Tag 13: 16.05.17

 

Um der Hitze ein wenig zu entgehen, starte ich heute schon um ca. 07:30 Uhr. Als ich in Vercelli aufbreche, muss sich die Sonne erst noch durch die Wolken arbeiten. Das hat sie um 10:00 Uhr geschafft und von da an geht es wieder in den Backenofen der Po-Ebene. Da bin ich aber schon am ersten Etappenziel in Robbio. Ich bin ganz stolz auf mich, denn ich habe eine Abkürzung von fast 4 km genommen und war recht fix unterwegs.

(Wie in Kindertagen)

In Robbio ist Markttag und die Bars sind offen, so dass ich erstmal einen Boxenstop einlege. Ich entscheide mich für ein Brioche und einen Café (die einzigen Optionen).

So gestärkt gebe ich mich des zweiten Teils meines heutigen Programms hin: nochmal 15 km nach Mortara.
Kein Schatten hilft mir davor auf niedriger Stufe gar gekocht zu werden. Als ich an einem Hof vorbei komme, der einige Bäume um sein Gehöft wie auch auf den Zuwegungen angelegt hat, will ich im Schatten der Bäume ein Päuschen einlegen. Ich muss mal und will was trinken. Aber wen sehe ich da im Schatten liegen? Meine beiden Holländer. Sie erzählen, dass sie bereits um 06:00 Uhr aufgebrochen sind, um es auch bis nach Mortara zu schaffen. Jetzt müssten sie aber etwas schlafen, um fit für die restlichen Kilometer zu sein.

Gut dann sause ich halt weiter. Ich kann ihnen ja schlecht vor die Füße pinkeln. Kurz darauf komme ich mitten im Nirgendwo an einen hübsch angelegten Friedhof vorbei. Dort verweile ich für einen Moment.

Kurze Zeit später erreiche ich einen kleinen Ort, der fast so tot wirkt wie der Friedhof. Der Ort ist der erste, der tatsächlich sich outet an der Via Francigena zu liegen. Das ist aber auch schon das einzig erwähnenswerte an diesem Ort.

Von da an zieht sich der Weg und scheint länger und länger zu werden. Die brütende Hitze hat ihren Teil daran aber auch der Wiesenweg, der krumm und buckelig ist und natürlich auch nicht gemäht. Das kostet Extrakraft.

Als ich am nächsten Bauernhof vorbei komme sitzen drei Italienische Pillger im Schatten, den der riesige und stinkende Kuhstall wirft. Wie kann man sich denn da hin setzen.? Freundlich wechsele ich in Englisch, Deutsch und mit meinen wenigen italienisch Kenntnissen einige Wort. Die drei – ein Mann und zwei Frauen – sind auf „großer“ Pilgerfahrt von Ivrea nach Pavia. Alle drei und auch das Paar aus Friesland übernachten wie ich beim Chinesen. Wer hätte das gedacht. In Mortara gibt es zwei Möglichkeiten für die Übernachtung, beide direkt am Bahnhof, beide sehen völlig herunter gekommen aus und ein Haus hat schlechte Bewertungen und das andere sehr schlechte. Ich – wie die anderen auch, völlig unabhängig von einander – entscheide mich für das Hotel mit der schlechten Bewertung. Ich werde von Chinesen unterschiedlichen Alters in Englisch empfangen. Kassiert wird gleich und man bekommt den Hinweis, dass man zum Abendessen erwartet, das Chinesische Restaurant, das selbstverständlich von ihnen betrieben wird, zu wählen. Ich werde nach oben geschickt und darf mir unter den offen stehenden Zimmern eins auswählen. Trotz ihrer Ungeschicktheit im Umgang mit Gästen sind die extrem freundlich: Chinesen!

Nach dem Duschen besichtige ich wie immer den Ort. Ich habe keine großen Erwartungen, brauche aber Cash und Zahnpasta, also muss ich raus. Da der Ort alles andere als schön ist, gibt es Bilder aus der Kirche, die wiederum umwerfend schön ist.

