Tag 13: 16.05.17

 

Um der Hitze ein wenig zu entgehen, starte ich heute schon um ca. 07:30 Uhr. Als ich in Vercelli aufbreche, muss sich die Sonne erst noch durch die Wolken arbeiten. Das hat sie um 10:00 Uhr geschafft und von da an geht es wieder in den Backenofen der Po-Ebene. Da bin ich aber schon am ersten Etappenziel in Robbio. Ich bin ganz stolz auf mich, denn ich habe eine Abkürzung von fast 4 km genommen und war recht fix unterwegs.

(Wie in Kindertagen)

In Robbio ist Markttag und die Bars sind offen, so dass ich erstmal einen Boxenstop einlege. Ich entscheide mich für ein Brioche und einen Café (die einzigen Optionen).

So gestärkt gebe ich mich des zweiten Teils meines heutigen Programms hin: nochmal 15 km nach Mortara.
Kein Schatten hilft mir davor auf niedriger Stufe gar gekocht zu werden. Als ich an einem Hof vorbei komme, der einige Bäume um sein Gehöft wie auch auf den Zuwegungen angelegt hat, will ich im Schatten der Bäume ein Päuschen einlegen. Ich muss mal und will was trinken. Aber wen sehe ich da im Schatten liegen? Meine beiden Holländer. Sie erzählen, dass sie bereits um 06:00 Uhr aufgebrochen sind, um es auch bis nach Mortara zu schaffen. Jetzt müssten sie aber etwas schlafen, um fit für die restlichen Kilometer zu sein.

Gut dann sause ich halt weiter. Ich kann ihnen ja schlecht vor die Füße pinkeln. Kurz darauf komme ich mitten im Nirgendwo an einen hübsch angelegten Friedhof vorbei. Dort verweile ich für einen Moment.

Kurze Zeit später erreiche ich einen kleinen Ort, der fast so tot wirkt wie der Friedhof. Der Ort ist der erste, der tatsächlich sich outet an der Via Francigena zu liegen. Das ist aber auch schon das einzig erwähnenswerte an diesem Ort.

Von da an zieht sich der Weg und scheint länger und länger zu werden. Die brütende Hitze hat ihren Teil daran aber auch der Wiesenweg, der krumm und buckelig ist und natürlich auch nicht gemäht. Das kostet Extrakraft.

Als ich am nächsten Bauernhof vorbei komme sitzen drei Italienische Pillger im Schatten, den der riesige und stinkende Kuhstall wirft. Wie kann man sich denn da hin setzen.? Freundlich wechsele ich in Englisch, Deutsch und mit meinen wenigen italienisch Kenntnissen einige Wort. Die drei – ein Mann und zwei Frauen – sind auf „großer“ Pilgerfahrt von Ivrea nach Pavia. Alle drei und auch das Paar aus Friesland übernachten wie ich beim Chinesen. Wer hätte das gedacht. In Mortara gibt es zwei Möglichkeiten für die Übernachtung, beide direkt am Bahnhof, beide sehen völlig herunter gekommen aus und ein Haus hat schlechte Bewertungen und das andere sehr schlechte. Ich – wie die anderen auch, völlig unabhängig von einander – entscheide mich für das Hotel mit der schlechten Bewertung. Ich werde von Chinesen unterschiedlichen Alters in Englisch empfangen. Kassiert wird gleich und man bekommt den Hinweis, dass man zum Abendessen erwartet, das Chinesische Restaurant, das selbstverständlich von ihnen betrieben wird, zu wählen. Ich werde nach oben geschickt und darf mir unter den offen stehenden Zimmern eins auswählen. Trotz ihrer Ungeschicktheit im Umgang mit Gästen sind die extrem freundlich: Chinesen!

Nach dem Duschen besichtige ich wie immer den Ort. Ich habe keine großen Erwartungen, brauche aber Cash und Zahnpasta, also muss ich raus. Da der Ort alles andere als schön ist, gibt es Bilder aus der Kirche, die wiederum umwerfend schön ist.

Ich wollte mir für heute ein Thema vornehmen zu durchdenken. Ich muss leider sagen, dass dies nicht so richtig funktioniert hat. Aber so ist das manchmal: erst war mein Gehirn mit etwas anderem beschäftigt und später hat der Hitzeschutz es ausgeschaltet. Ihr werdet Euch fragen, womit war ich gedanklich beschäftigt? Gut so! Der Hitzeschutz hat scheinbar seine Tücken und löscht nicht richtig abgespeicherte Gedanken. Aber so langsam kommt es wieder. Wen es interessiert, am Schluss lasse ich mich darüber aus.

So nun aber noch die technischen Daten des Tages: 31km (addiert sich auf zu 390km fast ein Drittel ist geschafft), 1.600 kKalorien, knapp 6 Stunden bei einem Flüssigkeitsverlust von über 3l.

So nun für die Interessierten: Ich habe mich mit meiner Vergangenheit besser Jugendzeit beschäftigt. Genauer, was hat mich bewogen, ins Consulting zu gehen und mich selbständig zu machen. Anlass war eine E-Mail vom Rotary Distrikt, in der sie mitteilen, dass sie beabsichtigen, morgen den Login auf ihre Systeme zu ändern. Mich ärgert, dass man mal wieder top down ohne hinreichenden Vorlauf und über die Köpfe aller hinweg eine solche Entscheidung getroffen hat. Das hat mich an meine Bundeswehrzeit erinnert und wie prägend die zwei Jahre waren, die ich bei dieser Organisation beschäftigt war. Hier wurden Befehle von völlig unqualifizierten Menschen erteilt. Führung hieß Angst und Druck erzeugen, was bei mir nicht so richtig funktioniert hat und ich deshalb immer angeeckt bin. Denn mit was wurde Angst erzeugt: Körperliche Ertüchtigung – haha, als 19/20 Jähriger ist es doch keine Strafe sich sportlich zu betätigen; mit der Androhung von Wochenenddiensten – haha hätten die unqualifizierten Führungskräfte auch bleiben müssen; mit psychischen Druck also Leute gegen einander aufwiegeln. Interessant ist, wie viele junge Menschen dem auf den Leim gegangen sind, trotz hervorragender Schulbildung. Neben der miesen Führung hatte die Bundeswehr ein zweites grundlegendes Problem: keine Ergebnisse erzielen zu können. Nichts ist demotivierender als Langeweile, die sich daraus ergibt, dass es nichts zu tun gibt ausser ersichtlich sinnlosen Aktivismus.

Dieser Umstand hat dazu geführt, dass mir drei Dinge sehr wichtig wurden: (1) ich werde nie mehr in einer Organisation arbeiten, die Angst und Druck bei ihren Mitarbeitern erzeugt; (2) ich möchte weitgehend selbst bestimmen, was und wie ich etwas bearbeite; (3) das was ich mache, muss ein klares Ziel haben und sichtbare Ergebnisse erzeugen, auf die ich stolz sein kann.

Basierend auf meiner humanistischen Schulbildung und dem Umstand geschuldet, dass in unserer Familie alles ausdiskutiert wurde, obwohl unsere Mutter uns Kindern vergeblich versucht hat beizubringen: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, haben sich vier Grundsätze für meine beruflichen Aktivitäten herausgebildet. (1) Performance: wer nicht liefert, wird gem. des darwinistischen Grundsatzes vom Markt aussortiert oder anders formuliert, es wird hart gearbeitet, um beste Ergebnisse zu erzielen (2) Fairness: dies gilt gleichermaßen im Umgang mit Mitarbeitern, mit Kunden und sonstigen Steakholders (3) Loyalität ist Teil meines unumstößlichen Wertekanons (4) Spaß: das was ich mache, muss mir Freude bereiten, denn dann kann ich Ziele erreichen, die alles von mir abverlangen.

So das war es für heute, jetzt muss ich erstmal Chinesisch essen gehen.

Tag 12: 15.05.17

 

Heute ist es heiß. Die Sonne scheint und es gibt über mir kein Wölkchen. Im Schatten beträgt die Höchsttemperatur 27 Grad Celsius, Schatten sehe ich so gut wie keinen und ich möchte auch nicht über die Temperaturen in der Sonne spekulieren. Ich wiederhole mich, es ist heute heiß, sehr heiß!

Nun gut, was gibt es zu erzählen? Ich laufe vom Golfplatz zu meiner üblichen Uhrzeit zwischen 08:30 und 09:00 Uhr los. Ich durchwandere vor allem Getreidefelder. Wein wird jetzt nicht mehr angebaut. Nach etwa sieben Kilometer erreiche ich Santhia und von jetzt an bin ich in der Po Ebene. Es ist flach, ganz flach: kein Hügel. Muss ich einen Anstieg überwinden, dann handelt es sich um eine Brücke über eine Straße, Bahntrasse oder über einen der vielen Bewässerungskanäle. Diese sind mal größer und mal kleiner. Sie führen entlang jeden Feldes. Angebaut wird hier nur noch Reis. Je nach Wachstum des Reises sind die Felder mal komplett geflutet oder das Wasser läuft zurück in einen Kanal bzw. ist am abtrocknen. Das wird über Schieber in den Kanälen reguliert.

