Tag 16: 22.05.17

 

Hallo hier bin ich wieder von der Via Francigena!

Gestern Nachmittag bin ich von Frankfurt nach Mailand geflogen und bin mit S-Bahn und Zug weiter nach Pavia, wo ich meinen Weg am Freitag unterbrochen hatte. Alles hat prima geklappt. Ich war sogar in der Lage, mir problemfrei ein Bahnticket zu besorgen.

In dem Agriturismo, wo wir am Donnerstag übernachtet und ich meinen Rucksack deponiert hatte, wurde ich herzlich empfangen. Obwohl aufgrund von mehreren Taufen an diesem Sonntag die Küche völlig erschöpft war, bekam ich noch ein zweigängiges Menü. Der Koch musste mir noch in Englisch/Italienisch von seinem Tag berichten und setzte sich zu mir an den Tisch. Also wurde es doch etwas später und einen halben Liter Roten habe ich so auch noch getrunken.

Wie immer hatte ich mein Zimmer nicht abgeschlossen. Ich war der einzige Hotelgast, also war ich ganz allein. Dachte ich: kurz nachdem ich im Bett lag und noch mein vor mir liegendes Tagespensum studierte, wurde es draußen etwas lauter. Kurze Zeit später wurde meine Zimmertür polternd aufgerissen und ein knutschendes Pärchen, sie bereits ohne Top, stürmte herein. Als die beiden mich sahen, ein Schreckensschrei, Entschuldigungen von allen Seiten und draußen waren sie wieder.

Also lasse ich es heute etwas ruhiger angehen und frühstücke erst um viertel vor acht. Vorher wäre eh sicher keiner wach gewesen nach unseren Erfahrungen von Freitag Morgen. Das späte Aufstehen rächt sich später. Ab etwa halb elf grillt mich die Sonne und ich brauche bis drei, um aus dem Ofen herauszukommen.

Im wesentlichen pilgere ich heute auf asphaltierten Straßen. Am Anfang, um auf den ausgeschilderten Weg zurückzukehren (das Agriturismo liegt etwa fünf Kilomter ab von dem offiziellen Weg), muss ich an einer stark befahrenen Straße entlang marschieren. Als ich einen Weg, der parallel zur Straße verläuft, erkenne, nehme ich diesen. Das war keine gute Idee, denn der macht auf einmal einen rechts Knick und führt in eine völlig andere Richtung. Also gehe ich in die richtige Richtung am Rand eines Ackers und stehe eine Weile später vor einer Bahnlinie. Die Straße unterquert diese und liegt fast zehn Meter tiefer. Also muss ich runter in einen Graben, raus aus dem Graben, um an die Bahnlinie zu kommen. Im Graben hole ich mir alle möglichen Spreißel in meine Socken, was mich fortan piesackt.

Nach der Überquerung der Schienen ist Schluss. Dornenhecke, noch ein Graben, steile Böschung, weiter Dornenhecken. Es gibt kein Durchkommen. Zurück will ich auch nicht. Denn der Weg scheint mir nur geringfügig besser. Also bahne ich mir einen Weg durch die Hecke und scheuche prompt einen Schwarm Hornissen auf. Autsch – hat doch tatsächlich mich ein Vieh in meinen Unterarm gestochen. Aber ich bin durch!

So nun muss ich erstmal Schadensaufnahme machen. Aufgekratzte Arme, demolierter Daumennagel, anschwellender Insektenstich, piekende Socken und schmutzige neue Schuhe.

Ach ja, das habe ich ganz vergessen, zu erzählen. Ich habe mir so richtig schöne neue Sportschuhe in Heidelberg gekauft mit besonders guter Dämpfung für meine schmerzende Ferse. Die Schuhe aus Aosta habe ich im Agriturismo zwischengelagert. Meinen Rucksack habe ich von warmer Kleidung und Schlafsack befreit. Nun ist er schön leicht und meinen Füßen sollte es so schnell wieder besser gehen.

Vom Weg gibt es nicht viel zu erzählen. An vielen Kirchen in mehr oder weniger verlassenen Dörfern komme ich vorbei. Die Reisfelder werden durch Getreidefelder ersetzt und es gibt öfter mal Bäume, die sich fast zu Wäldern zusammenfügen.

Kurz vor meinem Ziel muss ich noch einen schmalen Pfad nehmen, den ich fast übersehen hätte und dann durch kniehohes Gras laufen. Dann hab ich es geschafft und bin in Miradolo Terme. Von hier sollte ich morgen nach Piacenza kommen.

Ein kleines B&B habe ich gefunden, das von Mutter und Tochter geführt wird. Da Mama nur Italienisch spricht, dolmetscht die Tochter mit Ihrem geringen Englisch Wortschatz – mein Italienisch ist umfangreicher und das ist ziemlich dürftig. Aber wir verstehen uns prima. Ich bekomme eine komplette Wohnung mit je einer Terrasse vor und hinter dem Haus. Hier kann man es aushalten. So beschließe ich, nach meiner Ortsbesichtigung Wurst, Käse und Brot im Supermarkt zu kaufen und mein Abendessen auf einer der Terrassen einzunehmen.

Trotz der Hindernisse und der Sonne habe ich gut 28 km in knapp 6 Stunden geschafft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.