Ich wollte mir für heute ein Thema vornehmen zu durchdenken. Ich muss leider sagen, dass dies nicht so richtig funktioniert hat. Aber so ist das manchmal: erst war mein Gehirn mit etwas anderem beschäftigt und später hat der Hitzeschutz es ausgeschaltet. Ihr werdet Euch fragen, womit war ich gedanklich beschäftigt? Gut so! Der Hitzeschutz hat scheinbar seine Tücken und löscht nicht richtig abgespeicherte Gedanken. Aber so langsam kommt es wieder. Wen es interessiert, am Schluss lasse ich mich darüber aus.

So nun aber noch die technischen Daten des Tages: 31km (addiert sich auf zu 390km fast ein Drittel ist geschafft), 1.600 kKalorien, knapp 6 Stunden bei einem Flüssigkeitsverlust von über 3l.

So nun für die Interessierten: Ich habe mich mit meiner Vergangenheit besser Jugendzeit beschäftigt. Genauer, was hat mich bewogen, ins Consulting zu gehen und mich selbständig zu machen. Anlass war eine E-Mail vom Rotary Distrikt, in der sie mitteilen, dass sie beabsichtigen, morgen den Login auf ihre Systeme zu ändern. Mich ärgert, dass man mal wieder top down ohne hinreichenden Vorlauf und über die Köpfe aller hinweg eine solche Entscheidung getroffen hat. Das hat mich an meine Bundeswehrzeit erinnert und wie prägend die zwei Jahre waren, die ich bei dieser Organisation beschäftigt war. Hier wurden Befehle von völlig unqualifizierten Menschen erteilt. Führung hieß Angst und Druck erzeugen, was bei mir nicht so richtig funktioniert hat und ich deshalb immer angeeckt bin. Denn mit was wurde Angst erzeugt: Körperliche Ertüchtigung – haha, als 19/20 Jähriger ist es doch keine Strafe sich sportlich zu betätigen; mit der Androhung von Wochenenddiensten – haha hätten die unqualifizierten Führungskräfte auch bleiben müssen; mit psychischen Druck also Leute gegen einander aufwiegeln. Interessant ist, wie viele junge Menschen dem auf den Leim gegangen sind, trotz hervorragender Schulbildung. Neben der miesen Führung hatte die Bundeswehr ein zweites grundlegendes Problem: keine Ergebnisse erzielen zu können. Nichts ist demotivierender als Langeweile, die sich daraus ergibt, dass es nichts zu tun gibt ausser ersichtlich sinnlosen Aktivismus.

Dieser Umstand hat dazu geführt, dass mir drei Dinge sehr wichtig wurden: (1) ich werde nie mehr in einer Organisation arbeiten, die Angst und Druck bei ihren Mitarbeitern erzeugt; (2) ich möchte weitgehend selbst bestimmen, was und wie ich etwas bearbeite; (3) das was ich mache, muss ein klares Ziel haben und sichtbare Ergebnisse erzeugen, auf die ich stolz sein kann.

Basierend auf meiner humanistischen Schulbildung und dem Umstand geschuldet, dass in unserer Familie alles ausdiskutiert wurde, obwohl unsere Mutter uns Kindern vergeblich versucht hat beizubringen: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, haben sich vier Grundsätze für meine beruflichen Aktivitäten herausgebildet. (1) Performance: wer nicht liefert, wird gem. des darwinistischen Grundsatzes vom Markt aussortiert oder anders formuliert, es wird hart gearbeitet, um beste Ergebnisse zu erzielen (2) Fairness: dies gilt gleichermaßen im Umgang mit Mitarbeitern, mit Kunden und sonstigen Steakholders (3) Loyalität ist Teil meines unumstößlichen Wertekanons (4) Spaß: das was ich mache, muss mir Freude bereiten, denn dann kann ich Ziele erreichen, die alles von mir abverlangen.

So das war es für heute, jetzt muss ich erstmal Chinesisch essen gehen.

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