Alle drei Kilometer kommt man zur Abwechslung an einem der gigantischen Bauernhöfe vorbei. Sonst gibt es nichts: keinen Ort, keine Bar, keinen Brunnen –> pure Langweile!
Es ist schwer mich zu motivieren, da nach einer Weile die Landschaft sich immer wieder gleicht. Die Sonne und das fehlende Trinkwasser leisten ebenfalls ihren Beitrag. Das Schlimme: ich weiß, dass sich das die nächsten knapp 300 km kaum ändern wird.

„Meine“ beiden Holländer, die ich heute Abend zufällig in Vercelli wieder treffe, haben schon heute, weil die Eintönigkeit der Landschaft Ihnen ebenfalls aufs Gemüt geschlagen ist, den Zug genommen. Soweit ist es bei mir noch nicht. Ich habe Musik gehört, die mich angetrieben hat. Für Morgen muss ich mir noch etwas überlegen. Ich denke, ich fange wieder wie in Spanien an, mir Themen zu setzen, die ich den Tag über durchdenken werde.

In Vercelli finde ich mitten in der Stadt in einer engen Gasse ein B&B mit Apartments. Der Schlüssel ist in einem Kasten neben der Tür: dann braucht man eigentlich nicht abschließen. In meinem Apartment angekommen, höre ich ein Tropfgeräusch. Gleich schaue ich nach, welcher der Wasserhähne tropft. Denkste, es tropft sowohl im Schlafzimmer als auch im Bad von der Decke. Na prima! Ich rufe die Vermieterin an, die nach zehn Minuten angerauscht kommt und nicht glauben kann, was ich ihr am Telefon gesagt habe. Als sie das Malheur sieht, fängt sie, typisch Italienisch an zu schimpfen, jammern, fluchen und und und.

Im Nachbarhaus hat sie ein weiteres Apartment, das sie mir jetzt gibt. Sie muss zunächst erst einmal weiter ihre Emotionen los werden. Was bedeutet, ich werde sie nicht los. Sie setzt sich erst mal im neuen Apartment, schimpft und flucht weiter. Heult ein bisschen und muss sich erstmal in meinen Armen trösten lassen. Jetzt reicht’s mir und ich schiebe sie mit dem Hinweis, ich bin völlig fertig, stinke und muss jetzt unbedingt duschen, raus. Keine Stunde später ist sie wieder da und ich bekomme einen Zwischenbericht, was passiert ist. Nur verstehe ich kein Wort, nicke eifrig und muss wieder klar machen, dass ich andere Pläne habe, als mich ihrem Wasserschaden anzunehmen.

Ich schaue mir erstmal für die nächsten beiden Stunden Vercelli an, das in der Römerzeit und im Mittelalter große Bedeutung hatte. Entsprechend gibt es sehr viele herrschaftliche Gebäude, tolle Plätze, viele große Kirchen und einen Dom.

Auf dem Rückweg hole ich eine Pizza, die ich genüßlich in meinem Apartment vertilge. Während ich so am Essen bin, klopft es und meine Vermieterin steht schon wieder mit einem nicht enden wollenden Wortschwall an der Tür. Ich versuche zu fragen, was denn los ist und ich werde mit nicht enden wollenden Wortbandwürmern überhäuft. Ich verstehe natürlich immer noch nichts von dem, was sie sagt. Das scheint auch nicht wichtig zu sein. Nach dem die ersten Wortwellen über mich hinweg geschwappt sind, will sie mir die Kaffeemaschine und die Mikrowelle erklären und zeigt mir, was sie für das Frühstück alles in den Kühlschrank gelegt hat. Ich höre nicht mehr zu und überlege, wie ich ohne allzu unhöflich zu wirken, klar machen kann, dass es mir nun einfach reicht und ich meine Pizza fertig essen möchte. Manchmal ist es ganz einfach: ich nehme mir ein Stück Pizza und mampfe wieder los. Das versteht die Gute. Sie entschuldigt sich für die Störung und schwirrt ab.

Heute habe ich es auf gut 35 km gebracht und hatte den bisher höchsten Flüssigkeitsverlust von über 3,2 l. Kein Wunder, dass ich so durstig war, da ich doch nur etwas mehr als einen Liter Wasser bei mir hatte.

Tag 11: 14.05.17

 

Was für ein grandioser Tag. Ich habe prima in meinem schönen Zimmer des B&B, das ich mir gestern ausgesucht hatte und von zwei jungen Damen ausgesprochen geschmackvoll eingerichtet wurde, geschlafen. Ich werde herzlich begrüßt von einem der Mädels und bekomme ein tolles Frühstück u. a. mit Joghurt und frischem Obst. Da auch noch die Sonne scheint, kann es nur super werden.
Dann muss ich das schöne Ivrea verlassen und gehe zunächst Richtung Lago di Viverone.

Ich wandere durch eine angenehme Hügellandschaft mit Weizenfeldern, Weinbergen und Wälder. Eine tolle Landschaft. Meine positiven Vorurteile über das Piemont werden vollkommen erfüllt. Nicht nur aufgrund der Landschaft sondern auch an Essen und Trinken, wenn ich mich an gestern Abend zurück erinnere. Mir wurde eine Osteria empfohlen, in der ich als Hauptspeise Thunfisch in Lardo-Ummantelung gegessen und dazu einen Roero Arneis getrunken habe. Ich bin glücklich!

Nach 15km lege ich in einer Bar in Piverone hoch auf einem der Hügel eine Pause ein. Während ich mich meines Rucksacks entledige, werde ich auch schon lautstark von dem Holländischen Pärchen aus Port-Saint-Martin begrüßt. Ich habe die beiden gegen die Sonne gar nicht gesehen. Ich setze mich zu ihnen. Die beiden haben auch in Ivrea übernachtet und beklagen, dass sie aufgrund der Wassergeräusche des Flusses und der Musik, die allenthalben überall aus den Bars scholl, schlecht geschlafen haben und daher auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit auf dem Land sind, um mal wieder durchschlafen zu können. Sie meint, je eher desto besser. Sie möchte sich mal wieder ein bisschen ausruhen; schließlich habe sie Urlaub. Die beiden sind irgendwie cool. Sie haben Schuhe und Socken ausgezogen und alles liegt zum Trocknen in der Sonne. Sie erzählen mir, dass sie aus Friesland kommen und sind verwundert, dass ich weiß, wo das ist.

Ich trinke zwei Café und einen eiskalten Saft. Das bringt mich wieder in Schwung und so pilgere ich nach einer halben Stunde weiter. Vor mir liegt der Lago di Viverone. Schade dass es noch so früh im Jahr ist, andernfalls würde ich jetzt baden gehen. Ich kann mir durchaus vorstellen, wie kalt das Wasser ist und mache erst gar nicht den Versuch, schwimmen zu gehen. Statt dessen fasse ich das nächste Etappenziel Santhia ins Auge. Ich checke, während ich weiter wandere die Übernachtungsmöglichkeiten. In Santhia selbst kann ich über booking.com nichts finden und entscheide mich daher für ein Golfhotel direkt vor Santhia. Hier sitze ich nun in der Sonne mit einem Dolcetto, schaue auf Das Grün von Loch 18 und schreibe meinen Report.

Möglicherweise wundert Ihr Euch, dass ich weder gestern noch heute einen interessanten Gedanken aufgeschrieben habe. Das ist leicht erklärt. Bei der Schönheit der Landschaft ist mein Geist vollständig mit der Bewunderung meines Umfeldes ausgelastet.

Heute bin ich ca. 31 km voran gekommen und habe in der Hitze Unmengen an Flüssigkeit verloren aber auch sicher vier Liter Wasser getrunken, das ich immer wieder aus den Wasserquellen in den Ortschaften in meine Wasserflaschen abfülle.

Tag 10: 13.05.17

 

Der Tag fängt gut an. In dem B&B gibt es ein tolles Frühstück. Der junge Mann, der es betreibt, hat eine erstklassige Küche mit tollem Equipment. Ich unterhalte mich kurz mit ihm über Küchen und Kochen und entsprechend verweile ich beim Frühstück länger als ich wollte. Als ich im Aufbrechen bin, kommt ein älteres – ich meine in meinem Alter – Pärchen herein. Sie sehen meinen Rucksack und lassen mich wissen, dass sie auch Pilger und vor sieben Wochen in Holland gestartet sind. Meine ersten Mitpilger!

Ich starte um kurz vor neun als die Sonne schon hoch steht und ordentlich wärmt. Aus Pont-Saint-Martin geht es recht eben auf Nebenstraßen aus dem Ort. Kurz darauf muss ich mich entscheiden: hoch in die Weinberge oder entlang der Bundesstraße. Wenn ich die Wanderkarte richtig interpretiere, gibt es heute nur drei Anstiege. Das ist in Ordnung und so wähle ich die Weinberge.

Kurze Zeit später verlasse ich die Provinz Aosta und komme ins Piemont. Das bedeutet keine Berge mehr sondern nur noch Hügel, die es trotzdem in sich haben können.

