Nachteil: ich komme durch keine Ortschaft mehr, bis ich mein Tagesziel erreiche und somit gibt es weder einen Kaffee noch ein Panini. Wie der Zufall es will, habe ich zwei Äpfel dabei, die ich eigentlich für gestern Nachmittag gekauft hatte aber dann doch nicht gegessen hatte.

Ich marschiere nun im Zick Zack durch die Felder, immer den Grenzverläufen der bäuerlichen Betriebe folgend und auf der Suche nach Brücken über die Vielzahl von kleinen Flüssen, die sich wie Adern durch die Landschaft ziehen. Pilger werden hier nicht gut behandelt: schlechte Wege und selten eine Brücke auf dem direkten Weg. Zweimal muss ich durch eine Furt des jeweiligen Flüsschens. Beim ersten mal ist das Wasser nur knöcheltief. Trotzdem läuft mir das Wasser durch die Schuhe und meine Socken werden nass. Aufgrund meiner Blasen wechsele ich vorsichtshalber die Socken und lege die Schuhe zum Trocknen in die Sonne. In der Zwischenzeit esse ich einen der beiden Äpfel.

Beim zweiten mal ist das Wasser schon tiefer, tiefer als ich vermute. Da ich mir nicht noch ein paar nasse Socken holen will, ziehe ich Schuhe und Socken aus und wate ins Wasser. Schnell kehre ich um: ganz schön tief. Ich ziehe auch noch meine Hose aus, denn die muss mir nicht patsch nass an den Beinen kleben. Also wieder rein ins Wasser. An der tiefsten Stelle geht mir das Wasser bis an die Oberschenkel. Das hatte ich nicht erwartet. Durch die von der Sonne spiegelnde Oberfläche konnte ich das nicht richtig einschätzen.

Auf der anderen Seite angekommen, gehe ich erstmal barfuß weiter auch wenn die kleinen Steinchen ganz schön pieken. Nach kurzer Zeit sind meine Beine trocken und ich ziehe meine Hose wieder an – nicht dass ich für einen Exhibitionisten gehalten werde. Die Gefahr ist allerdings sehr gering. Schon seit geraumer Zeit ist mir keine Menschseele mehr begegnet. Barfuß laufe ich dann etwa einen Kilometer, bis mir die Füße durch die vielen Steinchen anfangen weh zu tun.

Jetzt habe ich noch sechs Kilometer vor mir und wieder setzt mir die Mittagssonne ganz ordentlich zu. Ich habe das Gefühl, sie saugt einem Vampir gleich jeden Tropfen Flüssigkeit aus mir heraus. Ich kämpfe mit einem weiteren Apfel und zwei Flaschen Wasser dagegen an und rette mich bis nach Fiorenzuola d’Arda, um zu verhindern, dass von mir nur noch ein Häuflein Asche übrig bleibt.

Fiorenzuola ist ein hübsches Städtchen mit einer weit verzweigten Fußgängerzone und einem attraktiven Marktplatz. In mitten der kleinen Gassen finde ich ein ebenso kleines und preiswertes Hotel mit einen Restaurant. Das ist prima, so muss ich zum Essen nicht noch durch die Stadt irren.

Heute komme ich auf gut 28 km. Mein Körper ist erschöpft als wären es 10 Kilometer mehr gewesen. Aus einem Supermarkt hole ich mir 3 Liter Wasser und 1,5 Liter Orangensaft. Für die Hälfte des Wassers und den gesamten Saft brauche ich kaum mehr als eine Stunde und nun warte ich, dass sich mein Körper schnell erholt.

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