Auf den Bildern kann man sehen, dass hier die Weinstöcke anders als üblich gezogen werden. Den ganzen Tag über komme ich immer wieder an diesen „Säulen“ vorbei, meist genutzt um Holzbalken aufzulegen, an denen entlang die Weinstöcke sich ranken, aber auch als Dekorationselemente in Gärten und auf Mauern.

Nach zwei Stunden treffe ich wieder auf die Holländischen Pilger, die die Abkürzung entlang der Bundesstraße gewählt haben. Sie sind etwas faul, was sich nicht nur aufgrund der Wahl des Weges fest machen lässt sondern auch daran, dass sie ihre Rucksäcke mit dem Taxi transportieren lassen.

Der Weg heute ist nicht nur wegen des schönen Wetters einfach toll sondern auch wegen der tollen Landschaft und des Weges, der mich nicht einmal auf viel befahrene Straßen führt oder entlang der Autobahn.

Um die Mittagszeit komme ich durch einen Ort mit einem Markt. Ich kaufe mir einige Kirschen, die hier schon reif sind, und Aprikosen und esse diese während ich weiterlaufe auf. Die Sonne trocknet mich trotzdem aus. So beschließe ich, in Ivrea, einer hübschen Kleinstadt mit einer sehr belebten Fußgängerzone, einer Burg und einem Duomo, zu übernachten. Ich buche über das Internet ein B&B, das stark empfohlen wird und mitten in der Fußgängerzone liegt.

Ich werde freundlich von einem jungen Mädchen empfangen, von der ich sogleich auch eine Reihe Empfehlungen bekomme, was ich besichtigen und ich unbedingt zu Abend essen muss. Nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf folge ich ihren Empfehlungen. Da um mich herum es jede Menge Bars gibt, in denen laut Musik gespielt wird, gehe ich erst spät in mein Zimmer. Ruhe bekomme ich sowieso erst spät bei der Feierlaune der Ivreaer.

Heute habe ich es nur auf knapp 25 km  und 500 Höhenmeter gebracht. Morgen muss ich unbedingt mal wieder eine längere Etappe einlegen, gleichwohl ich bereits 300 km und somit ein Viertel der Strecke gelaufen bin.

Tag 9: 12.05.17

 

Erste Aktivität nach dem Aufstehen: ich prüfe, ob meine Sachen getrocknet sind. Natürlich sind sie es nicht. Funktionshemd, Unterhemd und -hose sind nur noch leicht feucht. Aber die Strümpfe und vor allem die Schuhe sind noch richtig gehend nass. Ich versuche mit dem Fön, die Schuhe zu trocknen. Der Fön sieht zwar high sophisticated aus, ist aber nicht zu gebrauchen, da er schon nach weniger als eine Minute wegen Überhitzung abschaltet. Wie soll man denn damit sich die Haare trocknen geschweige die Schuhe? Schon habe ich einen gehörigen Zorn auf das Hotel. Heute Nachmittag werde ich mir eine anständige Bleibe mit funktionierender Heizung suchen. Damit ist mein Ziel auch schon klar: ich werde bis nach Pont-Saint-Martin wandern, denn das ist die nächste Stadt mit einigen Hotels, die im Internet einen ordentlichen Eindruck machen.

Also ziehe ich meine „Schlappen“ an, die ich eigentlich nicht zum Wandern sondern für Abends, wenn ich in den Unterkünften einigermaßen saubere Treter brauche, mitschleppe. Das sind super leichte Nike Sportschuhe, die weniger als 200 gr. wiegen und die ich extra für diesen Zweck neu gekauft habe. Die Schuhe sind viel zu weich, vor allem das Obermaterial, das aus einer Art dünnes Netz besteht, ist nicht geeignet, um hier in den Bergen und auf dem feuchten Untergrund herumzulaufen. Aber was bleibt mir anderes übrig? Die Wanderschuhe und ein Paar nasse Socken befestige ich zum Trocknen außen am Rucksack. Regnen darf es nicht, sonst macht die Aktion keinen Sinn und viel schlimmer noch, das Regenwasser würde ungehindert durch meine Schuhe fließen.

So genug gejammert jetzt geht’s los. Schon nach 200 m geht es steil bergauf in ein Waldstück, kurz darauf wieder runter durch einen Wiesenweg! Hurra schon sind meine Strümpfe feucht. Meine Füsse sind begeistert und kündigen sofort an: „heute Abend gibt’s Blasen, Freundchen, wenn Du so weiter machst.“ Es wird noch besser, denn zur Abwechslung gehen wir wieder und noch weiter hoch, so dass ich sehen kann, wie sich die Autobahn prima eben im Tal am Fluss lang schlängelt.

Auf dem Weg runter stellt sich mir eine Schafherde in den Weg. Puh, die stinken aber ganz ordentlich mit ihrem nassen Fell und haben, weil sie vor mir Angst haben auch noch den ganzen Weg voll geschi…

Die Dorfbewohner auf der Höhe sind an Pilger gewöhnt. Aus jedem Haus, das ich passiere, ruft eine Signora oder ein Signor: „buongiorno, Pellegrino!“ „Buongiorno, Signora!“ Antworte ich höflich auch wenn ich oft die Herrschaften gar nicht zu Gesicht bekomme.

So jetzt bin ich unten im Tal und darf nach der Überquerung der Dora Baltea endlich durch die saftigen Wiesen ohne ständiges auf und ab am Fluss lang marschieren. Ich werde schneller aber nicht viel, da der Weg am Fluss selbst einem Fluss gleicht. Es gibt mehr Pfützen, seengleich, als trockene Stellen.

Im nächsten Ort muss ich unbedingt eine Bar aufsuchen, denn die nassen Socken malträtieren meine Füße und Hunger habe ich jetzt auch, da ich heute Morgen das Frühstück habe ausfallen lassen. Schon sehe ich die Beschilderung zu einem Restaurant. Dort angekommen falle ich durchgeschwitzt auf einen Stuhl. Der Kellner will umgehend wissen, ob ich das Lunchmenü oder a La Carte essen möchte. Ich will doch nur ein Panini. Das gibt es aber nicht. Ok, so nehme ich einen Vorspeisen Teller mit Lardo und einem heimischen Käse sowie warme Kastanien. Bevor ich esse, muss ich mir aber die Socken ausziehen und die Füße dick mit Hirschtalg eincremen. Die Socken und Schuhe lege ich draußen in die Sonne und komme wieder mit Flipflops ins Lokal. Ich kann mir vorstellen, dass die anderen Gäste nicht amused sind über mich und mein Verhalten: durchgeschwitztes Hemd, Flipflops, Schweissgeruch, … ich hab was Pennerhaftes an mir.

Das Essen ist köstlich. Der Kellner bietet mir seinen selbstgebrannten Schnaps zum Café an. Das lehne ich dankend ab. Wenn ich jetzt einen Schnapps trinke, brauche ich ein Bett und der Tag ist gelaufen. So bleibt es beim Café.

In der mittäglichen Wärme sind die Socken tatsächlich getrocknet und meine Füße fühlen sich wieder wohl – nicht lange. Weiter geht es unter der Autobahn durch. Der Weg in der Unterführung ist geflutet und ich komme nicht trockenen Fußes dadurch. An eine Drainage hat man hier wohl nicht gedacht. Nach der Unterführung verläuft der Weg doch tatsächlich direkt entlang der Autobahn – kaum zu glauben.

Ich fluche, „was soll das“. Ich werde mit Abgasen voll gepumpt und der Lärm ist unerträglich. Kommen LKWs wird man vom Windschatten, den diese erzeugen durch gerüttelt. „Sag mal, Du weißt aber auch nicht was Du willst!“ „Was machst Du den hier, Sigeric?“ „Ich kann Dein Gejammer – vor allem an einem so schönen Tag – einfach nicht mehr ertragen. Erst meckerst Du, weil es durch die Berge geht und willst unbedingt in die Ebene, wo sich die Autobahn befindet; kaum dort, stört Dich die Feuchtigkeit, die Flussebenen so mit sich bringen, der Lärm und was nicht noch alles. Was willst Du denn nun wirklich?“ „Ganz einfach: das andere“, antworte ich lachend und denke darüber nach, wie blöd wir Menschen gestrickt sind. Wir sind im Grund nicht zufrieden zu stellen. Haben wir das eine, wollen wir das andere. Haben wir etwas uns sehnlich gewünscht und erhalten es dann irgendwann, können wir uns nicht wirklich darüber freuen, da wir bereits etwas Neues noch „besseres“ haben möchten. Als ich meine Gedanken einigermaßen sortiert habe und Sigeric antworten will, ist er verschwunden. Ich fürchte er hat Angst vor den dunklen Wolken, die sich am Himmel zusammen brauen.

Während ich den Himmel über mir beobachte, sehe ich eine riesige Trutzburg in der Ferne an der Biegung des Flusses, auf einem gewaltigen Hügel thronend, vor mir auftauchen. Als ich auf Bard zulaufe, check ich schnell das Internet, um welche Festungsanlage es sich handelt. Ich lerne, dass es das Forte die Bard, im 19. Jahrhundert vom Hause Savoyen erbaut, ist. Das Fort sieht eher für mich wie eine mittelalterliche Burg aus und kann gar nicht glauben, dass die Anlage noch so jung ist.

Nach Bard muss ich aufgrund der Enge des Tales noch zweimal rauf und runter, um dann Pont-Saint-Martin bei leichtem Nieselregen zu erreichen. Schnell finde ich ein gehobenes Bed & Breakfast. Ich entscheide mich für das Haus, da mir das Hotel am Platze von außen nicht gefällt.

So nun müssen meine Füße untersucht werden. Ich kann es kaum glauben: keine nennenswerten Schäden, nichts was nicht mit einer großen Menge Creme repariert werden kann. Trotz nasser Füße, untauglicher Schuhe und gut 800 m Höhenunterschied sowie 27 km ist alles heil geblieben. Dann kann ich ja noch die Stadt erkunden gehen. Ach ja und die Heizkörper werden warm: morgen werden alle meine Sachen wieder trocken sein. Super!

Tag 8: 11.05.17

 

Meine Wirtin macht mir heute Morgen ein Frühstück – einfach aber besser als in den Häusern in denen ich bisher im Aostaltal war – und da sie es mir nun schon auf den Tisch gestellt hat, esse ich brav ihren selbst gemachten Kuchen und ein Brot mit selbst gemachter Birnenmarmelade. Sie will für die Nacht inkl. Abendessen und Frühstück 40 Euro haben. Das ist mehr als fair auch wenn ich heute Nacht zunächst ordentlich gefroren habe. Als ich mitten in der Nacht ausgekühlt aufgewacht bin, habe ich mich erst einmal auf die Suche nach einer zusätzlichen Decke gemacht. Unter der zweiten Decke habe ich es aushalten können, mich aber in dem für meine Verhältnisse zu engen Bett kaum getraut umzudrehen, da dies jedes Mal zu einem Kälteeinbruch unter den Decken führte.

Heute ziehe ich mich von vornherein dünner an als die letzten Tage. Da die Sonne aber nicht herauskommen will, muss ich erst die Innenjacke und später die Regenjacke überziehen. Es ist kalt geworden. Die Regenwahrscheinlichkeit gemäß Forecast liegt am Vormittag bei 15% und am Nachmittag bei 30%. Nach etwa einer Stunde tritt der Risikofall ein und das den ganzen restlichen Tag. Mal nieselt es mal regnet es und ich bin mal mehr mal weniger und mal mehr durchnässt. Am Nachmittag schwimmen meine Füße in den Schuhen. Durch die Kapillarwirkung der Socken saugen die sich bis in die Zehen voll Wasser und durchnässen so auch die Schuhe. Ich schwimme in meinen Schuhen.

Nur die nassen Haare haben mich verändert, sonst bin ich immer noch der selbe!

 Champagne

Es ist, trotz der tollen Alpenlandschaft und den mal verlassenen mal ordentlich hergerichteten Ansiedlungen, nicht gerade angenehm zu laufen. In Champagne – so heißt hier tatsächlich ein Ort – mache ich erst mal Pause und bekomme in einer Bar nun endlich meine erste Focaccia und danach einen Café. Anschließend kann ich begeistert die örtliche Kirche besichtigen und weiter ziehen.

Der Weg hat mich bisher nicht nur ermüdet sondern auch mürbe gemacht. Es geht ohne Unterlass zwischen etwa 500 und 700 m rauf und runter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der „gute“ Sigeric auf seinem Pilgerweg vor mehr als 1.000 Jahren auch ständig rauf und runter gerannt ist, um dem Papst die Meinung zu geigen. Der ist bestimmt schön eben unten dem Fluss folgend marschiert, wo heute die Autobahn entlang führt. Die nervt nicht nur wegen der priorisieren Lage sondern auch wegen des Lärms, die all die Fahrzeuge erzeugen.

Die Kirche und das Schloss von Chatillon

Bin ich schon in Rom? hier sind St. Peter und St. Paul außen und innen (Chatillon)

Ich bin in Nörgellaune und fange deshalb schon an, Selbstgespräche zu führen. Als ich mich wieder über einen erneuten glitschigen Anstieg bei mir selbst und Sigeric beschwere, fällt mir jemand ins Wort und fragt mich: „wenn Du hier so rum jammerst, solltest Du Dich mal fragen, warum Du nach Rom wanderst und nicht einfach eine WhatsApp schreibst, wenn Du Dich beim Papst beschweren willst – oder noch besser tweetest, damit es auch alle gleich mitbekommen, was Dich ärgert.“ „Wer bist Du überhaupt?“ „Oh, ja, sehr unhöflich von mir, ich bin Sigeric, Erzbischof von Canterbury!“ „Mach Witze! Reisen durch Raum und Zeit haben wir noch nicht erfunden“, gebe ich zurück. „Wie Du siehst, ist das auch gar nicht nötig. Denk mal ein wenig nach: Zu meiner Zeit waren Telegramm, Telex, Fax, Email, SMS, oder wie all das Zeug heißt, noch nicht erfunden. Hätte es das gegeben, hätte ich dem Papst eine gesalzene Email geschrieben und hätte das nicht geholfen, mehrere Tweets hinter her geschoben. Dann hätten wir schon gesehen, wie der gesprungen wäre. Gab es aber nicht, also musste ich persönlich hin: Zug, Autos und Flugzeuge gab es ebenfalls nicht, wie Du sicher weißt, also bin ich halt gelaufen. War ganz schön mutig von mir, wenn ich mich so zurück erinnere. Du hast das aber nicht nötig. Also raus mit der Sprache! Warum gehst Du nach Rom und schreibst nicht einfach eine Message auf Deinem Sofa sitzend oder, wenn Dir das zu unpersönlich ist, setzt Dich nicht in den nächsten Flieger: fünf Stunden maximal und Du stehst im Vatikan und überbringst Deine Botschaft.“

Ich glaub ich werde irre. Jetzt führe ich nicht nur Selbstgespräche sondern auch noch Zwiegespräche mit einer historischen Gestalt. Aber irgendwie muss ich mich ja motivieren und die Zeit vertreiben. Also rede ich weiter mit ihm. „Warum kommst ausgerechnet Du zu mir, um mich nach meinen Gründen hinsichtlich meiner Pilgerschaft zu fragen?“ „Wäre es Dir lieber, ich wäre Settembrini?“, entgegnet Sigeric. „Wer ist Settembrini?“ „Komm schon, erinnere Dich! Das ist der Mentor von Hans Castorp.“ „Du meinst den Freimaurer oder sollte ich besser sagen armen Kommunisten aus dem Zauberberg von Thomas Mann?“ „Genau jener!“ „Wie kommst Du denn jetzt gerade auf den?“ möchte ich wissen. „Du erinnerst mich an Hans Castorp und dann könnte ich die Rolle von Lodovico Settembrini übernehmen.“ „Warum erinnere ich Dich an Hans Castorp? Das war doch so ein junger Schnösel, das bin ich nun sicher nicht.“ „Junger Schnösel vielleicht. Aber sicher jemand der sich an einen Ort zurück zieht, der ihn fasziniert: Fast alle anderen Personen kommen nach Davos – Du erinnerst Dich, dass der Roman dort spielt – um zu sterben. Hoffen zwar geheilt zu werden, ist aber bloße Hoffnung. Natürlich gibt das keiner zu. Nichts desto trotz ist das die erste beschriebene Palliativ Einrichtung und Hofrat Behrens der erste Palliativ Mediziner. Hans Castorp, der angeblich nur seinen Cousin besuchen möchte, flieht vor der realen Welt und möchte lieber an einem Ort in den Alpen, an dem es sich angenehm leben lässt, ohne arbeiten zu müssen, sich Vergnügen und die Zeit vertreiben. Ist das nicht vergleichbar mit dem, was Du hier treibst?“ „Natürlich ist es das nicht“, wehre ich mich. „Ich habe ein klares Ziel. Ich möchte nach Rom pilgern und mich auf dem Weg an der Schönheit der Natur erfreuen, mich ihr aussetzen und mit den unterschiedlichsten Menschen in Kotakt kommen. Ich unterwerfe mich dabei, den Strapazen einer besonderen Reiseart: wandern. Ich bin alles andere als ein Müssiggänger wie Hans Castorp. Das einzige, was ich akzeptiere: oft wünschte ich, so unbeschwert, ohne jegliche Verpflichtungen wie Hans Castorp in dem Buch, leben zu können und ja, das Pilgern hat etwas von dieser Unbeschwertheit.“ „Aha, da haben wir es. Du hast doch etwas von ihm. Auch der Disput zwischen Dir und mir ist vergleichbar mit dem zwischen Castorp und Settembrini.“ „Es gibt aber dennoch einen gewaltigen Unterschied: ich bin weder Clawdia Chauchat begegnet noch auf der Suche nach ihr, ich bin glücklich verheiratet.“ „Sei doch nicht so kleinlich! Also gut, bin ich also Sigeric und ich begleite Dich heute ein Stück, sonst gibst Du sicher gleich auf. Da, weiter unten im Tal liegt Saint Vincent.“ „Ja – und?“ „Erkennst Du nicht das nette Hotel, in dem Du mal per Zufall mit Andrea warst?“ „Klar!“ „Na, willst Du nicht dort übernachten?“ „Damit Du mit Deiner Entourage nach Chatillon kannst, um Dich von einem Adligen fürstlich bewirten zu lassen? Nein, ich werde nicht schwach! Schau, der Regen hat aufgehört und jetzt bin auf einem Höhenweg. Läuft doch super gerade. So nun hau ab und lass mich in Ruhe.“ Ich habe ganz schön mit mir kämpfen müssen, um nicht schon in Saint Vincent Schluss zu machen und um in das richtig schicke Parc Hotel Billa und dem erstklassigen Restaurant im Grand Hotel zu gehen.

Grand Hotel und Parc Hotel Billa Saint Vincent

Ich hänge noch einmal zehn Kilometer dran und führe weiter Zwiegespräche mit Sigeric, der natürlich sich nicht weg schicken lässt. Da ich mir die Zeit vertreiben und mich von den Unbilden des Weges ablenken muss, führe ich unendlich lange Zwiegespräche – und es hilft.

Mehrfach übersehe ich Abzweigungen, der Weg ist sehr gut aber auch sehr eigenwillig ausgeschildert. Es stehen grosse von weit sichtbar Schilder an Stellen, wo es keine Abzweigungen gibt. An Kreuzungen muss man Schilder, Pfeile oder was immer genutzt wird, regelrecht suchen. Findet man sie, ist oft – zumindest mir – nicht klar, in welche Richtung sie weisen. Auf dem nassen Boden rutsche ich an dem einen oder anderen Steilstück aus. Ich hoffe das entschuldigt meine Lust auf Zwiegespräche. Reale Menschen sind weit und breit nicht in Sicht. Ich bin allein unterwegs.

Nach 33 km und ca. 1.500 m Höhenunterschied komme ich an einem Gasthaus vorbei: Hotel Napoleon. Hier frage ich, so nass wie ich bin, nach einem Zimmer. Ich bin froh, hier bleiben zu können, obgleich die Heizungen ausgeschaltet sind und ich nicht sicher sein kann, dass meine Anziehsachen morgen trocken sein werden.

Tag 7: 10.05.17

 

Heute ist das Frühstück nicht minder karg als gestern im Hospitz. Heute gibt es Weißbrot und zwar von vorgestern, dafür Café-Latte. Ich bin in Italien! Ok, ich denke, ab sofort verzichte ich wie auf dem Jakobsweg auf das Frühstück und werde am späteren Vormittag eine Focaccia oder ein Panini in einer Bar am Wegesrand essen. Für heute wird es gehen.

Was soll ich zum Weg sagen? Es ist ein traumhaft schöner Tag: die Sonne scheint und ich wandere durch blühende Wiesen, ausschlagenden Wäldern und entlang von Wassergräben, die überall im Aosta Tal  beginnend im 14. Jahrhundert – wie ich gelesen habe – zur Bewässerung der Felder angelegt wurden und noch heute genutzt werden. Vornehmlich geht es bis nach Aosta bergab.

Die blühenden Birken zwicken in der Nase und ich sprühe mir dann doch gleich mal ein Antialergikum in die Nase. Seit gestern tuen mir die Fersen vor allem, die des linken Fußes gehörig weh. Ich vermute, dass der steife Bergwanderschuh für meine Füße und meine Art zu laufen ungeeignet ist. Ich brauche eher einen Turnschuh mit einer flexiblen Sohle, um besser die Füße abrollen zu können und nicht so hart mit der Ferse aufsetzen zu müssen.

In Aosta angekommen suche ich gleich mal nach einem Sportgeschäft, bevor die Shops über die Mittagszeit schließen. In der Innenstadt gibt es eine ganze Reihe Geschäfte für Outdoor Aktivitäten aber kein richtiges Sportgeschäft, in dem man eine hinreichende Auswahl an Addidas, Nike oder ähnlichen Marken hätte. Extra in ein Einkaufszentrum außerhalb Aostas möchte ich nicht unbedingt gehen, daher klappere ich die Trekking Geschäfte ab, ob ich etwas geeignetes finde. Im vierten Geschäfte werde ich fündig und ein Verkäufer versteht auch zugleich mein Problem, als ich ihm erzähle, was mir weh tut und was ich vorhabe. Das ist prima, so bekomme ich zwei Schuhe empfohlen und ich entscheide mich nach langem Anprobieren in verschiedensten Größen für einen Schuh von Olang (hab ich noch nie von gehört) und nicht für den von Scarpa, der mir vorne etwas zu eng erscheint. Klasse ist auch der Service: meine Lowas darf ich im Geschäft lagern und bei passender Gelegenheit abholen.

So neu besohlt, schaue ich mir die Stadt und vor allem die Kathedrale an. Beeindruckend ist der dort ausgestellte Schrein aus Gold, der aussieht wie die Bundeslade. Ich kann leider nirgends finden, welche Bedeutung der Schrein tatsächlich hat. Natürlich gehe ich auch über die noch vorhandene Römerbrücke, entlang der Stadtmauer und vorbei an dem Triumphbogen, der von Kaiser Augustus gebaut wurde. Bevor ich die Stadt verlasse, esse ich, in der Sonne in der Fußgängerzone sitzend, ein gigantisches Panini, das ich gar nicht in der Lage bin aufzuessen und trinke zum Abschluss meinen ersten Italienischen Café auf dieser Tour.

Dann geht es raus aus der Stadt und hoch in die Weinberge Richtung Osten weiter das Aostatal entlang. Das Tal hier ist weit belebter als auf der Strecke vom Großen St. Bernhard nach Aosta runter, was man an offenen Bars und Restaurants in den kleinen Ortschaften sieht. Auch hier pilgere ich entlang von Bewässerungskanälen und rauf und runter durch Weinberge, vorbei an Burgruinen und durch Dörfer. Obwohl ich mich in den neuen Schuhen sehr wohl fühle, werde ich in der heißen Sonne vom auf und ab schnell müde. Als ich in dem Dörfchen Seran, das zu dem Dorf Quart gehört, ein B&B sehe, mache ich für heute Schluss.

Wie so oft muss die Wirtin erst mal das Zimmer, in dem drei Betten stehen, fertig machen. Das Bad müsste dringend technisch gewartet werden. Doch arg enttäuscht bin ich, als ich auf Nachfrage erfahre, dass das nächste Restaurant etwa zehn Kilometer entfernt ist. Die Gastgeberin sieht wohl mein Entsetzen und bietet mir Salami und Käse fürs Abendessen an. Das Angebot kann ich nicht ausschlagen, auch wenn ich wenig begeistert bin, da die gute Frau etwas messy mäßiges an sich hat.

Heute habe ich etwas mehr als 27 km geschafft und somit die 200 km Marke überschritten. Hic! Rom ich komme!

Tag 6: 09.05.17

 

Welch ein traumhaft schöner Tag. Als ich aufstehe und aus dem Fenster schaue, bescheint die Sonne die winterliche Landschaft und ich habe eine fantastische Fernsicht. Man kann leicht bis zur Mountblancspitze schauen.

Im Hospitz wird man von Chorälen über eine Lautsprecheranlage um 07:30 Uhr geweckt. Ich war allerdings schon wach, ich brauche morgens einfach ein bißchen Zeit. Die Musik spielt bis 08:00 Uhr – also bis zum Frühstück.

Das Frühstück ist schon etwas karg. Es gibt Brot, Butter und Erdbeermarmelade. Das hält erfahrungsgemäß nicht lange vor. Der Kaffee ist rationiert, da nicht mehr viel übrig ist. Alle Lebensmittel für die Wintermonate werden vor dem ersten Schnee eingelagert und müssen dann reichen, bis die Paßstraße geräumt ist.

Der Mönch, der kein Mönch ist, sondern ein Augustiner – ich war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass das Hospitz von Benediktinern gemanagt wird – gibt mir nach dem Frühstück Schneeschuhe, damit ich sicher den Berg wieder herunter komme. Wir passen gemeinsam die Bindungen auf meine Schuhe an und ich bekomme noch Skistöcke ausgeliehen. Dann geht es los. Als ich nach draußen trete, haut mich die Winterlandschaft mit ihrer Schönheit um. Es ist schon irgendwie komisch: auf der einen Seite ist die Natur so überwältigend schön und auf der anderen Seite gnadenlos brutal. Gestern hatte ich noch das Gefühl, sie will mich umbringen und heute geht mir das Herz vor Freude bei einem solchen Anblick auf.

Zunächst habe ich ein paar Probleme mit den Schneeschuhen, denn es ist gar nicht so leicht, mit Ihnen in einem Steilhang zu laufen. Schnell habe ich den Bogen raus und laufe sicher durch über Nacht eisig gefrorenen Schnee. Etwas tiefer, auf der italienischen Seite, gehe ich zur Statue von Sankt Bernard, der das Hospitz vor mehr als 1.000 Jahren gebaut hat, und vor bei am Hotel Restaurant Italia, wo wir mal auf einer Urlaubsreise vor mehr als zehn Jahren übernachtet haben.

Als ich dort noch ein paar Aufnahmen mache, kommt der Augustiner auf Ski heran gerauscht, um mich nach unten zu begleiten. Er wolle eh mal schauen, wie weit die Italiener mit dem Schneeräumen gekommen seien. Als wir etwa 300 Meter tiefer auf die Italienischen Schneefräsen stoßen, gebe ich die Schneeschuhe samt Stöcke zurück. Für ihn geht es auf Fellen wieder hoch zum Hospitz und für mich runter Richtung Aosta. Ich muss aber weiter die Straße nehmen, da die Fußwege noch im tiefen Schnee versunken sind. Ich komme auf der sonnenbeschienen Straße zügig vorwärts, nur zieht sich das durch die Vielzahl der Haarnadelkurven lang hin. Die Straße kostet mich am Ende etwa zehn zusätzliche Kilometer.

Schnell wird es warm, die Handschuhe habe ich schon ausgezogen, als ich mich von dem Augustiner verabschiedet habe. Dann kommt kurze Zeit später meine Regenjacke dran und es dauert nicht lange und ich laufe nur noch im Hemd.

Die Straße und später der Weg führen durch kleine Siedlungen, die für mich typisch für die Italienische West-Alpenregion sind.

Aufgrund der Strapazen von gestern bin ich früh müde. Auch bin ich hungrig aber alles ist dienstags zu, hatte ich mich nach dem kargen Frühstück doch so auf einen Espresso und eine Focaccia gefreut. Daraus wird nichts. Das erste Hostel, das offen hat, finde ich nach gut 24 km. Ich entscheide mich hier zu bleiben. Ich bin der einzige Gast und bekomme ein schönes Zimmer mit einer großen Terasse, auf der ich nach dem Duschen in Badhose die Sonne genieße: was für Gegensätze, heute Morgen noch Winter und heute Nachmittag schon Sommer.

So lasse ich den Nachmittag, hungrig wie ich bin, verstreichen, Abendessen gibt es in der Trattoria bei den Eltern meiner Gastgeber erst um acht. Sonst ist weit und breit nichts offen und schon gar nicht am Nachmittag.

Tag 5: 08.05.17

 

Wow was ein Tag! Ich weiß gar nicht womit ich anfangen soll.

Zwei gute Nachrichten:

1.  ich hab es geschafft und bin oben auf dem Großen Sankt Bernhard angekommen!

2. Ich lebe noch! Warum ich das schon fast sensationell finde, werdet ihr später erfahren.

So nun der Reihe nach. Ich bin heute Morgen schon bereits um kurz nach acht aufgebrochen, da der Hotelerie mich bereits gestern Abend gebeten hatte um 07:30 Uhr zum Frühstück zu kommen. Höflich wie ich bin, habe ich das gemacht, obwohl ich alle Zeit der Welt habe, denn bis nach Bourg Saint Pierre sind es maximal vier Stunden und bis zur Passhöhe schaffe ich es nicht in einem Tag. Das hat mir zumindest der Hotelier gesagt. Nur sehr trainierte junge Leute könnten das. Als ich ihn frage, meint er: über die Paßstraße sei es kein Probelm über den Pass zu gehen, die Straße sei Schnee frei.

Also laufe ich los durch wunder schöne Alpenlandschaften mit frischen Wiesen, Almen, Mühlen und interessanten Wegen entlang von Bachläufen – ich muss tatsächlich über die Ablaufkante durchs Wasser balancieren. Hier ist alles so wie ich es beim Wandern besonders mag. Deshalb bin ich so unglaublich gerne in den Alpen.

Um 11:45 Uhr bin ich bereits an meinem Ziel angekommen. Aber alles ist geschlossen: Geschäfte, Restaurants und Hotels. Also labe ich mich an einem Brunnen und beschließe, doch noch weiter zu gehen. Es sind nach Wegweiser nur vier Stunden. Also sollte ich zwischen 15:30 und 16:00 Uhr spätestens oben sein. Das kriege ich hin, zumal das Wetter zunehmend besser wird und die Wolkendecke aufreißt.

Auf einer Alm, nachdem ich immer wieder durch Schneefelder musste, treffe ich zwei Einheimische, die die Almhütte für den Sommer herrichten wollen. Sie empfehlen mir, nicht dem ausgeschilderten Weg zu folgen, sondern die Paßstraße zu nehmen. Die sei geräumt und somit weit gehend Schnee und Eis frei. Ich folge dem Rat, steige ein Stück ab und komme so schnell auf die Straße. Mir kommen von oben immer wieder Skitourengeher entgegen. Einer hält an und schwärmt von dem super Firn – na toll und was hab ich davon? Das macht mich doch auch ein wenig stutzig. Aber die Fahrbahn ist meist trocken, auch wenn rechts und links der Straße sich Schneewände auftürmen. Dann höre ich Motorengeräusche und kann mir nicht erklären woher die kommen können, bis ich auf eine gigantische Scheefräse treffe, die schneckengleich den Pass hoch kriecht. Ich kann an der Fräse vorbei und nach einer Biegung sehe ich die nächste Fräse. Der Fahrer ist ausgestiegen und schaut sich um. Für heut sei Schluss, weiter komme er nicht mit seinem Gerät: zu viel Schnee.

Ich frage ihn, was soll ich tun, wo es doch maximal noch 1.500 m bis zur Passhöhe sind. Hier sei es schwierig. Es gibt aber einen Winterweg hoch, der sei besser. Auf meine Frage deutet er nach unten und unbestimmt in eine Richtung, die mir nicht sehr glaubhaft zu sein scheint meine Wanderkarte studierend. Genauer kann er mir den besseren Weg auch nicht beschreiben. Also nehme ich weiter die Straße, es ist ja nicht mehr weit. Nach nur kurzer Zeit ist der Schnee so tief, dass ich über die Knie einsinke und mir oft die Schuhe ausgezogen werden. Alle 50 m muss ich sie neu fest schnüren, um das Problem zu mindern. Auch wird mir kalt und ich ziehe Handschuhe an – gut dass ich die noch gekauft habe und stabile Schuhe an habe. Mich macht der Schnee fertig. Ich komme kaum noch vorwärts. Ob ich doch zurück soll? Aber wohin? Zurück muss ich auch durch den Schnee. Also zehn Schritte machen und dann rasten, zehn Schritte machen rasten. Dann schaut die Leitplanke der Straße aus dem Schnee. Prima auf der balanciere ich: wusste gar nicht, dass ich das kann. Was der Überlebenstrieb – denn ich bin bereits im Überlebens-Modus angekommen – alles so möglich macht. Dann ist auf einem mal die Straße, d. h. Leitplanke und Stöcke weg. Meine Wanderkarten App zeigt, ich bin mitten in der Wildniss und weit von der Straße abgekommen. Ich sehe jetzt ein Kreuz. Also gibt es hier Zivilisation. Ich stapfe in meiner zehn Schritte Taktik auf das Kreuz oberhalb von mir Lawinenabgänge kreuzend zu. Kurz vor dem Kreuz erreiche ich ein Haus. Alles verschlossen – zumindest ist ein Zugang über Tür und Fenster nicht zu erreichen, da Schneemassen gegen sie drücken. Also weiter, ich merke mir die Position des Hauses  als Rückfallstrategie. Schon lange bin ich nicht mehr überzeugt, dass ich, bei dem Kräfteverzehr, an mein Ziel komme. Aber noch bin ich nicht soweit, mich in den Schnee zu setzten und aufzugeben – auch wenn das sehr verlockend wirkt. Der in meine Schuhe eindringend Schnee hat meine Socken durchnässt und ich habe nur noch Eisklumpen als Füße. Mit meinen Händen sieht es auch nicht besser aus. Aber ich bin nicht der Typ, der einfach aufgibt. Nicht solange ein Funke Hoffnung besteht. Jetzt sehe ich wieder hundert Meter über mir eine Leitplanke. Auf die krabbele ich zu und hoffe, so weit oben zu sein, dass ich das Benediktiner Hospiz sehen kann. Das ist aber nicht der Fall. Trotzdem gibt es mir einen Energieschub, da ich weiß, dass die Leitplanke, so lange sie aus dem Schnee schaut, ein leichteres Laufen ermöglicht. Als die Leitplanke wieder im Schnee verschwindet, die Erlösung: ich sehe das Hospitz und es sind geschätzt nur noch zweihundert Meter, die doch noch einmal alles von mir abverlangen. Kaum habe ich Tür des Klosters geöffnet, werde ich zunächst vom Küchenpersonal und dann von einem Mönch willkommen geheißen. Ich bin so erschöpft, dass ich kaum ein Wort heraus bringe. Nach einem heißen Tee und einem Saft geht es mir wieder besser. Der Mönch bietet mir ein Einzelzimmer mit Halbpension für einen guten Preis an. Ich könne auch, sollte ich bedürftig sein, im Dormitorium ein Bett gratis bekommen. Da der Preis fair ist, entscheide ich mich für das Einzelzimmer ohne Bad und Toilette selbstverständlich. Das ist mir heute sowas von egal, schließlich tritt jeglicher Komfort in den Hintergrund, wenn man um das nackte Leben gekämpft hat und froh ist, dass alles gut ausgegangen ist. Jetzt muss ich endlich aus meinen nassen Sachen raus und meine dem Erfrieren nahen Füße und Hände eine ganz lange heiß Dusche gönnen.

Noch ganz wackelig auf den Beine gehe ich zur Messe. Ich bin neben zwei Priestern der einzige Gottesdienst Besucher. Ich verstehe kein Wort, da die Messe auf französisch ist. Nach einer halben Stunde ist Schluss.

Vor dem Abendessen kommt der Priester, der mich in Empfang genommen hatte, auf mich zu und bietet mir für den Abstieg morgen Schneeschuhe an. Das ist ein tolles Angebot, das ich gerne annehme.

Am gemeinsamen Abendessen im Schankraum nehmen nur die Gäste, die im Hospiz übernachten, teil. Es sind noch zwei junge Pärchen, eines aus Franreich und ein anderes aus Lausanne, da. Sie sind mit Tourenski aufgestiegen und wollen morgen wieder abfahren. Viel reden muss ich nicht, denn zwei von den vier anderen Gästen sprechen nur französisch, einer etwas Deutsch und einer passables Englisch.

Nach dem Abendessen wird das Museum des Hospitz, im Nachbargebäude gelegen, geöffnet. Auf der Brücke zwischen den beiden Gebäuden mache ich noch eine Aufnahme. Jetzt am Abend hat es sich wieder zugezogen. Hätte ich einen solchen Nebel bei meinem Aufstieg gehabt, hätte ich sicherlich nicht hier her gefunden. Mann hatte ich ein Glück heute.

Das Museum ist mit modernster Präsentationstechnik ausgerüstet. Vieles wird über curved UHD Monitore erläutert. Aber auch konvetionelle Techniken kommen zum Einsatz: ein Foto des Klosters mit aktuellen und historischen Wetterdaten.

Ach und so sieht ein Einzelzimmer aus. Ich dachte ich bekomme eine „Zelle“ statt dessen einen riesigen Raum mit Betten zur Auswahl:

So und zum Schluss noch die „technischen Daten“:

36,36 km – 8 Stunden 41 Minuten – 2.588 m an Höhe gewonnen – 1.009 m an Höhe verloren – max. Höhe (Paßhöhe) 2.484 m – 2.426 kKalorien (das glaube ich nie – gefühlt waren das 10.000 – stimmt natürlich noch weniger) – und jetzt noch die dazu gehörigen Grafik.

 

Tag 4: 07.05.17

 

Der Wecker klingelt um 7:00 Uhr. Es regnet. Ein klares Zeichen noch eine Stunde zu schlafen. Es regnet immer noch, obwohl meine Wetterapp klar prognostiziert, ab acht wird es schön. Als ich dann um halb zehn endlich aufbreche, nieselt es nur noch. Der Nieslregen begleitet mich noch etwa eine Stunde auf den schmalen steilen Wegen entlang der Rhone. Als ich den Fluss auf einer extrem schwingenden Stahlseilbrücke überquere, sehe ich Angler im Fluss stehen: eine meiner Lieblingsbeschäftigungen – Angler beim Fischen zusehen.

Im nächsten Ort trinke ich in einer Bar einen Kaffee. Die Besitzerin spendiert ihn mir, da ich Pilger auf der Via Francigena bin. Ich bin ihr erster Pilger in dieser Saison. Kein Wunder, dass ich bisher noch niemanden getroffen habe, gleichwohl es mich nicht verwundert, dass sich selten ein Pilger in diese Bar verirrt.

Nun bin ich tatsächlich in alpinem Gelände. Über kleinste extrem steile Wege, die aufgrund des Regens in den letzten Tagen völlig aufgeweicht sind, geht es über Geröll, klitschige Wurzeln und glatte Steine wie auf einem Klettersteig hoch und runter. Ich muss mich extrem konzentrieren, um nicht auszurutschen und komme so nur langsam voran. Trotz des alpinen Geländes ist die Zivilisation nicht weit entfernt. Durch das enge Tal fährt Auto an Auto und erfüllt die gesamte Umgebung mit Lärm – schrecklich. Dann erreiche ich den kleinen Ort Sembrancher, wo ich das Rhonetal verlasse und direkt nach Süden abbiege.

Jetzt werden die Wege wieder breiter und es geht stetig bergauf. Auf diese Weise gewinne ich mit allen aufs und abs heute 400 Höhenmeter (fast 1.300 hoch und wieder fast 900 runter). Erschöpft erreiche ich Orsires. Ein kleiner Ort den Napoleon bei seinem Italienfeldzug über drei Tage mit seinen Truppen durchquert hat. Ich beschließe hier heute zu übernachten. Aber bevor ich das einzige Hotel suchen gehe, werfe ich noch einen Blick in die über 1.000 Jahre alte Kirche mit ihren wunderschönen Fenstern.

Ich bin völlig kaputt. Im Hotel ist niemand. Also rufe ich an. Erst klingelt es an der unbesetzten Rezeption und dannn nach langem Klingeln meldet sich ein Herr und teilt mir mit, dass noch ein Zimmer frei ist aber er erst in zwanzig Minuten bei mir sein kann. Tatsächlich werden es vierzig Minuten und er entschuldigt sich damit, dass heute zwei seiner Enkel getauft würden. Als er mir den Zimmerschlüssel aushändigen will, ist er überrascht, dass er auf der Theke liegt. Ihm kommt der Verdacht, dass es noch nicht gemacht ist. Also ruft er das Zimmermädchen an, das seinen Verdacht bestätigt. Er bittet mich im Gastraum zu warten, er müsse wieder zurück zur Taufe, das Zimmermädchen komme gleich. Es dauert nochmals eine halbe Stunde bis sie vor fährt und dann eine weitere halbe Stunde bis sie fertig ist.  Was bin ich froh jetzt endlich eine Dusche zu bekommen. Auch wenn das heute nur knapp über 24 km waren.

Zum Essen gehe ich runter, nur um zu erfahren, dass sie heute wegen der Taufe geschlossen haben. Man teilt mir mit, dass ich heute vermutlich nur im Restaurant des Alpes noch Abendessen bekommen dürfte. Also gehe ich dort hin: es gibt nur Menüs, das aber zu gesalzenen Preisen. Eigentlich hatte ich gehofft, eine einfache Bernerwurst mit Pommes Frites essen zu können, nachdem sonst fast nur Italienische Restaurants auf meinen Wegen lagen. Das Essen haut mich allerdings um: vor allem das Hauptgericht aus Blutwurst mit Birnen, Kartoffelpüree und einer Pinot Noir Sauce ist eine wahre Meisterleistung – absolute Spitzenklasse. Ich frage mich, wie sich ein solcher Gourmet Tempel in einem Dorf, in einem verlassen wirkenden Alpental, halten kann?

Heute war ein interessanter Tag: Regen und Sonne, Quälen auf dem Weg. Warten im Hotel und ein göttliches Abendessen. Diese Gegensätze führen mich zwangsläufig zu der Frage: warum mache ich das?

Auf meinem Camino habe ich das erst spät heraus gefunden. Hier, auf der Via Francigena weiß ich das schon jetzt. Möglich, dass ich später auf dem Weg zu neuen und weiteren Erkenntnissen gelange. Aber jetzt ist mir klar, es ist eben diese Hausforderung, mit beschränkten Mitteln und Kräften ein Ziel erreichen zu wollen: in Rom zu Fuß und gesund anzukommen. Alles hat sich diesem Ziel unterzuordnen. Denn ich weiß, welche Freude es sein wird, in Rom einzumarschieren und vor dem Petersdom zu stehen. Aus dem Willen, das Ziel zu erreichen und die Vorfreude anzukommen, entsteht in mir eine ungeheure Motivation. Eine Motivation die unglaubliche Kräfte frei setzt, die man bisher nicht gekannt hat, Risiken einzugehen, natürlich nur so viel, dass die Zielerreichung nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird, aber doch so viel, dass sie möglich wird. Es ist das Wissen, am Ende belohnt zu werden, es sich selbst gezeigt zu haben. Nicht anderen sich selbst.

Sich für eine begrenzte Zeit nur noch auf das Wesentliche reduzieren zu müssen: schlafen, essen, trinken. Alles andere verliert für die Dauer des Weges an Bedeutung. Allen anderen Balast abzuwerfen, um die Zielerreichung nicht zu gefährden, bewirkt bei mir ein Gefühl vollkommener Freiheit und macht meinen Kopf frei für neue Gedanken und Ideen. Daraus entsteht eine Kraft und Energie, die mir über den Weg hinaus dauerhaft zur Verfügung steht. Es erzeugt Gelassenheit und Stärke.

Eine solche Wanderschaft ist auch eine Reise ins eigene ich. Ich gehe deshalb den Weg auch alleine: ich will mir die Zeit nehmen, um nachzudenken, manchmal auch nur um des reinen Denkens willen. Alles was einem durch den Kopf geht und in mein Tagebuch soll, muss ich mir merken. Ich kann ja schließlich nicht ständig stehen bleiben und mir jeden Gedanken aufschreiben. Das trainiert das Gehirn, Wichtiges zu behalten und Unwichtiges sofort wieder zu verwerfen.

Natürlich stellt sich auf einem Pilgerweg auch immer wieder die Frage nach Gott und existiert, ein alles ordnendes Wesen. Ich habe dazu Antworten auf meinem Weg durch Nordspanien gefunden. Ich werde darüber tatsächlich, wenn ich denn mal die Po Ebene erreicht habe, weiter nachdenken.

Es sind demnach vier Gründe, die mich hier raus in die Berge getrieben haben: (1) die Herausforderung, (2) sich auf das wesentliche zu reduzieren, (3) die Reise ins eigene ich und (4) die Frage nach Gott und damit nach der eigenen Verantwortung, dem Streben nach Glück und natürlich dem Umgang mit anderen Menschen.

So Schluss damit. Jetzt gehört meine Aufmerksamkeit den vor mir liegenden körperlichen Herausforderungen und die Auseinandersetzung mit den Naturgewalten. Es hat gestern und heute wieder auf dem Berg geschneit und ich muss mich mit dem Gedanken vertraut machen, dass ich durch hochalpines Gelände bei Schnee wandern muss, obwohl ich nur bedingt dafür ausgerüstet bin.

Tag 3: 06.05.17

 

Auch heute klingelt der Wecker wieder um 07:00 Uhr. Tatsächlich stehe ich erst um 07:30 Uhr auf, da ich im Hotel erst um 08:30 Uhr Frühstück bekommen kann. Obwohl in der Schweiz handelt es sich um ein eher einfaches französisches Frühstück. Um 09:00 Uhr breche ich auf.  Die Sonne scheint und es ist warm. Es geht rauf und runter durch Weinberge und Wälder.

Das ist Schweiß treibend, so dass ich mich an einem der vielen Brunnen erfrische.

Das Rhonetal wird vor St. Maurice, einem mittelalterlichen Städtchen, das zwischen Felsen und Fluss eingezwängt ist, sehr eng. Autobahn, regionale Straßen und Bahntrasse haben kaum Platz. Vor dem Eingang der Stadt klebt eine Burg am Berg. Kurz vor St. Maurice werde ich von einem eiskalten heftigen Regenschauer überrascht. Der starke Wind vertreibt die Regenwolken aber schnell wieder.

Kaum in der Stadt liegt leicht erhöht eine kathedralengleiche Kirche.

Ich habe bisher noch keinen Pilger getroffen aber in das Gästebuch der Kirche hat sich gestern eine Deutsche Pilgergruppe eingetragen, die eine Reliquie aus dieser Kirche abzuholen beabsichtigt. Soweit meine bisher spannendste Erfahrung mit anderen Pilgern.

Weiter geht es zu meinem heutigen Ziel nach Martigny. Schon kurz hinter St. Maurice fängt es wieder an zu nieseln. Der Regen begleitet mich die nächsten dreieinhalb Stunden bis nach Martigny. Auch wenn es nicht stark regnet, so werde ich auf Dauer doch ganz schön nass. Aber meine Ausrüstung bewährt sich im Regen und meine Haare bieten ebenfalls hinreichend Schutz. Im Regen stehen und liegen Kühe und sehen auch nicht gerade glücklich bei diesem Wetter drein. Ich hoffe das gerade zur Welt gekommene Kälbchen erkältet sich nicht gleich.

Dann erreiche ich nach 7 Stunden und knapp 37 km Martigny. Der Stadteingang wird von einer Holzbrücke über die Rhone markiert.

Ich durchwandere das Zentrum der Stadt und besichtige durchnässt, wie ich bin, die Kirche, da ich weiß, dass angekommen im Hotel ich mich nicht mehr aufraffen werde, die Stadt zu besichtigen. Ich bin heute bis an meine Grenzen gegangen. Morgen muss ich es etwas ruhiger angehen lassen, bevor es hoch auf den Großen St. Bernhard geht.

Nach dem Duschen muss ich zu meinem Leidwesen feststellen, dass ich mir doch tatsächlich am rechten Fuß an der längsten meiner Zehen eine Blase eingehandelt habe. Na toll trotz Hirschtalgcreme! Ballen und Fresen sehen aber gut aus – wenigsten etwas.

Tag 2: 05.05.17

 

Bei Sonnenschein sieht alles schon viel besser aus: nicht nur die Sicht ist fantastisch sondern es läuft sich auch viel angenehmer. Heute tun mit die Beine erst ab Kilometer 20 weh. Der Körper hat noch Nachholbedarf und muss einiges an Muskelkraft bis zu den wahren Bergetappen aufbauen. Aber bis dahin sind es noch 3 oder 4 Tage.

Wie schon auf dem Camino beschäftige ich mich in den ersten Tagen mehr mit meinem Körper als mit irgend welchen anderen Fragen. Ich bin so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass mein Kopf nicht frei ist, um auf andere Gedanken zu kommen.

Zurück zum Weg: Heute laufe ich zumeist am Ufer von Vevey über Montreux bis nach Villeneuve entlang des Genfersees mit tollen Plantanenalleen vorbei an der einen oder anderen Burg.

In Villeneuve habe ich das Ostufer des Sees erreicht und nun geht es das Rhonetal Flussaufwärts. Meist verläuft der Weg im Tal aber hin und wieder geht es hinauf in die Weinberge. Daher werde ich mir zum Abendessen dann auch einen Pinot Noir aus den Weinbergen von Aigle gönnen.

In den Weinbergen hoch über Aigle komme ich in der Sonne, die heute ununterbrochen auf mich hinab scheint, ganz schön ins Schwitzen. An einem Brunnen, obwohl ich Aigle schon sehen kann, mache ich Halt und trinke gierig mehr als einen Liter von dem frischen Wasser.

In Aigle mache ich nach genau 28 km Schluss für heute. Meine Fresen schmerzen, meine Oberschenkel signalisieren, es reicht jetzt – auch will ich mich nicht schon jetzt völlig verausgaben. Es liegen ja noch immer fast 1.200 km vor mir.

 

Tag 1: 04.05.2017

 

Na das fängt ja gut an: es regnet den ganzen Tag und meine Beine und Füße nehmen mir die gut 30 km von Lausanne nach Vevey echt übel. Mir fehlt mal wieder die nötige  Muskulatur. Ich hoffe sie wird sich schnell aufbauen.

Der Weg durch Lausanne ist nicht wirklich prickelnd: es geht entlang einer Bahnlinie, durch Industriegebiete bis am Ende der Stadt der Weg endlich das Ufer des Genfersees erreicht. Aber auch die schönste Landschaft wirkt bei Regen trist.

Vom Ufer aus sieht man eine Vielzahl von herrschaftlichen Villen – natürlich aber auch renovierungsbedürftige Häuser mit kleineren und größeren Grundstücken. Später führt der Weg weg von dem Ufer in die Weinberge, von wo man einen fantastischen Blick auf Vevey und den See hat.

In Vevey suche ich mir ein Hotel und werde direkt am Ufer fündig. Es ist ein kleines Haus – eine Hostellerie. Wie auch schon in Lausanne sind die Zimmer teuer dafür klein und spärlich ausgestattet. Auch die Restaurants sind extrem teuer.

Genug gejammert! Ich bin satt, kann in meinem Zimmer relaxen und Morgen soll’s schön werden.

Hier meine wichtigsten Daten von heute:

03. Mai 2017

 

So nun geht es los! Mit dem Zug geht es von Mannheim mit Umsteigen in Bern nach Lausanne. Dort beginnt meine Pilgerreise auf der Via Francigena nach Rom.

Das Wetter in Lausanne ist sonnig aber dennoch recht frisch. Vom Bahnhof laufe ich zunächst hoch zur Kathedrale. Als ich diese betrete werde ich von lauter Orgelmusik empfangen. Zwei Orgelspieler üben sowohl klassische Stücke als auch Kirchenmusik. Die Orgel ist beeindruckend laut. Die Kathedrale ist hell und freundlich gestaltet mit wunderschönen Fenstern.

im rechten Seitenschiff ist ein Tisch für Pilger aufgestellt. Dort erhalte ich meinen ersten Stempel in meinen Pilgerpass. Ich trage mich in das Pilgerbuch mit einem kurzen Gruß ein: „Hier beginnt mein Weg – Rom ich komme!“

Danach gehe ich ins Hotel. Ich hatte mir schon vor einigen Wochen ein Zimmer im Tulip, Lausanne gebucht.